Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der sechsunddreißigste Tag im Danach: Stück für Stück geht verloren

Verlust auf der einen Seite führt zu Neugewinn auf der anderen. Aber das Neue will ich nicht, ich will das Alte zurück.

3. März 2021. Mittwoch. Um halb zwölf TV und Licht aus, geschlafen bis 3:30, dann nochmal bis 4:10, bis 5:05 und bis 6:05. Aufgestanden. Siebeneinhalb Stunden insgesamt. Es gelingt, schlechte Gedanken zu verdrängen, aber nur mit Mühe.

Beim Aufstehen und den Gedanken an die schöne Stunde beim Bestatter, als wir in der Sonne vor seinem Laden sitzen, wird mir die veränderte Situation nochmal schlagartig bewusst: Bisher war da immer jemand in meinem Leben, der mich genauestens kannte und im Prinzip rund um die Uhr zur Verfügung stand, wenn ich Schwierigkeiten, Sorgen oder Probleme hatte.

Jemand mit einem unerschütterlichen Willen zum Weitermachen, zum „aufgeben ist keine Option“, jemand auch mit immer einer Idee, wie man aus einem Schlamassel herauskommt, jemand mit strategischem Denken, einem gewissen Sturkopf und gleichzeitig unglaublich viel Liebe und Mitgefühl im Herzen.

Ich erinnere mich, wie ich immer regelrecht vor Angst erstarrte, wenn es ihm mal nicht gut ging (was natürlich auch mal vorkam), wenn er niedergedrückt und depressiv war, weil die Sorgen übergroß erschienen und er – ausnahmsweise – keinen direkten Ausweg sah.

Und jetzt? Jetzt muss ich bei jedem Problem sehen, wen ich damit belästigen könnte, wer mir helfen könnte, wessen Rat ich mir wünschen würde. Und natürlich muss ich jetzt viel mehr erklären, weil niemand die Hintergründe kennt, muss ich mir Meinungen und Ratschläge anhören, von denen ich nur prozentual etwas verwenden kann, und selbst das wenige muss ich mir mühsam zusammenklauben. Muss überlegen, wie belastbar welche Freundschaft oder Bekanntschaft ist, wer Zeit und Lust hat mir zuzuhören, wer mir raten kann.
Und ganz oft wird dort gerade niemand sein, wenn ich es bräuchte.

* * * * *

Ich telefoniere mit einem langjährigen gemeinsamen Kunden, der sprachlos ist. Er ist im selben Alter wie H., lebt in ganz ähnlichen Verhältnissen, selbstständig und unverheiratet mit einer Lebensgefährtin. Ich baue ihm eine Brücke, erzähle erstmal. Die Leute wollen ja wissen, was geschehen ist – um zu verstehen, um zu sehen, ob sie selbst das auch bedrohen kann. Hinterher ist er ehrlich erschüttert.
Wir sprechen sehr persönlich, verabreden, dass ich ihm nach Möglichkeit erstmal weiterhelfe, wenn es Kleinigkeiten an seinen PCs zu tun gibt (Wartung usw.). Noch ist das schön, H. verbindet mich mit Menschen, die ihn kannten. Irgendwann wird das nicht mehr reichen, da wird ein Fachmann nötig sen. Aber dafür haben wir ja erstmal jemanden.

Er bietet mir eine Dienstleistung seiner Firma nach H.s Beisetzung an, falls ich das wünsche. Ich finde das Angebot so lieb, und vielleicht nehme ich es sogar an.

* * * * *

Bis zum nächsten Telefontermin mit einer weiteren gemeinsamen Kundin, für die ich als H.s Nachfolgerin ein paar Updates am Firmen-PC vornehmen soll, habe ich noch eine Stunde. Die nutze ich, um Mails zu lesen, die Anrufbeantworter von gestern Abend abzuhören (H.s Freund B. und P.s Nachbar), hier etwas zu schreiben, eine Mail wegen der Kosten des Trauerredners an den Schwager zu schicken, zwei Knäckebrote (statt Frühstück) zu essen und mich auf den Termin vorzubereiten, ohne mich verrückt zu machen.

Der Termin läuft gut, erst gibt es viel Persönliches, die Kundin hatte mir beim letzten Gespräch vor einigen Wochen das Du angeboten.

Mit dem PC läuft alles gut, aber die Updates dauern. Einen Teil der Zeit vertelefonieren wir, den Rest lassen wir laufen und bimmeln und immer wieder für den nächsten Schritt zusammen. So hätte H. es auch gemacht.

In der letzten halben Stunde spreche ich noch mit dem anderen Teilhaber, auch er sehr betroffen und hilfsbereit mit nützlichen Kontakten und Wissen. Beiden merkt man an: Sie haben Erfahrung mit Trauer.

