Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der achtundneunzigste Tag im Danach: Selbstregulation

Merken, wenn es zuviel wird. Aufhören können. Sich ergeben, aber nicht aufgeben.

4. Mai 2021. Dienstag. Wach und aufgestanden um halb sieben. Gut geschlafen, nur einmal kurz vor fünf kurz wach, aber gleich wieder eingeschlafen. H.s Bett sieht aus wie zu früheren Zeiten, wenn er länger weg war: Es stapeln sich Klamotten und Bücher. Ich falle in vielerlei Hinsicht in alte Gewohnheiten zurück, das ist vielleicht ganz gut. Nicht alles muss neu gelernt werden.

Ich teste die Waschmaschine: Haben sie alles richtig angeschlossen? Läuft sie noch? Es scheint alles in Ordnung, nur die ungewohnten Geräusche irritieren mich. Meine Waschmaschine war ich jetzt 15 Jahre gewohnt, ich kannte jedes Klicken, Gurgeln, Rauschen und Klappern, jetzt denke ich immer, es ist etwas kaputt.
Aber der Küchenboden bleibt trocken, die Maschine läuft, die Wäsche ist hinterher feucht und riecht nach Seife – es scheint alles in Ordnung zu sein.

Über den Tag hinweg folgt meine Stimmung meinem Bio-Rhythmus: Morgens ok, versöhnlich, abgeklärt, vielleicht ein klein wenig traurig.
Diese Traurigkeit verstärkt sich im Laufe des Vormittags und erreicht am frühen bis mittleren Nachmittag ihren Höhepunkt, während gleichzeitig meine intellektuelle Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit abnimmt.
Am Spätnachmittag dann müde, lustlos, ausgelaugt.
Zum Abend hin steigt die Leistungsfähigkeit wieder etwas an, gleichzeitig bin ich entspannter (der Tag ist „geschafft“ und kann nicht mehr viel Schlechtes bringen), und auch die Stimmung wird wieder besser. Kommt dann noch ein kommunikativer Austausch hinzu, etwa ein Spaziergang mit Freundin B. oder ein Chat oder Telefonat mit Freund B., fühle ich mich wohl, aufgehoben, geborgen und voller Liebe auf die Welt.

Heute läuft es etwas anders, aber das sind sporadische Abweichungen, das Grundprinzip gilt.

* * * * *

Dieses ständige Denken, Wahrnehmen, Analysieren, innere Herumdiskutieren und Bewerten ist furchtbar anstrengend. Ich würde gerne mal den kompletten inneren Dialog (und es ist ein Dialog, kein Monolog) aufschreiben. Das ergäbe wohl ein 800-Seiten-Buch. Jeden einzelnen verdammten Tag.

* * * * *

Am mittleren Vormittag bekomme ich plötzlich heftige Stiche in der Herzgegend. Ich bin fast sicher, dass es nicht das Herz ist, sondern eine ausstrahlende Verspannung an anderer Stelle, trotzdem erschreckt es mich und macht mir bewusst, wie angespannt und verkrampft ich bin, wie sehr die Gedanken im Kopf rasen, wie sehr ich mich die ganze Zeit unter Druck setze, immer noch, selbst jetzt mit dem Programm [sic!] „Raum geben für Trauerarbeit“.

Also Vollbremsung, ich lege mich aufs Bett, atme, versuche mich zu entspannen. Lese. Frühstücke. Lese mehr. Chatte mit Freund B., der in W. unter schlechtem Wetter und Langeweile leidet. Langeweile klingt für mich wie ein unerreichbarer Luxus.

Nach zwei Stunden bin ich innerlich runtergekommen und wage wieder etwas leichte Arbeit. So ganz ausklinken kann ich mich momentan nicht.
Telefonat mit der Lieblingskundin.

Dann wieder weg vom Schreibtisch:
Eine Nachricht an Freundin B., ein Imbiss, Wäsche aufhängen, etwas schreiben. Papiere von H. sortieren (Briefe, Fotos, Andenken).

Dann im Rechner aufräumen und Mails und Browsertabs ausmisten.
Daten synchronisieren.

Einen aktuellen Nachrichtenbeitrag auf eine Website stellen. Leichte Programmierarbeiten.
Alles ohne Stress und ohne Druck, immer wieder von Pausen unterbrochen, in denen ich herumgehe und denke oder im Sessel sitze oder aus dem Fenster in den Wind schaue.
Geschirr spülen.
Noch etwas programmieren, dabei Musik von Kapela Ze Wsi Warszawa (Warsaw Village Band). Seelenmusik.

