Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertzweiundsiebzigste Tag im Danach: Anstrengende Mikroaktionen

17. Juli 2021. Samstag. Wecker um halb sechs, weil ich morgens laufen will. Es ist aber schon so drückend und warm, und der Tag verspricht anstrengend zu werden, dass ich das gleich wieder cancele. Schlafe stattdessen bis sechs und stehe dann auf.

Mir gehen Dinge aus meinem gestrigen Termin mit der Trauerbegleiterin nach, das ist gut. Ich fühle mich immer noch gemangelt, es kamen also wirklich wichtige Dinge zur Sprache. Gleichzeitig spüre ich wieder mehr Zuversicht.

Die Zugverbindungen nach K. sind schwierig, es gibt aber Alternativen, und ich bin zuversichtlich, dass das am Donnerstag klappen wird, wenn auch vielleicht mit etwas Verspätung oder Ersatzzügen/ -strecken. Egal, wir haben ja Zeit.

Um halb elf breche ich auf zu meiner Runde für P.
Der Tag wird anstrengend, aber eher in Summe – die einzelnen Etappen sind jede für sich gar nicht so schlimm. Aber dieses ständige sich neu auf etwas Einstellen, dazwischen jeweils sich kaugummiartig dehnende Wartezeiten. Sehr zermürbend:

Sachen zusammenpacken, zum Testzentrum laufen, sehen, dass das Testzentrum, das „täglich von 9 bis 18 Uhr“ geöffnet sein soll, geschlossen hat. Überlegen, wo es noch eins geben könnte. Losmarschieren. Sich an die Teststation im Einkaufszentrum schräg gegenüber erinnern, dorthin gehen, anmelden, Test machen. Zum Drogeriemarkt, nochmal Fotos von H. ausdrucken, auf eine Treppe setzen, 12 Minuten warten. Anstellen an der Teststation, warten, Ergebnis abholen. Zur U-Bahn gehen, Fahrkarten kaufen, 5 Minuten auf den Zug warten. Zehn Minuten Richtung Süden fahren, 8 Minuten auf den Bus warten. Zehn Minuten fahren, zehn Minuten zu P.s Wohnung gehen, Sachen für P. zusammensuchen. Die Geburtstagsgeschenke einwickeln, die zusammengesuchten Sachen in Tasche und Rucksack verpacken. Leiter rausschleppen, Kirschen ernten, nach den Tomaten sehen, Tomaten, Kräuter und Gurken gießen, Gurke ernten. Kirschen und Gurke einpacken. P. anrufen. Lebensmittel aus dem Kühlschrank einpacken. Losgehen, zum Bus rennen, zehn Minuten zur anderen U-Bahn fahren. Warten. Mit der U-Bahn und zu Fuß zum Krankenhaus. Warten bis der Pförtner wieder da ist, den Pförtner nach dem Weg zur Station fragen. Zur Station laufen, anmelden, eintragen. Ins Zimmer gebracht werden. Anderthalb Stunden mit P. sitzen, nach Gesprächsthemen suchen, seinem Husten zuhören. Aufbrechen, zurück zur U-Bahn gehen. Warten. Fahren, umsteigen (mit Bahnsteigwechsel), warten, fahren, nochmal umsteigen, noch eine Station fahren. Einkauf im kleinen Supermarkt, wo es überraschend leer ist für einen Samstag Nachmittag. Vor dem Haus den J. vom Restaurant treffen, seine Frage nach dem Haus beantworten, reden. Hochgehen, Einkäufe wegräumen, umziehen, Imbiss, runterkommen.

Nichts Schlimmes dabei, aber alles zusammen dann doch viel und anstrengend, deswegen bin ich auch gerädert.
Und Erschöpfung äußert sich in Traurigkeit.

Wieder dieses seltsame Gefühl, das Leben zu verpassen. Ich weiß, wie der Rest des Tages und mein Abend aussehen wird: zuerst kollabieren im Sessel, was essen, runterkommen, emotional und mental abdampfen, vielleicht noch was arbeiten, dann irgendwann fernsehen, lesen, Bett.

