Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertsechsundzwanzigste Tag im Danach: Ein magischer Ort

Innenschau. Suche nach einem Kraftort in der Ferne. Werkzeuge. Begegnungen. Magie.

1. Juni 2021. Dienstag. Wach um halb sechs, Gedanken- und Gefühlswirrwar. Ich habe wohl gestern Abend zu viele Filmschnipsel von der Beisetzung angeschaut.
Ich schlafe nochmal ein und erwache um halb sieben aus einem Traum mit H. Das ist insofern ungewöhnlich, als ich schon zu „Normal“zeiten höchst selten von ihm geträumt habe und in diesem Jahr noch gar nicht, zumindest nicht erinnerlich.

Im Traum kommt er gerade von irgendwo zurück, erzählt mir von einem Grundstück, da sei jetzt eine Straße und da habe man vor zig Jahren Buchen gepflanzt, aber viel zu dicht, und jetzt, 30 Jahre später, stünden die da viel zu eng. Und er regt sich auf über soviel Blödheit und Kurzsichtigkeit. Ich wiederum erzähle ihm, dass die Freundin aus K. mir gemailt habe (was stimmt, gestern Nachmittag kam eine vorsichtige Nachfrage, die ich auch gleich – etwas wirr – beantwortet habe). Er erzählt mir daraufhin, die Freunde seien jetzt ein paar Monate mit der Miete im Rückstand. Inzwischen hat die Szene gewechselt, er liegt im Bett, während ich im Wohnzimmer am Tisch stehe und laut denke: ‚Die wissen aber, dass sie nach 3 Monaten Rückstand eine Kündigung riskieren?‘
Dann wache ich auf.

Ich denke lange darüber nach und erkenne in dem Traum viele Symbole aus dem Dorf, denke also, er bezieht sich auf meine bevorstehende Fahrt dorthin und meine diesbezüglichen Ängste nach dem doch ziemlich schrecklichen Aufenthalt im März.

Ich setze mich mit meiner imaginären inneren Therapeutin zusammen und analysiere die Situation – und komme am Ende zu dem Schluss, dass ich H. als Verbündeten ansehen will. Dass ich ihn bei mir habe und mit ihm gemeinsam entscheide, ob ich Sachen verändere, oder was ich (vorläufig) lasse, wie es ist. Dass ich gemeinsam mit ihm dort bin und gemeinsam mit ihm überlege, wie es weitergeht.
Dass ich mit H. fahre und nicht zu ihm, zu den Erinnerungen – denn ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dort allein hinzufahren und gegen Erinnerungen an ihn „ankämpfen“ zu müssen (bzw. mit ihnen konfrontiert zu werden und mich damit auseinandersetzen zu müssen).

Nicht er – oder die Erinnerungen – gegen mich, sondern ich gemeinsam mit ihm – und den Erinnerungen – für eine andere Form unserer gemeinsamen Beziehung: Dass er weiterhin bei mir ist, dass ich weiterhin Probleme mit ihm besprechen kann, von seiner Ruhe und Kraft profitieren kann. Dass ich ihn weiterhin als Partner habe, mit dem ich – wie immer – meine Gefühle und Sorgen und Ängste und Zweifel teilen kann.

Dass ich die notwendigen Veränderungen – in meinem Leben, aber auch im und mit dem Haus – in „seinem Sinne“ durchführen kann, also in Übereinstimmung mit unseren gemeinsamen Werten und Vorstellungen.
Denn nach wie vor ist mein Bedürfnis groß, trotz notwendiger Änderungen noch möglichst viel so zu lassen wie es ist. Mich nicht von ihm verabschieden zu müssen, sondern gemeinsam mit ihm die nächsten Schritte zu gehen. Noch nicht seine Hand loszulassen, sondern noch eine Weile mit ihm gemeinsam zu gehen – in welcher Form auch immer das möglich sein könnte.

Das macht mich einerseits traurig, weil ich ja weiß, dass das alles nur in meinem Kopf stattfindet. Er ist eben nicht mehr da, um etwas mit mir gemeinsam zu tun.
Gleichzeitig mindert es meine Angst vor der Zukunft, wenn ich mir einbilden kann, ein Teil von ihm sei da irgendwie noch an meiner Seite und würde mir helfen, selbst wenn dieser Teil nur in meinem Kopf existiert. Aber das ist besser als wäre er ganz fort.

