Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweiundfünfzigste Tag im Danach: Ein Anker und (falsche?) Hoffnungen

Eine Nacht ohne Angst gefolgt von einem Tag voller Zweifel.

19. März 2021. Freitag. Die mögliche Zukunftsperspektive ließ mich erstmals besser schlafen: 23:00 bis 00:30 vor dem Fernseher, dann TV und Licht aus, durchgeschlafen bis 4:00, dann nochmal bis 5:00, dann bis 6:20. Nicht mehr, aber besserer Schlaf. Träume, an die ich mich nicht erinnere. Keine nächtlichen Angstgedanken.
Ein größeres Gefühl von Sicherheit?

„Der Trauerweg ist nicht gradlinig. Und doch sind es Stufen. Eindeutig Stufen. Wie eine Nacht ohne Angst.“ schreibt eine Freundin.

* * * * *

Beginne früh mit der Arbeit, aber trotz besserer Grundstimmung ist es mit der Konzentration nach wie vor nicht weit her. Zu viele Gedanken springen dauernd dazwischen, lenken mich ab, wollen irgendwo anders ein, nur nicht hier bei der Arbeit.

Trotzdem oszilliere ich momentan stark zum wiederherstellungsorientierten Pol.
Momentan wichtiger Satz für mich im verlinkten Artikel: „Verdrängung heißt nicht automatisch, jemand macht weiter wie vorher. Es besteht immer auch die Möglichkeit, dass andere Dinge gerade wichtiger sind als die Konfrontation mit dem Verlust.

Noch vor einigen Wochen, kurz nach der Kremierung, als ich beim Bestatter mit der Urne kuscheln durfte, dachte ich, ich würde nach der Beisetzung jeden Tag bei Wind und Wetter auf dem Friedhof sitzen und mich kaum trennen können.
Heute musste ich mich regelrecht daran erinnern, vor meiner Fahrt nach K. auf jeden Fall nochmal hinzugehen, um nach den Blumen zu sehen.

* * * * *

Kurz vor zehn schneit es kurz und heftig. Bleibt natürlich nichts liegen. Ein letzter Wintergruß…

* * * * *

Ich lauere auf Mails von TSO. Zum einen wünsche ich mir eine (persönliche) Kontaktaufnahme, zum anderen befürchte ich ein „Ich habe nochmal nachgedacht – das ist vielleicht doch keine so gute Idee…“.
Ich zögere auch, anderen davon zu erzählen. Nicht beschreien. Vielleicht wird es nicht wahr.

Ich bin auch sehr gespannt, ob sich mein Gefühl durch die Fahrt nach K. verändert; dann sind andere Dinge wichtig und treten in den Vordergrund. Wenn es so ist, dann soll es so sein. Es wäre auf jeden Fall einfacher als dieses Gefühlswirrwarr momentan…

Ich antworte auf die Mail – und er ruft an. Er erzählt, wir scherzen, sind auf einer Wellenlänge. Ich hatte ihm gestern einen Gefallen als Dankeschön angeboten, und er hat sich dazu etwas überlegt. Er bittet um etwas, das ich sowieso tun wollte, das wird also einfach. Ihm bedeutet es aber viel.
Wir sprechen eine Viertelstunde, und danach laufe ich dümmlich grinsend durch die Gegend.
Velleicht spürt er auch einfach nur, dass ich momentan einen Anker brauche und bietet ihn mir deswegen an. Was dann tatsächlich daraus wird, wrd sich zeigen.

Er versteht genau den Widerspruch, dass man als Trauernder nach außen hin fröhlich scheinen und lachen kann, aber innerlich trotzdem traurig und verwirrt und ängstlich ist und einfach nicht normal funktioniert und mehr (Selbst-)Fürsorge braucht.
So scherzt er mit mir, bittet mich um „normale“ Dinge, schiebt aber immer ein „wenn es Dir momentan nicht zu viel ist“ hinterher, ein „nimm Dir Zeit, die brauchst Du jetzt“, ein „mach langsam und kümmere Dich um Dich“.
Wie unglaublich gut das tut.
Wieder jemand, der mir Kraft gibt.

* * * * *

Schaue mir Filme der Studentin an, die bei „unserem“ Film Regie führt. Beeindruckend.

Arbeite an zwei Projekten der Lieblingskundin; eins geht in die letzte Phase.

Immer wieder schweifen die Gedanken ab, mäandern, haken sich an Erinnerungen aus den letzten Tagen fest.
Processing.

Keine Traurigkeit, keine Angst. Stattdessen Aufgeregtheit, sprunghafte Gedanken, hektische Betriebsamkeit im Kopf. Wiederherstellungsorientiert.
Neu sortieren.
Zeit nehmen. Wird mir ja von allen Seiten geraten…

* * * * *

Eine Bekannte sendet eine SMS, einfach so: „Denke an Dich. Wenn Du was brauchst…“ Gott, ich verdiene all diese Leute überhaupt nicht…

Ich gehe mit Freundin B. spazieren, heute nur eine kleine Runde, denn uns beiden ist kalt.

Deute im Telefonat mit M. erstmals an, dass ich das nicht unbedingt täglich brauche… „Aber Du wolltest das doch so!“ erwidert sie empört. Ich habe das etwas anders in Erinnerung, eher so ‚Ich will täglich mit Dir sprechen, damit ich sicher bin, dass Du ok bist…‘ Egal. Der Boden ist bereitet.

Zum Abendbrot Rührei mit geröstetem Baguette. Resteverwertung.
Im Fernsehen „Wer aufgibt ist tot„. Ganz ok, aber nicht herausragend.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wenn ein Anruf ein kostbares Geschenk ist.

What I did today that could matter a year from now:
Wenn man das immer wüsste…

Was wichtig war:
Arbeiten.
Rausgehen, trotz Kälte.
Reden.
Nachdenken.

Begegnungsnotizen:
Freundin B: (draußen, ohne Maske)

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3 Gedanken zu “Der zweiundfünfzigste Tag im Danach: Ein Anker und (falsche?) Hoffnungen

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