Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertdreißigste Tag im Danach: Ab und auf

Die Gefühle und Gedanken fahren Achterbahn. Begegnungen sind kleine Rettungsanker. Ein Kuchen wird gebacken, und das Tor in eine andere Welt öffnet sich einen Spalt und löst eine kleine Existenzkrise aus.

5. Juni 2021. Samstag. Ganz gut geschlafen. Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, was die Stille angeht: Mit offenem Fenster ist es gar nicht so leise, zumindest die Vögel und die Müllabfuhr sind sehr gut zu hören.
Aufgestanden um halb sieben. Natürlich nicht so gut gelaunt wie ich gestern war, aber es geht einigermaßen.

Das Gefühl, das ich gestern schon hatte, setzt sich heute morgen fort: Ich bin nicht alleine hierher gekommen. Schon gestern habe ich innerlich alles wie ein Reiseführer kommentiert, auf Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten hingewiesen, Gewohnheiten erklärt und warum Dinge im Haus so eingerichtet sind, wie sie es eben sind.

Ich weiß nicht genau, wen ich dabei habe, vermutlich ein Konglomerat aus mehreren Leuten, aber es macht mich ein wenig kirre, also versuche ich, das dauernde Kommentieren zu lassen. Irgendwann geht es dann.

* * * * *

Den Vormittag verbringe ich mit allem möglichen Kleinkram: Mails abrufen, Klamotten wegräumen, Windows-Updates, nachdenken über H., Frühstück, Wochenendzeitung mit den Todesanzeigen (tatsächlich ist die Mutter eines Bekannten verstorben), eine Mini-Sitzung mit mir selbst, wie ich nun den Tag verbringen will und was ich brauche.

Im Laufe des Vormittags verschwindet die anfangs noch ganz akzeptable Stimmung, und der Druck baut sich wieder auf. Ich habe wieder Atemaussetzer, halte die Luft an, spanne die Schultern an. Gedanken an H. kommen hoch, Verlustgedanken, Traurigkeit, Einsamkeit.
Die Reise-Aufregung, der Endorphin-Schub, es sicher hierher geschafft zu haben, ebbt ab.
Jetzt werden die Gefühle wieder „normal“.
Wobei mir diese kurze Auszeit sehr gut getan hat.

Aber auch das Durcheinander im Kopf nimmt wieder zu, es wird enger.
Ich fühle mich überfordert angesichts dessen, was ich hier bewältigen soll: Haus und Garten, Gefühle und Trauerarbeit, Arbeit, die bald eintreffenden Verwandten (Schwester und Schwager von H.)…

Also mache ich, was ich gut kann: Eine Liste. Und zwar eine gigantische To-Do-Liste für all die Arbeiten in Haus & Garten, die man jetzt erledigen könnte. Ziel ist es erstmal, den Kram aus dem Kopf bekommen.

Dann: Raum für Gefühle nehmen, nachdenken, erinnern, trauern. Das ist schon schwieriger. Ich muss atmen und eine kleine Meditation einschieben, um einigermaßen bei mir zu bleiben.

* * * * *

Es ist früher Nachmittag als ich endlich zum nächsten Tagesordnungspunkt aufbrechen kann: Einkauf. Auf dem Weg zum Bus begegne ich anderen Nachbarn, aber das ist in Ordnung. Ein kleiner kläffender Hund rettet uns vor peinlichen Gesprächen.

Dann Fahrt nach unten. Mir ist die Luft zu feucht und drückend, um das zu Fuß zu machen. Der eigentliche Einkauf ist anstrengend genug. Eine gute Stunde später bin ich wieder zu Hause, schaue noch bei den anderen Nachbarn vorbei, dann ab ins Haus. Tür zu, Einkäufe wegräumen, hinsetzen und die Gefühle strömen lassen.

