Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der sechzigste Tag im Danach: Mit Menschen reden und H. nahe sein

Nette Kontakte, Gartenarbeit und vieleTränen.

27. März 2021. Samstag. Von zehn bis halb zwölf zu „In Therapie“ in der ARTE-App auf dem Handy geschlafen (was mache ich, wenn die irgendwann aus der Mediathek genommen wird?). Dann Licht aus und geschlafen bis fünf. Gut geschlafen. Keine schlechten Träume, keine Angstgedanken. Bis kurz vor sechs wach gelegen und unruhig und nervös geworden, konnte aber keinen konkreten Grund ausmachen. Um sechs aufgestanden.
Immer noch knochenmüde.

* * * * *

TSO hat auf meine Mail geantwortet. Ich schleiche ein wenig drum herum, riskiere erstmal nur aus dem Augenwinkel einen Blick: Kurz. Was sonst. Geschrieben gestern Abend um 22:20 Uhr.

Dann lese ich doch. Immerhin, zwar im Telegramm-Stil, aber einigermaßen nett geschrieben, am Ende mit einem Küsschen-Smiley (nicht, dass das irgendwas bedeuten würde außer vielleicht ein allgemeines „Heads-Up“) und einer Frage, ich habe also Grund zu antworten…

* * * * *

Gehe zum Bäcker und hole Brot und Kuchen für meinen morgigen Besuch. Viel zu viel Kuchen, aber was soll’s.
Ich kann immer noch nicht für eine Person einkaufen. Will es vielleicht auch nicht, denn das würde wieder etwas verändern, wieder etwas endgültig machen.

Sie verkaufen keine Zeitung mehr. Ich will mit dem Bus in den Nachbarort fahren, um eine zu kaufen. Die Nachbarin fängt mich ab, hört sich meine Geschichte an und gibt mir kurzerhand ihre Zeitung. Heute ist die Traueranzeige für H. drin, die ich im Zug aufgegeben habe.
Ich sitze mit der Zeitung im Arm in der Küche und weine, weine, weine.

* * * * *

Ich schreibe ein Angebot für das Kulturprojekt. Nach zweieinhalb Stunden ist es fertig. Was zum Teufel hat daran so lange gedauert? Bin ich zwischendurch eingeschlafen, oder was?! Gut es waren ein paar Recherchennötig, aber zweieinhalb Stunden?!

H.s Cousin schickt eine Mail mit Fotos von früher. Schön…
Der Bestatter schickt eine Mail mit Fotos von der Beisetzung. Auch schön…

Was mir bei all den alten Fotos auffällt: H. hat sich wenig verändert im Laufe seines Lebens. Nicht nur vom Aussehen, sondern auch von der Gestik, Mimik und den Scherzen, die er vor der Kamera treibt. Und ich möchte die These wagen: auch von der Persönlichkeit her. Vielleicht ist er ein wenig ruhiger und versöhnlicher geworden im Laufe der Jahre, aber das Liebevolle, Zugewandte, Aufmerksame scheint er schon früher gehabt zu haben.

Spätes „Frühstück“ um 13:00 Uhr. Leckeres Brot mit Nüssen drin. In einer Wohnzeitschrift Bilder von Südtirol: Berge, mediterrane Vegetation. Ich werde wieder todtraurig, weil ich an all die Urlaube denken muss, die H. mit Mutter und Schwester/ Schwager unternommen hat, oft in südliche Gefilde.
Alles kann Trauer triggern, man ist nirgends sicher.

* * * * *

Nachmittags gearbeitet – ein neues Projekt für die Lieblingskundin, das eigentlich bis Ostern fertig sein sollte.

Kaffee und Kuchen (der leckere Streuselkuchen vom Bäcker).

Erinnerungen an H.

Knappe zwei Stunden im Garten, ich imitiere H.: Spät anfangen, erstmal ein Bier holen, Werkzeug zusammensuchen und bereitstellen, dabei alles begehen inklusive Keller und Schuppen. Überlegen, Bier trinken, loslegen.

