Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der neunundachzigste Tag im Danach: Herumdenken auf Wünschen und Möglichkeiten

Theorien aufstellen und nach Möglichkeit überprüfen, mich damit abfinden, dass manche Dinge erstmal kompliziert bleiben.

25. April 2021. Sonntag. Trotz der leichten Verwirrung wegen TSOs Schweigen gestern Abend dann doch gut geschlafen. Aufgestanden kurz nach sechs.

Ich verbringe anderthalb Stunden damit, eine Theorie in Bezug aufs Lottospielen zu testen (Was wäre der Gewinn gewesen, wenn ich in den letzten drei Monaten jede Woche alle Zahlen von H. aus dem Vorjahreszeitraum getippt hätte? Das wären wöchentliche Kosten von etwa 75 Euro gewesen. Gewonnen hätte ich wenig damit, vielleicht hundert bis zweihundert Euro insgesamt. So etwas würde also keinen Sinn machen). Interessante Nebenerkenntnis: Der Gewinn hängt wesentlich davon ab, ob ich die richtige Superzahl habe oder nicht; „normale“ Gewinne ohne Superzahl spielen fast keine Rolle.

Schreiben, lesen – irgendwie vergeht die Zeit heute schneller als gestern. Das passt mir nicht, denn ich habe viel vor und wollte mich eben nicht stressen.

In meinem Blumenkasten blühen seit etwa zwei Wochen blau-gelb-rot die Traubenhyazinthen, die Wildtulpen und die „richtigen“ Tulpen. Sehr hübscher Frühling, auch wenn es heute bedeckt und kühl ist.

Mir fällt auf, dass ich in der Wohnung mit dem Entrümpler gerade eine ähnliche Situation habe wie mit dem Bestatter: Trotz des traurigen Anlasses (der Entrümpler kannte H. ebenfalls Jahrzehnte, und sie mochten sich) arbeiten wir gemeinsam mit Spaß und Energie an einem gemeinsamen Ziel (das mit H. zusammenhängt). Ich bekomme jeweils Unterstützung von ganz reizenden Männern, die mir zur Seite stehen.
Beide Situationen gaben/ geben mir genau das, was ich emotional gerade am dringendsten brauche: Zuwendung, Aufmerksamkeit, Austausch, Unterstützung, Kooperation, Kommunikation. Wir sind Team, Herde, Familie, Gemeinschaft, Gruppe. Ich bin nicht allein, ich habe liebe Menschen an meiner Seite, wir arbeiten an einem gemeinsamen Ziel und haben Freude dabei.

Das sind die Dinge, die ich momentan am meisten vermisse, deren Verlust ich am stärksten empfinde. Dinge, die mir, abgesehen von einem wunderbaren Menschen und seinem schrägen Humor, durch H.s Tod am meisten fehlen.

* * * * *

Nach einem späten Frühstück gehe ich kurz nach 12:00 in H.s Wohnung und beginne damit, die Kleberückstände der Fensterfolie zu entfernen. Es ist mühselig, schmiert und stinkt. Keine schöne Arbeit und sehr anstrengend.

Der Kollege des Entrümplers, M., der gestern meine Kommode rüber trug, kommt mit einer Interessentin für den Schreibtisch. Ich hätte ihn doch behalten sollen, aber er passt bei mir nicht rein, und wenn man einen Rechner darunter stellt, ist der ganze Fußraum zugestellt, das ist nicht schön. Ich kann mich immer schlechter von H.s Sachen trennen, möchte am liebsten wieder alles mitnehmen.

Nach zwei Stunden gehe ich wieder heim, das Fenster sieht aus wie Dreck, ich muss es morgen mit anderen Mitteln und einem Schaber probieren. Ich bin frustriert, aber immerhin kann ich die Tischplatten mitnehmen.

Zu Hause schreiben und planen. Ich muss morgen eine Sache für einen Kunden fertig haben, aber ich kann mich überhaupt nicht aufraffen, mich damit zu beschäftigen. Außerdem denkt mein Kopf auf TSOs Schweigen gestern Abend herum und findet keinen plausiblen Grund dafür.

