Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweiundsechzigste Tag im Danach: Heimreise

So schlecht kann es Dir gar nicht gehen, dass Dir nicht noch jemand Knüppel zwischen die Beine wirft. Abgrenzung tut not. Selbst-Fürsorge wird überlebenswichtig.

29. März 2021. Montag. Rückreisetag, aber ich spüre nicht den üblichen Stress. Ich war wohl zu kurz hier, habe auch nicht das ganz große Putzprogramm, obwohl es dauern wird, bis ich wiederkomme.

Gestern Abend über dem Buch eingeschlafen, im Hintergrund lief noch die ARTE-App, die habe ich samt Licht irgendwann gegen Mitternacht ausgemacht. Nachts gegen drei (2:00) einmal kurz wach, dann etwas unruhig geschlafen und immer wieder aufgewacht, aber keine Ängste oder schlimmen Gedanken gehabt. In Gedanken die beruhigende Stimme von TSO gehört und darüber wieder eingeschlafen.
Ich hoffe sehr, dass es irgendwann H.s Stimme sein wird, die mich beruhigt, aber im Moment ist da nur eine große schwarze Traurigkeit.

* * * * *

M. ruft morgens an: Sie wolle mich „nicht in Panik versetzen“, aber sie könne vor Schmerzen im Rücken nicht mehr gehen. Was sie beschreibt, klingt wie ein Bandscheibenvorfall – oder eine üble Muskelverspannung. Ob es einen psychosomatischen Zusammenhang zu meiner Bemerkung gestern Abend gibt, ich spürte nun auch körperliche Symptome von all dem Trauerstress? Ihr ist alles zuzutrauen.
Ich rate, den Bereitschaftsarzt zu rufen und sich eine Spritze geben oder ins Krankenhaus einweisen zu lassen.

Die Reisevorbereitungen laufen reibungslos und entspannt und mit ausreichend Zeit ab: Sachen zusammensuchen, saugen, Geschirr spülen, Kaffee kochen, packen.

Entspanntes Frühstück, ich chatte nebenbei mit H.s Cousine, die mir Fotos von ihren Tieren (Hunden, Hühnern, Katze) schickt.

Zweiter Anruf von M.: Der Arzt sei da gewesen und habe ihr Medikamente verschrieben, aber ihre Apotheke könne heute nicht liefern, und die, bei der sie sonst in Notfällen bestelle, finde sie nicht.
Ich werde langsam sauer: Warum notiert man sich solche Telefonnummern nicht, wenn man da öfter bestellt? Sonst hatte sie ja auch keine Probleme, die Informationen zu finden. Was, wenn ich jetzt unterwegs wäre und kein Internet hätte? Warum bin immer ich für jeden Scheiß zuständig?

Ich bin fast zwei Stunden vor Abfahrt mit allem fertig und habe noch Zeit, ein paar Kleinigkeiten zu arbeiten und in der Sonne auf der Terrasse ein halbes Stück Kuchen zu essen.
Sehr traurig.

Freund B. ruft an, fragt, ob er mich vom Zug abholen soll. Sehr lieb, aber das wäre mir zu viel: Erst ihn treffen, dann ihn wieder ziehen lassen müssen. Lieber mal die Tage treffen. Er ist einverstanden.

Die Nachbarin klingelt, fragt, wie weit ich bin, lädt mich zum Kaffee auf der Terrasse ein. Das ist nett, so muss ich nicht noch eine Dreiviertelstunde alleine herumsitzen.

* * * * *

Fahre mit dem Bus in die Stadt. Der Imbiss im Einkaufszentrum hat zu, hole mir stattdessen ein belegtes Brötchen beim Bäcker. Sehr teuer (3,50 Euro für ein Käsebrötchen mit einer Scheibe Schinken und einer Scheibe Käse, einem Salatblatt und einer Scheibe Tomate).

Laufe zum kleinen Bahnhof und nehme von dort eine Regionalbahn zum Hauptbahnhof. Stöbere im Zeitungsladen herum, aber es kommt keine Kauf- oder Leselust auf. Alles macht mich traurig. Sinnloser Konsum. Was soll ich mit neuen Sachen oder neuen Ideen?

