Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der achtzigste Tag im Danach: Wehmut

Viel sprechen, viel zuhören, Neues lernen, mich unnötig kompliziert anstellen. Trotzdem (oder deswegen) Hilfe bekommen.

16. April 2021. Freitag. Aufgestanden um kurz vor sieben. Ich fühle mich ausgeschlafen, ein gutes Gefühl.

Um halb neun kurz in H.s Wohnung, etwas umräumen und Taschen und den letzten großen Blumentopf mitnehmen. Jetzt, wo meine Arbeit hier zu Ende geht, fühlt es sich wieder seltsam an. Nicht als hätte ich etwas geschafft oder erledigt, sondern als ginge eine weitere Sicherheit oder Konstante verloren.

Bald werde ich diese Wohnung, die ich 20 Jahre lang kenne, nicht mehr betreten können. Nicht, dass es mich hinziehen würde, ich habe nie sehr an der Wohnung gehangen, aber das Wissen, nicht mehr hin zu können (und dass die Wohnung demnächst umgebaut und saniert wird), macht mich traurig. Mit weiteren Verlusten kann ich schwer umgehen.

Ein langes Telefonat mit der Lieblingskundin, dann noch ein paar Änderungen an einer Website, die heute online geht.

Anruf bei H.s Hausverwaltung und Terminvereinbarung für die Übergabe.

Telefonat mit Freund B. und Verabredung zum Schleppen morgen Vormittag.

Kleinkram für einen anderen Kunden, Überweisungen und Finanzplanung, H.s Mail abrufen und feststellen, dass es ein Problem beim Online-Banking mit dem Konto fürs Häuschen gibt. Ich hoffe, die Schwester ist da nicht aktiv geworden und nun brennen irgendwelche Zahlungen an… Nun, das wird sich klären.

Langes Telefonat mit einem Kunden, dem vor sieben Jahren die Frau auf ähnliche Weise gestorben ist wie jetzt H., nur dass sie erst Ende Dreißig war. Es tut gut, offen sprechen zu können.

Telefonat mit der Agentur, mit der ich im Herbst das GroßeGrausigeProjekt durchgezogen habe – es geht weiter! Ich habe es immer befürchtet, aber hoffentlich zieht es sich noch etwas, ich brauche das im Moment nicht auch noch.

Freundin B. meldet sich vom Friedhof, fragt, ob ich in der Nähe bin. Wir verabreden uns für später zum Spazieren, ich gehe noch kurz einkaufen fürs Wochenende.

Seit Tagen unbändiger Appetit auf eine Tüte Chips – heute gebe ich nach, kaufe eine und verspeise sie, gemütlich mit einem Buch im Sessel sitzend. Schön, dass ich das wieder kann. Scheiß auf die Kalorien, ich habe seit Mitte Januar elf Kilo abgenommen.

Mit B. gute anderthalb Stunden spazieren gegangen. Die Malerin S. getroffen und lose für demnächst zum gemeinsamen Essen verabredet.

Von B. einen Tipp geholt, wie ich mich in einer für mich schwierigen Situation sozial adäquat verhalten soll. Den Tipp später angewandt und gleich eine positive Antwort bekommen. Nice!

Kurz vor sieben noch schnell hoch in H.s Wohnung und noch ein paar Taschen mit Zeug geholt – muss ich morgen zweimal weniger Treppen steigen.

Das Telefonat mit M. bleibt kurz, keiner hat was zu erzählen. Montag wird sie verlegt, hoffentlich geht das gut, ich habe von der neuen Klinik wenig Gutes gelesen und gehört, sage davon aber nichts.

Mache für uns morgen Vanillepudding und Rhabarberkompott. Nachtisch statt Kuchen ist doch auch mal nett…

Bin müde. Nichts im Fernsehen, daher in der ARTE-App zwei Folgen der Serie „Bron – Die Brücke – Transit in den Tod“ angeschaut. Ich bin müde, Rücken und Beine tun mir weh, aber ich fühle mich insgesamt ok.

Ich merke seit ein, zwei Tagen, dass die Trauer dicht unter der Oberfläche liegt. Ich versuche aber auch gerade, sie nicht mehr so vehement wegzudrücken und mit Arbeit zu betäuben, sonst wird sie sich irgendwann Bahn brechen. Lieber häppchenweise damit konfrontieren. Ich beschließe, ihr künftig etwas mehr Raum zuzugestehen und mich aktiver mit ihr zu beschäftigen. Ich hätte allerdings gerne ein Sicherheitsnetz, sollte es mir ganz schlecht gehen (was mir alle ankündigen, die Erfahrung damit haben). Vielleicht doch etwas mit dem Bestatter ausmachen?
Ich bin unschlüssig. Muss ich am Wochenende mal drüber nachdenken.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Verständnis, Zuwendung, Aufgehobensein

What I did today that could matter a year from now:
Mich wieder auf ein Projekt eingelassen, was ich vermutlich bereuen werde.

Was wichtig war:
Sprechen.
Etwas klären.
Fragen.
Dran bleiben.
Machen.
Bewegen.

Begegnungsnotizen:
Menschen im kleinen Supermarkt.
Freundin B.
Malerin S.

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