Als weitere Unterstützung bestücke ich mir einen „Werkzeugkasten“ für K. Schreibe Dinge auf, an die ich denken muss (essen, trinken, Ruhepausen, Zeit für mich und die Trauer, Kontakt) und die mir helfen können (Ruhe, Pausen, Kontakt, Aktivitäten). Ich habe mindestens drei enge Leute, bei denen ich mich melden kann, wenn es eng wird (die Trauerbegleiterin, Freundin B., Freund B.) und ein paar weiter entfernte, die ich ebenfalls kontaktieren könnte (Cousine D., TSO, Bekannte M., Freundin E., MW…). Ich denke, ich bin gut aufgehoben. Auch vor Ort gibt es Menschen, die mir zur Seite stehen können (Nachbarin M., RS, RW, Familie Sp.).

Was das im Einzelnen nutzen kann, wird sich zeigen – meist falle ich ja nach einem guten Sozialkontakt erst recht in ein Loch, wenn ich dann wieder einsam zu Hause sitze, aber ich muss schauen, in Berlin bekomme ich das ja mittlerweile auch einigermaßen hin.

Was mir am meisten zu schaffen macht, ist, dass ich keinen Ruheort habe, wo ich hingehen kann – so wie es hier der Friedhof für mich geworden ist. Ich habe keinen Platz, wo ich H. begegnen kann, wo ich mit ihm sprechen und weinen kann. Ich muss schauen, ob der Friedhof im Dorf für mich ein solcher Ort werden kann – oder ein Platz im Wald, vielleicht die Bank mit Ausblick übers Tal an der kleinen Straße? Oder eine Bank oben am Waldrand hinter der Turnhalle? Die Bank am anderen Weg, die mit den Rosen und dem weiten Blick?
Ich werde einen Ort finden.

* * * * *

Für Arbeit bin ich heute nicht zu haben, stattdessen betreibe ich viel Innenschau.
Denke zum x-ten Mal über mein Verhältnis zu TSO nach – und über sein erneutes Schweigen. Bin wieder versucht, sein Verhalten zu analysieren, was ohne vernünftige „Datenbasis“ (ich kenne ihn einfach viel zu wenig) ja völlig sinnlos ist.
Komme immerhin zu dem Punkt, dass er mir nichts Böses will und sein Schweigen wohl ziemlich sicher keine Zurückweisung bedeutet. Ich muss mich ja nicht wundern, wenn ich immer betont lässig kommuniziere, dass dann die Gegenseite auch (nach)lässig ist.

Dann denke ich darüber nach, dass ich momentan gerade sehr viel Innenschau betreibe, was wohl wesentlich damit zusammenhängt, dass ich ja auch gerade mein ganzes Leben umbaue.
In diesem Zusammenhang beschäftige ich mich viel mit der Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung, mit dem Erkennen meiner Bedürfnisse und Wünsche, mit der Zufrieden- oder besser Unzufriedenheit mit mir selbst: Wer bin ich, wer will ich sein, wer könnte ich sein, wie wirke ich, wie will ich wirken, was mag ich an mir, was nicht, was möchte ich ändern, wie möchte ich sein, was mag ich an anderen, wovon würde ich mir selber mehr (oder weniger) wünschen…

Kein Wunder, dass ich keine Lust auf Arbeit habe und ständig müde und erschöpft bin, irgendwann platzt mir wahrscheinlich der Kopf.

Das Ansehen der Filmchen hilft und hilft nicht.

* * * * *

Zusätzlich zu all dem Nachdenken habe ich allerhand „virtuelle“ Kontakte heute, muss Termine vereinbaren, Menschen Dinge mitteilen, Absprachen treffen. Selbst wenn ich erstmal keine Antworten bekomme, es also keinen Dialog gibt, muss ich mich bei jeder Mail, SMS oder Messenger-Nachricht ja auf den anderen einstellen, den richtigen Ton treffen, mich mit ihm/ihr beschäftigen – das ist dann schon wie eine Mini-Begegnung und auch anstrengend.

Heute habe ich bis mittags allein neun solcher Begegnungen: Telefonat mit der Lieblingskundin; Mail an eine Kundin von H., der ich einen Supporttermin für später in der Woche anbiete; Terminvereinbarung mit Freund B. für morgen; Mitteilung an die Trauerbegleiterin, dass ich nun definitiv zum Wochenende fahre; Mitteilung an die Fahrradwerkstatt, dass ich jetzt erstmal weg bin und sie sich mit der Reparatur Zeit lassen können; SMS an eine Kundin, die mich unbedingt treffen will, dass das in den nächsten Wochen nichts wird; Mail an eine andere Kundin, dass ich mich am Wochenende um ihr Anliegen kümmere; Mail an den Filmemacher, dass sein freigegebener Download-Link für weitere Filme nicht funktioniert SMS an Bekannte wegen der Telefonnummer eines Freundes, die ich nicht mehr habe.

