Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertvierundsiebzigste Tag im Danach: Erstimpfung

19. Juli 2021. Montag. Ohne Wecker wieder kurz vor sechs wach. Passt schon.
Ich stehe seltsam entspannt auf; anscheinend haben die zwei Wochen ohne Kunden (die Lieblingskundin war in Urlaub, alle anderen entweder auch, oder sie verhielten sich ruhig) auch bei mir einen kleinen Erholungseffekt zur Folge. So sind zum Beispiel auch die Ohrgeräusche verschwunden, die ich damit wohl eindeutig auf Stress zurückführen kann.

Ein Gefühl von fragilem Gleichgewicht. Jetzt sollte einfach mal eine Weile nichts passieren, dann finde ich vielleicht wieder Boden unter den Füßen.
Jetzt bloß keine komplizierten Kundenanfragen oder sonstige Katastrophen…

Heute steht mein erster Impftermin gegen Covid an; ich bin weder besonders aufgedreht deswegen, noch groß gestresst; es steht halt etwas Unbekanntes an, das macht das Introvertierten-Herz ein klein wenig flatterig, aber nicht allzu schlimm. Aber die morgendliche Grundstimmung ist positiv.

Ich stelle mir vor, H. und ich hätten nach Möglichkeit unsere Termine wohl aufeinander abgestimmt; vielleicht wäre H. aber auch schon früher dran gewesen, er war ja in der Gruppe der Über-60-Jährigen. Dann würde ich da heute ohnehin allein hindackeln, es ist also nicht schlimm oder mit „was wäre wenn“ belastet.

* * * * *

Der Impftermin verläuft reibungslos, wenn auch bedeutend länger als gedacht und von z.B. M. geschildert (sie war aber auch Sonntags da):

Um halb elf gehe ich los, fahre mit der U-Bahn, laufe das letzte Stück, um kurz nach elf komme ich am Impfzentrum an. Die Schlange der Wartenden (alle mit Termin) reicht etwa 200 Meter lang. Bei einem Abstand von etwa einem bis anderthalb Metern zwischen den Wartenden stehen hier also etwa 150 Leute an. Später zähle ich, dass pro Minute etwa acht bis zehn Leute zu den Impfkabinen vorgelassen werden. Das korrespondiert in etwa mit meiner Wartezeit (ca. 20 Minuten) vor dem Impfzentrum.

Aber die Schlange bewegt sich, wenn auch langsam. Es geht voran.

Im Impfzentrum selbst ist alles bestens organisiert und eine geölte Maschinerie mit einem unglaublichen Personalaufwand (sehr viele, sehr junge Leute):

Zugang, Hände desinfizieren, Code einscannen und Ausweis zeigen, ein netter Spruch, weil ich alles parat habe. Taschenkontrolle. Freundlich. In der Wartezone Platz nehmen.
Die Absperrungen vor und in der Halle stammen vom Flughafen BER – es sind dieselben, die vor den Check-In-Schaltern die Warteschlangen lenken. Die Stellwände sind weißer Standard-Messebau. Alles seltsam vertraut.
Wieder aufstehen, in einen langen Gang mit vielen Bearbeitungsplätzen treten, zu einer weiteren Helferin gehen, die einen Platz zuweist. Hinter der Glasscheibe sitzt ein junger Mann, der meine unterschriebenen Zettel überprüft: Alles da? In der aktuellen Version? Auch hier ein freundliches Geplänkel, weil ich so gut vorbereitet bin.
Den Gang zu Ende gehen und das Ende der nächsten Warteschlange suchen – rechts rum, ein paar Meter in den nächsten Gang hinein. Auch diese Schlange bewegt sich langsam, aber sie bewegt sich: den Quergang hinter den Gängen mit Bearbeitungskabinen entlang, durch eine Öffnung in den Stellwänden in den nächsten Bereich mit den Impfkabinen.
Auch hier wieder EinweiserInnen: eine am Kopf unserer Warteschlange, mehrere Helfer im Gang mit den Impfkabinen. Ich betrete meine Impfkabine, nehme Platz. Es ist 11:55 Uhr. Den Termin hatte ich um 11:15 Uhr, seit kurz nach elf befinde ich mich vor Ort.
Der freundliche junge Helfer entschuldigt sich, er wechsele jetzt den Arbeitsplatz, gehe rüber zum Empfang. Auch die Ärztin verschwindet, es klingt so, als gebe es eine Ablösung.
Ich warte gut fünf Minuten, dann kommt eine andere, noch jüngere Helferin. Ich versuche, sie in ein Gespräch zu ziehen, bekomme aber nur heraus, dass sie vom DRK angestellt seien, es seien aber auch andere Organisationen vor Ort. Ich lobe den reibungslosen Ablauf, sie freut sich.
Kurz darauf kommt die Ärztin wieder. Kurzes Gespräch, sie fragt nochmal die wichtigsten Punkte aus dem Anamnese-Bogen ab: Wie sich meine angegebene Penicillin-Allergie äußere? Hautausschlag scheint ok zu sein, Hauptsache, ich kippe ihr hier nicht vor die Füße. Blutgerinnende Medikamente? Nein. Sehr gut. Eine durchgemachte Covid-Infektion – „soweit Sie wissen“? Nein. Bestens.
Ich frage nach der Möglichkeit, nach der Zweitimpfung einen Nachweis von Antikörpern machen zu lassen, und sie windet sich etwas; scheint davon nicht viel zu halten. „Besprechen Sie das mit Ihrem Arzt.“
Dann erzählt sie noch die wichtigsten Nebenwirkungen, dann gibt es den Pieks. Es drückt und schmerzt kurz, ist aber aushaltbar. Danke, das war’s, hier sind ihre Unterlagen zurück, alles Gute.
Den Gang zu Ende, dann links und am Impfbereich vorbei und zurück zu einem Durchlass, wo zwei Typen stehen, die eher nach Security aussehen.
Erst- oder Zweit-Impfung? Die Erst-Impfungen nehmen im rechten Teil Platz, wo einzelne Stühle aufgestellt sind. Wir sind vielleicht zwölf bis fünfzehn Menschen. Hier kann man 15 Minuten warten, ob noch Nebenwirkungen auftreten oder es einem schlecht wird. Auf Wunsch erhält man einen Becher Wasser.
Die Zweit-Impfungen gehen in die andere Hälfte des Wartebereichs, dort ist es voll, es sind etwa 60 bis 70 Leute dort. Sie sitzen getrennt von uns, weil sie sich am Ende vorne das Impfzertifikat abholen können.
In der Viertelstunde, die ich da sitze, tröpfelt ein steter Strom von Menschen heraus, etwa in demselben Tempo, in dem wir hineingegangen sind, so etwa 8-10 Leute pro Minute.
Punkt 12:30 stehe ich auf, gehe nochmal zur Toilette und verlasse die Halle. Ich sehe nicht, wie lang die Warteschlange ist, weil ich einen anderen Weg zurückgehe.

