Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertneunundsechzigste Tag im Danach: Socialising

14. Juli 2021. Mittwoch. Aufgestanden kurz nach sechs.

Auf dem Anrufbeantworter finden sich mehrere Nachrichten eines Kunden von gestern Abend. Beim Abhören bin ich halb fasziniert, halb entsetzt: Er war abends von einem Termin gekommen und auf dem Weg nach Hause, als er an einer Autobahnauffahrt das Schild Richtung Berlin entdeckte, spontan rauffuhr und sich auf den 500 Kilometer langen Weg machte.

Ihm kam dann recht bald die Idee, bei mir anzurufen und zu fragen, ob mir das Recht sei und drehte dann wohl auch bald wieder ab, als er mich nicht erreichte. Die Anrufe kamen gegen 18:00 Uhr, er wäre also gegen 23:00 Uhr oder Mitternacht in Berlin gewesen – und wollte dann mit mir „irgendwo essen gehen“.

Was für eine absolut absurde Idee!
Man muss dazu wissen, dass wir uns zwar lange kennen, aber nie persönlich begegnet sind. Vor einigen Jahren ist überraschend – und sehr jung – seine Frau gestorben, daran hat er immer noch zu knabbern, und er entdeckt jetzt da wohl in mir eine verwandte Seele und will mir beistehen. Das finde ich auf der einen Seite unheimlich reizend und mutig, auf der anderen Seite völlig skurril.
Es hat nichts Übergriffiges, so ein Mensch ist er nicht. Es zeigt mir einfach, auf was für seltsame Ideen man in Ausnahmesituationen kommen kann – und wie anders das Leben wäre, wenn wir öfter mal auf unseren Bauch hören und den Mut haben, etwas völlig Verrücktes zu tun.

* * * * *

Der Schwager ruft nochmal an, H.s neue Hausverwaltung hat nun doch entdeckt, dass es noch offene Forderungen gibt. Da sie nur zwei Jahre zurückgeschaut haben, erkennen sie nicht das gesamte Ausmaß. Immerhin ist H. in dem Glauben gestorben, sie hätten es nicht erfahren, das freut mich für ihn. Es war eine kleine Erleichterung Ende letzten Jahres, die wichtig für ihn war und viel Druck rausgenommen hat.

Ich rufe zurück, drücke mich um klare Auskünfte, werfe ein paar Nebelkerzen und lehne indirekt ab, jetzt hier einen Anwalt zu suchen und dem das Ganz vorzustellen, denn wir haben praktisch keine Unterlagen, auf deren Basis man irgendwas analysieren oder anfechten könnte.
Außerdem finde ich, ich habe mich jetzt langsam mal genug darum gekümmert, den Erben, die mir das Haus unterm Hintern wegziehen wollen, weiter beim Geldsparen zu helfen.

Bei der Gelegenheit spreche ich auch gleich den Inhalt meines gestrigen Briefes an, den ich heute abschicken werde. Er ist wieder pures Verständnis und reine Hilfsbereitschaft. Dass ich darauf nicht wirklich was geben kann, weiß ich nun, aber ich spiele das Spiel mit. Zumindest etwas Zeit kann ich herausschlagen. Zum Entscheiden, zum Rechnen, zum Pläneschmieden.

* * * * *

Ich sause los Richtung Friedhof, denn ich bin mit N., einer alten Freundin von H. verabredet, mit der er vor Urzeiten mal zusammen Musik gemacht hat. Er hat sie immer sehr verehrt, und wir sind uns auch gegenseitig sympathisch, was mich bei mir nicht überrascht, bei ihr allerdings schon ein wenig, denn sie scheint mir jemand zu sein, der einen riesigen Bekanntenkreis hat, der vorwiegend aus Künstlern und Kreativen besteht, und da frage ich mich immer, was solche Menschen mit mir anfangen können. Aber vielleicht ist das gerade die Faszination: Das Anderssein, der Gegensatz. Vielleicht sehen sie auch in mir etwas Künstlerisches, Kreatives, von dem ich selber glaube, dass ich es nicht habe.