* * * * *

Mittags kleiner Imbiss, dann wenigstens noch eine halbe Stunde eine Kleinigkeit für die Lieblingskundin fertig machen.
Danach menge ich noch en Stündchen rum, konvertiere weitere Filmschnipsel, sortiere Papiere auf meinem Schreibtisch, spiele, trinke Kaffee.

Um vier breche ich auf Richtung Friedhof.
Dort gab es heute drei Beisetzungen, eine davon im Grab neben H., eine 86-jährige Frau. ‚Das passt ja‘ denke ich, ‚auf der einen Seite ein Altfreak, auf der anderen eine Oma, da ist er in guter Gesellschaft.‘ Mit alten Damen hat H. sich beruflich und privat bestens verstanden, und ich hoffe, diese hier war eine Nette.

Ich gieße, zupfe Verblühtes ab, stelle den kleinen Sommerstrauß in die Vase, den ich beim Blumenhändler am U-Bahnhof am Friedhof gekauft habe: Kornblumen und Bartnelken. Ich habe dafür das Geld verwendet, das mir der Bekannte D. gestern Nachmittag in die Hand gedrückt hat.
Es sieht hübsch aus.
Ich säe noch ein paar Radieschen auf, die letzten sind gekeimt, das klappt also prinzipiell hier.

Dann sitze ich auf der Bank, halte Zwiesprache mit H. und weine heftig wie lange nicht.
Er redet mir gut zu wegen der Fahrt ins Dorf: Er sei doch bei mir (heftiger Weinanfall), ich wisse doch nun, was mich erwarte (ja eben!), ich solle es mir doch nicht selber unnötig schwer machen (leicht gesagt!), mich nicht vorher so verrückt machen, sondern dem Ganzen eine Chance geben, es auf mich zukommen lassen. „Mach Dir nicht so viele Sorgen“ rät er mir, und ich verspreche, es zu versuchen.

Eine Frau kommt, sie besucht das Grab ihrer Schwester ein paar Meter weiter. Ob sie einen Moment alleine sein wolle, frage ich, aber sie winkt ab, das gehe schon, sie komme seit zwei Jahren beinahe jede Woche. Ich erkläre, dass ich hier noch „ein paar Tränchen vergießen“ müsste. Sie schaut auf die frischen Gräber vor mir und ist verständnisvoll: „Klar, wenn das noch so frisch ist… – Das hört nie ganz auf.“ – „Aber es wird leichter?“ – „Ja, leichter wird es schon, aber es geht nicht weg.“

Sie erzählt von ihrer Schwester, die an Krebs gestorben sei, von einem Freund, der gerade Geld für eine letzte Reise sammele, weil er „austherapiert“ sei – was für ein schreckliches Wort – und jetzt noch all die Orte besuchen wolle, zu denen es ihn immer hinzog.

Dann erzählt sie von anderen dort Bestatteten: Von der Frau, die ihren Mann zu Grabe getragen habe und nur wenige Monate später sei sie selbst dort beerdigt worden, „acht Plätze weiter“. Von der Frau „aus dem Kiez“ (allerdings nicht aus diesem hier, sondern einem benachbarten), die 105 Jahre alt geworden sei, und dann habe ihr die Hausgemeinschaft die Beisetzung bezahlt, weil es keine Verwandtschaft mehr gab. Jetzt verwildere das Grab, aber die Betreuer der benachbarten Gräber würden sich in den nächsten Tagen darum kümmern.

Sie duzt mich ungefragt, und das tut gut. Kiez-Gefühl. Wir sind hier schon ganz richtig.

Nachdem sie gegangen ist, bleibe ich noch sitzen, nehme das Gespräch mit H. wieder auf, verspreche ihm, mich nicht zu sehr hineinzusteigern in Angst und Besorgnis. „Ich bin bei Dir“ versichert er nochmal, und ich weine erneut heftig.

Eine Frau im Rollstuhl kommt an, will zu dem frischen Grab neben H.s. Auch ihr biete ich an, sie alleine zu lassen, auch sie lehnt ab. Ich erinnere mich, wie es mir ging und denke: Vielleicht will sie jetzt wirklich lieber nicht alleine sein, also bleibe ich sitzen. Sie entdeckt meine Gießkanne, fragt, ob da noch Wasser drin sei, und ich gehe ihr welches holen.

