Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweiundneunzigste Tag im Danach: Aufräumen

Aufräumen bei anderen und bei mir selbst, innen und außen. Entscheidungen treffen. Liebe zum Leben und zu Menschen spüren. Es geht weiter. Du bist nicht allein.

28. April 2021. Mittwoch. Ab fünf Uhr wach gelegen, das waren dann maximal sechs Stunden Schlaf.

Ich mache mir Sorgen wegen der Wohnung, weil ich seit Tagen nichts vom Entrümpler gehört habe und morgen Abend alles raus sein muss. Gehe vor meiner Fahrt zu Freund B. dort vorbei. Gut, es hat sich schon etwas bewegt, im einen Zimmer ist der halbe Teppich raus, der Kühlschrank fehlt, der ganze Computerkram ist weg. Der Rest sieht für mich immer noch nach viel aus, vor allem die ganzen Möbel sind noch da. Ich beschließe, auf dem Rückweg mittags nochmal vorbeizugehen oder den Entrümpler anzurufen, wenn er dann nicht da ist. Fragen, ob er den Abgabetermin richtig erinnert oder glaubt, er hätte den Freitag noch.

Bei Freund B. bin ich dann eine halbe Stunde zu früh, unterwegs habe ich mir Gedanken über meine Pläne für die nächsten Wochen gemacht: Wie ich die Trauerarbeit mit meiner Erwerbsarbeit verbinden kann, was ich gerne in meinem Leben ändern würde (100-Tage-Wunsch) und wie ich das alles unter einen Hut bringe, ohne mich schon wieder – als Ablenkung? – unter Druck setze. Bedanke mich beim Bestatter für den Kontakt zur Trauerbegleiterin. Er ist mir eine große Stütze, auch wenn er gar nicht so viel konkret tut. Aber allein zu wissen, dass er da ist, dass ich ihn im Notfall kontaktieren könnte, hilft mir enorm.

Bei B. gibt es erstmal Kaffee, das angekündigte „Schlachtfeld“ in der Küche hatte ich mir erheblich schlimmer vorgestellt – da stehen halt ein paar Tüten Mehl und ein paar Vorratsgläser auf dem Tisch, Putz- und Malerzeug steht herum. Nichts, was man nicht in zehn Minuten weggeräumt hätte.
Meine Küche ist ein – wenn auch halbwegs geordnetes – Schlachtfeld: Kisten, Kartons, Säcke voll Zeug stehen in der Mitte, man kommt mit Mühe an den Müll und die Vorräte, allerdings nicht ohne Verrenkung. Da im Moment alles in der Wohnung voll ist, habe ich auch keine Chance, die Sachen aufzuräumen. Ich warte jetzt noch auf Tischgestell und Waschmaschine, die müssen ja spätestens morgen kommen, und dann wird um- und aufgeräumt. Darauf freue ich mich, abgesehen von der emotionalen Belastung, die das zweifellos darstellen wird.

Wir räumen also B.s Küche auf, ich entfette die Vorratsbehälter, während er die Schrankoberseite putzt, das geht aber alles recht schnell. Dann topfen wir die Zimmerpflanzen aus dem Wohnzimmer um, das sind teilweise recht große Pflanzen, das schafft man allein nur mit großer Mühe. Zu zweit geht es recht gut, mit Päuschen sind wir entspannte anderthalb Stunden beschäftigt.

Dann gibt es ein schnelles Mittagessen, Ragout Fin und Königinnen-Pasteten, als Nachtisch ein Stück der selbstgebackenen Sacher-Torte. Auch sehr fein für einen Mittwoch.

Nach wie vor fällt mir auf, dass B. von seiner Frau I. immer nur als „meine Frau“ spricht, selbst mir gegenüber, die ich sie doch kannte. Nie nennt er sie beim Namen. Auch eine Art der Trauerbewältigung.

Gegen 13:45 Uhr fahre ich zurück, gehe zur einen Bank, um Geld abzuheben, und zur anderen, um Geld einzuzahlen.
Keine Schlange vor dem Fahrradladen, deswegen bringe ich schnell unsere beiden Schrotträder rüber und lasse die Fachfrau mal draufschauen. Bei H.s lohnt es sich nicht, nochmal Geld reinzustecken, wenn man es nicht selbst fahren will, es kommt auf den Schrott. Ich vergesse sogar, ein Foto zu machen. Ich hatte keine Beziehung zu dem Rad, und ihm war es wohl eher theoretisch, als Symbol, als Idee wichtig. Und hat ihm auch Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen verursacht, weil er nicht so viel gefahren ist „wie er sollte“. Und weil er es nicht so gepflegt hat, „wie er sollte“. Es geht jetzt auf den Schrott.
Bei meinem schwärmt sie gleich von dem guten Rahmen, merkt aber kritisch an, dass bis auf den Rahmen und die Felgen nicht viel verwertbar ist; Bremse, Gangschaltung und Licht müssen komplett neu gemacht werden, Kette und Sattel sowieso. Es wird ein paar hundert Euro kosten, aber ich habe dieses Rad früher wirklich geliebt, bin damit durch Brandenburg und Süditalien gefahren und will es jetzt auch wieder intensiv nutzen. Vielleicht wird meine Fernwanderung nach K. ja auch eine Fahrrad-Fernwanderung, wer weiß.
Eine Perspektive.

