Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertsiebzehnte Tag im Danach: Einen Tisch aufbauen und eine Flasche Saft austrinken

Ein Besuch bringt Gesellschaft, Abwechslung und komische Gedanken. Die Traurigkeit wird zum Grundton meines Lebens. Philosophieren über eine Flasche Saft.

23. Mai 2021. Sonntag. Pfingstsonntag. Karnevalsumzugstag. Normalerweise.

Ich bin kurz vor sechs wach, gelbe Rechtecke vom Sonnenlicht an der Zimmerwand, aber die Sonne lugt immer nur kurz hervor, es ist wechselhaft und feucht, Regen liegt in der Luft.

Schon beim Aufwachen bin ich traurig; Erinnerungen und Gedanken an H. fluten mein Hirn. Alles Kleinigkeiten, es ist nicht der große Schmerz, eher so ein grundsätzliches Sehnen, ein ziehender Schmerz wie die Muskeln nach einem Umzug: sie tun noch nicht richtig weh, aber man spürt, dass man etwas getan hat.
Seelenmuskelkater.

Gestern beim Einschlafen kurz ein Aufblitzen des Gefühls: Die Zeit mit H. fühlt sich nicht mehr so „gegenwärtig“ an, nicht mehr als mein jetziges Leben sondern bereits ein bisschen als Teil der Vergangenheit.
Das ist sicher gut und gesund, macht mich aber unglaublich traurig: Schon wieder geht etwas verloren.
Ich kann wirklich sehr schlecht Abschied nehmen, momentan.

Aber in die Traurigkeit mischt sich auch Zuversicht.
Mein Leben hat sich stabilisiert, das ist zwar einerseits langweilig, diese gleichförmig dahintröpfelnden Tage, andererseits aber auch erholsam und dringend notwendig.
In den letzten Tagen sind die körperlichen Stresssymptome (Herzstiche, enge Brust, Übelkeit, Kopfschmerz, entzündete Zähne) fast vollständig verschwunden – und damit ein großer Teil meiner Angst, selber krank zu sein.
Ich bin nicht mehr schon beim Aufstehen knochenmüde und grunderschöpft bis in die letzte Faser. Ich habe immer noch das Gefühl, Schlaf brauchen zu können, Ruhe, Erholung, aber ich fühle mich auch wieder mehr wie ich selbst. Mehr wie mein „altes“ Selbst. Mehr wie „vorher“. Mehr wie 2020.
Und das fühlt sich irgendwie auch wirklich gut an.

* * * * *

Bevor Freund B. kommt, habe ich noch zu tun: Klo putzen, Geschirr spülen, Schnecken backen.
Irgendwann sinke ich doch ermattet ins Bett, schlafe auch nochmal kurz ein, dann ruft B. an, dass er gleich kommt. Er hat nun doch das Auto genommen, um mir einen Blumenkasten vorbeizubringen, wo ich die übriggebliebenen Frühlingsblumen vom Grab einsetzen kann. Ich überlege noch, ob ich sie mitnehme nach K., die Primeln würden dort wachsen; es wäre schön, irgendwo eine bunte Primelecke anzulegen, vielleicht im Beet an der Terrasse.

B. ist erstaunt, wieviel sich in der Wohnung verändert hat, seit er zum letzten Mal hier war, das war am Tag der Wohnungsübergabe, wo hier noch die Waschmaschine angeliefert wurde und noch viel herumstand. „Respekt“ sagt er, er ist ja selber am Räumen und weiß, wie aufwändig das sein kann. Dabei habe ich ja die Sachen nur anders sortiert und hingestellt, nur wenig landete in meinen Schränken, noch weniger im Müll. Die eigentliche Aufgabe, das alles durchzusehen und auszusortieren, steht mir ja erst noch bevor.

Zusammen bauen wir H. alten ausziehbaren runden Esstisch auf, das geht leichter als gedacht und zu zweit auf jeden Fall besser als allein. Wieder was geschafft.

