Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der achtundfünfzigste Tag im Danach: Traurigkeit und ein angekündigter Besuch

Die Traurigkeit kommt mit Macht. Dennoch passieren auch gute Dinge. Die Arbeit ist gleichzeitig willkommene Ablenkung und unerwünschter Zeitdruck.

25. März 2021. Donnerstag. Abends im Bett zu „In Therapie“ auf der ARTE-App eingeschlafen, um Mitternacht Handy und Licht aus. Geschlafen bis 7:00 Uhr, unterbrochen nur von einer Klopause und ein paarmal kurz aufwachen in den frühen Morgenstunden.

Starte gleich mit Arbeit, weil da bis zum mittleren Vormittag etwas fertig sein muss, zu dem ich gestern Abend keine Konzentration mehr hatte.

Ansonsten: Heute definitiv am verlustorientierten Pol unterwegs. Viele Erinnerungen an H., und ich spüre den Verlust mit jeder Faser und an einer Million Kleinigkeiten.

Hier ist er mir viel präsenter als zu Hause in Berlin. Das dort ist meine Wohnung, in die ich ihn aufgenommen habe. Das hier ist das Haus, in dem er aufgewachsen ist, und in das er mich aufgenommen hat.
Außerdem teilten wir hier eine ganz andere Art von Alltag, die viel inniger, intensiver und von besonderen Momenten und Unternehmeungen bestimmt war.

Am schlimmsten sind die Erinnerungen an unseren letzten Aufenthalt und an die Dinge, die er da noch verändert hat:
Er hat nochmal die Möbel in seinem Zimmer umgestellt, er hat das eine Bild abgehängt und aufs Bett gelegt (was hatte er damit vor?), er hat die Lampe ins Küchenfenster gestellt, er hat das Loch an der Kellertreppe provisorisch blockiert, damit dort keine Mäuse einziehen, er hat noch jede Menge vom frisch bestellten Bier getrunken, er hat in der Werkstatt ein paar Schrauben bereitgelegt (für was?) und so weiter.

Der Schmerz und die Trauer zerreißen mich.

Ich sehe ihn, wie er im Bett liegt, die Decke über die Ohren gezogen, dass nur ein paar Haare herausschauen. Ich sehe ihn, wie er mit dem Netbook im Bett sitzt und Nachrichten liest und sich freut, weil ich ihm den Kaffee hochbringen. Ich sehe ihn ihm dampfenden Bad stehen, wie er sich am Waschbecken wäscht. Oder rasiert. Ich höre seine Stimme, wie er hinter geschlossener Tür (um mich nicht zu stören) mit Kunden telefoniert. Ich höre unten die Tür, wenn er aus dem WC kommt. Ich höre seinen Schritt auf der Treppe. Höre ihn fragen „Wie wär’s mit einem Frühstück?“

Beziehungsweise ich sehe und höre all das eben nicht. Stattdessen spüre ich nur eine große Leere und unendliche Kälte. Einsamkeit. Verlust.

Nach viel Weinen und einem Telefonat mit der Lieblingskundin wird es ein klein wenig besser, auch wenn die Traurigkeit – und die Tränen – mich den ganzen Tag nicht loslässt.

* * * * *

Mittags Geschirr spülen und für einen Imbiss (ein Apfel aus der letzten Ernte) auf die Terrasse gesetzt. Es ist bewölkt, aber mild. Ich schicke ein paar Nachrichten mit Fotos an die Cousine, die Nichte und die Schwester von H. Die Cousine antwortet umgehend und schlägt vor, mich am Wochenende zu besuchen. Das finde ich schön, es ist eine Ablenkung, außerdem standen sie sich sehr nahe.

Ich bin ziemlich durchgedreht, habe auf nichts Lust, will aber auch nicht nur dasitzen und weinen, also raffe ich mich auf und laufe nach unten in den Nachbarort zum Einkaufen. Ich gehe wie immer zuerst zum Fluss, hier war ich zum letzten Mal mit der Freundin. Oder doch mit H.? Ich weiß es nicht mehr, müsste in den Fotos nachsehen.
Es ist drückend, deshalb drehe ich keine Extrarunde, zumBeispiel um den Hafen und auf die Halbinsel.

