Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertdreiundsiebzigste Tag im Danach: Dinge abschließen

18. Juli 2021. Sonntag. Ich wache kurz vor sechs auf, beschließe aber, dass es gerne noch ein wenig Ruhe sein darf. Komme ins Nachdenken und döse darüber ein, das ist gut. Stehe dann um sieben auf, das ist eine wunderbare Zeit für einen Sonntag.

Die Gedanken von gestern Abend mäandern noch durch meinen Kopf, das Thema „Nachlassregelung“ rutscht in der Wichtigkeit wieder etwas nach oben.

Warum ist der Schmerz momentan so stark? Dauernd erinnere ich mich an Dinge, und dann werde ich traurig. Warum gerade jetzt?
Das Nachdenken übers Haus. Das Sich-vertraut-machen mit dem Gedanken, dass es aus finanziellen Gründen wohl keine Zukunft gibt.
All die bevorstehenden Geburtstage. Die Erinnerungen und Rituale, die damit verbunden sind.
Die Abwicklung seines Lebens: Mietrückforderungen. Steuer. Verträge. Alles irgendwann demnächst erledigt und weg.
Mehr Zeit für mich. Mehr Zeit zum Nachdenken. Mehr Zeit zum Vermissen, zum Bedauern, zum „die Lücke spüren“. Zum Verstehen, was er mir bedeutet hat.

„Sie machen das super“ lobt mich die Trauerbegleiterin und meint meinen Umgang mit meinen Gefühlen, meine Trauerarbeit. Wie ich all meine Gefühle wahrnehme und benenne. Sie hat häufig mit Menschen zu tun, die sich ihrer Gefühle nicht bewusst sind und dann mit irgendwelchen Störungen oder Problemen zu kämpfen haben und den Zusammenhang mit ihrer Trauer gar nicht sehen.

Ja, schön, ich mache das super. Ist es deswegen leichter? Nein. Werde ich das Ganze schneller verarbeiten? Ich weiß nicht. Anders? Vielleicht.
Ich fühle mich trotzdem schrecklich und erschöpft und überfordert.
Vielleicht tue ich mich deswegen mit diesem Lob so schwer.

* * * * *

Fahre vormittags zu M. Die zweite Druckerkartusche funktioniert auf Anhieb; muss ich die andere wohl reklamieren.
Datensicherung, PC-Wartung. Anschließend läuft alles etwas flüssiger. Das große Systemupdate ist immer noch optional, also warten wir damit noch; das kann im Einzelfall durchaus ein paar Stunden dauern, dafür machen wir dann einen separaten Termin, wenn ich wieder da bin.

Nachmittags um halb vier wieder zu Hause. Abdampfen und etwas Wassermelone essen. Ich habe Hunger, aber keinen Appetit, außer auf Junk Food, und das gibt es jetzt mal nicht.

Freund B. möchte gerne telefonieren, aber mir ist jetzt nicht nach reden. Später.
Bei ihm weiß ich nie: Hat er selbst jetzt gerade Redebedarf, weil irgendein Problem? Oder „nur“ wegen langweilig? Oder denkt er, ich müsste jetzt mal reden? Aber da er es nicht dringlich macht, reagiere ich für den Moment nicht.

Stattdessen mache ich H.s Steuer fürs letzte Jahr. Ich brauche einen Moment, um bei seinen Zahlen durchzusteigen, ergänze noch ein paar Buchungen, trage alles im ELSTER ein, und dann steht die Sache. Die kalkulierte Steuernachzahlung hält sich sehr im Rahmen, er wäre zufrieden damit.

Dann ruft Freund B. an, und wir plaudern gute 40 Minuten über alles Mögliche. Dann reicht es ihm wieder, und er beendet das Gespräch wie üblich etwas brüsk. Er ist immer weniger der Mensch, dem ich „einfach so“ etwas erzählen mag, für Small Talk ist er nicht geeignet.
Wie anders war das mit H., wir konnten stundenlang über alles Mögliche quatschen, auch wenn ihn die Hälfte wahrscheinlich ebenso wenig interessierte wie Freund B. Und das war nicht nur mit mir so, auch mit anderen Menschen war er gut im Gespräch, sei es am Telefon oder „live“. Er war eben einfach kommunikativer und mehr an seinem Gegenüber interessiert.
Probleme kann ich gut mit Freund B. besprechen, allerdings hat er selten richtig gute Hinweise für mich. Aber auch die Dinge, denen ich widersprechen muss, bringen mich weiter, insofern ist das ok. Und oft ist es ja einfach wichtig, dass jemand verständnisvoll zuhört. Rat hole ich mir nun ohnehin immer von mehreren Seiten.

Anschließend noch die Vorbereitung des morgigen Impftermins: Unterlagen ausdrucken und ausfüllen, Impfbuch raussuchen, Fahrinfos checken. Zurück will ich die gut drei Kilometer vom Impfzentrum zu Fuß gehen, das wird mir gut tun.

Zum Abendbrot „koche“ ich mal wieder: Von P. hatte ich mir fertig gekochte Pellkartoffeln und fertige Bouletten (Frikadellen) sowie Mairübchen mitgenommen. Bouletten und Kartoffeln fliegen in die Pfanne, die Mairübchen koche ich zusammen mit meinen, die auch schon ewig im Kühlschrank rumliegen. Aus den Resten wird morgen eine Suppe gemacht.

Im Fernsehen „Florence Foster Jenkins“ mit der wie immer wunderbaren Meryl Streep und einem inzwischen recht gealterten Hugh Grant, dem ich den liebenden Ehemann aber nicht so recht abnehmen kann.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mich zart und stark zugleich fühlen.

What I did today that could matter a year from now:
Eine Idee bekommen, wie ich meinen Geburtstag feiern möchte.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Ruhig bleiben.
Mir Zeit nehmen.
Nicht springen.
Wieder etwas Wichtiges erledigen.

Begegnungsnotizen:
M.
Menschen in der U-Bahn und im Hausflur.

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