Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreiundneunzigste Tag im Danach: Alles auf einmal und alles zuviel

Auf und ab, hoffen und bangen, grenzenlose Traurigkeit und unbändige Freude. Aprilwetter der Seele.

29. April 2021. Donnerstag. Schlecht geschlafen, immer wieder aufgewacht und entschieden: Nee, noch zu früh, reicht noch nicht. Kurz vor halb acht aufgegeben: Wenn ich noch länger im Bett bleibe, ist mir der halbe Tag vermurkst, weil der Vormittag dann zu kurz ist.

Vielleicht muss ich das auch mal lernen: Ausschlafen, nicht auf die Uhr schauen, sondern einen Tag nach meinem inneren Rhythmus gestalten. Das kann aber nur an einem Tag funktionieren, an dem ich kein Arbeitsprogramm oder Termine habe oder für irgendwen erreich- oder ansprechbar sein muss. Also eigentlich kaum jemals.

Die Stimmung ist heute deutlich gedämpfter, und das liegt nicht nur am grauen Himmel und Regenwetter.
Heute ist Endspurt in Sachen Wohnung: Alles muss raus, Tischgestell und Waschmaschine zu mir.
Mich macht das – natürlich – melancholisch und traurig. Wieder ein Abschnitt vorbei. Wieder ein Abschied. Wieder ein Verlust.

Die gestrige Vorfreude auf ein wenig mehr Zeit, auf Freiraum, auf nachlassenden Druck ist wieder umgeschlagen in Zukunftsangst, Unsicherheit, Traurigkeit. Nicht so stark wie noch vor ein paar Tagen, aber spürbar.

Gleichzeitig glimmt da aber auch eine Art Vorfreude, jetzt – endlich! – mal Zeit für mich und meine Trauer zu haben. Vielleicht doch zu H. zurückzufinden, seine Stimme, sein Lachen zu hören, in Gedanken mit ihm sprechen zu können. Die Erinnerungen durchleben zu können. Dinge zu verstehen, Fragen beantwortet zu bekommen.
Endlich in Kontakt treten zu können mit Verwandten, Freunden, Wegbegleitern.

* * * * *

Vormittags Organisations-Kram: Geschirr wegräumen. Essens- und Einkaufsplanung. Einkauf im kleinen Supermarkt, vorher kurz hoch in H.s Wohnung und nochmal den aktuellen Zustand fotografieren.

Telefonat mit der Lieblingskundin, die von einer neuen Anfrage erzählt: Ein sehr spannendes Projekt für einen sehr großen Kunden. Wir sind ein bisschen aufgeregt, sie mehr als ich. Ich denke ja immer: Die kochen auch nur mit Wasser, und am Ende sind sie genauso tot wie alle anderen auch, also worum Geschiss machen? Und wenn sie das ganze Ego-Dominanz-Agentur-Gehabe brauchen, kommen wir ohnehin nicht zusammen.
Also abwarten.

Mails beantworten, Gedanken niederschreiben.

Ich führe die ganze Zeit Selbstgespräche und halte imaginäre Vorträge; das fing gestern Abend schon an. Gleichzeitig habe ich Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und bei einer Sache zu bleiben. Sprunghaft im Denken. Leicht aufgedreht.
Atmen. Fokussieren. Immer wieder zurückkommen.
Mein Kopf läuft Volten.

Frage an die Trauerbegleiterin:
Was ist der Unterschied zwischen „eine Lücke stopfen, um den Schmerz zu vermeiden“ und „Hilfe suchen, um eine Lücke zu stopfen, die entstanden ist – nicht um den Schmerz zu vermeiden, sondern um Hilfe bei etwas zu haben, was ich alleine nicht schaffe“?
Gibt es einen Unterschied?

Wieder nachdenken über TSO – was beschäftigt mich so an diesem Menschen, dass ich mich gedanklich immer wieder an ihm festbeiße?
Ich glaube, er ist als Mensch schon sehr anders als ich ihn mir so zusammenstricken will. Weniger flauschig, weniger liebevoll. Er hat diese Anteile, natürlich, aber er hat auch andere, weniger sichtbare. Spannend. Ich würde da wirklich gerne mehr hinter die Kulisse blicken.

Unabhängig davon, wer der „richtige“, der „wahre“ TSO ist – ich mag ihn,
weil ich mit ihm lachen kann.
weil ich mich bei ihm wie ich selbst fühle.
weil ich mich bei ihm nicht verstellen oder zusammenreißen muss.
weil ich Vertrauen zu ihm habe.
weil ich mich bei ihm sicher fühle.

Das sind natürlich alles Qualitäten, die
a) meine Beziehung zu H. ausgemacht haben und
b) generell eine enge Beziehung, die über Freundschaft hinausgeht, ausmachen

Meine Gedanken springen heute wie kleine Ziegenböckchen kreuz und quer.
Das ist lustig, aber auch ein bisschen anstrengend, weil ich sie immer wieder einsammeln muss, um weiterzuziehen.
Heute und morgen und übermorgen muss ich funktionieren. Am Sonntag können sie laufen.

