Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der einundsechzigste Tag im Danach: Besuch

Friedhof, Bilder, Erinnerungen, ein Besuch. Anstrengend, intensiv, wichtig. Jemandem eine Freude gemacht.

28. März 2021. Sonntag. Zeitumstellung. Bis Mitternacht mit ARTE-App geschlafen, dann alles aus, gut geschlafen, aber öfter aufgewacht. Aufgestanden um 7:00 (6:00).

Viele Gedanken: an H., an KU, an H.s Schwester, über die Wohnungsauflösung, an die Dinge, die anstehen.

Um halb zehn raffe ich mich auf, schneide im Garten ein paar Äste, packe alles zusammen und gehe zum Friedhof, um das Grab der Schwiegermutter hübsch zu machen. Ich spreche kurz mit ihr: „Das hast Du Dir auch nicht träumen lassen, dass „Dein Jung“ so schnell zu Dir kommt und nur wenige Jahre älter geworden ist als sein Papa, oder?“ Die Tränen wollen schon wieder fließen.

Ich stelle den Strauß in die Vase: Tulpen, Forsythien, Blut-Johannisbeere – es sieht hübsch bunt und frühlingshaft aus. Pflanze die drei Stiefmütterchen. Die Bodendecker sind noch kahl, aber das Grab ist insgesamt schön zugewachsen, unser Plan hat funktioniert. Gefälltsicher nicht jedem, aber ist pflegeleicht und sieht ordentlicher aus als manches andere Grab.

Ich schaue nach alten Bekannten und neuen Gräbern und sehe mit Schrecken einen bekannten Namen: Der jüngere Sohn der alten Frau M., die letztes Jahr gestorben ist, liegt nun auch da. 1964-2021. Er war noch fünf Jahre jünger als H., der als Kind mit seinem großen Bruder befreundet war. Ich erinnere mich, dass H. erzählt hatte, er sei „krank“ (Krebs?). Keine Ahnung, woher er das wusste.

Treffe beim verlassen des Friedhofs die Küsterin. Auch sie sagt – wie alle hier: Da muss man jetzt durch.
Die Härte der Landbevölkerung? Hat H. das von hier, dieses „Nützt ja nichts, es muss weitergehen“?
Niemand sagt – wie „meine“ Leute in Berlin: Ja, es ist hart. Es ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Es wid schwer. Ich bin bei Dir und unterstütze Dich. Ich sehe Deinen Schmerz. Du wirst lernen, mit ihm zu leben, aber es wird dauern.
Beide Seiten haben recht. Auch hier: Der verlustorientierte und der wiederherstellungsorientierte Ansatz?

* * * * *

Wieder zu Hause ein paar Nachrichten verschicken, frühstücken, die Eier hart kochen, die ich von der Nachbarin geschenkt bekommen habe, Geschirr spülen, aufräumen, Wäsche waschen.

Die Google-Bewertung für den Bestatter nochmal überarbeiten, kürzen und posten. Ihm eine Mail schicken, weil ich nicht weiß, ob er zeitnah benachrichtigt wird.

Eine Nachricht von H.s Cousine D. kommt: Sie sei schon in N. und „in einer halben Stunde“ bei mir.

Ich mache den Tisch auf der Terrasse fertig, stelle Wasser und Gläser hin und warte. Es ist sonnig und schön, aber es weht ein kühler Wind.

Als sie kommt und ich die Tür öffne, schaut sie kurz: „Ach, Du bist das!“ Nicht die Begrüßung, die ich erwartet hatte, aber es klärt sich schnell auf: Sie hatte mich ja nur zweimal kurz gesehen, das eine Mal war vor acht Jahren oder so, das zweite Mal bei der Beerdigung der Schwiegermutter, da war sie in großem persönlichen Stress, weil sie morgens ihren Mann in die Klinik bringen musste. Sie hatte also nicht wirklich ein Bild von mir und – anders als ich – auch keine Fotos als Hilfsmittel.