Ich bin erschöpft und müde, jetzt kommt die Trauer voll raus.
Jetzt noch hinlegen? Es ist fast fünf. Quatsch. Also wach bleiben, nichts machen können, nichts machen wollen, das einzige, was mich retten könnte, wäre ein Lebenszeichen von TSO (was mich in einen unendlichen Glücksrausch stürzen würde) oder eine Unternehmung mit lieben Menschen, etwa ein Spaziergang mit Freundin B..

Und dann entsteht diese seltsame Stimmung, die mir jetzt schon ein vertrauter Begleiter ist: Müde, einsam, verlassen, traurig. Sehnsucht, Selbsthass, Schmerz, Tränen.
Und nichts und niemand kann mir helfen. Ist doch eh alles sinnlos, interessiert doch sowieso kein Schwein, wozu existiere ich überhaupt.
Und da dann wieder rauszukommen, ist nicht so einfach. In Berlin gehe ich dann zum Friedhof und heule. Und danach geht es mir meist besser. Und hier im Dorf?
Wenn ich nicht rauskann, weil ich niemandem begegnen will?
Sehnsucht nach meinem Kreuzberg, nach dem Grab, dem Friedhof, nach den Spaziergängen mit B…
Für diese Stimmung brauche ich noch ein Werkzeug…

* * * * *

Für heute holt mich ein Anruf von Freundin E. da raus. Wir reden 40 Minuten, vorwiegend über meine Pläne mit dem Haus, und das holt mich zurück auf den Boden, ich bin wieder Herrin meiner Situation.

Habe dann gleich soviel Energie, dass ich runtergehe, Lebensmittel in den Keller bringe und mich daran mache, einen Marmorkuchen zu backen.
Der Nachbarskater taucht am Küchenfenster auf und erbettelt sich eine Leckerei.
Ich setze mich auf die Terrasse und lecke die Teigschüssel aus. Plötzlich sieht alles nicht mehr so grau aus.

Es ist wundersam, wie schnell die Stimmung umschlagen kann, und zwar in jede Richtung. Ein wenig Erschöpfung: Mein Leben hat keinen Sinn mehr. Eine kleine Anregung, ein netter Kontakt: Ich schaffe alles.
Irrsinn.

* * * * *

Zum Abendbrot Eiersalat mit Gurke, Tomate und Remoulade, dazu Radieschen, Hummus und Käse. Bestandsaufnahme im Gartentagebuch. Auf der Terrasse sitzen, während drinnen der Fernseher läuft. Geräuschkulisse ist wichtig.
Chatte mit Freund B., er ruft dann auch kurz an.

Später im Fernsehen eine sehr gute Doku über Frank Zappa: „Eat That Question„. Ich als rock-und-pop-musikalische Analphabetin lerne nun dazu. Besser spät als dumm sterben. Ich hätte das trotzdem gerne zusammen mit H. gesehen und hoffe sehr, er kannte diese Doku (von 2016), denn er war ein großer Zappa-Verehrer. Vielleicht nicht so sehr musikalisch, aber von den Ideen, Analysen und Prinzipien her. Monster Movies… 🙂

Natürlich stürze ich danach wieder in eine Krise: Wie sehr wir beide unser kreatives Potential vernachlässigt haben. Was wir alles versäumt haben. Was ich alles ausgeblendet und vermieden habe. Aus Bequemlichkeit, Überforderung, Ignoranz. Was alles nicht wieder gut zu machen ist.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Der Kater am Fenster

What I did today that could matter a year from now:
Gedanken denken.

Was wichtig war:
Mich aufraffen, immer wieder.
Mich zusammenhalten.
Rausgehen.
Sprechen.
Klarkommen.
Überleben.

Begegnungsnotizen:
Nachbarn: A. & T. K., K. & S. K., der J. mit Frau, P. & T.P.
Menschen im Bus und im Supermarkt

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Ein Gedanke zu “Der hundertdreißigste Tag im Danach: Ab und auf

  1. Ich kommentiere innerlich häufig auch nach Reiseführerart, wenn ich an einem Ort bin, den ich mag und den ich gerne anderen zeigen würde. Nur wo im Moment so ein Ort sein könnte, weiß ich nicht.

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