Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hunderteinundsiebzigste Tag im Danach: Gemangelt

16. Juli 2021. Freitag. Wecker um halb sechs, es ist feucht und warm, und ich fühle mich vollkommen ermattet, ich muss heute morgen nicht unbedingt rennen gehen. Drehe mich also um und beschließe zu schlafen, solange ich will. Das wäre dann kurz vor sechs. Ich stehe auf mit einem Wattekopf, der sich teilnahms- und lustlos anfühlt.

Ich ahne, dass das der Weißkittel-Effekt ist: Ich habe heute Nachmittag einen Termin bei der Trauerbegleiterin, und da bin ich vorher immer ganz ratlos, worüber ich mit ihr sprechen soll. Auch wenn mich tagelang schwerste Probleme plagen, am Tag des Termins erscheint plötzlich alles weniger schlimm oder drängend: Das regelt sich schon, damit komme ich schon irgendwie klar, was soll sie mir dabei helfen?
Auch hier wieder das Phänomen: Die Zeit (und das Geld) will ich optimal nutzen und dann nicht über Selbstverständlichkeiten reden.

Vielleicht wäre das ja mal ein Thema: Inwieweit mein Perfektionismus und mein selbstgemachter Druck, die knappen Ressourcen optimal auszunutzen, nicht einen guten Teil zu meiner Erschöpfung und Überforderung beitragen?

Die Gedanken arbeiten dann doch den ganzen Tag, ich gewinne einen Überblick, an welchen Themen ich mich in Bezug auf den Verlust in den letzten Monaten abgearbeitet habe:
Die Bedeutung kreativer Ausdrucksmöglichkeiten.
Die Entscheidungen, die wir getroffen haben: Welche Dinge tun wir, welche lassen wir.
Selbsthass, Depression: Warum soll ich dieses oder jenes tun? Warum überhaupt morgens aufstehen? Es ist doch niemand (mehr) da, den es interessiert…
Selbst-Wertschätzung: Mich interessiert es!
Die Sehnsucht nach jemandem, mit dem ich mein Leben teile.
Mein Bedürfnis, die Sorge um mich zu externalisieren.
Angst: davor, alleine klarkommen zu müssen; vor Katastrophen, vor Kontroll- oder Autonomieverlust; vor Existenzbedrohung.
Wahrnehmung der eigenen Verletzlichkeit und Bewusstwerden der eigenen Ressourcen.

An Arbeit ist kaum zu denken, immerhin schaffe ich ein gutes Stündchen.

Der Termin wird auf ihren Wunsch eine Stunde vorverlegt. Ich bin durchgedreht, stehe neben mir, meine Stimme klingt mir fremd, was ich sage, drückt nicht aus, was ich sagen will, meine Gedanken sind sprunghaft. Trotzdem kommen ein paar wichtige Themen zur Sprache.
Auch dafür sind diese Termine gut: Dass ich Dinge anspreche, die momentan (scheinbar) nur am Rande meines Bewusstseins vorbeihuschen, aber gigantisches Konfliktpotential bergen, etwa die Gedanken, wie ich meinen Geburtstag dieses Jahr feiern soll. Feiern will. Oder was ich nicht will.

Sie sagt mir gute Sachen. Ich glaube, manchmal ist sie wirklich überrascht von mir: wie klar ich in vielerlei Hinsicht bin, wie genau ich Sachen wahrnehme, und dann doch die – von außen betrachtet – offensichtlichsten Schlüsse nicht ziehe. Oder nicht wage zu ziehen.

Ich komme ziemlich gemangelt aus dem Termin, gehe wie auf Eiern, eine Frau auf der Straße schaut mich seltsam an, vielleicht bin ich kurz getaumelt oder habe einen seltsamen Gesichtsausdruck. Ich reiße mich zusammen und gehe meine geplanten Erledigungen an: Geldautomat, Drogeriemarkt, um Fotos von H. im Großformat auszudrucken und passende Rahmen mitzunehmen, Supermarkt, um die gewünschten Kekse für P. und ein Not-Abendbrot für mich zu besorgen.

Ich bin mit Freund B. verabredet, der bei D. ist, um Musik zu machen. Schlendere gemütlich nach Hause, setze mich an den Spielplatz, mümmele ein gekauftes Brötchen. B. kommt eine halbe Stunde später als geplant, aber das ist okay, es war nur eine Ungefähr-Zeit verabredet.

Zum Glück hat er auch ein Hüngerchen, so können wir die neue Bewirtschaftung im Restaurant gegenüber des großen Parks austesten. Es ist okay, aber nicht ganz billig. Aber gut, frisch gemachtes Essen mit einigermaßen brauchbaren Zutaten kostet eben. Mir fehlt an allem das I-Tüpfelchen. Kleinigkeiten, die nicht extra kosten oder Mühe machen, aber es „gut“ machen würden. Salz auf dem Tisch. oder wenigstens Personal in Sicht, das welches bringen könnte. Ein bisschen mehr Mut beim Würzen oder Kräutern.

Ich begleite ihn zur U-Bahn, schlendere nach Hause. Ich stehe immer noch neben mir, habe aber immerhin das Gefühl, heute etwas „geschafft“ zu haben. Fühle mich gereinigt und etwas aufgeräumter im Kopf.

Kaum zu Hause ruft P. an und gibt mir eine Liste von Dingen durch, die ich ihm ins Krankenhaus bringen soll. Er klingt aufgeräumt. Ich spreche die geplante Fahrt nach K. an, er hat nichts dagegen. Aufatmen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Essen gehen – wie so ein ganz normaler Mensch – ohne traurige Erinnerungen

What I did today that could matter a year from now:
Über Dinge nachdenken.

Was wichtig war:
Mir Zeit nehmen.
Etwas für mich tun.
Sprechen.
Zuhören.
Begegnungen.
Rausgehen.

Begegnungsnotizen:
Trauerbegleiterin.
Freund B.
Personal in Supermärkten und im Restaurant.

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