Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertachtzehnte Tag im Danach: Grillabend

Eine Einladung, ein Essen mit Freunden, alte Bekannte und neue Menschen. Mich gleichzeitig aufgehoben und fremd fühlen, die Grundtraurigkeit akzeptieren lernen.

24. Mai 2021. Montag. Pfingstmontag. Kurz nach sechs vom Sonnenlicht geweckt. Die Vögel singen. Schön.

Für den Nachmittag habe ich eine Einladung bei einer Bekannten, ein befreundetes Paar wird auch kommen; im Hofgarten soll gegrillt werden.

Ein Teil von mir hat darauf überhaupt keine Lust, möchte lieber einen langen freien Tag vor sich haben, möchte frei mäandern, möchte Arbeitsdinge erledigen, schreiben, vielleicht wieder mal einem Hobby frönen, zu einer Familie recherchieren oder ähnliches.
Das ist der Teil, der auch oft H. von Unternehmungen abgebracht hat: ‚Ich bin zu gestresst, das überfordert mich, ich brauche Ruhe, will mich ausruhen, erholen.‚ Um dann den Tag am Rechner zu verbringen und am Ende zu bedauern, dass das Leben ereignislos vorüberzieht.

Ein anderer Teil von mir freut sich: Raus kommen, neue Eindrücke gewinnen, Menschen treffen, Möglichkeiten erkunden, Kontakte knüpfen, Beziehungen pflegen.
Das ist der Teil, dem ich gerne mehr Raum geben möchte, auch wenn es mich höllisch anstrengt. Der Teil, der H. ähnlicher ist, den H. wohl auch mehr mochte, den er besser verstand. Und der Teil, der mich vielleicht meinem Ziel näher bringt, wieder irgendwo in irgendeiner Gemeinschaft eine Heimat zu finden. Der offene, unternehmungslustige, neugierige Teil.

Natürlich auch Gedanken der Trauer und des Bedauerns, dass H. und ich diese Einladung nicht gemeinsam wahrnehmen können (wobei wir sie gemeinsam vermutlich nie erhalten hätten, weil wir mit den Einladenden nicht mehr so eng verbunden waren, das hat sich erst nach der Beisetzung wieder angenähert).

* * * * *

Wahrscheinlich die Quintessenz meiner Trauer und Trauerarbeit: Dieses ständige, alles durchdringende Gefühl von Traurigkeit, Bedauern, Melancholie, Verlassenheit, Einsamkeit und Sehnsucht auszuhalten und irgendwie damit leben zu lernen. Zu lernen, wann (und wie) ich es gefahrlos wegdrücken kann (oder sogar sollte). Wann (und wie) ich mir den Raum schaffe, es zuzulassen und durchzustehen, weil es nur so irgendwann schwächer werden und vielleicht zeitweise wieder vergehen kann.

* * * * *

Ich habe keinen Kopf, vor dem Treffen noch etwas Sinnvolles zu machen, weder für die Arbeit noch für mich noch in der Wohnung. Ich backe eine Ladung Nussschnecken, schreibe, lese, schlafe ein wenig.

Kurz nach drei gehe ich noch schnell zum türkischen Bäcker, etwas Brot holen. Es gibt weder Baguette noch Pide noch Brötchen, also nehme ich eine Sesamstange mit Oliven und einen Butterring mit Schafskäse mit. Muss dann nochmal in die Wohnung hoch, weil ich das Handy liegengelassen habe.

Um halb vier wieder unten treffe ich das befreundete Paar am Platz, wir gehen zusammen. Unterwegs erfahre ich, dass noch dieser oder jener kommt, und ich denke kurz ‚Dann hätte ich auch absagen können, das wäre gar nicht aufgefallen.‘ Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass wir uns in sehr kleiner Runde treffen.

Es bleibt dann auch eine verhältnismäßig kleine Runde, wir sitzen im Hofgarten an einer langen Tafel, die meisten haben sich testen lassen oder sind bereits geimpft, ich bemühe mich, niemandem zu nahe zu kommen, das gelingt auch ganz gut.

Es ist ein angenehmer Abend, es wird kurz auf H. angestoßen, die Hälfte der Anwesenden kannte ihn, die andere nicht; ein alter Bekannter ist da, den ich zuletzt gesehen hatte, bevor H. und ich ein Paar wurden (aber schon eng befreundet waren), der kannte H. schon vor mir, aus der Kneipe, wo H.s zweite Band verkehrte. Er nennt ihn „besserwisserisch“ und „intolerant“, ich widerspreche vehement, und wir einigen uns auf „meinungsstark“ und „stur“. Mir fällt wieder ein, warum ich mich von diesem Menschen irgendwann zurückgezogen habe: Er ist zu sehr von sich überzeugt und hat seltsame ethische Standards.

Einer fragt interessiert nach H.s Musik und den Bands, das freut mich; es ist schade, nichts im Netz zu finden, MW. hat da schon recht, da müssen wir was machen.

Von vier bis zwölf sitzen wir, dann gehe ich gemeinsam mit dem Paar, mit dem ich hergekommen bin, wieder nach Hause.

Zu Hause kommt die ganze Anspannung raus, und ich „muss“ massives skin picking betreiben. Schreibe Freund B: eine Nachricht, der antwortet sogar noch; mache den Fernseher an, aber ich komme nicht zur Ruhe. Ich bräuchte jetzt H., mit dem ich noch ein Stündchen zusammensitzen und vielleicht noch etwas trinken und den Abend und unsere Eindrücke durchsprechen würde – denn Mitternacht ist nun wirklich keine Zeit, und wenn wir zusammen dagewesen wären und es kein Alkohol-Ausschankverbot ab 23:00 Uhr wegen Corona gegeben hätte, wären wir noch in irgendeiner Kneipe gelandet und hätten noch ein oder zwei Bier getrunken, um den Abend abzuschließen. Oder eben wenigstens zu Hause gesessen, und wenn wir kein Bier mehr gehabt hätten, hätten wir Wein getrunken oder den angesetzten Waldmeister oder zur Not den Fruchtwein, den ich ungeöffnet wieder mitgebracht habe.
Hätte, hätte.

So muss ich allein mit meiner Anspannung klarkommen, die natürlich auch um einiges höher ist als wenn H. dabei gewesen wäre.
Ich habe mich sehr lange nicht mehr in einer Gruppe von Freunden und wohlgesonnenen Menschen so fremd und fehl am Platze gefühlt, obwohl ich gleichzeitig fröhlich, zugewandt, interessiert, freundlich und mitteilsam war.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
In den Arm genommen werden.

What I did today that could matter a year from now:
Unter Menschen gehen.

Was wichtig war:
Ausruhen.
Ja sagen.
Sprechen.
Zuhören.
Ich sein.

Begegnungsnotizen:
Bäckerei
Gastgeberin M., Freunde K & F, Bekannter G., Freunde von M.

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