Der Regionalexpress nach Frankfurt fährt pünktlich: das Umsteigen ist ein langer Marsch, aber die Zeit reicht aus.
Auch der ICE fährt pünktlich los, muss aber kurz hinter dem Bahnhof stehen bleiben – Schaden an einem vorausfahrenden Zug. In Erfurt mit etwa 20 Minuten Verspätung, aber wir holen auf.

Habe zuviel zu starken Kaffee getrunken und starkes Herzklopfen, gepaart mit Übelkeit. Das wird wohl auch noch Kopfschmerzen geben. Dazu diese Traurigkeit und eine Müdigkeit und Erschöpfung bis in die Knochen. Es darf jetzt wirklich nichts mehr passieren, sonst klappe ich zusammen. Sollte mich jemand fragen, wie es mir geht: Wie durchgekaut und ausgespuckt.

Ich möchte jemanden, der mich in den Arm nimmt, bei dem ich weinen und in dessen Armen ich einschlafen kann.

Beim Anblick des Sonnenuntergangs ein Déja Vu, vor allem wegen der damit verbundenen Traurigkeit. Kann aber nicht sagen, wo das herkommt. 2019 sind wir öfter diese Strecke gefahren, aber ich wohl nicht allein, oder? Warum verbinde ich diese Traurigkeit mit diesem Sonnenuntergang?
Komme nicht drauf.

* * * * *

Verspätung in Berlin nur noch 12 Minuten. Steige Hauptbahnhof aus und nehme den Bus nach Hause. Um fast dieselbe Zeit sind wir Anfang Dezember – beim letzten Mal – auch mit dem Bus heimgefahren, obwohl wir aus einer anderen Richtung kamen. Ich hatte vorgeschlagen, ein Taxi zu nehmen, weil es H. wirklich nicht gut ging, aber er lehnte ab, vor allem wegen der Kosten.
Erinnerungen…

Gegen 21:45 zu Hause, M. anrufen (es war nochmal eine Bereitschaftsärztin mit anderen Schmerzmitteln da gewesen; ihre Diagnose: Ischias; M. soll morgen zum Arzt), auspacken, ankommen.

Es ist nicht schlimm, das Herz beruhigt sich sofort: zu Hause.
Schon im Bus fühlte ich den Stress und die Trauer abfallen und den Atem leichter werden: Hier sind liebe Menschen, hier ist Infrastruktur, hier ist Sicherheit, Geborgenheit.

Auch in der Wohnung ist nichts schlimm oder traurig machend. Wieder spüre ich die abendliche Leichtigkeit und Ausgeglichenheit wie in der Zeit vor K. Denke an KU. An die Freundin B., den Freund B. und all die Menschen, die hier an meiner Seite sind – und mir nicht nur sagen: Da musst Du jetzt durch.

Im Dorf ist diese Kälte, die ich seit dem Vorfall beim Sommerfest des Männervereins spüre, bei dem H. einen über den Durst getrunken hatte (2019?). Dieses: Du gehörst hier nicht hin, wir dulden Dich, aber von uns hast Du nichts zu erwarten, schon gar keine Wärme. Um hier zu überleben, musst Du stark sein.
Normalerweise bin ich stark, nur momentan halt nicht.

* * * * *

Im Fernsehen Inspector Barnaby und anschließend Inspector Banks. Der Fernseher steht noch vom letzten Montag auf dem richtigen Programm. Zum „Abendbrot“ eine Scheibe Bärlauchbrot mit Frischkäse.

In der Wohnung unter mir soll morgen und übermorgen renoviert werden. Die Eltern einer Frau aus der WG im ersten Stock haben sie gekauft. Als Ferienwohnung, weil beide Kinder in Berlin leben, sie aber nicht. Das wird aber natürlich nicht so deutlich gesagt; man will schließlich nicht als Gentrifizierer dastehen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
In der Sonne auf der Terrasse einen leckeren Kaffee mit lieben Menschen trinken.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Abgrenzen.
Atmen.
Frühzeitig anfangen.
Kontakt.
Heim fahren.

Begegnungsnotizen:
Menschen im Bus, in Zügen, auf Bahnhöfen, im Einkaufszentrum.
Die Nachbarn C. und D.

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