Ich denke darüber nach, als Teil der Trauerarbeit alles aufzuschreiben, was mir in Bezug auf H. in den Kopf kommt (Erinnerungen) oder was mir anderswo begegnet. Auch die Chronik seines Lebens. Ein „Book of H.“.
Es ist eine Aufgabe für meinen Kopf und eine Möglichkeit – erstmal – Dinge festzuhalten, die ich noch nicht loslassen möchte/ kann.
Selbst wenn daraus mittel- oder langfristig nichts entsteht und es einfach auf meiner Festplatte vor sich hin rottet. Für den Moment verspreche ich mir davon Hilfe.
Auch Briefe an H. können dort hinein, Originaldokumente usw.
Ich überlege, wie ich das sinnvoll strukturiere, weil es verschiedene Ebenen gibt: eine chronologische nach seinem Leben, eine chronologische nach meiner Auseinandersetzung, eine thematische (Arbeit, Privates, Musik, Menschen, Erinnerungen…), eine nach Inhalten (Informationen, Dokumente, Bilder, Ton…).
Ich muss nachdenken.
Ein Projekt. Auseinandersetzung, keine Ablenkung.

Ich lauere auf eine Nachricht, auf ein Zeichen von TSO. So gar keine Antwort auf meine Nachrichten macht mich schon wieder nervös, obwohl ich mich bemühe, diese Gedanken nicht zuzulassen.
Ich würde mich einfach über ein Zeichen freuen. Einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass das, was er so in den letzten Wochen gesagt und „versprochen“ hat, nicht nur heiße Luft war.

Damit hängt wahrscheinlich auch das Bedürfnis zusammen, ihn über jeden Gedankengang und jedes Erlebnis meinerseits zu informieren. Was wiederum Zeichen meiner inneren Anspannung und Überdrehtheit ist. Er würde sich bedanken. Auch H. hat darunter gelitten, wenn ich so war und einfach nicht aufhören konnte, mich mitzuteilen.
Sehr anstrengend.

Ich mache Platz für den Waschmaschinen-Transport, räume frei, sauge, ziehe die alte Maschine vor. Mehr kann ich erstmal nicht tun. Abwarten. Nachdenken. Schreiben. Platz im Wohnzimmer schaffen für das Tischgestell. Sessel und Tüten und Kartons von a nach b schieben und neu stapeln, noch platzsparender und kompakter. Es geht immer noch was.

1 Stunde arbeiten, Änderungswünsche in einem Template einarbeiten, einen alten Text reaktivieren.
Zwischendurch chatten mit Freundin B. und Freund B.
Warten.
Imbiss.
Bilder bearbeiten.
Aufräumen.
Auf den Anruf des Entrümplers warten, dass es losgeht. Er ist vormittags noch bei einem anderen Objekt.

Noch ein Anruf der Lieblingskundin zur neuen Anfrage. Ich versuche zu beruhigen und zu ordnen.

* * * * *

Um vier Aufbruch Richtung Friedhof, vorher in H.s Wohnung vorbeischauen, dort ist noch niemand, also weiter. Den Baum anschauen. Jetzt rieseln schon massiv die Blütenblätter, die Pracht dünnt sich aus.
In der Ferne grummelt es, das Grummeln zieht rasch näher, wird lauter, erste Regentropfen fallen.
Ich hocke mich mit meinen Notizen (Anforderungskatalog für das GroßeNeueProjekt der Lieblingskundin) unter das Vordach der Kapelle, da bricht das Unwetter los.
Ich hatte nicht daran gedacht, dass der Kapelleneingang nach Westen weist; mit der ersten Windbö bin ich klatschnass. Nach wenigen Minuten wird aus dem Regen Hagel, es bläst und schüttet, und kein Zentimeter bleibt trocken. Mit mir stehen dort links drei Frauen und rechts zwei Männer. Alle sind pitschnass und tun so als wäre nichts. Wir sind cool und abgebrüht.

Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei, der Rasen ist übersät mit Blütenblättern.
Ich bin traurig, denn das versprochene Treffen „solange der Baum blüht“ ist wohl längst in Vergessenheit geraten. Ode wurde dem Alltagsstress geopfert, ich frage nicht nach. Nicht betteln.

Ich wandere wieder zu H.s Wohnung, dort ist inzwischen (anderthalb Stunden später) der Entrümpler eingetroffen und am Werkeln. Er freut sich, mich zu sehen, und ich mache mich daran, die kleineren Sachen, die er am Treppenabsatz bereitgestellt hat, nach unten zu tragen: Lautsprecherboxen und Aufbewahrungskästen mit Kleinkram und Kartons mit Elektronik und Geschirr und Stühle und Holzbalken und Bilderrahmen und Säcke mit Bettwäsche und überhaupt: Zeug.

Ich muss sicher 40 mal gehen, bei 30 höre ich auf zu zählen. 40 mal vier Etagen. Ich gehe immer eine Etage tiefer, dann wieder eine hoch, um das nächste Ding zu holen. Nur so ist es für mich zu schaffen: in kleinen Etappen. Zuletzt immer zwei Etagen, denn unten haben die Absätze weniger Stufen.

