Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertachtundzwanzigste Tag im Danach: Gefühlschaos, Selbstzweifel und Gedankenkarussell

Während die Innenwelt wird immer chaotischer wird, kümmert sich die Außenwelt rührend um mich. Wenn es doch nur der eine täte, auf den es mir momentan am meisten ankommt.

3. Juni 2021. Donnerstag. Aufgewacht um halb fünf. Fünf Stunden Schlaf? Ernsthaft? Nachts auch wieder kurz mit komischen Nachtgedanken aufgewacht, die sich aber wegdrücken ließen. Es arbeitet.

Bis kurz vor fünf gelegen und gedöst, aber der Schlaf wollte nicht mehr kommen. Ich höre die Stadt aufwachen, höre Vögel singen, Krähen krächzen, den Zeitungsboten mit seinem Wagen über den Bürgersteig rumpeln. Mir graust vor der umfassenden Stille im Haus, wo es sich abends und nachts immer anfühlt, als sei die gesamte Menschheit durch einen Atomschlag vernichtet worden.

Ich habe jetzt schon Trennungsschmerz: von Kreuzberg, von meinen Leuten, vom Friedhof, von meiner Wohnung, von den gewohnten Abläufen und Gedanken, von den Geräuschen, Gerüchen, dem Licht. Wenn ich in zwei Wochen wiederkommen werde, wird alles anders sein, dann ist Sommer. Und niemand wird mich vermisst haben.
Und auch ich werde anders sein, habe neue Gedanken gedacht und neue Gefühle gefühlt, werde anders auf die Welt schauen, es ist soviel in Bewegung momentan.

Und ich möchte das nicht, will nicht, dass sich die Dinge verändern, will nicht dauernd Abschied nehmen und alles neu. Ich möchte mal irgendwo ankommen und dort eine Weile sein, zu mir kommen.

* * * * *

Morgens gute anderthalb Stunden Projektarbeit, dann wieder nachdenken über mich, versuchen, das Gefühlswirrwarr klein zu halten und teilweise zu entwirren. Große Sehnsucht. Nachdenken, schreiben, weinen.

Vormittags noch eine Stunde Projektarbeit. Lizenzen kaufen, Mails beantworten, nachmittäglichen Telefontermin mit H.s Kundin vorbereiten.

Anfangen, die Sachen zusammenzusuchen, die ich mitnehmen will. Bett beziehen. Saugen.

Die Lieblingskundin ruft an, wir sprechen eine halbe Stunde.

Nachdenken, schreiben. Blumen gießen. Bügeln. Mit Freundin B. zum nachmittäglichen Spaziergang verabreden.

Um 14:00 der Telefontermin mit der Kundin; ein paar Lizenzen müssen verlängert, ein Programm aktualisiert werden. Nichts Wildes. Trotzdem ist mir vor jedem dieser Telefonate bange. Das ist nicht mein Job, und ich mache ihn auch nicht gut, mir fehlt H.s Fürsorgedenken und Perfektionismus; ich mache nur, was nötig ist – aus Angst, etwas falsch zu machen.

Danach immerhin ein klein wenig ruhiger.
Datensicherung.
Kaffee trinken.

* * * * *

Kurz nach drei breche ich auf Richtung Friedhof. Mein Ruhe- und Kraftort. Es ist heiß, ich sitze in der Sonne auf der Bank und weine heftig. Ich gehe zu H. und trauere um einen anderen, um einen weiteren Verlust, der noch nicht feststeht, aber täglich wahrscheinlicher wird. Wie absurd das alles ist.

Ich habe nur eine halbe Stunde, dann muss ich schon wieder zurück, denn ich bin mit Freundin B. verabredet.
Auch hier fließen ein paar Tränen; ich erzähle von meinem Kuddelmuddel im Kopf, von den Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen, und wie sehr mir H. fehlt, der mich in solchen Zuständen immer wieder runtergebracht hat.

„Solche Zustände“ hatte ich natürlich auch nur in Ausnahmesituationen, es ist eben meine Art, auf Stress, auf Unsicherheit, auf Unklarheit zu reagieren. Gerade jetzt bräuchte ich von allen Seiten eine klare Kommunikation und bekomme stattdessen Schweigen und Rückzug ohne Erklärungen. Ich weiß, das ist alles nicht so dramatisch, wie es sich anfühlt, ich bin zu ungeduldig, will, dass alles so schnell funktioniert wie die Gedanken in meinem Kopf rasen, das kann nicht klappen.
Und trotzdem.

Ich habe keine Kraft mehr, mich zu beruhigen, ich fühle mich wie ein Dampfdrucktopf, und der Druck steigt. Wer öffnet das Ventil und lässt Druck ab?
Normalerweise würde ich jetzt schnellstmöglich einen Termin bei der Trauerbegleitern machen, vielleicht für nächsten Dienstag oder Mittwoch.
Ich könnte dies auch jetzt tun, wir haben verabredet, dass auch ein Telefontermin geht.
Aber erstmal wegfahren und im Dorf ankommen. Vielleicht bekomme ich das selber hin.

* * * * *

Nachrichten lesen. Geschirr spülen. Einstündiges Telefonat mit M., wo ich wieder stark und „in control“ wirke, während es mich innerlich zerreißt. Das ist meine andere Seite, meine zuversichtliche, starke Seite, die da das Ruder übernimmt.

Im Gespräch mit Freundin B. philosophiere ich über Eigen- und Fremdwahrnehmung: Wenn ich die Person, als die andere mich wahrnehmen und mögen, aber selbst nicht leiden kann, was sagt das dann über meine Beziehungen aus? Wenn umgekehrt jemand von meinem äußeren Ich abgestoßen wird, kann er nie mein wahres Ich kennenlernen, obwohl er genau dieses vielleicht mögen könnte.

Welche bin ich? Die innere oder die äußere Person? oder eine Mischung aus beiden? Und was sind Beziehungen wert, wenn die Leute mein „falsches“ Ich gern haben? Mich für die „falschen“ Dinge lieben?

Ich bekomme noch einen Knoten im Kopf – und das Karussell dreht sich weiter und immer schneller…

* * * * *

Packen. Essen machen. Daten synchronisieren. Essen. Zum hundertsten Mal heute die Mails checken. Nein, er hat immer noch nicht geschrieben. Wird es wohl auch nicht mehr tun. Filmschnipsel anschauen, seine Stimme hören. Was heute Vormittag Anlass zur Hoffnung bot, sehe ich nun resigniert und desillusioniert. Alles sinnlos. Ins Bett, fernsehen, nachdenken.
Weinen.
Mir den nächsten Menschen aus dem Herzen reißen.
Wo soll das enden? Wird von mir überhaupt etwas übrig bleiben?

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Weinen können – und Zuspruch bekommen. Gesagt bekommen, dass ich gemocht werde.

What I did today that could matter a year from now:

Was wichtig war:
Nachdenken.
Ruhe suchen, auch wenn ich nur kurz und zu wenig davon finde.
Rausgehen.
Reden.
Zuhören.
Bescheiden werden.

Begegnungsnotizen:
Bekannter D.
Freundin B.
Vor dem Restaurant J., M. und zwei Mitarbeiterinnen.

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