Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertneunundzwanzigste Tag im Danach: Ins Haus fahren

Auf dem Weg ins Ungewisse. Eine überraschend entspannte Ankunft. Und Angst vor dem, was da noch kommen mag.

4. Juni 2021. Freitag. Nach kaum fünf Stunden schlechtem Schlaf um sechs Uhr aufgestanden.

Tiefer Schmerz. Ich reiße ihn mir aus dem Herzen. Hoffe natürlich weiterhin. Aber die Hoffnung schwindet mit jedem Tag Schweigen. Nicht die Hoffnung, dass wir irgendwie lose in Kontakt bleiben oder uns freundlich begegnen, wenn wir uns treffen oder uns vielleicht sogar freuen, uns zu sehen. Aber die Hoffnung, dass da „mehr“ sein könnte, eine besondere Zuneigung, aus der irgendetwas erwachsen könnte – Zusammenarbeit, Freundschaft…

Aber es sind ja „nur“ Wünsche und Sehnsüchte, die sterben.

* * * * *

Reisetag. ich habe ein Ticket, mit dem ich flexibel fahren kann, das habe ich bekommen, als ich im Februar H.s BahnCard-Punkte eingelöst habe. Dieses Ticket wäre für ihn mehrere Freifahrten wert gewesen. Jetzt darf ich flexibel hin und zurück fahren, das ist momentan viel wert.

Natürlich hätte es mit genügend Vorlaufzeit und Planung und Festlegung auf einen Zug auch mit einem Sparpreis funktioniert. Mehr als dreißig, vierzig Euro hätte ich nicht zahlen müssen.

Aber ich genieße die Flexibilität. Egal, wie schlecht die Nacht war, ich kann im Bett bleiben, solange ich will. Und die Nacht ist besser, wenn ich nicht darauf lauere, ob nun bald der Wecker klingelt und ich raus muss.
Und ich kann mir Zeit mit meiner Morgenroutine lassen, kann nachdenken und schreiben solange ich will, muss mir nicht mein Frühstück reinwürgen und dann in der Eile irgendwas vergessen oder liegenlassen.
Ich fahre, wenn ich soweit bin, es geht jede Stunde ein Zug, und sechs Stunden später bin ich in K. und noch eine Stunde später im Haus.
Alles gut.

* * * * *

Letztendlich verzettele ich mich dann doch mehr als ich wollte und muss mich sputen, um kurz vor zehn aus dem Haus zu kommen. Dann ist aber alles entspannt: Am Bahnhof ist noch Zeit, beim Bäcker einen Snack zu besorgen, der Zug kommt pünktlich und mit der richtigen Wagenreihung, und im zweiten Wagen, den ich ansteuere, finde ich einen unreservierten Doppelsitz. Von „geringer Auslastung“ ist nicht viel zu sehen: praktisch jeder Doppelsitz weist mindestens eine Platzreservierung auf.

Die Fahrt ist unspektakulär, ich vertreibe mir die Zeit mit Mails, Nachrichten lesen, nachdenken und schreiben. Und ich höre das Stück, das Freund B. komponiert hat und zu dem ihm noch ein Text fehlt. Es ist nach wie vor wunderschön, und ich wünschte, ich könnte dichten.

Beim Umsteigen wird es etwas kuddelig, der Anschluss-Regionalexpress hat zehn Minuten Verspätung und fährt dann auf einem anderen Gleis ein, was allerdings erst unmittelbar vor der Einfahrt bekannt gegeben wird. Also rennen, schleppen, aufpassen nicht zu stolpern und dann in den anderen Zug. Bis K. holt er seine zehn Minuten schon wieder ein. Zum Busbahnhof, warten auf den Bus, Fahrt ins Dorf, um sechs bin ich zu Hause.

Und ja, es fühlt sich diesmal wirklich wie „zu Hause“ an.
Zwar hatte ich nach Abfahrt des Regionalexpress noch eine gute halbe Stunde ein echt enges Gefühl in der Brust, aber dank B.s Lied konnte ich es aushalten und durchstehen. Die Ankunft war dann ok, die Fahrt durch die Stadt und ins Dorf problemlos.
Auch die Ankunft im Haus hat mir erstaunlicherweise nichts ausgemacht.

* * * * *

Die einen Nachbarn sind verreist, und die anderen sitzen beim Essen als ich endlich angekommen bin, M. angerufen und die Gartenstühle hochgeschleppt habe. Da muss ich mich heute um gar nichts mehr kümmern.

Ich habe regelrecht gute Laune, schicke Nachrichten an Freund B., Freundin B., Freundin E. und die verreisten Nachbarn. Denke mit Zuneigung an TSO, falle ihm jetzt aber nicht mit einer belanglosen Nachricht auf den Wecker. Alles gut.
Ich fühle mich wie ein ganz neuer Mensch: In mir ruhend, stark, geordnet. Alles cool.
Wo kommt das jetzt her?

Ich spüre, dass ich H. nicht imitieren muss, um sein Andenken zu ehren. Dass ich hier sein und Ich sein kann. Dass er hier bei mir ist, wenn ich ihn brauche. Und wenn nicht, wurschtelt er irgendwo im Haus oder Keller rum und macht sein Ding. Wie immer.

* * * * *

Es hält nicht lange an, das hätte ich mir denken können, aber ich komme gut über den Abend. Mache mir eine Dosensuppe warm, schreibe noch ein wenig, räume rum, sitze draußen unterm Balkon, während es gießt. Schaue fern („American Psycho“). Gehe ins Bett. Bin abwechselnd glücklich und todunglücklich.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mich bei mir und sicher und geerdet fühlen

What I did today that could matter a year from now:
Ins Haus fahren.

Was wichtig war:
Irgendwann mal aufbrechen.
Mich auf den Weg wagen.
Musik hören.
Auf meine innere Stimme hören.
Draußen sitzen.
Kontakt zu lieben Menschen.
Andere Gedanken denken, andere Gefühle fühlen.

Begegnungsnotizen:
Menschen in Bussen und in der Bahn sowie auf Bahnhöfen (wo sich beim Gleiswechsel jeder einen Scheißdreck um Abstände schert…).

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