Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertfünfundachzigste Tag im Danach: Draußen-Tag

30. Juli 2021. Freitag. Um 6:45 Uhr von der Müllabfuhr geweckt.

B.s Zug morgen ist gestrichen, aber er bekommt eine Alternativverbindung, die ist auch ok.

Beim Frühstück platzt mir der Kragen als er zum wiederholten Male genervt auf irgendwas reagiert, was ich sage. Ich habe es satt, dass er mir permanent widerspiegelt, ich sei „zu“ irgendwas. Mache mir zu viele Gedanken, sehe irgendwas zu eng, hänge mich zu sehr rein, mache Dinge unnötig kompliziert, denke zuviel nach, betreibe zuviel Aufwand.

Im Normalfall lasse ich so etwas an mir abprallen: Ich bin wie ich bin, ich denke halt viel und schnell und intensiv über Dinge nach. Das ist eine Eigenschaft, die ich an mir schätze; ich muss eher daran arbeiten, anderen ihre eigene Zeit zum Denken zu lassen und sie nicht zu überfahren. Aber aufhören zu denken? Vergiss es.

Im Moment bin ich aber dünnhäutig, und da triggert diese „Kritik“ in mir die Abwertung, die ich in meiner Kindheit durch meine Eltern erfahren habe. Auch sie haben nicht verstanden, wie ich ticke, fanden mich unverständlich und also „falsch“ und ließen mich das spüren. Dies hat zu einer tiefen Verunsicherung geführt, und wenn jetzt wegen der Verlusterfahrung mit H.s Tod manchmal meine Abwehr etwas bröckelt, dann trifft mich solch eine harmlose – und vielleicht sogar nett gemeinte – Bemerkung wie „Mach Dir doch nicht so viele Gedanken!“ bis ins Mark.

Ich versuche, ihm das zu erklären, glaube nicht, dass er es versteht, denn er ist viel zu sehr mit seiner eigenen Reaktion auf meinen geplatzten Kragen beschäftigt, aber wenigstens habe ich es für mich jetzt wieder klar, und verstehe besser, was das Zusammensein mit ihm schwierig macht.

Erreicht habe ich, dass er jetzt vorsichtig um mich herumschleicht – weil er nicht versteht, was ich ihm sagen will, weiß er nun nicht, wie er sich verhalten soll, um nicht einen neuen Ausbruch zu riskieren.
Wir müssen echt noch unser Level finden, auf dem ich ihm etwas mitteilen kann, was verstanden wird.
Mit H. hat das ja auch eine Weile gedauert.

Ziemlich bald nach dem Frühstück machen wir uns an die geplanten Arbeiten im Garten: Terrassenbretter wieder zusammenklopfen, die beiden Pilze aus dem alten Apfelbaum schneiden, den Baumstumpf nochmal um einen guten Meter verschieben. Jetzt steht er schön.

Danach ist B. wieder völlig erschlagen, er ist wirklich nicht sehr fit. Ich bin von H. eine andere Arbeitskraft und Durchhaltevermögen gewohnt, ich muss aufpassen, ihn nicht zu überfordern, vor allem, weil er sich geniert, rechtzeitig abzubrechen oder Pausen einzulegen.

Wir sitzen also eine Weile am Tisch auf der Wiese, und dort ist es so schön, dass ich mir den Laptop aufbaue, als er nach oben geht, um sich auszuruhen.

Die eine Verlängerungsschnur scheint wirklich kaputt zu sein. Ich kann keinen Schaden entdecken, aber irgendwo muss was sein. H. hat sie noch nicht aussortiert, also dachte er wohl auch, man müsste sich die mal anschauen, weil Wegschmeißen wäre echt schade.
Das wäre wohl mal eine Aufgabe für einen seiner Kellerabende geworden: Das Ding zentimeterweise auf Schäden untersuchen, Stecker und Dose abschrauben, ob irgendwo ein Kabelchen lose ist und es nach Möglichkeit reparieren.
Für mich wäre das ein Extra-Projekt, zu dem ich mir wahrscheinlich nie die Zeit nehmen würde, und schon gar nicht abends. Abgesehen davon, dass ich es vermutlich nicht reparieren könnte.

Mit dem Laptop geht es ganz gut, ich könnte bei dem Licht zwar keine Bildbearbeitung machen, aber zum Schreiben geht es. Etwas lästig ist nur, dass ich alle Viertelstunde mit Laptop und vollbeladenem Tisch dem Schatten hinterherwandern muss.

Eine Stunde mache ich das, dann wird es mir zu dumm. B. hat sich inzwischen anscheinend genug ausgeruht, er hat sich die Gitarre nach oben geholt, singt und hört neue Stücke, die er lernen will. Er spielte mir das neulich schon aus dem Internet vor, ich fand es musikalisch uninteressant und textlich zu schmalzig-selbstmitleidig, aber Geschmäcker sind verschieden.

