Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der fünfzigste Tag im Danach: Sehnsucht nach Nähe

Anziehung in Worte fassen, verstehen. Sehnsüchte benennen. Worte sind untauglich, starke, wiedersprüchliche Gefühle im Spiel.

17. März 2021. Mittwoch. St. Patrick’s Day. In mehreren meiner früheren Leben wäre dies heute ein Feiertag, ein Party-Tag. Ich würde ausgehen, trinken, singen, Spaß haben. Unabhängig von Lockdown und deraktuellenstuation ist das dieses Jahr natürlich undenkbar.

Ich habe sehr schlecht geschlafen, von etwa zehn bis halb drei mit Fernseher und Licht, auch danach mit stündlichem Aufwachen; aufgestanden um sechs. Acht miserable Stunden.

Ständige Gedanken an BKU und die gestrigen Begegnungen.
Versuch der Analyse dieser „Verliebtheit“: Das ist es natürlich nicht, vielmehr Projektion, Übersprungshandlung, ausgestreckte Ärmchen einer verwundeten und verwirrten Seele, Suche nach Trost. Extrem große Sehnsucht nach Freundschaft, Zugewandtheit, Aufmerksamkeit, Kommunikation, Augenhöhe, Zuneigung.
Einem engen Menschen. Einem Seelenverwandten. Einem Lebens-Gefährten. Einem, mit dem man verbunden ist und sein Leben teilt. Für den man einer der wichtigsten Menschen ist. Ja, einer Art Ersatz für das Verlorene.

BKU scheint wegen seiner Empathie, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit auf den ersten Blick gutes „Freundschaftsmaterial“ zu sein. Aber natürlich wäre ich bescheuert – und würde mir selbst einen Bärendienst erweisen – wenn ich seine professionelle Zugewandtheit mit echtem Interesse verwechseln würde.
Brauche ich nach dem ultimativen Verlust tatsächlich noch zusätzlich „Liebes“kummer?

Also wie weiter? Wie die Sehnsucht aushalten und nicht alle Energie darauf verschwenden, eine Art Beziehung zu jemandem aufbauen zu wollen, der daran nicht im Geringsten interessiert ist?
Das uralte Dilemma. Welcome back.

* * * * *

Freund:innen raten mir, in der aktuellen und künftigen psychisch schweren Phase auf mich zu achten, gut auf mich aufzupassen und zu versuchen, seelischen Stress nach Möglichkeit von mir fernzuhalten.
Wenn sie jetzt noch eine Idee hätten, wie ich das anstellen soll – bin ich selbst doch mein größter Stressor (siehe oben).

* * * * *

Diese oben erwähnte Sehnsucht, das ist der Schmerz, den ich momentan aushalten muss. Ein Schmerz, gegen den in letzter Konsequenz nur ein neuer Mensch (oder eine Gruppe von Menschen) hilft, der die Lücke – oder einen Teil der Lücke – füllt.

Aktuell verstehe ich die Leute bestens, die sich nach einem Verlust schnell in eine neue Beziehung stürzen.
Es ist auch zu verlockend, die Anzeichen von Zuwendung, Mitgefühl und Aufmerksamkeit, die einem entgegengebracht werden, mit Bedeutung aufzuladen und sich einzubilden – denn man möchte es so gerne glauben – dass da wirkliches Interesse an der eigenen Person besteht, dass es vielleicht wieder eine Chance geben kann, sich als Teil eines größeren Ganzen zu fühlen.

Seltsamerweise bin ich mit H. in einer ganz ähnlichen Situation zusammengekommen: Wir kannten uns bereits zwei Jahre, da gerieten wir beide in eine Phase akuten Liebeskummers und Trennungsschmerzes – bei mir war es eher eine Existenz- und Identitätskrise, bei H. eine sehr, sehr unglückliche Liebe. Wir waren uns damals freundschaftlich verbunden und halfen uns gegenseitig, so gut wir konnten, unsere jeweiligen Krisen zu bewältigen.
Und nach einem Jahr, nachdem es uns beiden tatsächlich besser ging und wir uns wieder eine Zukunft vorstellen konnten, kamen wir zusammen, ohne dass wir vorher eine längere Zeit schmachtender Verliebtheit durchgemacht hätten. Es erschien einfach logisch und natürlich.

Ich wünsche mir sehr, sehr wieder einen solchen Menschen.
Nicht als Ersatz für den, der nicht mehr ist, aber als Hilfe für die Seele, um wieder Hoffnung verspüren zu können, dass es nicht so furchtbar bleibt.

