Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der fünfunddreißigste Tag im Danach: Es kommt immer noch was obendrauf

Die positiven und negativen Aspekte von „viel zu tun“. Und liebe Menschen, die meine Rettung sind.

2. März 2021. Dienstag. Wach um halb sieben, aufgestanden eine Viertelstunde später.
Schlaf: Vor dem Fernseher von elf bis halb zwölf, dann nochmal von halb zwei bis halb drei. Dann alles aus und geschlafen bis halb sieben (zwischendrin zweimal wach). Etwa sechs Stunden. Nächtliche Gedanken an Telefonverträge, die ich kündigen muss.

Die Sonne scheint, die Vögel singen. Milde elf Grad werden heute, vor allem in der Sonne ist es wunderbar warm.

* * * * *

Es steht viel an und ich freue mich auf den mittäglichen Termin mit dem Bestatter, deshalb drücke ich nach Möglichkeit alle Trauergefühle weg und beschäftige mich mit den Dingen, die anstehen:

Schreibe diverse Mails und SMS, recherchiere Dinge, lese Erinnerungstexte der Verwandtschaft (für die Trauerfeier), telefoniere mit der Lieblingskundin.

Dann ist es halb elf. Frühstück mit Fernsehen (neue Morgengewohnheit, am liebsten mit Zoosendungen). Duschen.

Rufe P. an, es ist nicht besser geworden, mittags soll der Arzt nochmal kommen, aber P. will eigentlich ins Krankenhaus und braucht den Arzt nur für eine Einweisung, damit er nicht stundenlang in der Notaufnahme hocken muss.

Briefe und Trauerkarten zum Aufhängen in meinem und seinem Haus vorbereiten. Es ist höchste Zeit; gerade bei ihm im Haus wissen erst wenige Bescheid – und vielleicht will ja jemand zur Beisetzung kommen?

Eine knappe Stunde für die Lieblingskundin arbeiten, dann muss ich los:
Sachen in meinem Hausflur aufhängen, Blümchen und Schokolade als Dankeschön dazustellen. Rüber zu ihm, dort ebenfalls Karte und Zettel aufhängen, nach der Post sehen (nichts), hoch und Blumen gießen und Fotoalben mitnehmen.

Zum Bestatter laufen.

* * * * *

Der Bestatter stellt gerade eine Sitzbank in die Sonne vor seinem Laden als ich komme. Ich bin nun doch recht traurig, aber er geht super damit um. Er gehört zu den Menschen mit einer unglaublich warmen, empathischen, beruhigenden, positiven Ausstrahlung, selbst wenn er über Schwieriges oder Trauriges spricht. Ich bin so froh, ihn gefunden zu haben und bedaure den Tag der Beisetzung, denn ab dann werde ich mit ihm nichts mehr zu tun haben.

Er scheint auch bei unserem kurzen Telefonat gestern schon gespürt zu haben, dass es mir nicht gut geht und ich nach Strohhalmen greife, denn er hat den Folgetermin nach unserem verschoben und so eine halbe Stunde mehr Zeit als gedacht.

Wir sprechen nochmal Abläufe durch, und er ermahnt mich zum wiederholten Mal, sorgsam mit mir umzugehen und mir nicht zu viel abzuverlangen.
Aber die Geldnot drückt, und diese Gedanken beherrschen momentan alles. Wie kann ich trauern und mir Ruhe gönnen, wenn dringend Geld aufs Konto muss?

Immerhin wieder etwas Klarheit und Sicherheit gewonnen; außerdem ermahnt er mich, Kontakt zur Rednerin aufzubauen, die er mir empfohlen hat – „damit wir noch Alternativen suchen können“.

* * * * *

Nach dem Termin spaziere ich noch kurz über den Friedhof, wo nun in Massen Krokusse und noch vereinzelte Schneeglöckchen blühen. Wunderschön.

Wieder zu Hause rufe ich die Rednerin an, sie ruft später zurück, zwischendurch recherchiere ich, ob in Berlin irgendwie an das Heimat-Bier aus K. ranzukommen ist, aber das gestaltet sich schwierig. Schließlich schreibe ich an die Brauerei.