Sie hat aktuell eigene Sorgen, von denen sie mir sehr offen erzählt. Es geht um Arbeit udn Rente und Geld und Steuerklassen, und ich bin wieder entsetzt, wie unser System Menschen bestraft, die eigentlich dem Staat genau nicht auf der Tasche liegen wollen. Es ist ein Irrsinn.

Wir umrunden das riesige Friedhofsareal, wollen in ein Café einkehren, aber die Preise sind irrwitzig und der Service schlecht und herablassend, da gehen wir lieber zum alteingesessenen Falafel-Imbiss vorne am Platz, sitzen in der Sonne, mümmeln, reden, schauen Katzenfotos an, wie sich andere gegenseitig die Bilder ihrer Kinder zeigen.

Dann gehen wir noch eine Runde, besuchen Orte, wo N. früher viel Zeit verbrachte, durchstromern „meinen Kiez“. Ich zeige ihr das Haus, wo ich wohne, wir gehen an H.s Haus vorbei, an der alten Stammkneipe, die schon lange nicht mehr existiert und die auch N. kannte, damals Ende der 80er, Anfang der 90er.

Sie will noch zur Bank, ich zur Post, also machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum großen Platz in der Nähe. Unterwegs werden wir von einem Fahrradboten angesprochen, der einen Kunden sucht; der Eingang zu dessen Treppenhaus befindet sich im Hof eines anderen Hauses, der Bote weiß mangels Sprachkenntnissen nicht, was „Hof“ bedeutet, der andere kann es mangels Sprachkenntnissen nicht anders erklären, sie stecken fest. Warum der eine nicht einfach runter auf die Straße kommen kann, weiß ich nicht.

Ich bekomme das Handy in die Hand gedrückt, lasse mir vom einen den Weg beschreiben und folge der Beschreibung, den anderen im Schlepptau. Es ist ein wenig verworren, wir müssen über eine Baustelle und durch verschlungene Treppenhäuser, dann stehen wir schließlich vor dem richtigen Eingang.
Fast verlaufe ich mich auf dem Weg nach draußen, wo N. geduldig wartet.

Kurz vor dem großen Platz trennen sich unsere Wege, das Treffen wollen wir bald wiederholen, ich wünsche ihr viel Glück für ihre beruflichen Verwicklungen.
Gebe den Brief bei der Post auf; da er auch wichtige Unterlagen enthält, schicke ich ihn als Einschreiben, das ist günstiger als ich dachte.
Besorge noch den Topf, den P. sich zum Geburtstag gewünscht hat.
Beantworte die Nachricht von Freundin B., mit der ich zum Spazieren verabredet bin: Treffen in einer guten Stunde? Perfekt.

* * * * *

Zu Hause muss ich mich umziehen und trinken, trinken, trinken. Ich bin patschnass, es ist nicht so heiß, aber doch warm und die Luftfeuchtigkeit ist verhältnismäßig hoch.
Ich ziehe mich um, denn vielleicht gehe ich nach dem Spaziergang gleich ins Restaurant.
Bin recht aufgedreht nach der Begegnung mit N.: so viele Dinge habe ich gehört, Geschichten, Ideen, Probleme, Sorgen, Erinnerungen, Erlebnisse.

Nach einer Stunde wieder Aufbruch und Spaziergang mit Freundin B. Ich berichte von meinem Tag bis hierhin und sie amüsiert sich wieder über meine Geschichten, die ich zu erzählen habe.

Sie stellt fest, wieviele Männer sich anscheinend um mich kümmern möchten, dabei bin ich gar nicht so ein hilfloses Häschen und dachte eigentlich immer, ich strahle eher Stärke und Unnahbarkeit aus. Da habe ich mich wohl geirrt. Oder verändert.
Schade nur, dass sich der eine, von dem ich es mir wirklich wünschen würde, anscheinend nicht berufen fühlt.

Wir drehen eine mittelgroße Runde und ich begleite B. noch in zwei Läden, wo sie ein paar Kleinigkeiten einkaufen will Nehme mir bei der Gelegenheit noch Getränke mit, dann muss ich morgen nicht aus dem Haus.

Sie verspricht, später auch dazu zu kommen, wenn ich meinen alten Freund G. treffe.

In einer guten Stunde also.