Die Beschäftigung mit ihrem Rechner hat statt der kalkulierten Stunde insgesamt dreieinhalb gedauert.
Gut, da waren private Anteile im Gespräch, vielleicht insgesamt eine knappe Stunde.
Außerdem waren Wartezeiten drin, und in dieser Zeit konnte ich anderes machen, aber da ist natürlich keine konzentrierte Projektarbeit möglich, denn man muss ja doch alle paar Minuten mal nachsehen, wie weit der Rechner ist oder auf einen Rückruf nach Neustart warten, der einen jederzeit wieder rausreißen kann.
Berechnen kann man von der ganzen Zeit vielleicht eine Stunde oder anderthalb.
Und so ging es H. andauernd.

Stattdessen also Mikroaufgaben: auf einer Website eine Textfarbe geändert, jemandem ein Link geschickt, ein Foto eingescannt, Fotos für die Dankes-Karte bearbeitet und testweise platziert und am Kartentext geschraubt.

* * * * *

Nach einem Imbiss (nochmal zwei Knäckebrote) rufe ich Freund B. zurück, das Gespräch ist zäh, er ist maulfaul. Er ist mit dieser Idee, auf der Trauerfeier die Erinnerungen verschiedener Leute vorzulesen, nicht glücklich. Er stellt sich eher die klassische Trauerrede vor, in der der Verstorbene gewürdigt wird, nicht eine Anekdotensammlung aus seiner Kindheit, die ja doch für jeden ziemlich ähnlich verlaufen sein dürfte.

Er verunsichert mich wieder: Gehe ich das alles vollkommen falsch an? Schmeiße einen Haufen Geld zum Fenster raus, nur weil ich keine rechte Idee habe?

Dann wieder: Die eigentliche Trauerrede will ja ich halten. Die Würdigung wird es schon geben, die Anekdoten sind Zugabe, und die Rednerin möchte ich ja auch haben, um einen Rahmen, eine Klammer zu schaffen.

Aber dann kommen wieder die Zweifel: Kann ich solch eine Rede überhaupt schreiben? Bin ich nicht viel zu tief im Schmerz dafür? Habe ich überhaupt die Zeit und die Kraft dafür?
Außerdem brennt mir die Zeit unter den Nägeln, es sind ja nur noch knapp zwei Wochen!
Und dann höre ich wieder die Stimme des Bestatters: Es sind noch zwei Wochen! Das ist massig Zeit!

Totale Verunsicherung und Selbstzweifel.

* * * * *

Mittlerweile ist es schon wieder Zeit für den nächsten Termin – vielleicht sollte ich echt mal einen Gang runterschalten, aber direkte Kontakte sind mir so wichtig im Moment.

Ich treffe zwei junge Menschen, die A. und den P., die Film studieren und für eine Arbeit eine Beisetzung filmen möchten; der Bestatter hat den Kontakt vermittelt. Sie drehen nun natürlich nicht das übliche Familien-Erinnerungs-Video, sondern gehen künstlerisch und abstrakt an das Thema heran. Wir verabreden, dass sie – sehr dezent und zurückhaltend – filmen dürfen und ich im Gegenzug das Material bzw. eine Schnittversion erhalte, die ich privat nutzen und zum Beispiel an die nicht anwesenden Gäste verschicken kann.

Ich bin sicher, H. hätte das nicht gemacht – auf einer Beisetzung eines ihm so engen Menschen noch wildfremde Leute herumwuseln lassen, die filmen? Keine Chance!
Und ich frage mich, was eigentlich meine Motivation ist:
Dass etwas bleibt, und sei es auf Band, und sei es, dass ich das nie wieder ansehen werde.
Dass ich diese beiden jungen Künstler unterstützen möchte, die gerade anfangen, ihren Traum zu leben.
Dass ich Teil von etwas bin, einem Projekt, einer Netzwerkaktivität, einem Netz von Menschen.

Es hat viel mit mir zu tun. Ich glaube, H. würde meine Gründe nachvollziehen können.
Aber würde er sie gutheißen? Ich bin nicht sicher. Er würde wohl etwas sagen wie „Das ist so ein persönlicher Moment, ich finde es unangemessen, das zu filmen.“

Aber A. und P. versprechen, diskret zu sein, nicht auf Leute „draufzuhalten“, eher Details und Stimmungen einzufangen: einen Lichtreflex auf dem Boden, eine verkrampfte Hand, eine flackernde Kerze. Kein Voyeurismus.

Vielleicht würde H. verstehen, dass es mein Versuch ist, für mich das Ganze festzuhalten, denn mein Medium und Ausdrucksmittel ist das Visuelle, die Fotografie. Er würde das Erlebte vielleicht in einer Komposition verarbeiten, für mich sind es Bilder, selbst wenn ich sie nicht selber anfertige.

* * * * *

Zurück zu Hause wieder Mails schreiben, P. ruft an, er ist noch in Quarantäne im Krankenhaus, das endgültige Testergebnis kommt wohl erst heute Abend oder morgen früh.