* * * * *

Ich gehe zu Fuß zurück, nachlassende Anspannung, Erschöpfung und Hunger führen zu einem wehmütigen und melancholischen Grundgefühl. Etwas ist vorbei, zu Ende, ich bin traurig.
Dieses Gefühl kenne ich schon mein ganzes Leben, aber nun wird es durch Gedanken an H., durch Erinnerungen und durch Was-wäre-wenn ergänzt und verstärkt.

Ich möchte weinen, schlucke aber die Tränen herunter: ich brauche alle Kraft, um die Erinnerungen auszuhalten – Wie wir zum letzten Mal gemeinsam bei K. auf dem Gelände waren, dort stand der Wagen von Curry36, hier das Büro dieser Architekten, wo H. bei anderer (oder derselben?) Gelegenheit noch auf einer Late-Night-Party mit Polizeibesuch war. Dort am Spielplatz saßen wir, als die Nichte mit Familie das letzte Mal in Berlin waren. Sind wir nicht noch letzten Sommer bei einem spontanen Sonntagsspaziergang zusammen durch diese Straßen gegangen? Und hier in der Nähe wohnt H:s Kunde und Freund F., wie oft war H. dort…

Im Kaufhaus am großen Platz besorge ich noch eine Geburtstagskarte für P., stolpere über zwei Bücher und niedliche Socken; beides kaufe ich und werde sie mir von M. zum Geburtstag schenken lassen; sie kann ohnehin nicht groß durch die Gegend turnen und Sachen besorgen dieses Jahr.

Anschließend noch zur Post und zum Mini-Einkauf in den großen Supermarkt um die Ecke. Auf dem Heimweg fühlen sich die Beine seltsam hölzern an.

Um zwei bin ich zu Hause. Ich bin sehr zerschlagen, der Impfarm schmerzt, eigentlich würde ich am liebsten ins Bett. Aber zuerst etwas essen, ich mache mir die Reste von gestern Abend warm, dazu ein frisches Brötchen.
Der Körper will Ruhe, aber der Kopf ist zu unruhig zum Schlafen.
Nach einer kleinen Yoga-Session (eigentlich mehr dehnen und atmen) kann ich mich zumindest wieder leidlich konzentrieren.

Es reicht für eine halbe Stunde Arbeit an Kundenprojekten, etwas Orga-Kram (Fotos kopieren, Daten synchronisieren, Mails lesen) und etwas Hausarbeit (Wäsche waschen, Dinge suchen, Geschirr spülen).
Alles andere muss – wieder mal – warten.

Zum Abendbrot gibt es eine Art Suppe aus den restlichen Mairübchen von gestern. Im Fernsehen „Green Book„. Kein aufsehenerregend neuer Blick auf die Zeit, aber gut gespielt von Mahershala Ali und Viggo Mortensen und mit großartiger Musik.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mir Dinge kaufen können, einfach so.

What I did today that could matter a year from now:
Impfung

Was wichtig war:
Zeit nehmen.
Ausruhen.

Begegnungsnotizen:
Menschen in der U-Bahn, in der Warteschlange, im Impfzentrum, im Kaufhaus und im Supermarkt.
Bekannte K. morgens auf dem Weg zum Impfzentrum.

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