* * * * *

Wieder zu Hause kommt eine Nachricht von Freund B., der fragt, wie mein Tag war. Ich habe das Gefühl, ich stecke noch mitten drin in meinem Tag und berichte, was bisher so war. Er ist angemessen beeindruckt: „Bist ja ganz schön fleißig! Eigentlich keine schlechte Strategie.“
Das denke ich ja auch, wenigstens von Zeit zu Zeit. Und vielleicht führt dieses Übermaß an sozialen Kontakten ja zu einer Art „break“, die mein Einerlei aus Angst, Schmerz und Traurigkeit mal für einen Moment unterbricht und neue Wege eröffnet.

Wir chatten eine Weile hin und her, dann muss ich schon wieder los.

Ich treffe gleichzeitig mit Freund G. ein, der aus der anderen Richtung kommt. Alt ist er geworden, denke ich, aber das ist äußerlich. Er hat einen Altmänner-Bauch und ist weiß geworden, aber das ist nicht überraschend, er ist schon sehr früh ergraut.
Beim Reden merke ich, er hat sich gar nicht verändert, und das ist schön, denn ich mochte ihn immer sehr.
Wir sind sofort wieder sehr vertraut miteinander, obwohl wir uns sicher fünf Jahre nicht gesehen oder gesprochen haben. Dass das so funktioniert, ist ein großes Geschenk.

Er muss sich auch unwohl gefühlt haben vor dem Treffen, unsicher, wie es mir ergehen würde, wie ich mit „der Situation“ umgehe usw. Dass wir so schnell unser altes Level von Vertrautheit wiederfinden, ist sicher auch für ihn eine Erleichterung. Wir können kurz über H.s Tod sprechen, aber dann das Thema auch loslassen. Es bleibt die ganze Zeit im Hintergrund präsent als eine Art gemeinsames Wissen, über das man sprechen kann, aber nicht muss, ähnlich wie es immer mit dem Tod seines Bruders zwischen uns war.
Das ist ein schönes Gefühl: Man weiß voneinander, es ist klar, der andere ist da, wenn man reden möchte, man muss nichts erklären, das Verständnis des anderen ist garantiert. Gleichzeitig steht der Tod nicht wie ein Elefant im Raum, den jeder versucht zu ignorieren. ‚Es muss nichts erklärt werden‘ ist nicht gelichbedeutend mit ‚es will niemand darüber sprechen‘.

Freundin B. kommt dazu, es wird albern und lustig. Der Bekannte R. kommt auch dazu, es wird eher frotzelig-flapsig, vor allem zwischen der B. und ihm. Es ist wie früher. Nur die Nervensäge H. fehlt. Sehr.

Wir sitzen bis Mitternacht, dann bricht erst die B. auf, kurz danach der R., und G. und ich sitzen noch einen Moment allein. Das ganze Alberne ist fort, das können wir zwar gut miteinander in der Gruppe, dann spielen wir uns ganz wunderbar die Bälle zu, aber nicht, wenn wir allein sind, dann sind wir ernsthafter. Warm und leicht ist es mit ihm, und ich genieße das sehr, obwohl ich darunter schon weder die Traurigkeit anrücken spüre.

Um eins bin ich zu Hause, komme lange nicht zur Ruhe.
G., auch ein Künstler, hat mir in einem Nebensatz angeboten, mich mit in die Werkstatt zu nehmen, dann könnte ich an eigenen Sachen arbeiten. Er hat da immer was in mir gesehen, was ich selber nicht wahrhaben will; vielleicht sieht er auch einfach in jedem ein Potential, was seiner Meinung nach jeder Mensch hat.
Mein Kopf beginnt, Ideen zu entwickeln. Ich hungere ja nach Ausdruck, suche nach dem für mich passenden Medium: Singen? Schreiben? Fotografieren? Warum also nicht Druckgrafik.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wärme. Vertrautheit. Verständnis. Freundschaft.

What I did today that could matter a year from now:
Menschen treffen, offen sein.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Arbeit mal hintan stellen.
Mich um mich kümmern.
Menschen treffen.

Begegnungsnotizen:
Die N.
Der Fahrradbote.
Freundin B.
Freund G., Bekannter R.
J. und M. im Restaurant.
Menschen in Supermärkten, im Imbiss, bei der Post und im Kaufhaus.

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