In der Wohnung ist der Entrümpler zugange, das erleichtert mich ungemein. Er hat alle Termine im Kopf, meint wieder „Kein Problem“, und ich glaube ihm, nicht nur weil ich muss, sondern weil ich ihn kenne und weil er einen guten Ruf und im Kiez noch niemanden hängengelassen hat und weil er diesen Job immerhin seit 20 Jahren macht und weiß, was er tut.
Wir verabreden uns für später, falls er noch Hilfe beim Runtertragen brauchen kann.

Wieder zu Hause bin ich sehr aufgeregt: Die Begegnung mit Freund B. und die neuen Gedanken zu meiner unmittelbaren Zukunft und die Geschichte mit dem Rad und die veränderte Einstellung zu TSO (abwarten, nichts machen) wirken zusammen mit dem starken Kaffee, den B. gemacht hatte, wie Speed.

Arbeitsmäßig bekomme ich nichts zusammen, ich will mit irgendwem reden und rufe unter einem Vorwand die Lieblingskundin an und plaudere mit ihr 20 Minuten. Dann kommt eine Anfrage von Freundin B. wegen eines Spaziergangs in einer guten halben Stunde, und ich sage begeistert zu.

Beim Spaziergang erzähle ich begeistert vom Termin bei der Trauerbegleiterin und von all den Plänen und Entscheidungen, die ich in Bezug auf meine Zeitgestaltung, meine Trauerarbeit und TSO getroffen habe. Es klingt in meinen Ohren wieder völlig wirr und unsortiert, aber sie wird sich schon die richtigen und wichtigen Sachen rauspicken. Natürlich durchschaut sie meine Gefühle für TSO, auch wenn ich sie runterspiele. Vermutlich denkt sie, ich selbst würde es nicht richtig begreifen, aber das ist mir egal.

Um halb sieben wieder zurück, P. hat angerufen, ich rufe zurück. Er klingt viel besser, wird am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen, lädt mich fürs Wochenende zum Spargelessen ein. Das ist doch schön, dann habe ich wenigstens einen Termin am Wochenende und falle nicht in ein ganz tiefes Loch. Gerade am 1. Mai tut etwas Ablenkung ganz gut.

Danach M. angerufen, sie kommt wahrscheinlich Samstag in einer Woche raus. Das Laufen geht besser und sie spürt auch eine positive Veränderung im Rücken, insgesamt erscheint mir ihre Stimmung aber eher manisch-aufgedreht, weil nun heute mal ein guter Tag war. Ich glaube nicht daran, dass das anhält, deshalb ist meine Begeisterung angesichts der Fortschritte etwas gedämpft. Aber natürlich ist es gut, dass sich was tut und die OP offenbar erfolgreich war.

Ich will mich gerade für den Abend fertig machen und überlege, was ich essen könnte, da ruft der Entrümpler an: „Ich trage jetzt runter – Wenn Du Bock hast, kannst Du gerne helfen kommen.“
Ich finde es apart, wie die Männer in meinem Leben immer sagen, „Wenn Du Lust hast“, wenn es darum geht, ob ich bei unangenehmen oder anstrengenden Arbeiten helfe. Als wenn das eine Frage von Lust wäre – es muss getan werden, und wenn ich helfen kann, schaue ich natürlich nicht zu, wie sich ein anderer abrackert. Ihre Form, um Hilfe zu bitten. Süß. H. war genauso.

Wir schleppen also eine Dreiviertelstunde alten Teppich und diverse Bretter runter. Ich erkenne Teile vom Kleiderschrank im Flur (ein Spanplattenmöbel, hauptsächlich praktisch, weniger schön, sicher nicht besonders teuer, wenn auch eins der wenigen Stücke, die H. neu gekauft und nicht von irgendwem übernommen hatte).

Den Teppich aus dem hinteren Zimmer trage ich komplett allein runter. Das Zimmer ist jetzt leer und ich sehe wieder den Dielenboden, den ich 2009 geschrubbt habe, nachdem der Mitbewohner gestorben war und ich während H.s Weihnachtsaufenthalt bei der Familie das Zimmer aufgeräumt und geputzt hatte. Ein Kreis schließt sich. Den Teppich hat H. am 5. April 2009 gekauft, wir haben ihn gemeinsam die vier Etagen hochgeschleppt und am 10. Mai 2009 verlegt. Nun schleppe ich ihn allein wieder runter – natürlich in Teile zerschnitten – und er landet im Müll.
Traurig. Er war noch gut in Schuss, hätte sicher noch zehn oder zwanzig Jahre gehalten, so gut, wie H. ihn gepflegt hat.

Kurz vor neun wieder zu Hause. Kurz chatten mit Freund B., der wissen will, wie „es in der Wohnung aussieht“ und beruhigt ist, als ich den Stand der Dinge melde.
Unter die Dusche.
Zum Abendbrot backe ich mir ein Stück Baguette auf, das gibt es mit Knoblauch und Butter und Käse. Muss reichen, reicht auch, das Mittagessen war reichhaltig, und nach körperlicher Anstrengung habe ich nie großen Hunger.

Schaue den Film an, denke nach, fantasiere und verbiete es mir wieder. Nützt nichts, jetzt darauf herumzudenken. Ablenkungsmanöver. Schluss damit!

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Liebe. Zuneigung. Freundschaft.

What I did today that could matter a year from now:
Das Fahrrad zum Wiederaufbau geben.

Was wichtig war:
Menschen treffen.
Reden.
Zuhören.
Helfen.
Körperliche Betätigung.
Geldangelegenheiten regeln.
Einen Auftrag erteilen.
Der Vergangenheit begegnen.

Begegnungsnotizen:
Menschen in U- und S-Bahn, bei der Bank.
Freund B.
Freundin B.
Entrümpler J.
Frau im Fahrradladen.

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