Zweieinhalb Stunden geht das so, unterbrochen nur durch einen kurzen Gang zum Spätkauf, um Getränke für den Entrümpler zu holen, der keine Maske mehr hat.
Bei einer der letzten Fuhren verzähle ich mich an einem Absatz und gerate auf der vorletzten Stufe ins Stolpern. Ich fange mich, knalle mir aber den Holzkasten, den ich trage, ans Kinn und beiße mir die Unterlippe blutig. Zum Glück ist nichts an den Zähnen und kein Bluterguss am Kinn. Die Lippe wird schon wieder heilen.
Kollateralschäden.

Kurz vor neun brechen wir ab. Ich kann nichts mehr tun, er muss erstmal was essen, ist fix und fertig. Ein Kumpel soll noch kommen und die schweren Sachen mit rausschleppen: die Waschmaschine (zu mir), den Kleiderschrank, den Schreibtisch, das Bettgestell. Mir wird bang, aber es ist zu spät, jetzt noch Alternativen zu organisieren, wir müssen uns jetzt durchbeißen, das Ding irgendwie zu Ende bringen. Nützt ja nix.

* * * * *

Zu Hause kurzes Telefonat mit M., währenddessen eine Tiefkühl-Pizza warm machen.

Eine halbe Stunde später bringt der Entrümpler den Tisch. Er hat „die Schnauze voll“. Ich verstehe ihn bestens, entschuldige mich aufrichtig für all den Stress. Ihm war halt der zusätzliche Auftrag kurzfristig in die Quere gekommen, da wollte er auch jemand anderes nicht hängenlassen, und nun hat er den Salat. Es gibt so Situationen, ich kenne das ja auch. Nur ist es in meinem Job körperlich nicht so anstrengend.

Von M., die sich in die Situation eines Selbstständigen auch nicht mal minimal reindenken kann, kommt natürlich nur „Dann ist er wohl doch nicht so zuverlässig, wie Du immer behauptest…“
Ja, Du mich auch.

Ich packe mich ins Bett, zappe noch, sortiere Gedanken:

Auf dem Friedhof und dem Rückweg hatte ich natürlich wieder viel über TSO nachgedacht, inzwischen wieder deutlich pessimistischer: Er interessiert sich nicht die Bohne für mich, warum sollte er auch, er ist nur nett und professionell-hilfsbereit, das hat nichts zu bedeuten, ja, er ist eigentlich nicht mal richtig nett, das ist alles nur heiße Luft, und dann macht er Versprechungen, die er nicht hält, vergiss ihn, aber schnell.

Beim Räumen und Schleppen von H.s Sachen spürte ich dann in jedem noch so unbedeutenden Stück seine Person: Er hat dieses Teil irgendwann, vermutlich mit Vorfreude oder Besitzerstolz, die vier Etagen nach oben getragen, und jetzt trage ich sie herunter, damit sie andere Menschen glücklich machen oder auf dem Müll landen.
Und ich werde unglaublich traurig und melancholisch und denke:
Hier sitzt der wahre Schmerz. Alles andere ist nur Platzhalter-Schmerz, Luxus-Schmerz, Kinkerlitzchen, Kinderkram.

Und der Gedanke: Beschäftige ich mich so intensiv mit dem Nicht-Haben-Können in Bezug auf TSO, weil das emotional vergleichsweise harmlos ist? Weil ich den Schmerz in Bezug auf ihn gefahrlos spüren kann, weil ja immer noch eine – egal wie winzige – Hoffnung oder zumindest Möglichkeit besteht, dass es doch eine Art Zukunft gibt? Die es mit H. eben definitiv nicht geben kann.
Ist der Schmerz in Bezug auf H. für meine Seele so unfassbar und total, dass sie es nicht aushält und sich stattdessen lieber stellvertretend mit dem kleinen Schmerz befasst, der weniger absolut und vernichtend ist?

Und dann ist es 22:15 Uhr, und das Smartphone macht „pling“, und da poppt eine Nachricht auf von TSO, und er schickt mir ein Foto von sich unter dem Baum, und er schreibt dazu „liebe Grüße“, ohne Bezug, ohne Erklärung, und in mir zerbricht etwas, und es ist einfach alles zuviel.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Nähe, Wärme, Überraschungen des Lebens.

What I did today that could matter a year from now:
Etwas zum Abschluss bringen und etwas Neues beginnen.

Was wichtig war:
Warten.
Geduld haben.
Vertrauen.
Locker lassen:
Nass werden.
Frieren.
Bis zur Erschöpfung körperlich arbeiten.
Das Blut schmecken.
Die Traurigkeit spüren.
Mich unbändig freuen.

Begegnungsnotizen:
Menschen im Supermarkt und auf dem Friedhof:
Entrümpler.

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Ein Gedanke zu “Der dreiundneunzigste Tag im Danach: Alles auf einmal und alles zuviel

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