Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der neunundfünfzigste Tag im Danach: Trauer und neue Möglichkeiten

Verschiedene Kontakte und neue Möglichkeiten drängen die Traurigkeit für den Moment zurück. Hier ist Trauer möglich und wichtig.

26. März 2021. Freitag. Von halb zwölf bis halb zwei zu „In Therapie“ in der ARTE-App auf dem Handy geschlafen. Dann Licht aus, nachts eine Klopause, dann geschlafen bis halb sieben. Gut. Keine schlechten Träume, keine Angstgedanken.

Die Traurigkeit ist natürlich nach wie vor da, aber die bevorstehenden Aktivitäten lenken mich ein wenig ab. Auch das gestrige Ansehen der Fotos hat gut getan.

* * * * *

Frühes Telefonat mit der Lieblingskundin, auch das tut immer wieder gut. Das nächste Projekt steht in den Startlöchern, eine Stress-Angelegenheit hat sich gestern – zumindest für den Moment – aufgelöst, und auch da geht es weiter.

Außerdem eine Anfrage aus unerwarteter Richtung bekommen, ein Projekt, bei dem „die S.“ involviert ist. Was mit Kultur, viel Ruhm und Ehre und wenig Geld. Könnte aber Spaß machen, mal in diesen Bereich reinzuschnuppern.

* * * * *

Dann wieder große Traurigkeit. Liegt es daran, dass ich hier bin? Oder daran, dass ich etwas mehr Zeit und Raum habe als in Berlin?

Telefonat mit RS hier aus dem Ort. Sie beißt sich durch, obwohl sie gesundheitlich schwer angeschlagen ist. Aber sie hat so eine gewisse Härte gepaart mit vollkommenem Verständnis, das hat mich bei ihr immer angezogen. Das Gespräch dauert nur 20 Minuten, tut aber ungemein gut.

Ansonsten viel Kleinkram, Mails beantworten, ein bisschen Haushalt.
Schreibe eine Bewertung für ein Portal über den Bestatter. Darüber muss ich aber nochmal schlafen, denn es kann sein, dass ich es mit dem Lob etwas übetreibe. Will ihn ja nicht idealisieren…

Nachmittags Obstsalat auf der Terrasse, es ist etwas frisch, obwohl die Sonne scheint. Ein kühler Wind…

Telefonat mit der S. über das neue Projekt.
Unverfängliche Mail an TSO.

Dann Spaziergang ans andere Ende des Dorfes zur ehemaligen Blumenhändlerin, die immer noch ein wenig verkauft und mir eine sehr persönliche Kondolenzkarte geschrieben hatte. Wir plaudern eine ganze Weile, und ich nehme Stiefmütterchen fürs Grab der Schwiegermutter mit.

Fotos bearbeiten und der Floristin schicken.
Noch mehr Mails schreiben.
Einen Anruf erwidern und auf den AB sprechen.
Nachrichten lesen.

Für ein „Feierabend“ (was habe ich heute überhaupt getan?)-Bier auf die Terrasse gesetzt. Der Nachbar steht am Zaun, ich gehe hin, wir plaudern. Seine Frau kommt nicht. Schade, mit ihr hätte ich lieber gesprochen, aber dann auch besser alleine.
Mit ihm geht es – natürlich – um H.s Tod, um Mehrsprachigkeit bei Kindern, um seinen Job (angeblich war er mal Lehrer, ein andermal hatte er erzählt, er wäre Koch; jetzt arbeitet er bei einem Bauunternehmen), um Polen, wieder um H.
Seit 10 oder 11 Jahren wohnen sie jetzt hier, sie haben die Schwiegermutter noch gekannt.
Er verquatscht sich, meint, er hätte „gehört“, H.s Schwester sei „ein bisschen komisch“…? Wundert sich, dass er sie nie gesehen habe. Ich beschwichtige.

Anschließend das tägliche Telefonat mit M., die bestens gelaunt ist, obwohl ihr Fernseher anscheinend den Geist aufgegeben hat. Immerhin mal ein Gespräch ohne Gezicke.

Freund B. fragt an, ob wir mal telefonieren können/ wollen, aber ich bin hundemüde und mag nicht mehr. Er wollte aber eigentlich auch nur hören, wie es mir geht, das schreibe ich kurz – „so gut wie es möglich ist“ – und das reicht dann auch.

Zum Abendbrot den Rest vom gestrigen Hühnerbein und Reis als Salat.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Aussicht auf ein interessantes Projekt mit neuen Leuten. Nette Gespräche im Dorf.

What I did today that could matter a year from now:
Eine Zusage geben.

Was wichtig war:
Weinen.
Rausgehen.
Sprechen.
Zuhören.
Trauern.

Begegnungsnotizen:
Die Blumenhändlerin RW (draußen, Maske, Abstand).
Nachbar MC (draußen, Abstand, ohne Maske).

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