* * * * *

Wir verbringen den Nachmittag auf der Terrasse, erzählen uns Verschiedenes über unsere jeweilige Arbeit, über das Leben auf dem Land, Anekdoten, Erinnerungen. Wir liegen auf einer Wellenlänge, werden aber nicht so richtig warm miteinander, zumindest fühlt sich das für mich so an. Ich bin sehr unsicher, komme mit der Gastgeberinnen-Rolle nicht gut klar, weil ich wenig anzubieten habe und sie alles viel besser und länger kennt als ich, die „älteren Rechte“ zu haben scheint, obwohl das Quatsch ist. It’s all in my head, and my head is a mess.

Gegegn fünf bricht sie auf, setzt zum Abschied die verspiegelte Sonnenbrille auf und antwortet nur noch einsilbig. Ich schreibe es ihrer Nesselsucht zu, die sie als Reaktion auf den Kuchen bekommen hat.
Denke, dass das wohl der letzte Besuch dieser Art war.
Denke auch, dass das Ganze mit H. sehr viel besser gelaufen wäre: Er hätte Dinge vorbereitet, er hätte sie glänzend unterhalten und sichtlich Spaß gehabt, hätte sie durch Haus und Garten geführt, Erinnerungen ausgetauscht.
Aber ich kann das nicht vergleichen, ich bin ja in einer ganz anderen Position.

Wichtige Erkenntnis für mich: Ich habe noch nicht die Kraft, ausdauernde soziale Kontakte durchzustehen. Ich werde fahrig, unkonzentriert, nichts geht automatisch, die Gedanken wandern fort, ich bin kaum in der Lage, ein Gespräch zu führen.

* * * * *

Wäsche aufhängen, Fotoalben und Unterlagen der Schwiegermutter durchsehen. Kurzer Rückruf bei H.s Schwester, aber es geht niemand ran. Der Telefontermin mit der Nichte verschiebt sich auch dauernd, sage ihn am Abend irgendwann ab.
Freund B. war heute mit Sohn und Enkelin an H.s Grab und schickt Fotos. Die Blumen sehen noch passabel aus, das Nachbargrab ist noch frei.

Relativ kurzes Telefonat mit M., alles in Ordnung, Fernsehen auf dem Computer geht, ist nur zu leise. Sie hat Boxen, die im Monitor integriert sind und findet keinen Knopf zum Regulieren der Lautstärke. Vielleicht gehen sie auch nicht lauter, normalerweise sitzt man ja nicht drei Meter vom Computer entfernt.

Zum Abendbrot wieder Nudeln Bolognese, heute mit etwas Käse drauf. Lecker.

Scanne Fotos von H. aus einem Album ein, das eventuell H.s Schwester beim nächsten Mal mitnehmen will.

Der Bestatter hat geantwotet und sich sehr über die Bewertung gefreut.
Nachdenken, im Internet mäandern, an KU denken. Die ganze Zeit steht die Terrassentür auf, aber nun wird es empfindlich kalt.

Kuschele mich in H.s Jacke und setze mich noch eine halbe Stunde raus, sehe den Vollmond über den Häusern links aufgehen, denke an ihn.
Nicht zum ersten Mal Gedanken, dass es auf Dauer hier vielleicht nicht funktioniert für mich. Oder zumindest auf vielen Ebenen sehr hart und einsam werden könnte.

* * * * *

Im Bett Geräuschkulisse mit ARTE Live-Programm.
Zum ersten Mal seit Wochen wieder gelesen (das letzte Mal war, als M. nach H.s Tod wieder nach Hause umgezogen war).

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Den ganzen Nachmittag auf der Terrasse sitzen können – es ist zwar kühl im Wind, aber schön – vor allem in Gesellschaft.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Cousine D. treffen.
Kontakt halten.
Diese Bewertung veröffentlichen und damit jemandem eine große Freude machen.

Begegnungsnotizen:
Die Küsterin auf dem Friedhof (draußen, ohne Maske, Abstand).
Cousine D. (dito)

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