Zitate

Der hundertneunte Tag im Danach: Fluchtversuch

Es wird eng, und ich suche Hilfe. Bekomme Gefühlschaos, aber das ist besser als Schmerz.

15. Mai 2021. Samstag. Geschlafen bis kurz vor acht. Die Sonne scheint, obwohl doch eigentlich Regen und bedeckter Himmel angesagt war.

Nachts die Fantasie vom großen Hausputz im Häuschen: Mit weit geöffneten Fenstern und lauter Musik. Natürlich scheint draußen die Sonne, und es ist vormittags.
Was ist mit dem Rest des Tages? Mit den anderen Tagen? Bei schlechtem Wetter? Wenn die Musik aufhört zu spielen?
Ob ich mir einfach alles aus dem Körper schuften kann? Schrubben, graben, mähen, harken – und sonst rennen, rennen, rennen…

Ich sehe seit ein paar Tagen alte Unterlagen von mir durch, weil ich mich an H.s noch nicht rantraue. Heute auf diverse Notizen aus 2008/2009 gestoßen: Nach fünf Jahren Selbstständigkeit war das der Start meiner Firma in ihrer heutigen Form. Viel Konzeption, Selbstfindung und -optimierung: Marketing, Ziele formulieren und verfolgen, Methoden, Techniken, Gedanken, „Challenges“. Ich habe mich in dieser Zeit intensiv damit befasst, wie ich mehr Geld verdienen, mich besser vermarkten, bessere (oder überhaupt neue) Kunden finden, meine Schulden in den Griff bekommen und meine Telefonangst besiegen kann. Vieles davon hat die Basis gelegt, wie ich heute arbeite.
Da waren H. uns ähnlich, wir hatten ein Faible für „Methoden“ und Systeme.

2012 dann die nächste „Welle“: ich hatte inzwischen „bessere“ Kunden gewonnen und begann, meine Arbeitsmethoden, Projektmanagement, Ablage und Büroorganisation neu aufzustellen.
Wenn ich dann allerdings in Unterlagen aus 2012 lese „Wenn ich so weitermache, komme ich nie auf einen grünen Zweig“ ist das wie ein Déja Vu – solche Sätze hätte ich beinahe jedes Jahr schreiben können (und habe es wohl auch). Es gab dann immer wieder Wellen von „Jetzt aber“, dann beschäftigte ich mich wieder intensiver mit mir und meiner Firma, in der Hoffnung, jetzt endlich den Schlüssel zu mehr Einkommen zu finden. Zuletzt war das Ende 2019 der Fall.

Auch das ein Thema, das H. und mich gleichermaßen beschäftigt hat: Mehr Geld verdienen. Genug Geld, oder am besten viel Geld, um „ausgesorgt“ zu haben, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wir haben uns im Grunde permanent Sorgen gemacht; ich in den letzten Jahren etwas weniger, weil es mit der Lieblingskundin gut läuft (ich darf allerdings nicht daran denken, was passiert, wenn die mir mal wegbricht); er wohl eher wieder mehr, auch wenn wir nicht mehr diese Schulden am Bein hatten und irgendwie klar kamen. Aber seine Situation war auch prekärer: Ein Haufen Kleinkram und ein großer Kunde. Und wenn der weg ist (und es sieht seit zwei Jahren so aus, als könne das jederzeit geschehen), dann Gute Nacht.

Ob ihn letztendlich die ewigen Sorgen und der damit verbundene Stress getötet haben? Vermutlich hatte es einen Anteil. Das hätte nicht sein müssen, und ich hoffe, ich lerne daraus und ziehe rechtzeitig die Reißleine, um nicht denselben Weg zu gehen.
Nur: Wie macht man das? Wie an Geld/ Absicherung kommen, ohne sich wegen dieser Existenzfrage zu zermürben?
Doch einen Job annehmen? Quasi kapitulieren?
Was kann ich lernen?
Wie kann ich es zukünftig besser/ anders machen?
Was ist jetzt wichtig?