Ich klaue ihm ein Sudoku, werde dabei müde und döse etwas im Gartenstuhl, bis die Lieblingskundin mit einem kleinen Notfall anruft. Inzwischen ist es halb drei, und B. ist auch wieder runtergekommen.

Nach einer Stunde beenden wir das Gespräch, B. hat sich inzwischen daran gemacht, Kaffee zu kochen, und ich biete an, schnell zum Bäcker zu springen, um etwas Kuchen zu holen. Erstaunlicherweise ist die Antwort kein „Na ja, wenn Du willst, mir ist es egal“, sondern ein „Ja, das wäre doch schön“.
Er kann nicht mitkommen, weil er auf den Boten wartet, der seine Reisetasche abholen soll. Wahrscheinlich ist er nicht unglücklich darüber, denn ich merke, er ist etwas zu faul für solche kleinen Gänge und versucht, sie zu vermeiden.

Also ziehe ich mich schnell um und gehe los, suche Kuchen aus und bekomme ein Gespräch mit, wo die diesjährigen Eissorten erklärt werden. Zitronen-Basilikum-Sorbet klingt lecker, davon nehme ich ein Becherchen mit.

B. hat sogar Lust darauf und will mal probieren, anscheinend heißt die neue Devise nun, allem zuzustimmen, was ich vorschlage.

Er tut mir ein bisschen leid, ich weiß, ich bin sehr dominant und widersprüchlich, und sicher nicht leicht zu verstehen. Manche Menschen gehen damit relativ cool um, andere verständnislos.
H. hat sich bemüht, mich zu verstehen und hat irgendwann einfach die extremsten Ausschläge in die eine oder andere Richtung ignoriert. Wenn ich ihm zu nahe getreten bin, hat er mir das gesagt, dann habe ich mich entschuldigt und gut war. Er hat mich durch sein ruhiges, verständnisvolles Verhalten ganz gut reguliert, das fehlt mir jetzt.
Oft verhalte ich mich B. gegenüber, wie ich es bei H. getan habe, aber damit kommt er natürlich gar nicht klar – nicht nur weil wir uns nicht so gut kennen, sondern weil er natürlich ganz anders strukturiert ist als H., auch wenn sie beste Freunde waren.

Weil es so ein schöner Sommertag ist – Sonne, Wolken, dazu ein frisches Windchen, das die Wärme der Sonne etwas abmildert, bleiben wir nach dem Kaffee draußen sitzen, ziehen mit dem Tisch um auf die Wiese, schauen, hören, riechen, genießen. Reden wohl auch etwas, über Filme und Musik, unverfängliches Zeug.

Aus dem Nachbarsgarten dröhnt irgendein HipHop-Zeug, das geht mir auf den Wecker. Der halbwüchsige Sohn ist allein zu Hause, heute ist ein Freund zu Besuch, da muss Musik laufen. Allein macht er das kaum.
Also hole ich auch meinen neuen Bluetooth-Lautsprecher, diesmal klappt die Verbindung mit dem Smartphone auf Anhieb und ich lasse Hazmat Modine laufen, wo ich die Bläsersätze einfach liebe.
Selbst B. findet diese Musik nicht ganz furchtbar, was für mich einem Volltreffer gleichkommt. Bisher hat er auf „meine“ Musik immer sehr lustlos und uninteressiert reagiert.
Lediglich bei ein, zwei Überschneidungen hat er sich sofort auf die Stücke gestürzt, Akkorde zusammengesucht und begonnen, sie zu üben. Vermutlich dachte er, er tut mir einen Gefallen und war wohl auch irritiert, dass ich sie nicht sofort mit ihm einüben wollte. Aber nur weil ich sage, „dieses Stück liebe ich!“, muss ich es ja nicht gleich mit ihm singen wollen.

Gegen sieben mache ich mich auf in die Küche zum Essenmachen. Wenn ich koche, fragt er immer nach, ob er helfen kann, aber ich mag das nicht so gerne, wenn ich mit jemandem nicht eingespielt bin. Schon gar nicht, wenn ich mich in dessen Gesellschaft immer noch ein wenig unbehaglich fühle. Und da er die Eigenheit hat, mir ständig Vorschläge zu machen, wie man etwas besser oder anders machen könnte, und ich das ungefähr genauso hasse, wie wenn mich jemand ständig fragt: ‚Was machst Du jetzt? Wieso machst Du das so?‘, lehne ich lieber dankend ab.

Wir essen im Garten – das war ein Draußen-Tag heute – es gibt Nudeln mit angeschärfter Tomatensoße, dazu einen süß-sauer angemachten Blattsalat mit dunklem Balsamico-Senf-Dressing.
B. ist kein großer Salatesser – oder er findet meine Dressings furchtbar – lobt aber pflichtschuldigst (so kommt es mir wenigstens vor) das Essen.