Die Musik bringt mich zum Singen und Tanzen, meine Seele zum Schwingen. Einen Tanz stampfe ich heftig mit, unter mir wohnt ja gerade keiner, und die Handwerker, die die Wohnung neu machen sind schon weg. Das Stampfen löst etwas in mir, plötzlich fließen wieder die Tränen und große Verzweiflung macht sich in mir breit.
Ein unermesslicher Bewegungsdrang ergreift Besitz von mir, und so ziehe ich mich um halb sieben an und stürme aus dem Haus.

Im Stechschritt marschiere ich los, nur schnell, schnell, will außer Atem kommen, mich auspowern.
Ich biege auf die Hauptstraße ein, gehe dort ein paar Meter und werde ganz plötzlich von der Sonne geblendet, die durch ein Loch in der dunkelgrauen Wolkendecke scheint. Ich bleibe abrupt stehen: Ist das schön! Ich kann mich nicht sattsehen, stehe dort, mitten auf dem Bürgersteig, und blinzele ins Licht. Dann weiter. Schnell, schnell! Nur weiter, nur weg.

In Gedanken treffe ich TSO, der mich wie immer fragt: „Wie geht es Dir?“ Und ich antworte: „Im Augenblick gerade nicht so toll.“ Und in meiner Fantasie bietet er mir an, gemeinsam „ein paar Schritte zu gehen“. „Hast Du denn Zeit?“ will ich fragen, verkneife es mir dann aber: Wenn er es anbietet, kann ich es auch annehmen und muss mir keine Gedanken über sein Zeitmanagement machen. Hilfe hat jetzt Priorität.

In meinen Gedanken sucht er ein Thema, etwas, das mich aus meiner Aufregung und drohenden Hysterie holen kann: „Erzähl mir von Deinem Termin bei der Trauerbegleiterin! Wie lief das ab?“ Das ist schlau denke ich, lass sie von etwas erzählen, das mit der Situation zu tun hat und sie dennoch zwingt, sich zu konzentrieren und dadurch von der aktuellen Panik ablenkt.

Und in meinem Kopf erzähle ich: Wie es ablief, was ich erzählte, was sie mir riet. Und beim „Erzählen“ wurde ich ruhiger, begann wieder gleichmäßiger zu atmen, verlangsamte meinen Schritt, kam nach und nach runter von meiner Aufregung. Schließlich ging ich wieder im normalen Spaziertempo, verlor wohl auch den irren, wilden Blick, schaute wieder auf die Welt und nicht durch sie hindurch.
Faszinierend.

Ich ging Richtung Friedhof, obwohl der natürlich schon geschlossen war, ging die Straße hinunter und am Büro des Bestatters vorbei. Ging weiter, bog ab, kam in die Nähe von TSOs Wohnung, wandte den Blick aber in die andere Richtung und kreuzte schnell die Straße. Weiter, immer weiter, diese Runde war ich noch nie gelaufen, sie birgt Gefahren, vermintes Gelände.

Im Kopf spreche ich weiter mit TSO. Setze ihm auseinander, warum die Hilfsangebote aller möglichen Menschen so sinnlos für mich sind. Unterbreite ihm, was mir im Moment wirklich helfen würde: Der safe space, wo ich sein kann, wo ich gesehen und gelassen werde, wo ich mich einbringen und nützlich machen kann.

Und während ich da gehe und erkläre, wird mir wieder deutlich, warum ich momentan nicht danach fragen kann: Es ist zu existenziell wichtig; ein Nein würde mich in eine schwere Krise stürzen, der Schwebezustand des ungewissen Vielleicht ist sicherer und besser zu ertragen. Jetzt nur keine weitere Desillusionierung, kein weiterer Verlust. Lieber eine Fantasie als nichts.

Und während ich gehe und debattiere, beginnt es zu regnen, aber ich setze die Kapuze nicht auf, sollen die Haare doch nass werden. Auch als anfängt zu gießen, lasse ich die Kapuze ab, es stürmt, schüttet, ich bin klatschnass, aber ich genieße es, lache darüber, der Regen ist nicht kalt, ich lasse mich durchnässen und fühle mich glücklich: Ich muss nicht weglaufen, mich schützen oder verstecken. Ich lasse los, gebe allen Widerstand auf, ergebe mich und bin dadurch frei. Surrender.