Wir schauen ins Moers-Festival rein, trinken Kaffee, essen Schnecken, reden Belangloses. Brechen irgendwann zu einem Spaziergang auf. Kanal und Park locken ihn nicht, er schlägt den Friedhof vor, also gehen wir dorthin und wandern mal über die benachbarten Friedhöfe, wo noch viel prächtigere Grabanlagen zu finden sind und ein paar historische Berühmtheiten liegen.

Es regnet von Zeit zu Zeit, dann scheint wieder die Sonne, die Temperaturen sind angenehm und der Regen stört nicht. „Wir sind ja nicht aus Zucker“ sagt er, und das ist ein Spruch, den ich auch oft benutze und den H. nie gemocht hat.

Leider triggert der Friedhof Gedanken an TSO und verursacht eine große Traurigkeit: ich fühle mich ungeliebt, allein gelassen, ein Stück weit auch verraten. Ich suche eine Heimat, will irgendwo dazugehören.
Ein sehr altes Gefühl.

Wir gehen wieder zu mir, sitzen noch eine Weile, reden. ich spreche über die widersprüchlichen Gedanken, die ich in Bezug auf das Haus habe, und mir wird wieder bewusst, wie verworren das alles gerade in meinem Kopf ist, wie unentschlossen ich bin.

Nach B.s Weggang wieder sehr traurig. Nicht, weil er weg ist oder weil ich allein bin. Es ist eine tiefergehende Traurigkeit, eine Mischung aus müde, verlassen, einsam, ungeliebt. Der ultimative, existenzielle Trennungsschmerz.

* * * * *

Dem Schmerz begegne ich mit Aktivität: Werfe eine Maschine Wäsche an, bepflanze den Blumenkasten. Schön sieht das aus, die zwei Stiefmütterchen leuchten gelb und zartlila.

Ich mache mir den letzten Rest Kartoffelgratin in der Pfanne warm und schlinge es geradezu hinunter, ich habe jetzt immer einen unbändigen Hunger und könnte den ganzen Tag essen, essen, essen. Teils liegt das wohl wirklich am erhöhten Energieverbrauch, teils ist es Seelen- und Nervenberuhigung. Ich nehme schon wieder zu, das gefällt mir nicht, ich muss aufpassen, was ich da zu mir nehme.

Der Freund aus K. schickt eine Nachricht zum Moers-Festival und weist auf das abendliche Solo-Konzert von John Scofield hin. Das hatte ich auch auf dem Zettel.
Nebenbei recherchiere ich zu einzelnen Grabmalen, die mir heute beim Spaziergang aufgefallen sind, schreibe, hänge Wäsche auf, schicke Freund B. ein Foto des bepflanzten Kastens.

Ich muss aufpassen, dass ich B. gegenüber nicht jede Idee erzähle, die sich in meinem Kopf formt, er hat eine Tendenz, alles schnellstmöglich umzusetzen, das überfordert mich, weil ich es entweder noch nicht endgültig entschieden habe oder selber machen möchte oder vielleicht auch gar nicht. Das passierte mir heute mit den Wasserhähnen, und er erwähnte auch einen möglichen Transport der Sessel und anderer Dinge nach K. „im Juli“. Wann sollen wir das beschlossen haben? Ich bin gar nicht mehr so sicher, ob ich die Sessel dorthin schaffen soll, weil ich ja auch nicht weiß, ob ich das Haus behalte. Außerdem würde ich sie vielleicht neu polstern und beziehen und das Holz aufarbeiten lassen, das geht hier womöglich besser.
Auch hier viele vage Ideen, aber nichts entschieden.
Da waren H. und ich uns ähnlich: wir ließen uns mit Entscheidungen gern Zeit, und wenn wir dann soweit waren, planten wir die Umsetzung generalstabsmäßig. Das „schnell mal eben machen“ war nie unser Ding, und ich tue mich schwer damit, obwohl ich auch gern ein bisschen mehr davon hätte. Aber solche Leute stressen mich auch ungemein, weil sie Fakten schaffen, von denen ich noch gar nicht weiß, ob ich sie (so) will. Und dann erwarten sie dafür noch Dankbarkeit.

