Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertachzigste Tag im Danach: Ein Tag draußen

25. Juli 2021. Sonntag. Bei wechselndem Wetter ein Tag im Freien.
Ausgeschlafen bis halb neun, dann nach dem ersten halben Kaffee zum Bäcker gegangen und Brot, Brötchen und Streuselkuchen besorgt.
Die Wäscheständer aus dem Keller hochgeholt und auf die Terrasse gestellt.
Ein traumhafter Sommermorgen: Sonne, blauer Himmel, Schäfchenwolken, ein Windchen, Tau im Gras. Die Bienen stürzen sich nun auf den Weißklee, nachdem der Lavendel verblüht ist.

Ich sitze am kleinen Tischchen im Schatten der Eibe, trinke Kaffee, blättere in einer Zeitschrift.
Überlege, ob sich das genauso gut anfühlen würde, wenn da niemand sonst im Haus wäre und schlafen würde.
Wohl nicht, denn dann wäre es einfach ein endlos leerer Tag, den ich zwar nach Gutdünken füllen könnte, es wäre aber auch komplett egal, was ich tue und was nicht. So habe ich das Gefühl, einen geschenkten Moment der Ruhe und des Alleinseins auszukosten, bevor wieder die sozialen Anforderungen greifen und einschränken.

Ich brauche ein Gegenüber zur Abgrenzung, zum Reiben, zum gemeinsamen Erleben, um Sinn in Dingen zu sehen.
Nur leider ist das Gegenüber, mit dem ich gerade das Haus teile, die falsche Person für mich, und zwar in vielerlei Hinsicht, ohne dass ich das schon konkret fassen und benennen könnte. Es fühlt sich einfach vieles falsch an und ich fühle mich in Freund B.s Gegenwart eben immer etwas unwohl. Ich dachte, das ändert sich hier, aber so ist es nicht. Er ist kein Herzensmensch für mich und wird es vielleicht niemals sein. Ich frage mich, wie das für H. war.

Irgendwann taucht er auf, er hat zum ersten Mal seit Monaten sechs Stunden am Stück geschlafen und ist – für seine Verhältnisse – überglücklich. Er will sich in der Küche ein Brot schmieren, aber ich bestehe auf gedecktem Frühstückstisch im Garten. Die letzten Tage haben wir immer etwas zeitversetzt gegessen, aber nicht am Sonntag. Er ist völlig geplättet, wie toll das ist, und ich frage mich wieder: Wie haben die eigentlich gelebt in dieser vierzigjährigen Ehe? Wenn ihn mein normales Frühstück mit frischen Brötchen und Supermarkt-Wurst und -Käse so umhaut?

Der Maler grüßt über den Zaun, ich plaudere kurz mit ihm, aber er spricht nicht viel.

Nach dem späten und ausgiebigen Frühstück verschwindet er im Bad, während ich es mir mit einem Buch der Schwägerin im Liegestuhl unterm Apfelbaum gemütlich mache.
Als B. sich einen Stuhl holt und sich neben mich setzt, wird mir das schon wieder zu eng, und ich flüchte nach einer Weile unter dem Vorwand, der Stuhl sei sehr unbequem für meinen Rücken (was er ist, aber ich hätte es schon noch einen Weile ausgehalten).

Ich krame etwas, lege schon mal einen Teil der inzwischen getrockneten Wäsche zusammen, setze mich an den Tisch auf der Terrasse und lese dort weiter. Auch er verschwindet kurz, kramt etwas und setzt sich dann dazu. So durch den Tisch getrennt ist das Zusammensitzen ok für mich.

Ich wäre so gerne entspannter in seiner Gegenwart, aber es will mir nicht gelingen. Ich spiele das vor, aber ich fühle mich nicht wirklich wohl. Ich versuche mehrfach, dieses Gefühl zu analysieren, zu greifen, in Worte zu fassen, was da ist, was mich stört, aber es gelingt mir nicht.

Wir sitzen da bis es Zeit für Kaffee und Kuchen ist, anschließend brechen wir zu einem Spaziergang zu den Weiden auf dem Berg auf.
Als wir oben sind, grummelt es in der Ferne, das Grummeln kommt schnell näher, der Regenradar auf dem Smartphone verspricht Regen in der nächsten halben Stunde, deshalb gehen wir nicht weiter zur Tongrube, sondern drehen nach einem kurzen Stopp an den Buchen wieder um.
Immerhin haben wir ein paar von den Wildrindern auf einer Weide gesehen.

Der Regen lässt sich keine halbe Stunde Zeit, nach wenigen Minuten fallen die ersten Tropfen, nach zehn Minuten gießt es. Mauersegler wischen direkt über unsere Köpfe hinweg.
Ich habe Schirme mit, aber die Stoffschuhe sind durchweicht, als wir zu Hause ankommen. Zum Glück ist die Kamera halbwegs trocken geblieben.

Umgezogen und trocken sitzen wir eine Weile zusammen, dann macht B. sich an die Zubereitung des Abendbrots, während ich eins seiner Sudokus löse. Sie langweilen mich immer noch; ich bin inzwischen ein str8ts-Fan.

Nach dem Abendbrot (paniertes Kotelett, Pellkartoffeln, Rest Sauerkraut) geht B. hoch, um Text und Akkorde für ein Lied rauszusuchen, das ich mir gewünscht habe.
Ich sitze derweil auf der Terrasse, trinke ein Bier und versuche, meinem zwiespältigen Gefühl ihm gegenüber auf die Spur zu kommen, aber es gelingt mir nicht so recht, ich starre die meiste Zeit einfach in die Gegend. Auch als er runterkommt und sich zu mir setzt, bringe ich kaum etwas heraus; ich bin in einer Art mentalem Stand-By-Modus. Sehr seltsam und gar nicht mal so angenehm.

So sitzen wir eine Weile zusammen und das Schweigen ist kein angenehmes, aber ich habe keine Kraft mehr für Smalltalk, und dann ist das jetzt eben so.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Fünf Greifvögel gleichzeitig am Himmel. Ein Tagpfauenauge. Mauersegler, die so tief fliegen, dass ich meine, sie berühren zu können. Im Regen spazieren.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Ausruhen.
Den Sommer genießen.
Lesen.
Spazieren.
Nachdenken.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Menschen beim Bäcker.

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.