* * * * *

Kurz vor acht bin ich wieder zu Hause, aus meiner Kapuze ergießt sich ein kleiner See Regenwasser. Das spricht für die Wasserdichtigkeit des Materials.

M. meldet sich mit kläglichem Jammerton, schaltet aber sofort um als sie hört, dass ich eben erst nach Hause gekommen und im Regen klatschnass geworden bin, und eine gewisse Schadenfreude übernimmt. Mir egal, ich habe schon lange aufgegeben, von dieser Frau Verständnis oder wirkliches Interesse zu erwarten, das über ihre Eigeninteressen hinausgeht.
Und natürlich geht es wieder nur darum, was sie heute gemacht hat, wen sie gesprochen hat. Eine Pflegestufe wurde beantragt, aber die Hälfte der wichtigen Informationen (komplette medizinische Auskunft) fehlt, weil die Mitarbeiterin des Sozialdienstes nur auf das schaut, was für das Krankenhaus relevant ist. Und M. hat es ihr komplett überlassen und sich darauf verlassen, sie wisse schon, was sie tut. Mit diesem dürren Befund wird das aber wohl nichts.

M. ist der Meinung, sie habe „Anspruch“ auf „Unterstützung“ in Form einer „Haushaltshilfe“, weil sie „das alles“ nicht mehr schaffe. Im Grunde sieht sie nur die Chance auf eine fremdfinanzierte Putzfrau, damit sie sich nicht um die verhasste Hausarbeit kümmern muss, die sie sowieso nie „geschafft“ hat, wenn auch aus mentalen statt körperlichen Gründen.
Ich versuche ihr zu vermitteln, dass „nicht schaffen“ aus Sicht einer sozialen Institution bedeutet: Im Bett liegen oder nur an Stöcken gehen können, keinen Lappen oder Staubsauger mehr greifen können. Und nicht: Ich schaffe das nicht mehr in zehn Minuten wie vor dreißig Jahren, und außerdem habe ich sowieso keine Lust darauf.
Ich sage: Wer einkaufen gehen und ein paar Kilo Lebensmittel nach Hause tragen kann (sie bildet sich ein, das nächste Woche problemlos zu können und ist sehr stolz darauf), ist aus Sicht einer Kranken- oder Pflegekasse auch in der Lage, seinen Küchentisch abzuwischen und sein Geschirr zu spülen. Und sie müsse sich eben von dem Gedanken verabschieden, alle vier Wochen eine kurze heftige Putzaktion zu machen oder einmal die Woche einen Berg Geschirr zu spülen. Wer keine halbe Stunde am Stück stehen kann, muss eben schnell jeden gebrauchten Teller abspülen, das dauert dreißig Sekunden, und solange kann man stehen. Oder man saugt die Wohnung halt in Etappen; es gibt keine Vorgabe, das in einem Rutsch zu machen.
„Ich habe aber keine Lust, den ganzen Tag damit beschäftigt zu sein…“ mault sie. Das verstehe ich, sage ich, aber Deine Lust interessiert den Sozialträger nicht. Der ist dafür da, wenn es nicht mehr geht und nicht, weil Du keine Lust hast.
Food for thought.

* * * * *

Zum Abendbrot koche ich die Spargelschalen von gestern aus und mache mir Suppe; das alte Brot wird in der Pfanne mit Öl und Estragon zu Croutons geröstet.
Die Suppe erinnert in ihrer Konsistenz en wenig an Pudding. Ob man so auch Vanillepudding herstellen könnte? Ich muss es mal probieren.

Auf dem Laptop kopiere und lösche ich wild Daten, um Platz zu schaffen für die Filmdateien, die ich am Donnerstag bekommen soll: Das Rohmaterial von der Beisetzung.
Ich überlege noch, ob ich selbst etwas zusammenschneiden soll, bin aber noch unschlüssig.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Im Regen spazieren und patschnass werden. Die Freiheit, sich einfach zu ergeben und sich nicht verstecken oder schützen zu müssen.

What I did today that could matter a year from now:
Dinge über mich lernen. Werkzeuge ausprobieren.

Was wichtig war:
Vollbremsung.
Auf mich hören.
Mich um mich kümmern.
Trotzdem arbeiten.
Rausgehen.
Regen.

Begegnungsnotizen:

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