Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertneunzehnte Tag im Danach: Alles rauslassen

Worte und Tränen fließen lassen. Fragen stellen und Antworten geben. Hilfe annehmen. Rausgehen und sprechen.

25. Mai 2021. Dienstag. Mit wattigem Kopf nach knapp fünf Stunden Schlaf aufgewacht. Immerhin kein Brummschädel, nur Übermüdung, Schlafmangel, Überreizung, sozial und psychisch vollkommen erschöpft und überfordert, die Gedanken rasen wirr durch den Kopf, überall nur Forderungen: Kümmer Dich um dies! Erledige das! Beantworte meine Mail! Bearbeite mein Projekt! Entscheide Dich! Kümmere Dich! Melde Dich!
Ich. Mag. Nicht.

Komplette Verwirrung, alle Zeit- und Gefühlsebenen gehen durcheinander: Was wäre gewesen, wenn; was war; was ist; was wird sein; was soll sein; was wünsche ich mir; was kann ich nicht bekommen; wie, wer, was, warum?
Und unter allem das Gefühl von grenzenloser Einsamkeit und Traurigkeit.
Und es zerreißt mir das Herz und ich weine, weine, weine.

* * * * *

Setze mich dann irgendwann am mittleren Vormittag zu einer „Therapiesitzung“ in meinen Sessel. Ein noch funktionierender Teil von mir übernimmt den Part der Fragenstellerin: So, jetzt hol Dir mal einen Kaffee und ein Taschentuch, zieh Dir was richtig Kuscheliges an und mach’s Dir bequem. fertig? Gut, dann erzähl mal: Was ist gerade schwer?

Und ich erzähle meiner imaginären „Therapeutin“, was schwer ist: Dass H. mir so schrecklich fehlt; dass es mich verrückt macht, dass ich mich nur noch auf die Vergangenheit beziehen kann, dass er nicht mehr in meiner Gegenwart existiert und ich keine Zukunft mit ihm planen oder wünschen kann; dass ich ihn nicht in meinem Kopf hören kann, aber auch Angst davor habe, ihn heraufzubeschwören; dass ich überhaupt vor so vielen Dingen Angst habe; welche Versäumnisse ich meiner Meinung nach in unserer Beziehung begangen habe; was mir aktuell am meisten fehlt; warum ich darauf angewiesen bin, dass jemand mir zeigt, dass er mich uneingeschränkt liebt und mit mir durch Dick und Dünn gehen will. Alles, alles strömt aus mir heraus, und ich weine in anderthalb Stunden ein bettlakengroßes Stofftaschentuch voll.

Danach ist es besser.

Dann stellt meine innere „Therapeutin“ zwei entscheidende Fragen: Was würdest Du H. jetzt am liebsten sagen oder fragen? Nach ‚Komm endlich zurück!‘ ist das ‚Hilf mir!‘
Und was würde er antworten? – Keine Frage: ‚Natürlich helfe ich Dir! Was kann ich tun?‘
Und um was würdest Du ihn bitten?

Und dann geht es los, und plötzlich höre ich seine Stimme wieder und werde ruhiger.
Und ich hole mir noch einen Kaffee und putze mir die Nase und schicke die „Therapeutin“ in die wohlverdiente Mittagspause und hole mir Papier und Stifte und setze mich auf meinen alten Platz an den Wohnzimmertisch (ich sitze ja seit Monaten auf H.s Platz) und beginne meine Liste: Was jetzt wichtig ist.

Es wird ein ganzes A4-Blatt voll. Ich markiere Wichtigkeiten, nach H.s System mit senkrechten Strichen: ein Strich = steht an. Zwei Striche = wichtig, muss zeitnah erledigt werden. Drei Striche = heute oder so schnell wie möglich zu erledigen. T = Termin. TT = Telefontermin. RR = Rückruf. M = Mail.

Dann destilliere ich daraus eine möglichst knappe Liste von den Dingen, die heute unbedingt getan werden müssen, weil uns sonst der Himmel auf den Kopf fällt. Elf Punkte. Es ist halb zwölf. Ich kalkuliere Zeiten. Schaffbar.
Ich bedanke mich bei meinem imaginären H. (‚Musst Du Dich doch nicht bedanken, das ist doch selbstverständlich! Du schaffst das! Berg in Hügel!‘) und lege los.

* * * * *

Ich arbeite mit leidlicher Konzentration und großer Erschöpfung eine Dreiviertelstunde lang, dann mache ich eine Stunde Pause, räume RSS-Feeds auf und esse eine Kleinigkeit (Müsli, Mango).
Dann arbeite ich nochmal knapp anderthalb Stunden am Stück. Damit sind die Arbeits-Aufgaben für heute bis auf eine erledigt. Jetzt sieht der Plan Außenaktivitäten vor: Fotos abholen, Einkauf, auf dem Markt vorbeischauen, ob der Trödler da ist.