* * * * *

Im Laufe des Vormittags werde ich immer trauriger, vielleicht kommt das auch durch diese Rückschau und dass ich mich jetzt verstärkt mit meinem eigenen Leben beschäftige, mit meinen früheren Wünschen und Träumen und dem, was ich in den letzten 20 Jahren tatsächlich gelebt habe.

Eigentlich gut und ausgeruht und motiviert aufgestanden bin ich gegen elf Uhr ein Wrack: Traurig, verunsichert, frustriert, müde, lustlos, unmotiviert.
Viele Erinnerungen an H., weggeschobene Traurigkeit, Planungsprobleme & Druck.

Ich beschließe, den gestern angedachten Besuch bei Freund B. heute zu machen, vielleicht lenkt das genug ab, dass ich wieder etwas Zuversicht gewinnen kann.

Und morgen drängt schon wieder die Zeit: Arbeit, Friedhof, Bewegung, Spaziergang, Planung, Telefonate…
Hört das nie auf?

* * * * *

Bevor ich zu B. fahre, noch ein Mini-Einkauf im großen Supermarkt. Es ist halbwegs leer, nur sechs oder sieben Mitarbeiter räumen Regale ein. Zählen die bei der Anzahl maximal zulässiger Personen eigentlich mit?

Da ich mich beim Umsteigen beeile, komme ich schnell durch und bin in einer Dreiviertelstunde bei B. Für einen Samstag nicht schlecht.
Er hat endlich sein Sofa verkauft (darüber jammerte er schon im Februar, als ich bei ihm Kleidung abholte), außerdem einen Haufen Blechdosen und etwas Kleinkram. Der Nachlass der Sammelwut seiner Frau. Wenn man darüber nachdenkt, was für Geld hier versenkt wurde, und wie wenig man auf sehr mühselige Weise dafür zurückbekommt, kann einem ganz anders werden. Zum Glück verbietet B. sich solche Gedanken größtenteils.

Wir essen zusammen zu Mittag (Rostbratwürste mit Sauerkraut), dann geht es an den Rechner, Fotos aus W. anschauen, dann Musikvideos (Leonard Cohen Tribute, America’s Got Talent, 46664 und anderes).
Kaffee und Teilchen.
Dann mit Sekt auf den Verkauf des Sofas anstoßen, die mittags angebrochene Flasche Weißwein leeren und in der zunehmend dunkler werdenden Küche sitzen und reden. Confession Time.

Am Ende bin ich gepflegt angeknallt, das tut mal wieder richtig gut: In Gesellschaft essen und trinken und reden. Anders als mit H. natürlich, aber trotzdem wohltuend und hilfreich.
Wir denken an, dass B. mich nach K. begleitet und erörtern die damit verbundenen Implikationen und Reaktionen der Nachbarschaft. Und ich habe sowas von keiner Lust, jetzt in diese Richtung zu denken, aber es wäre natürlich dumm, das nicht zu tun.

Kurz nach Mitternacht breche ich auf, die Heimfahrt geht ähnlich schnell, um eins bin ich zu Hause.
Zum Glück haben keine Kneipen auf, ich würde noch irgendwo hingehen.

Wach. Aufgedreht. Hungrig. Frustriert und ein wenig sauer wegen der ausbleibenden Reaktion von TSO.
Rutscht mir doch alle den Buckel runter.

Esse den Rest Auflauf und kollabiere vor dem Fernseher.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Fliederblüte am Bahndamm

What I did today that could matter a year from now:
Gedanken denken, Entscheidungen vorbereiten, einen Abschied enleiten

Was wichtig war:
Den Teufelskreis unterbrechen.
Weggehen.
Unterstützung suchen.
Reden.
Zuhören.
Trinken.
Leben.

Begegnungsnotizen:
Menschen im großen Supermarkt und in U- und S-Bahnen.
Freund B.

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