* * * * *

Im Laufe des Nachmittags habe ich fast eine komplette Flasche Quittensaft getrunken. Dieser Saft stand jetzt seit langer Zeit in H.s Kühlschrank, er bekam sie bei einem Vor-Ort-Termin von Kunden geschenkt. Zwei Flaschen, um genau zu sein, die andere steht noch, inzwischen natürlich in meinem Kühlschrank.

Wegen dieser Flaschen hatte er schon langsam ein schlechtes Gewissen bekommen: „So etwas Gutes, den müssen wir mal trinken, bevor er verdirbt!“ Aber er vergaß immer, ihn mitzubringen und trank ihn auch nicht selber, wenn er zu Hause war. Zu besonders?

Das alte Problem: Er bekommt etwas, schätzt es unglaublich hoch ein, weil es etwas für ihn Besonderes ist, dann noch etwas Selbstgemachtes, er weiß, mit wieviel Arbeit und Mühe die Herstellung verbunden war, das macht es noch spezieller. Das kann man nicht „einfach so“ verbrauchen, das muss hoch geschätzt und entsprechend gewürdigt werden.
Nur dass die besondere Gelegenheit nie kommt. Oder wenn sie kommt, denkt man nicht an diese besondere Spezialität, die da noch irgendwo steht und auf ihren großen Tag wartet.
Dann steht das da, von Zeit zu Zeit sieht man es, denkt, ‚das müssen wir auch unbedingt mal genießen‘, vergisst es wieder, plant eben nichts damit, und irgendwann ist es zu alt, schmeckt nicht mehr gut, ist möglicherweise sogar verdorben, dann wirft man es weg und geißelt sich deswegen: Was für eine Veraasung! So etwas Tolles!

Wir hatten das sehr oft.

Eigentlich müsste ich also stolz sein, dass ich den Saft nun auf den Tisch stelle, wo ein guter Freund zu Besuch kommt – wenn das kein angemessener Anlass ist? Auch wenn der Freund davon gar nichts trinkt, aber das ist egal, der Saft hatte seinen Einsatz.

Aber stattdessen bin ich endlos traurig, dass diese Flasche Saft nun geleert und fort ist. Diese Flasche, die mich an H. und an den Kunden erinnerte, an den Termin, von dem er mir erzählt hatte, und an andere Geschenke von anderen Kunden und an Saft, den ich mal beim Baumblütenfest in Werder gekauft hatte und an die Baumblütenfeste, die ich mit H. zusammen besucht hatte, und an Quittensaft, den ich auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt gekauft hatte, von einem Erzeuger aus einem Ort in der Nähe des Sees, an den H. und ich gerne fuhren, um dort zu baden, spazieren zu gehen und im benachbarten Wald Pilze zu sammeln.

So viele Erinnerungen verbinde ich mit einer Flasche Saft, und wie kann ich den „einfach“ austrinken?
Und vielleicht ging es H. ganz ähnlich, vielleicht verband auch er mit dieser harmlosen Flasche Saft unzählige Gefühle und Erinnerungen, die es schlicht verboten, den Saft „einfach so“ auszutrinken. Vielleicht machten all diese Erinnerungen und Gefühle den Saft so besonders

Unendliche Traurigkeit.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Hilfe bekommen

What I did today that could matter a year from now:
Über das Haus nachdenken. Bedenken äußern. Alternativen ausloten.

Was wichtig war:
Besuch bekommen.
Nicht allein sein.
Den Tisch zusammenbauen.
Den Wasserhahn freilegen.
Rausgehen.
Bewegung.
Backen.
Nachdenken.

Begegnungsnotizen:
Freund B.

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