Ich schneide das hohe Gras an den unzugänglicheren Stellen, an der Südand, unter dem Birnbaum, am Rosenbeet am Carport; richtig Rasen mähen ist noch nicht nötig. Ich pflanze Dahlien und Kniphofia und Stiefmütterchen, plaudere mit der Nachbarin von links und den Nachbarn von rechts und der Nachbarin samt Sohn von rechts Mitte.

Ich trinke Bier, aktualisiere das Gartentagebuch, checke, welche Narzissensorten wie gekommen sind (die in meinen Aufzeichnungen als „rot-weiß“ markierten sind eindeutig gelb-gelb). Reinige das Werkzeug und räume es weg, spüle Blumentöpfchen aus, mache Ordnung.

Dann ist es halb sieben, mir ist kalt, es gibt eigentlich auch nichts mehr zu tun. H. würde sich sicher noch irgendwie beschäftigen, aber mir fällt nichts mehr ein, und ich habe auch keine Lust. Kalt, müde, hungrig.

* * * * *

Langes Telefonat mit M., die wieder bessere Laune hat, trotz Fernseherverlust. Ich zeige ihr per Fernwartung, wie sie öffentlich-rechtliches Fernsehen im Internet schauen kann, und sie ist entzückt.

Innerlich ärgere ich mich wieder: Gestern hatte ich ihr gesagt „Du kannst alle Sender im Internet schauen, geh einfach mal auf die einzelnen Homepages und suche das Live-Programm.“ – Mimimi, ich weiß nicht, wie das geht, wie ich Videos gucken kann usw. – Ich erklärte die Symbole für Start, Stop und Pause, „das ist dasselbe wie bei YouTube,das kennst Du doch“ – Ach so.

Heute dann: Die Abendschau ginge nicht, die Tagesschau sei winzig klein und überhaupt alles viel zu leise. Und sie könne das nicht, und das sei alles Mist.

Was mich so ärgert, ist, dass sie dann immer sofort aufgibt. Nie kommt ein, Ich habe es probiert, aber ich komme da nicht weiter, können wir das mal kurz zusammen machen und Du zeigst mir das. Nein, kriege ich nicht auf Anhieb hin, das ist Mist, ich lasse es und leide dann märtyrerhaft, weil die Welt zu kompliziert für mich ist.
Und das von einer Frau, die sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit über andere erhebt und auf sie herabschaut, wenn sie „dumm“ sind.
Narzissmus pur.

* * * * *

Ich fange erst kurz vor acht an zu kochen, aber es geht schnell, es gibt Nudeln mit Fertigsoße, die nur noch mit angebratenem Hack verfeinert werden muss.
Zum Nachtisch koche ich mir einen Topf Kakao mit der restlichen Milch vom Bauern.

Auch diese Woche habe ich wieder mies gegessen, fast kein Gemüse oder Frischzeug bis auf ein wenig Paprika hier und da und etwas Obst. Das muss sich ändern; in Berlin muss es künftig jeden Tag mindestens einmal eine ordentliche Portion Gemüse oder Rohkost/ Salat geben. Dosen/ Fertiggerichte maximal einmal pro Woche.
So geht das nicht weiter, sonst bekomme ich noch Mangelerscheinungen. Ich bin sehr angespannt, angestrengt und gestresst, da brauche ich wenigstens eine halbwegs gute Ernährung, auch wenn ich (noch) keinen Spaß am Kochen habe.

* * * * *

Noch etwas Nachrichten im Internet lesen, auf ARTE laufen im Hintergrund irgendwelche Dokus über Odysseus und Troja.
Die nehme ich dann auf der ARTE-App auch mit ins Bett als Einschlafhilfe.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Gartenarbeit: Ich tue, was H. tun würde – oder zumindest auf dieselbe Art.

What I did today that could matter a year from now:
Weitermachen.

Was wichtig war:
Kontakt.
Reden.
Rausgehen.
Trauern.
Weinen.

Begegnungsnotizen:
Nachbarn K. von vorne.
Bäcker.
Nachbarin P.
Nachbarn C. und D.
Nachbarin M. und Sohn
Bis auf Bäcker alle ohne Maske, mit Abstand, draußen.

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