Um halb sechs fange ich dann endlich mit der dringenden Projektarbeit für die Lieblingskundin an. Ich schaffe eine gute Stunde, dann ist es schon wieder Zeit für den täglichen Anruf bei M.

Vorher wie jeden Tag einmal schnell durch H.s Mails und Kontobewegungen. Beim Abruf der verschiedenen Konten durch das Banking-Programm kommt plötzlich eine Fehlermeldung, eine Abfrage konnte nicht durchgeführt werden. Erst mache ich mir keine Gedanken, denke an einen Verbindungsfehler, dann fällt es mir siedendheiß ein: Der Schwager hatte ja die Kontoauflösung beauftragt. Und richtig, das noch bestehende Guthaben ist auf dem Hauptkonto eingegangen.

Und plötzlich bin ich wieder tieftraurig: Nun ist dieses Konto, das sich H. vor einiger Zeit als „Spielgeldkonto“ eingerichtet hatte, auch Geschichte. Wieder ist ein Teil von seinem Leben, von ihm weg.
Und mir kommt mit Grausen die Erkenntnis: So geht es jetzt weiter. Die BahnCard-Kreditkarte, die in den letzten Jahren unser Alltagsbegleiter in Zeiten knapper Kassen und für die Anschaffung von Hardware für Kunden war, muss ebenfalls zurückgeschickt werden.
Und dann ist die Wohnung dran. Alles muss raus, verkauft, verschenkt, entsorgt werden. Meine Wohnung ist voll, und Lagerboxen kosten nicht wenig Geld. Wohin mit all den Sachen, von denen ich mich noch nicht trennen kann?
Was werde ich für Entrümpelung und Transporte zahlen müssen?
Und überhaupt, all das Geld, das jetzt fällig wird: Für meine Steuer, Krankenkasse, Strom/Telefon, außerdem für Redner, Karten, Blumen, Urne, Imbiss. Und mit den Raten fürs Haus sind wir wieder Monate hinterher. Und da will ich zukünftig sogar mehr zahlen als bisher. Wie soll das alles gehen?
H., hilf! Ich brauche Deinen klugen, besonnenen, krisenerprobten Kopf, ich brauche Deine Ideen!

* * * * *

Der tägliche Anruf bei M. Sie will mir etwas Geld geben. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich will mir das aufheben, wenn wirklich nichts mehr geht, ich die Miete nicht mehr zahlen kann, oder so etwas.

Zum Abendbrot wieder Rührei. Keine Kraft zum Kochen. So müde.
Würde es Sinn machen, mittags zu kochen und mir das abends warm zu machen? Aber wann? Die Tage sind ja so brechend voll gestopft. Vielleicht muss es einfach noch eine Weile so gehen. Ich muss aber mehr Frischzeug essen, Salat oder Rohkost.

Freund WM möchte von mir Rechner und Windows-Lizenzen kaufen. Er meint es sicher gut, aber wie kann ich denn jetzt daran denken, H.s Rechner wegzugeben? Den Quasi-Kern seiner Tätigkeit in den letzten dreißig Jahren?
Ich bin komplett überfordert und zerrissen zwischen der Notwendigkeit, möglichst viele Dinge loszuwerden und dem Wunsch, noch eine Weile am Bestehenden festzuhalten.

Nach dem Essen setze ich mich nochmal an den Rechner und schreibe ein paar Rechnungen, während nebenan der Fernseher mit irgendwas auf ARTE läuft (Perfect Sense). Vier Rechnungen werden es, insgesamt 350 Euro, von denen 250 vermutlich sehr lange nicht bezahlt werden. Na toll, das bringt mir exakt gar nichts. Aber wenigstens ist es erledigt.
Drei Rechnungen sind Kram, den ich für H.s Kunden erledigt habe. Vermutlich hat er deshalb immer so lange mit dem Rechnungschreiben gewartet: Damit sich die Einnahmen für ihn überhaupt lohnen. 30 Euro hier, 45 da, das frustriert einen ja bloß.

Bis halb zehn sitze ich am Rechner, dann fallen mir die Augen zu und ich lege mich ins Bett, lasse den Fernseher laufen.
Gegen zwölf wache ich auf und mache ihn aus. Das Licht muss noch lange brennen, erst nach eins schlafe ich ein, nachdem ich die Panikgedanken ein wenig beiseite schieben konnte.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Das Angebot des langjährigen Kunden, für mich (H.) umsonst zu arbeiten.

What I did today that could matter a year from now:
Menschen und eine Verabredung treffen.

Was wichtig war:
Reden.
Zuhören.
Kontakt.
Arbeit.
Dinge erledigen.
Angst bekommen.
Den Plan verfeinern und konkretisieren.
Hilfsangebote.

Begegnungsnotizen:
Die Filmleute A. und P. (draußen, ohne Maske, Abstand).
Menschen auf der Straße und am Kanal.

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