Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der einundfünfzigste Tag im Danach: Angst und Zuversicht

Existenzielle Angst vor dem nächsten Verlust wandelt sich durch ein paar Worte und ein Versprechen in zuversichtliches Beinahe-Glück. Auch sonst geht es rauf und runter.

18. März 2021. Donnerstag. Aufgestanden kurz nach sechs. Geschlafen: 21:45 bis 00:30 vor TV und mit Licht, dann durchgeschlafen bis 4:00, dann bis 5:00, dann bis 6:00. Irgendwas geträumt, aber ich kann mich nicht einnern. Mit einem Schreck aufgewacht, nachts aber keine Angstgedanken. Insgesamt ein klein wenig besser.

Erinnerung, Traurigkeit, Angst, Sehnsucht, heute weniger auf eine konkrete Person bezogen, sondern eher als Grundgefühl.
Es sind immer dieselben Gefühle. Ich kann sie auf eine konkrete Person beziehen, etwa auf H., dann ist es Trauer. Oder auf TSO, dann ist es Verliebtheit. Oder auf mich, dann ist es Traurigkeit, Angst, Sehnsucht, Wehmut.
Das Gefühl ist immer dasselbe, nur der Name ist ein anderer, abhängig vom Kontext.

Ich muss das auseinanderhalten. Klar trennen. Benennen.

* * * * *

Angst vor dem Anruf beim Bestatter. Ein Abschlusstermin soll vereinbart werden. Angst vor dem Abschluss. Verlustangst. Er hat mir – als Mensch – unglaublich gut getan, auch wenn das alles Professionalität und Charakter und kein individuelles Interesse ist.
Es hat GUT getan. Das soll jetzt weg. Das macht Angst und tut weh. Schon wieder jemanden verlieren, auch wenn dieser Jemand nicht verschwindet.

Wie würde H. mit einer solchen Situation umgehen? Er würde es einfach akzeptieren: Das ist jemand, den ich beauftragt habe und der seinen Job nun getan hat. Gut, ich finde ihn sympathisch, wir haben vielleicht ein, zwei gemeinsame Interessen oder Berührungsprunkte, man kann in Kontakt bleiben, man wird sich vielleicht mal auf der Straße begegnen, aber ich kann doch jetzt keine Freundschaft planen, auch wenn ich mir zu diesem Menschen eine vorstellen könnte. Er hat mir sehr geholfen, dafür bin ich ihm dankbar, das sage ich ihm, und er wird dafür immer einen Platz in meinem Herzen haben. Wenn sich in Zukunft etwas entwickelt, gut, wenn nicht, bleibt die Erinnerung an einen guten Menschen und eine große Hilfe.

* * * * *

Ein ehemaliger Kunde verabredet sich mit mir für einen gemeinsamen Gang zum Grab und ein Gespräch, wenn das Wetter schöner wird. „Bis dahin wünsche ich Ihnen, dass der Schmerz erträglich wird und Sie zu Atem kommen.“ Ein schöner Wunsch, da weiß jemand, wovon er spricht. Denn es fühlt sich tatsächlich alles noch sehr atemlos an im Moment.

* * * * *

Die Ringeltauben besichtigen wieder den Blumenkasten. Nachdem sie vor zwei Jahren dort erfolgreich ein Küken großgezogen haben, ist der Platz erste Wahl. Ich spicke den Kasten wieder mit Schaschlikstäbchen, um das Landen zu verhindern.
Zum Glück sind sie nicht erst nächste Woche gkommen, wenn ich weg bin – dann hätte ich sie kaum hindern können, sich häuslich niederzulassen…

* * * * *

Ich versuche, mich auf den Anruf beim Bestatter vorzubereiten und mich zu wappnen.

Dann ruft er an: „Ich wollte mal hören, wie es Dir so geht…“ Wir plaudern eine halbe Stunde, und er sagt genau die richtigen Dinge. Er kann sich sogar vorstellen, dass wir mit etwas zeitlichem Abstand – „den brauchst Du jetzt, auch wenn Du das noch nicht so fühlst“ – zusammenarbeiten könnten. Diese Fürsorglichkeit.

Es gibt also eine kleine positive Perspektive für eine Zukunft, die mir in den letzten Wochen nur grau und angsteinflößend erschienen ist. Ein erster Lichtblick!
Teil von etwas sein, nicht nur essen, arbeiten, essen, schlafen, Tag um Tag.

* * * * *

Viele Mails aus den letzten Tagen beantwortet. Mit der Lieblingskundin telefoniert. Finanzplanung. Am Projekt der Lieblingskundin gearbeitet. Furchtbar müde geworden.
Nachgedacht. Selbstgespräche geführt und irgendeinem unsichtbaren Zuhörer meine Gefühlslage erklärt. Versucht zu erklären.
Schreiben.

* * * * *

Telefonat mit M., zwischendrin ruft Freund B. an, den rufe ich anschließend zurück. Heute muss ich ihm nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Er trauert, so wie ich denke, dass ich trauern sollte. Er ist niedergeschlagen, bestätigt aber auch das Gefühls-Wirrwarr und -Auf-und-Ab, das ich für mich beschreibe.
Ich hätte nie gedacht, dass der Tod von H. ihn so grundsätzlich und so schwer trifft.

Er will am Samstag herkommen und mir die restlichen Sachen von der Beerdigung bringen. Das heißt, dass ich dann jetzt doch mal aufräume hier und die alte Weihnachtstanne rausschmeiße. Bisher war es eine Mischung aus zu faul und „ach nee, nichts ändern, alles so lassen wie es mit H. war“. Aber die alte Tanne brauche ich dazu nun wirklich nicht; dafür dürfen andere Sachen bleiben (etwa der Eukalyptus mit den Sternen, die er aufgehängt hat).

Zum Abendbrot ein schnelles Rührei mit Resten.
Im Fernsehen „About a Girl„. Sehr schön, sie spielt ja schon super die Jasna Fritzi Bauer, auch wenn es immer ungefähr derselbe Typ ist, aber den beherrscht sie meisterhaft.

Geräumt bis kurz vor zehn Uhr: M.s Strauß weg, die Kiefer vom Weihnachtsstrauß kleinschneiden und weg, die Kugeln einsammeln und in einen Karton packen, den Tisch aufräumen, neue Tischdecke auflegen. Es war nötig und fühlt sich gut und richtig an.

Noch etwas schreiben, ein Blick in die Mail: Der Bestatter schickt die Rechnung und Fotos. Seine Eigenleistung erscheint mir gering für das, was er für mich/ uns getan hat. Aber es ist ein schwieriger Beruf: Man leistet viel Arbeit nebenbei, und ein kurzes Gespräch sieht nach nicht viel aus, kann beim anderen aber enorm viel ausmachen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Springen und aufgefangen (und festgehalten) werden.

What I did today that could matter a year from now:
Mut beweisen.

Was wichtig war:
Nachdenken.
Entscheidungen treffen.
Ein Angebot machen.
Sich freuen.

Begegnungsnotizen:

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