Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertsiebenundsiebzigste Tag im Danach: Fahrt mit B. nach K.

22. Juli 2021. Donnerstag. Wecker um 4:30 Uhr, ich komme schwer hoch, aber dann geht es. Habe nur noch wenig zu tun und verzettele mich doch mit der Zeit, genau wie letztes Mal. Es dauert halt immer noch alles länger, und ich tue mich schwer, mich zu hetzen.

Komme aber noch rechtzeitig weg, hole mir Proviant beim Bäcker und erreiche den Hauptbahnhof pünktlich zum vereinbarten Treffen mit Freund B.

Ich bin mir keineswegs mehr sicher, dass diese gemeinsame Fahrt ins Häuschen so eine brillante Idee war, aber nun ist es, wie es ist, und schließlich: Ich wollte doch neue Erfahrungen, also bitte, hier sind sie.

Ich ertappe mich dabei, zumindest gedanklich immer wieder in gewohnte Routinen zurückzufallen, aber B. macht mir das auch leicht, denn er spricht kaum. Ich glaube, ihn strengt das alles sehr an, er fällt auch immer wieder in eine Art Sekundenschlaf. Ich muss ein bisschen vorsichtig mit ihm sein.

Wegen der Hochwasserschäden fahren wir heute etwas anders, steigen in D. um, wo B.s Bruder C. wohnt. B. kommt auf die Idee, ihn anzufunken, und er schlägt tatsächlich ein kurzes Treffen am Bahnhof vor. Da wir fast eine Stunde Aufenthalt haben, passt das ganz gut, er ist ein netter Kerl, wir trinken einen Kaffee zusammen, plaudern etwas, dann geht wieder jeder seiner Wege.

Die Fahrt nach K. führt zunächst eine Stunde durch (für mich) unbekanntes Gebiet; B. ist hier in der Region aufgewachsen. Schließlich kommen wir auf die mir bekannte Strecke und nun ist es wie Heimkommen: Die vertraute Gegend, der Dialekt, die Orte. Ich will das nicht verlieren!

Anstatt auf die immer schöner werdende Landschaft zu schauen und ein wenig neugierig zu sein, recherchiert B. irgendwas Unbedeutendes auf dem Tablet. Interessiert es ihn nicht, oder ist er überfordert? Ich kann ihn nicht „lesen“ und kann nur hoffen, dass er rechtzeitig äußert, wenn ihm was quer läuft. Wetten möchte ich darauf nicht.

Ankunft in K., Gang zum Busbahnhof, noch schnell beim Bäcker ein Stück Kuchen holen und in den Zeitschriftenladen springen, während B. das Gepäck hütet. Wie vertraut!

Dann die Busfahrt hoch ins Dorf, die Nachbarin steht als Empfangskomitee bereit, herzliche Begrüßung, auch der Nachbar kommt raus, alles schön, ich bin zu Hause.

Dann das Übliche: Taschen rein, Wasser und Kühlschrank und Durchlauferhitzer und Boiler an, kurzer Gartenrundgang, kurzer Hausrundgang, Gartenstühle hoch, ein erstes Bierchen auf der Terrasse. Ich bin da.
Es ist warm und drückend, ich spüre einen ganz leichten Anflug von Kopfschmerzen, schaffe aber es wegzuatmen.

Dann M. anrufen, auspacken, sich einrichten. Kaffee und Kuchen auf der Terrasse. Rechner aufbauen, WLAN-Passwort finden, Mails lesen und beantworten, Nachrichten lesen, ein bisschen für morgen planen.

Nochmal Gartenrundgang, Gartentagebuch, Versuch, den großen Pilz zu identifizieren, der da wächst. Eventuell ein Riesen-Champignon, das wäre ja mal was Nettes.
Ein bisschen nachdenken und schreiben, vor allem über meine widersprüchlichen Gefühle in Bezug auf B.s Anwesenheit hier: Einerseits ist es schön, hier nicht allein zu sein (und auch nicht mit Leuten, die Macht haben, über mein Leben zu bestimmen, wie letztes Mal), andererseits irritiert mich seine mangelnde Kommunikation, weil ich nie einschätzen kann: Ist er müde, überfordert, gelangweilt oder genervt? Passiert zu wenig oder zu viel?

Irgendwie agieren wir aneinander vorbei: Er sitzt in seinem Zimmer und richtet seinen Laptop im WLAN ein, ich gehe raus und mache ein paar Fotos. Er kommt auch, setzt sich an den Tisch, macht Rätsel, ich setze mich dazu, schreibe Gartentagebuch. Dann essen wir, er bringt das Geschirr weg und kommt nicht wieder, dann höre ich ihn im Wohnzimmer Gitarre spielen. Soll ich mich dazusetzen, oder will er seine Ruhe haben? Wenn ich ihn frage, kommt nur „Wie Du willst“ oder „Ist mir egal“. Hm.
Also tue ich das, wonach mir ist und das ist: Im Garten sitzen und ein Bierchen trinken. Irgendwann kommt er wieder raus und trinkt eins mit.

Weil wir beide platt sind, gehen wir gegen zehn Uhr hoch, und wieder verschwindet jeder ohne ein Wort in seinem jeweiligen Zimmer und mengt irgendwas herum.

Ich bin mir unsicher, wie sich das anfühlt: Vertraut, alltäglich, entspannt? Oder seltsam, verkorkst und unkommunikativ?
Wir werden sehen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
„Heim“kommen.

What I did today that could matter a year from now:
Mit B. nach K. fahren.

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Fragen.
Auch mal die Klappe halten.
Raum geben.
Ins Haus kommen.
Die Nachbarn sehen.
Mein Garten.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Die Nachbarn C. und D.
Menschen beim Bäcker, im Zeitungsladen, in Bahnhöfen, Zügen, U- und S-Bahnen und im Bus.

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