* * * * *

Und wieder: Mit Leuten sprechen, offen sein, Gedanken und Gefühle teilen – man bekommt die hilfreichsten Tipps:
Zeit lassen, empfiehlt die Lieblingskundin. Lassen Sie Ihren Gefühlen Zeit, sich zurechtzuruckeln. Veränderungen kommen manchmal aus unerwarteter Richtung. Und wenn es da bereits jetzt jemanden gibt, der vielleicht ein Herzensmensch werden könnte, dann lohnt es sich doch, das langsam entwickeln zu lassen und es nicht zu zwingen. Vielleicht brauchen Sie in ein paar Wochen ja etwas ganz anderes als jetzt. Geben Sie sich selbst etwas Zeit.

Ein sehr guter Tipp. Ich muss dann nicht ad-hoc eine Entweder-Oder-Entscheidung treffen, sondern kann für den Moment ein wenig hoffen (nicht zu sehr) und schauen, wie sich die Dinge entwickeln.

* * * * *

Ich gehe mit Freund WM auf den Friedhof, denn er hat gestern im Stress seine Blumen vergessen. Als wir auf dem Bänkchen sitzen, beginnt es zu regnen. Wir bleiben sitzen. Seine Motorradjacke hält mehr Regen ab als meine, aber es geht. Die Hose ist nasser. Dann gehen wir über die alten Friedhöfe bis ganz ans Ende, wo ich im Blumenladen meinen Grabstrauß bezahle. Nicht billig, aber schön ist er schon. Und hält sicher auch länger als die Supermarkt-Blumen.
Dann über die Straße zurück am Laden vorbei. Ist natürlich keiner da, warum auch.

Sehnsucht. Schmerz. Wirrwarr.

* * * * *

H.s beste Freunde und ehemalige Bandkollegen nehmen mich einer nach dem anderen in ihren Kreis auf. Es sind so reizende Menschen, auch hier fühle ich mich ein Stück aufgehoben und getragen. Genau, was ich suche.

Und vielleicht geht es ja tatsächlich darum: Nicht um den einzelnen, sondern insgesamt um die, die Energie nehmen und die, die Energie geben.

Energiegeber:
Freundin B.
die Lieblingskundin
BKU
Freund B. (teilweise)
KL (teilweise)
MW (teilweise)

Energienehmer:
WM
M.
P.
Kundin AM
Schwester & Schwager von H.
viele andere Bekannte und Kunden

* * * * *

Verabrede mich nachmittags kurzfristig mit Freundin B. zum Spaziergang. Schöne lange Runde, diesmal ohne Regen. Mittags und abends zusammengenommen bin ich heute 10km gegangen. Ich merke es im Rücken und im Sprunggelenk. Bin auch sauerstoff- und bewegungsmüde.

Der Freund aus K. schickt ein Foto von einem Freund, der auf der Beisetzung war. Physis. Wegdrücken.

Noch ein Tipp: Versuche nur den nächsten Tag zu planen. Schaue nicht zu weit in die Zukunft.
Nun, arbeits- und terminmäßig muss ich natürlich ein wenig weiter planen, so eine bis zwei Wochen dürfen es schon sein. Was die Emotionen angeht, ist das aber ein guter Rat.

Morgen muss ich entscheiden, ob ich anrufe und den Abschlusstermin für Freitag vereinbare oder für nach der Fahrt nach K. (übernächste Woche). Aber anrufen sollte ich. Erstmalig Angst davor. Wo ist die heitere Unbekümmertheit hin? Warum ist da plötzlich Druck? Verlustangst? Ich habe das Gefühl, wenn ich meine Karten geschickt ausspiele, gibt es irgendeine Art von Zukunft, wenn nicht, dann nicht. Fuck.

* * * * *

M. ist niedergeschlagen, ich sage nochmal, ich kann da kaum helfen. Weiß, es ist wahr und fühle mich gleichzeitig wie ein Arsch. Zugewandtere Menschen (H., BKU) würden sich zuwenden und kümmern. Ich kann nur egoistisch selber überall Zuwendung einheimsen und gebe selbst nichts ab.
Dilemma zwischen Selbstschutz und eigenen Ansprüchen.

* * * * *

Zum Abendbrot Kartoffel-Pastinaken-Suppe. Nichts Richtiges im Fernsehen. Im Kopf Gefühlskuddelmuddel.
Einen Tag nach dem anderen. Zeit geben. Sich entwickeln lassen. Schauen, was möglicherweise aus ganz anderer Richtung kommt.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Menschen, die Energie geben und mich in ihre Arme schließen, Wechselbad der Gefühle

What I did today that could matter a year from now:
Woher weiß man das? Hätte ich erwartet, dass mehrere Jahre Trinken in der Stammkneipe Jahre später zu einem Kreis hilfreicher und freundschaftlicher Menschen führen kann?

Was wichtig war:
Rausgehen.
Im Regen sitzen.
Zuhören.
Sprechen.
Gefühle im Zaum halten.
Einordnen.

Begegnungsnotizen:
Freund WM (er mit Maske, ich ohne, dauernd draußen und mit Abstand)
Freundin B. (ohne Maske, draußen)
Frau im Blumenladen (Abstand, Maske, drinnen)

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