Ich spreche mit der Rednerin, sie ist teurer als gedacht, obwohl sie ja gar keine Rede schreiben soll. Mal sehen, ob da noch was geht. Wir verabreden ein Treffen für übermorgen, bis dahin soll ich ihr die Texte schicken, die ich schon habe. Die gehe ich vorher nochmal durch, redigiere ein paar Tippfehler raus und trage Erinnerungen aus Mails und Karten von Kunden, Bekannten und Freunden zusammen.

* * * * *

P. ruft an, er ist nachmittags in Krankenhaus gegangen, muss dort erstmal 24 Stunden in Quarantäne, der erste Corona-Schnelltest war negativ, jetzt warten sie noch auf das Ergebnis des PCR-Tests. Geröntgt haben sie ihn schon, Weiteres wird man sehen. Er hat vergessen, bestimmte Klamotten mitzunehmen, die soll ich ihm „morgen oder übermorgen“ bringen. Großartig. Ein halber Tag Fahrerei für eine Jogginghose und einen Bademantel. „Nimm doch ein Taxi, ich zahle es Dir.“ Ich verschweige, dass ich nicht mal Geld habe, das auszulegen.

Ich fühle mich total überfordert: Ich sitze hier mit kilometerlangen To-Do-Listen, alles ist dringend und wichtig, der Tag hat gefühlt nur drei Stunden, „nebenbei“ trauere ich und versuche, alle Bälle in der Luft zu halten. Und es kommt immer noch was obendrauf, und dann fühle ich mich natürlich schuldig, nicht allen und allem gerecht werden zu können.
Und H., der mich ansonsten tatkräftig und psychisch unterstützen würde, ist tot.

M. fragt abends, wie sie mir helfen kann, aber mir fällt nichts ein. Wer könnte mir denn helfen und wie? H. könnte ich immerhin zu P. in die Wohnung und ins Krankenhaus jagen. Das wäre für ihn auch Aufwand, aber im Notfall würde er es wohl machen. Oder wenigstens würde seine Bereitschaft, es zu machen und deshalb selber wichtige Dinge sausen zu lassen, mir vielleicht als Motivation genügen, es dann eben einfach zu tun, ohne mich darüber aufzuregen.

* * * * *

Weitere Mails beantworten, auf dem Handy war vormittags ein Anruf von Freundin B., das sehe ich erst jetzt, ich rufe sie an, aber sie hat mich nicht angerufen; da hat sich wohl ihr Handy selbstständig gemacht. Immerhin erzählt sie mir kurz von ihrem Frusttag heute; sie ist gerade spazieren, wollte aber alleine „auslüften“ und ihre schlechte Laune nicht auf andere abwälzen. Dabei braucht man doch gerade dann jemanden, wo man abkotzen kann… Nun höre ich es mir also eine Viertelstunde an, das ist auch schön, mal etwas zurückgeben zu können.

* * * * *

Nach dem Routine-Telefonat mit M. – wo zur Abwechslung mal ich meinen Frust loslasse über allgemeine Überforderung und Stress und ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffen soll – Abendbrot gemacht: Rührei. Keine kulinarische Höchstleistung, aber wenigstens mal keine Dose.

Und weil so viel ansteht, wieder mit dem Laptop vor den Fernseher ins Wohnzimmer gesetzt, obwohl mir schon fast die Augen zufallen: Fotos durchgesehen, welche man in der Kapelle bei der Trauerfeier aufstellen könnte, Kleinigkeiten für das Projekt der Lieblingskundin, Nachrichten.

Im Fernsehen irgendwelche belanglosen Archäologie-Dokus (Terra-X). Um neun lege ich mich hin, döse beim Zuhören weg, schalte um, schaue etwas anderes, schlafe aber auch dabei ein.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mit dem Bestatter in der Sonne sitzen, und die Sorgen lösen sich auf.

What I did today that could matter a year from now:

Was wichtig war:
Die Trauer für den Moment wegschieben.
Ablenken.
Machen.
Rausgehen.
Überblick verschaffen.
Verabredungen treffen.
In der Sonne sitzen.
Menschen.

Begegnungsnotizen:
Menschen auf der Straße und auf dem Friedhof.
Bestatter (Abstand, draußen, ohne Maske)

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