Der Einkauf im Supermarkt ist okay, der bevorstehende Besuch bringt mich sogar zu ein paar Impulskäufen – man muss ja etwas anbieten können.

Mit etwas Stress hätte ich den Bus zurück bekommen – normalerweise. Nun haben sich ja aber die Fahrzeiten um eine Viertelstunde verschoben, und jetzt bleibt mir reichlich Zeit für einen Blick in die Bücherbox. Mal sehen, ob ich nicht wieder zum Lesen finde.
Beim Warten an der Haltestelle wieder sehr traurig.

Kaffee und eine mitgebrachte Mohnschnecke auf der Terrasse. Trauern.

Ich denke über meine Trauer“phasen“ nach und wie ich sie hier im Schnellgang nochmal ähnlich durchlaufe wie inBerlin:
Zuerst ist da die Leugnung: Ich mache einfach weiter wie bisher und rede mir ein, H. wäre nur eben im Moment nicht hier.
Dann kommt die Identifikation: Ich mache alles wie er es tun würde und lebe quasi unser beider Leben parallel. Auf diese Weise fühle ich mich ihm nahe und halte einen Teil von ihm am Leben.
Dann kommt die Erkenntnisphase mit den „nicht mehr“- und den „nie wieder“-Gedanken.
Trauer. Tränen. Schmerzhafter Verlust.

* * * * *

Nachmittags nochmal Telefonat mit der Lieblingskundin und Endspurt, das Projekt muss heute noch online. Ich arbeite wiederwillig, aber es geht. Um 19:00 ist alles fertig.

Zwischendurch ruft H.s Schwester an, sie hatte heute ebenfalls einen Trauertag. Sie scheint sehr darunter zu leiden, dass sie nun nicht herkommen kann.
Im Gespräch fallen viele Formulierungen, aus denen ich raushöre, dass sie mich nach wie vor nicht wirklich hier verortet. So als wäre mir alles hier immer noch neu und unbekannt.

Das tägliche Telefonat mit M., die zunehmend schnippisch wird. Was ich von mir erzähle, langweilt sie (sie wechselt dann immer abrupt das Thema, um von sich sprechen zu können). Was ich von P. oder H.s Schwester erzähle, bringt sie zum Zicken, so als wären alle Leute blöd, egoistisch oder bescheuert. Das einzige, was sie „interessiert“, ist abfälliger Klatsch. Erzählungen, wo sich jemand dumm angestellt hat. Oder wo sie es jemandem „gezeigt“ hat. Oder sonst gut dasteht. Da ich auf solche Dinge immer weniger reagiere, werden ihr unsere Gespräche wohl langweilig und unergiebig.
Wir müssen das herunterfahren, so bringt das keinem was.

Umzug mit dem Laptop ins Wohnzimmer, essen machen, Mails lesen, essen (gebratenes Hühnerbein mit Paprikareis und Hummus), der Fernseher läuft.
DIe Fotoschublade durchsehen. Die Schwester hatte angekündigt, beim nächsten Besuch Fotos mitnehmen zu wollen. Da ich nicht weiß, wann es sie „spontan“ herzieht, muss ich jetzt in Sicherheit bringen, was ich behalten möchte.

Lüfte, weil es nach heißem Öl riecht. H. hatte da seine eigene Lüftungstechnik, an die erinnere ich mich aber momentan nicht. Trauer-Demenz. Es klappt leidlich.
Aus der frischen Milch vom Bauern koche ich mir einen großen Topf Kakao.

Schaue Bilder bis elf, dann hoch ins Bett.

Woran ich mich erinnern will:
Eine Besuchsankündigung.

What I did today that could matter a year from now:
Offen sein.

Was wichtig war:
Trauern.
Weinen.
Zeit nehmen.
Rausgehen.
Sich erinnern.
Lieben.

Begegnungsnotizen:
Menschen im Bus und im Supermarkt.

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