Das ist das Problem: Seine Äußerungen fühlen sich für mich immer seltsam unaufrichtig an, wie auswendig gelernt oder weil man das in dieser Situation eben sagt. Da ist keine Begeisterung drin, nicht mal geheuchelte. Ich weiß nie: Spürt er das wirklich, oder sagt er das nur aus Höflichkeit?

Andererseits nehme ich viele Dinge persönlich und als Kritik, die er vermutlich neutral oder sogar nett meint.
Ich weiß, H. würde mit seinen Äußerungen ganz anders umgehen – weil er nicht alles auf sich beziehen und als Kritik wahrnehmen würde. – „Das geht so nicht, da muss man die Schrauben lösen“ führt bei mir zu: „Ich mache das jetzt seit 8 Jahren, und da musste man noch nie die Schrauben lösen. Ich weiß schon, wie das funktioniert – hältst Du mich für blöd?“ Bei H. wäre daraus geworden: „Ja, das denkt man erstmal, aber das ist ein ganz schlaues System, das ohne Schrauben funktioniert, das habe ich nämlich so und so gebaut…“

Das ist meine Baustelle, das ist mir schon klar. B. triggert da eine Menge Zeug, vielleicht weil er in mancher Hinsicht meinem Vater ähnlich ist: Ich weiß, wie die Welt funktioniert und ich sage das, und weil sie sich in manchen Dingen etwas umständlich anstellt, weiß sie wahrscheinlich einfach grundsätzlich nicht Bescheid, also helfe ich ihr mit meinem Wissen.
Und für „zu dumm“ oder unwissend oder unfähig gehalten zu werden, macht mich rasend, vor allem, wenn ich eh angeknackst bin.

Nun will ich aber nicht wie H. werden, damit die Kommunikation klappt, sondern ich will, dass B. wie H. ist oder wenigstens, dass wir eine eigene Ebene finden, jedenfalls brauche ich keine Neuauflage der Kommunikationsmuster meines Vaters. Das kann alles natürlich erstmal nicht auf Anhieb klappen.

Zusammen hauen wir eine Flasche Rotwein weg und sitzen noch lange draußen und reden. Ich denke, ich gehe ihm mit meinem dauernden Geplapper auf den Wecker, da er auf fast nichts reagiert, was ich sage, aber als ich ihn frage, streitet er das ab. Vielleicht plätschert das einfach so dahin, ein Hintergrundgeräusch, vor dem er seine Gedanken denken kann, ich weiß es nicht.

Er sagt, er bekommt oft so Flashs, wo er plötzlich Bilder und Szenen vor seinem geistigen Auge sieht, fast wie ein Traum. Ich denke, das geschieht in diesen Momenten, wo er in eine Art Sekundenschlaf fällt, das kann auch mitten im Gespräch geschehen. Sehr irritierend und ein bisschen beunruhigend. Früher habe ich das bei ihm nie festgestellt.

Bereits kurz nach zehn gehen wir hoch, wir sind müde, es wird kühl, und der Wein ist alle – und mehr würde uns beiden nicht gut tun.
Wir unterhalten uns noch kurz über die gemeinsame Woche, er meint, es sei „gut gelaufen“, und das stimmt, wir haben uns nicht gestritten oder genervt. Sicher hätte er sich etwas mehr Aufmerksamkeit und Nähe gewünscht, ich hingegen war enttäuscht, dass er auf alles in meinen Augen so indifferent reagiert hat – aber diese Dinge blieben weitestgehend unausgesprochen. Ich muss da noch ein wenig darauf herumdenken, bevor ich eine ehrliche Manöverkritik anbringen kann.

Es tut mir weh, daran zu denken, wie diese Woche abgelaufen wäre, wenn H. da gewesen wäre: Ein Mietwagen, Ausflüge in alle Himmelsrichtungen, Spaziergänge, Städtchen, Aussichtspunkte, Stadtbummel, Plaudern, Musik hören, Musik machen, vielleicht ein Besuch bei Freund T. und gemeinsame Session in dessen Studio, abends grillen und Fisch räuchern, vielleicht wäre die Tonne zum Einsatz gekommen, vielleicht hätten wir die Nachbarn oder Freund T. zu uns eingeladen…. Es wäre eine fröhliche, ereignisreiche Woche geworden. Anstrengend, aber wunderschön.
H. hätte ihn einfach mit seiner Freundlichkeit und Gutmütigkeit und Begeisterung überrannt – und gegen H. hätte er sich nicht „gewehrt“. Wo er bei mir viel ablehnte, hätte er das bei H. nicht gemacht, oder anders.

Und wieder fühle ich mich so unglaublich unzulänglich…

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Ein Sonnen-Sommertag mit Wolken und Wind und Sitzen im Garten und Wein trinken und Musik hören und Entspannung und Freundschaft

What I did today that could matter a year from now:
Die Pilze vom Baum abmachen.
Gespräche führen.

Was wichtig war:
Draußen sein.
Den Sommer genießen.
Entspannt sein.
Gemeinschaftlichkeit.
Nicht allein sein.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Menschen beim Bäcker.

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