Und ich denke daran, dass zur selben Zeit an diesem warmen und regenfreien Samstag Abend überall Menschen draußen sitzen, sich treffen, reden, essen, trinken, in den Himmel schauen, leben. Oder herumlaufen. Sport treiben, allein oder mit anderen.
Ich denke an Freund G., der sicher nicht zu Hause im Sessel herumgammelt, sondern arbeitet oder Kunst macht oder ausgeht. Aktiv ist. Was Sinnvolles tut. Oder Zeit mit anderen Menschen verbringt.
Und ich denke an H., der, hätte er mich heute begleitet, sich jetzt nochmal ein Stündchen hinlegen und dann den ganzen Abend etwas tun würde: Arbeiten oder Musik oder rübergehen und aufräumen. Ebenfalls etwas Sinnvolles.

Das Muster ist klar: Während ich nach der Pflichterfüllung vor Erschöpfung und Unlust kollabiere und den Tag abhake, nehmen sich andere – wenn überhaupt – eine kurze Auszeit, eine kurze Erholungspause und machen dann weiter – und tun noch was.
Ich akzeptiere, dass ich eben so bin, trotzdem macht mich das traurig. Ich verpasse so viel von diesem Leben, nach dem ich so hungrig bin.

Das ist kein neues Gefühl, gerade im Sommer packt mich das häufig, wenn draußen um acht hör- und sichtbar das Leben „losgeht“, während ich langsam aber zielsicher in Richtung Bett dümpele.
Scheiße.

Aber was kann die Lösung sein? Auch ein Mittagsschlaf lässt mich abends nicht unbedingt länger durchhalten. Und dann: Wofür? Dafür, allein vor (oder in) einer Kneipe zu hocken und ein Schweinegeld für Getränke auszugeben, während ich vor mich hin starre oder Nervsäcke abwehre?
Mehr abendliche Verabredungen treffen?
Aber die Kosten für derartige Aktivitäten sind hoch: Geld, Zeit, Kraft. Der nächste Tag ist gelaufen, wenn ich mehr als zwei, drei Bier trinke oder wesentlich nach Mitternacht ins Bett komme.
Und dann: Nach einem schönen Abend allein nach Hause gehen, ist schrecklich.

Das alles stopft nicht die Löcher in mir. Das Loch, das H. gerissen hat, ebenso wenig wie das Loch, das ich seit Jahrzehnten mit mir herumtrage: Die Angst, das Leben zu verpassen, der Frust, nichts oder nicht genug „Sinnvolles“ zu tun, einfach nur vor mich hin zu leben, zu arbeiten, zu essen, zu schlafen, sinnlose Bücher zu lesen und ab und zu mal einen Tag meinen Hobbies frönen. Fast-Food-Leben.
Anstatt Dinge voranzutreiben, Projekte zu realisieren, Werke zu schaffen, Menschen zu begegnen, den Horizont zu erweitern, etwas zu hinterlassen, einen Eindruck zu machen. Zu sein.

Ich weiß nicht mal, was das sein könnte, ich weiß nur: Wenn ich sterbe, wird das Ergebnis meiner Lebenszeit mitsamt dem alten Rechner im Müll landen. All die Gedanken, die ich gedacht und aufgeschrieben habe. All die Fotos, die ich gemacht habe. Die Stunden, die ich mit dem Entziffern irgendwelcher Kirchenbucheinträge verbracht habe. Weg. Vorbei.
Weil da keiner mehr ist, der davon weiß oder der versteht, wie wichtig mir das ist. Und der sieht, dass es auch anderen Menschen Freude bereiten kann. Oder der es nur deshalb bewahren möchte, weil ich mich damit beschäftigt habe.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich momentan jedem Vorschlag, der von außen kommt, zustimme: Wollen wir uns treffen? Wollen wir zusammen spazieren? Wollen wir ein Bier trinken gehen? Ja! Ja!! Ja!!!
Angst, etwas zu verpassen. Angst, keine weitere Chance zu erhalten. Angst, fallengelassen zu werden.

Ich bin so lebenshungrig. Hungrig auf Menschen, auf Begegnungen, auf Ideen, auf Aktivität, auf Eindrücke.
Aber ich will das nicht allein.
Am meisten bin ich hungrig auf den einen Menschen an meiner Seite.
Auf H.
Ich vermisse ihn so, so sehr…

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Diese wunderbare Bilderbuchgurke, die ich ernten und behalten darf.

What I did today that could matter a year from now:
Nachdenken. Einen Besuch.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Ruhe bewahren.
Atmen.
Im Moment sein.

Begegnungsnotizen:
P.
J.
Menschen in U-Bahnen, Bussen und im Supermarkt.
Krankenhauspersonal.

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