Als kurz nach halb vier Freundin B. anfragt, ob ich Lust auf einen Spaziergang hätte, sage ich mit Freuden zu: Nur weg hier!

Wir drehen anderthalb große Runden durch den Park, ich erzähle ein paar Anekdoten von M. und P. und Freund B. und bringe sie zum Lachen. Auch mein Dilemma mit TSO erwähne ich, mein Unverständnis angesichts seiner seltsamen Art zu kommunizieren (oder zu nicht-kommunizieren); meine Frustration angesichts leerer Versprechungen und enttäuschter Hoffnungen. Aber auch meinen Wunsch, eingebunden zu sein in etwas Größeres und meine Angst vor Alltagstrott und grauer Eintönigkeit und emotionalem Zusammenbruch, wenn nun erstmal die Wohnung erledigt ist und kein Termindruck mehr herrscht.

Sie weist mich darauf hin, dass es ja die ganze Zeit so war: Erst war H. im Krankenhaus, da musste ich eine Million Dinge erledigen, die Situation verstehen und irgendwie überleben. Das habe ich geschafft und bin daran gewachsen.
Dann musste ich einen Bestatter finden und die Beisetzung planen und organisieren. Das war unglaublich viel, und ich hatte Angst davor, war unsicher und überfordert, aber ich habe es geschafft und das neu Gewachsene gefestigt.
Dann sollte ich die Wohnung auflösen, und auch das überforderte mich anfangs komplett, und ich hatte Angst, damit nicht fertig zu werden, und auch das habe ich geschafft und mit Hilfe vieler Menschen gar nicht mal schlecht.

Und jedesmal hatte ich Angst, was „danach“ kommt: Der Zusammenbruch? Das große Loch? Ein emotionaler Abgrund? Und jedesmal kam einfach die nächste Aufgabe, und jede Aufgabe war auf ihre Art schwierig und anstrengend, aber immer ein wenig leichter als die vorhergehende. Und nur weil ich jetzt die nächste Aufgabe noch nicht sehe, heißt das nicht, dass keine auf mich wartet. Eine Aufgabe. Oder eine dieser „Überraschungen des Lebens“.

* * * * *

Als ich zurückkomme, ist es eigentlich zu spät, noch mit der Arbeit anzufangen, und das ist mir auch ganz recht, ich habe diesen Tag genau so gebraucht, wie er war.

Ich telefoniere mit H.s Schwester, dann mit M, dann mache ich mir nochmal Huhn mit Pilzen in Sahnesoße, heute mit Nudeln und ohne Salat. Ein Gläschen Wein dazu, das kann ich ruhig wieder anfangen.

Ich bastele mir eine halbwegs plausible Theorie, warum TSO meine Nachricht nicht beantwortet hat. Wie wahrscheinlich diese Theorie ist, weiß ich nicht, aber sie lässt ihn im besseren Licht dastehen und gibt mir Ruhe. Dieses Rumgegrübel macht mich verrückt und führt ja zu nichts.

Auf ARTE „Jackie: Die First Lady„. Wirklich gut gemacht, aber all das Drumherum um diesen Todesfall ist mir zu viel, ich will an bestimmte Dinge jetzt nicht denken oder erinnert werden.

Insgesamt eigentlich ganz gut durch den Tag gekommen, dank reichlich Bewegung und guter Kontakte.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mit B. befreit lachen können und etwas albern sein.

What I did today that could matter a year from now:
Das Beste annehmen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
In der Wohnung arbeiten.
Körperliche Aktivität.
Planen.
Nachdenken.
Nachsichtig sen.
Lachen.

Begegnungsnotizen:
Entrümpler-Kollege M. und eine Besucherin.
Freundin B.
Nachbarn L. von unten.

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2 Gedanken zu “Der neunundachzigste Tag im Danach: Herumdenken auf Wünschen und Möglichkeiten

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