Sie kann laufen, aber schlecht, und ist gekommen, um einen Blumentopf einzupflanzen, der bei der Beisetzung nur dort hingestellt wurde. Der Blumentopf ist schon gepflanzt – „da war wohl mein Bruder schon da“ – aber die Position gefällt ihr nicht, der Geranientopf muss nochmal umgesetzt werden.

Sie sitzt eine Weile neben mir auf der Bank, raucht zwei, drei Zigaretten, und wir kommen ins Plaudern.
Sie erzählt vom Tod ihrer Eltern – die Mutter, die jetzt hier begraben ist, starb kurz nach der Beisetzung des Vaters im März (er war im Januar gestorben) – von den Beerdigungen (der Vater liegt auf einem anderen Friedhof), vom Grab ihres anderen Bruders (auf dem Friedhof schräg gegenüber).
Jedes Grab ziert ein selbstgemachtes Holzkreuz; das für den Bruder hat der Vater angefertigt, die für ihre Eltern hat sie gemacht. Nach ihrer Fortbildung zur Holzmechanikerin kein Problem für sie. Auch für sich selbst habe sie schon eins angefertigt, „aber das ist vielleicht zu groß“.

Es ist eine einfache Frau, vielleicht in meinem Alter, die es nicht leicht gehabt hat, aber die sich durchbeißt. Keine Dumme, aber vom Leben gebeutelt und deswegen wohl kampfesmüde. Und schließlich hat sie heute ihre Mutter begraben.

Wir reden sicher eine Stunde, ich lasse sie erzählen, deute von H. nur die Eckdaten an: 61, Herzinfarkt, Bestatter aus dem Kiez, die Kosten der Beisetzung (will sie wissen).

Dann breche ich auf, beim Weggehen ruft sie mir noch ihren Namen zu und dass sie sich freue, dass wir uns kennengelernt haben. Ich freue mich auch. Schließlich sind wir jetzt „Nachbarinnen“.

Auf dem Weg nach draußen überholt sie mich mit ihrem Rolli, begleitet mich noch ein paar Meter, sie kann sich schwer trennen, das verstehe ich bestens. Vielleicht hätte ich anbieten sollen, noch etwas Zeit miteinander zu verbringen, irgendwo zu sitzen und zu plaudern, vielleicht etwas zu essen zu holen. Aber zum einen bin ich selbst angeschlagen, zum andern will sie ihren Bruder suchen, der sich irgendwo in der Nähe „herumtreiben“ soll.

Teils traurig, teils von einem tiefen Glücksgefühl wandere ich durch den Park zum großen Supermarkt, weil ich noch einkaufen muss.
Dieser Friedhof ist wirklich ein magischer Ort, da hatte der Bestatter schon recht.

* * * * *

Das Restaurant an der Ecke hat den ersten Abend wieder „regulär“ auf (natürlich nur Außenbetrieb und mit neuen, kleineren Tischen) und ich freue mich, eine alte Bedienung wiederzusehen. Sie haben jetzt alle Probleme, Personal zu bekommen, denn die haben sich mittlerweile natürlich größtenteils andere Jobs gesucht. Das muss sich nun alles erst wieder zurechtruckeln, und nun wird halt erstmal nach Möglichkeit jeder reaktiviert, der krauchen kann und bereit ist auszuhelfen.

Zu Hause noch schnell ein paar Dokumente an eine Kundin schicken, Mails checken (immer noch keine Antwort von TSO; da wird wohl auch keine mehr kommen, sei’s drum), Filmschnipsel konvertieren, Einkäufe wegräumen, die Pizza in den Ofen schieben, essen.

Nebenbei auf ARTE irgendwelche Dokus zu Alkohol und dem Missbrauchskandal auf Jersey vor einigen Jahren.

Ich schaue immer wieder denselben Filmschnipsel an, höre ihn sprechen, denke nach und komme zu keinem Punkt.
Jetzt erstmal wegfahren und Abstand reinbringen, auch wenn’s schwer fällt und weh tut.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Friedhofsbegegnungen und das Gefühl des magischen Ortes. Dankbarkeit.

What I did today that could matter a year from now:
Kontakte knüpfen. Nachdenken über Dinge. Einstellungen ändern.

Was wichtig war:
Mir Zeit nehmen.
Nachdenken.
Loslassen.
Rausgehen.
Mit H. reden.
Abends nicht ausgehen.
Mit Menschen sprechen.
Offen sein.
Zuhören.
Erzählen.

Begegnungsnotizen:
Blumenhändlerin.
Zwei Frauen auf dem Friedhof.
Menschen im Supermarkt.
Besitzer und Kellnerin im Restaurant.

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