Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertzweiundachzigste Tag im Danach: Verwüstungen

27. Juli 2021. Dienstag. Wecker um 6:00 Uhr. Mit Todesverachtung aufgestanden in der Hoffnung, heute außer Arbeit noch etwas anderes zu schaffen, vielleicht eine kleine Unternehmung?

Nachts im Bett fühlte ich mich beim mehrfachen Aufwachen wie ein Verräter, weil ich Freund B.s Faulheits-Trieb so bereitwillig nachgebe. Hier ist es so schön, es gibt soviel, das sich anzuschauen lohnt – wir können doch hier nicht eine Woche nur im Garten oder im Haus herumliegen!

Mit H. zusammen hätte ich wohl ein Programm geplant, wahrscheinlich hätten wir ein Auto gemietet, hätten am Wochenende täglich lange Touren unternommen, damit der Besuch ein Gespür für die Landschaft bekommt. Dann mal einen Tag zum Ausruhen, dann Stadtrundgang, Spaziergänge rund ums Dorf, eine Fahrt mit dem Zug oder Bus irgendwo hin, ein Besuch auf der Burg.

Jedenfalls nicht Tage am Stück lesen, Musik hören, Serien schauen. Das kann er doch zu Hause auch tun!

* * * * *

Verhältnismäßig frühes Frühstück um halb neun. Der Monteur der Stadtwerke kommt um neun statt um zehn, das ist mir auch recht. Der Gaszähler ist schnell gewechselt.

Dann arbeiten und Kundentelefonate bis halb eins.
Kleiner Imbiss, dann überrede ich Freund B. zu einem Spaziergang. Um zu entscheiden, wo wir langgehen können, frage ich immer vorher: Wie lange magst Du? Anderthalb bis maximal zwei Stunden, lautet heute die Antwort, also entscheide ich mich für ein benachbartes Bachtal. Das dauert rauf und runter anderthalb Stunden, wenn man am Ende noch einen kleinen Schlenker läuft, knapp zwei. Perfekt.

Es geht steil bergab, dann stetig bergauf, dann sanft bergab, dann wieder steil bergauf. Freund B. leidet schon auf dem sanften Anstieg sicht- und hörbar. Er ist in sehr schlechter Verfassung; es würde ihm gut tun, hier mal vier Wochen jeden zweiten Tag spazieren zu gehen.

Ich hingegen fühle mich fit und stark und genieße die Bewegung, die Beanspruchung der Muskulatur. Das rauschende Wasser und all das Grün entspannen und machen mich glücklich, und im direkten Vergleich mit B. fühle ich mich topfit und extrem leistungsstark. Wäre ich hier mit H. unterwegs, wäre das vermutlich anders.

In dem Tal sind sehr viele Bäume umgestürzt, und immer wieder müssen wir über den Hang krabbeln oder über Baumstämme klettern. Der Boden ist matschig und an vielen Stellen von Wildschweinen aufgewühlt. B. findet das alles sehr abenteuerlich, mir macht es großen Spaß, H. würde vermutlich ein wenig herummaulen, sich dann aber von meiner Begeisterung anstecken lassen. Für mich ist er immer dabei.

Auf dem Rückweg nieselt es kurz, wir setzen uns auf eine Bank mit weitem Blick unter den Regenschirm. Die körperliche Nähe ist mir unangenehm.

Auf dem letzten Stück werde ich sehr traurig, denn hier bin ich mit H. noch im November gegangen, hier hatten wir geplant, den Weg, den wir eben gekommen sind, in umgekehrter Richtung „demnächst“ zu gehen.

Zurück im Dorf schlägt B. vor, noch Kuchen mitzunehmen, was mir sehr gelegen kommt, denn ich habe ordentlich Hunger bekommen.

Zu Hause dann also Kaffee und Kuchen, ich zünde die Kerze an, die seit H.s Geburtstag im September auf dem Wohnzimmertisch steht, das findet B. wieder über die Maßen gemütlich; draußen gießt es inzwischen.

B. ist erschöpft, legt sich eine Weile hin, während ich Geschirr spüle, Telefonate mit P. und M. führe, bei der Schwägerin anrufe (aber da geht niemand ran) und noch etwas arbeite.

Kurz nach sieben taucht B. wieder auf und macht sofort Abendessen (Reste: Koteletts von vorgestern mit Reis von gestern). Vermutlich ist er nur aus seinem Zimmer gekommen, weil er Hunger hat, denn sehr kommunikativ ist er nicht. Zwar sitzen wir nach dem Essen noch einen Moment zusammen, aber viel Gespräch kommt nicht zustande; um neun steht er unvermittelt auf und geht wieder hoch und „ins Bett“. „Ins Bett gehen“ heißt bei ihm nicht „schlafen“, sondern allein sein, was am Rechner schauen, Musik hören oder Filme schauen.
Das ist ok, ich brauche selber Rückzugsmöglichkeiten, ich wünschte mir nur, das ganze würde etwas weniger abrupt und mit ein zwei erklärenden Sätzen begleitet geschehen.

Wenn ich eine tiefere Zuneigung zu ihm hegen würde, fände ich das Verhalten vermutlich akzeptabel, möglicherweise sogar ein wenig charmant weil „eigen“. So finde ich es nur irritierend und etwas unhöflich. Aber sei’s drum, diese Woche bringen wir jetzt noch rum, vermutlich gehe ich ihm auch massiv auf den Wecker mit meinen Eigenheiten.

Gedankenspiele: WIe wäre es hier mit Freundin B.? Mit anderen Freunden? Mit TSO?

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Spazieren im „Urwald“

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Arbeiten.
Rausgehen.
Bewegung,
Wetter.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Die Nachbarn D. und C.
Menschen beim Bäcker.

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.