Es beginnt zu regnen, als ich losgehe, aber das macht nichts. Treffe die Nachbarin von ganz oben, die mit dem Hund rausgeht. Drehe meine Runde. Entdecke eine Flasche Wein, der interessant aussieht und nehme sie aus alter Gewohnheit mit. Es ist ein Spanier, das hätte H. interessiert. Er wird mir auch alleine schmecken. Ich schlucke kurz, aber da sind keine Tränen mehr.

Wieder zu Hause mache ich mir den vierten Kaffee des Tages und esse eine der selbstgebackenen Schnecken.
Schaue mir die Fotos an, die ich abgeholt habe. Es sind Abzüge von Bildern vom Weihnachtsmarkt im Dorf: H. fröhlich lächelnd neben verschiedenen älteren Damen, die alle geradezu glückselig in die Kamera strahlen. H. vor der Krippe. H. nachmittags nach Eröffnung am Glühweinstand mit dem ersten hochverdienten Bierchen des Tages. Und Bilder vom vorletzte Woche verstorbenen Bekannten, eins mit H., eins ohne.

Die Bilder will ich an die Witwe und an H.s Schwester schicken, einige sind auch für mich. Bilder auf Papier sind besser als am Bildschirm: man kann sie mit in den Sessel nehmen, genau anschauen, mit dem Finger über sein Gesicht streichen, sie küssen, sie ans Herz drücken und darüber weinen.

Aber heute habe ich keine Kraft mehr, die dazugehörigen Karten zu schreiben.

Ich bin für später mit Freundin B. zum Spaziergang verabredet. Weil ich mich erschöpft und dumpf und leer fühle, lasse ich die letzte Arbeitsaufgabe liegen und vertrödele stattdessen die Zeit mit Spielen und Nachdenken.
Immerhin öffne ich mal die zugehörigen Dateien und denke mich kurz wieder ins Projekt ein. So komme ich dann auch auf abrechenbare (!) zwei Stunden Arbeitszeit heute.

* * * * *

Der Spaziergang verschiebt sich um eine halbe Stunde, weil ein kurzes Gewitter niedergeht, dann kommt wieder die Sonne raus, und wir drehen schnell (eine Stunde) eine kleine Runde. Ich erzähle vom Grillabend und von meinen Ängsten in Bezug auf die Fahrt nach K. Freundin B. sagt zum Abschluss, nachdem ich ausgiebig Strategien und Dinge aufgezählt habe, die mir helfen könnten, wenn es emotional schlimm wird: „Und eins ist ja mal das Allerwichtigste…“ – „?“ – „Wenn es nicht geht, setzt Du Dich in den Zug und kommst zurück!“

Und ist es nicht wieder typisch, dass ich trotz flexiblem Ticket an diese Möglichkeit diesmal überhaupt nicht gedacht habe? Obwohl ich das sonst bei jeder Gelegenheit sage – Wenn es nicht geht, haue ich ab – ? Weil ja eben diesmal der Besuch von Schwester und Schwager ansteht und überhaupt. Na und? Wenn es nicht geht, haue ich ab. Den Schlüssel kann man irgendwo deponieren, eine Anleitung schreiben, was mit Strom, Wasser und Sicherungen zu beachten ist, und dann nichts wie weg. Was nicht geht, geht halt nicht.

Es ist so wichtig, sich immer wieder mit anderen zu besprechen, allein ist man ja manchmal wirklich blöd und blockiert.

* * * * *

Wieder zurück rufe ich M. an, bin aber so dermaßen erschöpft, dass ich nicht viel zum Gespräch beitragen kann.

Dann essen (Grillsteak, Salat mit Gurke, Tomate und Sauergemüse, Weißbrot, Kräuterbutter), dazu ein Lübzer Naturradler. H. hat ja Lübzer sehr gern getrunken, und ich kann mich nicht erinnern, dass wir von denen schon mal ein Radler probiert hätten. Schmeckt gut, und ich stoße in Gedanken mit ihm an.

Auf ARTE läuft eine Doku über das Verhältnis zwischen Mafia und Katholischer Kirche, das strengt mich nicht zu sehr an, ich bin unglaublich erschöpft und mache mich früh bettfertig.
Eine Nachricht und einen Anrufversuch von Freund B. ignoriere ich, ich kann nicht mehr.
Schlafe gegen halb zehn.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Alles rauslassen können.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Mir Zeit nehmen.
Erzählen.
Fragen stellen.
Weinen.
Weitermachen.
Rausgehen.
Bewegung.
Regen spüren und Sonne auch.

Begegnungsnotizen:
Die Nachbarin von oben im Treppenhaus.
Menschen im Drogerie- und Supermarkt.
Freundin B.

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