Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertachtundsechzigste Tag im Danach: Nachdenken über die Angst

13. Juli 2021. Dienstag. Um halb fünf kurz wach und aus einer Laune heraus den Wecker auf 5:50 Uhr gestellt, meiner häufigen Aufwachzeit in den letzten Tagen. Ich träume von H. Also von jemandem, der aussieht wie H. und spricht wie H. und sich auch ein wenig wie H. verhält, der aber nicht „mein“ H. ist, sondern vielleicht ein früherer H., zehn oder zwanzig Jahre bevor wir uns kennenlernten. Er verändert permanent subtil sein Aussehen, am Ende sieht er ein wenig aus wie Spahn, aber das liegt vor allem an der seltsamen Brille.

Ich erwache mit leichten Kopfschmerzen und Angst im Bauch. Ein dicker fetter Angstknoten.
Ich überlege seit Tagen, welches Thema ich beim Termin mit der Trauerbegleiterin besprechen möchte, und vielleicht sollte ich über diese Angst sprechen, der ich mich allein nicht stellen mag momentan. Erkunden, was das für eine Angst ist und was sie mir sagen will.

Ich denke darüber nach, morgen frei zu nehmen. Drei Menschen schlagen morgen als guten Termin für ein Treffen vor, das würde sich gut ergänzen: Mittags eine alte Freundin von H., mit der ich mich gut verstehe, nachmittags Spaziergang mit Freundin B., abends ein erstes Treffen nach langer Zeit mit dem sehr lieben Freund G.
Ein bisschen viel für einen Tag, das wird mich erschöpfen und auslaugen, vielleicht sogar überfordern – andererseits sind das alles liebe und „sichere“ Menschen, vielleicht ist es auch ein willkommener „Break“ in meinem Einerlei aus Angst und Schmerz.

Den ganzen Tag denke ich nach über die Angst. Erkenne Themenkomplexe: Existenzangst. Zukunftsangst. Todesangst. Lebensangst. Soziale Angst. Verlustangst. Angst vor Kontrollverlust.
Alles auf einmal. Kein Wunder, dass ich Herzstiche und Atemnot verspüre. Welche Kämpfe toben in meiner Seele, zwischen Seele und Kopf?

Zwischendurch eine Viertelstunde arbeiten. Endlich den Brief an Schwester und Schwager schreiben mit der Bitte um Zeit. Es dauert eine Stunde und kostet Kraft, aber es räumt den Kopf auf.

Nachmittags besuche ich Freund B. Treffe K. und F. Sie wollen vielleicht auch dazu kommen, morgen Abend. Ich reserviere einen Tisch für vier. Old friends…

Freund B. ist nervös und unruhig heute. Er hat sich vorgenommen zu kochen und reagiert etwas unwirsch als ich gleich beim Kommen nach seinem frisch gebackenen Kuchen verlange. Fängt dann um vier an zu kochen: „Ich habe Hunger!“ Vorher hat er aber nichts gesagt; wir hätten den Kuchen doch auch als Nachtisch essen können!
Ich lerne, mich bei solchen Dingen nicht mehr verantwortlich zu fühlen.

Er macht panierte und frittierte Knollenselleriescheiben, die sind lecker, liegen aber schwer im Magen und verursachen mir übelriechende heftige Blähungen. Ich habe das Fett in Verdacht, da habe ich schon immer empfindlich reagiert.
Lecker war es trotzdem.

Nach dem Essen sitzen wir noch eine Weile mit einem Glas Wein in der Küche und reden über allerlei, größtenteils über unser jeweiliges Studium und unseren Werdegang. Es ist schön, entspannt, keine schweren Themen, man lernt sich besser kennen.

Kurz nach halb acht breche ich auf, kurz nach acht bin ich zu Hause.
Planen, runterkommen, spielen. Per Chat fragt mich Freund B. noch um meine Meinung zu einer Zugfahrt zum Geburtstag seines Bruders, nur um sich dann selbst zu geißeln, dass er anscheinend nicht mehr in der Lage sei „eigenverantwortliche Entscheidungen“ zu treffen, ohne „jemanden fragen zu müssen“. Das sagt mehr über die Beziehung zu seiner verstorbenen Frau aus als über die aktuelle Situation. Darüber würde ich bei Gelegenheit gerne mal mit ihm sprechen.
Und wieder wird mir deutlich, wie sehr er vermutlich von einer Trauer- oder therapeutischen Begleitung profitieren würde, vielleicht noch mehr als ich.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Sitzen, Wein trinken, reden.

What I did today that could matter a year from now:
Nachdenken über die Angst.

Was wichtig war:
Dito.

Begegnungsnotizen:
K. und F.
J. vom Restaurant.
Freund B.
Menschen in vollen U- und S-Bahnen.

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