Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertneunundvierzigste Tag im Danach: Vom Trauern und Gedenken

10. Januar 2022. Montag. Der gestrige Tag – Trauern ohne Grübeln (und exzessives Aufschreiben) – hat mir gut getan, ich bin erschöpft, grundtraurig, aber verhältnismäßig ruhig.

Christian schreibt über Schale und Kern bei Menschen in depressiven Phasen. Obwohl sich Trauer und Depression deutlich unterscheiden, gilt das auch für Trauernde: Sie können nach außen hin funktionieren, in fröhlicher Runde herzlich lachen, wirken „bewundernswert stark“ oder so, als hätten sie „es“ schon bewältigt oder seien zumindest auf einem „guten Weg“. Aber im Innern läuft wie ein zweiter Film, wie eine Doppelbelichtung die Trauer weiter: Der Verlustschmerz, die Leere, der Riss im Herzen, die empfundene Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, die tiefe Traurigkeit.

Beide Gefühlswelten existieren nebeneinander, und ich kann mich im gleichen Moment tieftraurig fühlen und über einen blöden Witz lachen. Kann mich am Sonnenschein erfreuen und gleichzeitig das Gefühl haben, dass mein Leben keinen Sinn mehr hat.

Das ist verwirrend und extrem anstrengend. Trauer ist Arbeit. Harte Arbeit. Nicht, weil man ständig weinen müsse, sondern weil man ständig widerstreitende Gefühle, Gedanken und (Selbst-)Zweifel aushalten muss.

Für Außenstehende ist diese permanente Gefühlsambivalenz schwer nachzuvollziehen. Ein Freund rief häufig an, fragte, wie es mir gehe, und ich antwortete wahrheitsgemäß „Schlecht, ich bin heute wieder sehr traurig“. Dann plauderten wir eine Weile über alles Mögliche, ich erzählte lebendig von irgendwelchen Erlebnissen, lachte auch mal, und jedes Mal beendete er das Gespräch mit „Na, nun klingst Du aber schon viel besser…“
Ich habe eine Weile gebraucht, ihm die Illusion zu nehmen, dass unser Gespräch dazu geführt habe, dass ich mich „besser“ fühlte. Denn ich fühlte mich nicht „besser“, er hat mit meinem funktionalen, „fröhlichen“ Teil kommuniziert, während ich den gleichzeitig vorhandenen trauernden Teil vor ihm verborgen habe.

Die Trauer lässt sich nicht wegreden, lässt sich nicht durch positive Erlebnisse mindern. Sie ist immer da, die ganze Zeit. Ich kann mittlerweile ein klein wenig steuern, wann ich mich ihr hingebe und sie das Ruder übernehmen lasse. Von Zeit zu Zeit ist das notwendig, denn sie muss raus, sie hat eine Daseinsberechtigung und muss sich äußern können. So wie gestern.

Andere Menschen denken, wenn ich traurig bin, müsse ich „aufgeheitert“ oder „abgelenkt“ werden.
Liebe wohlmeinende Menschen: Das ist absurd. Mein Mann ist gestorben. Die Liebe meines Lebens. Und mit ihm ist mein Leben, wie ich es kannte, zusammengebrochen, und ich bemühe mich nun, die Scherben meiner Existenz aufzusammeln und daraus ein neues Leben für mich zu basteln. Glaubt Ihr wirklich, irgendwas könne mich von dieser existenziellen Erschütterung „ablenken“ oder mich „aufheitern“?

Ein Teil meines Trauerprozesses war anzuerkennen, dass die Trauer und alle mit ihr einhergehenden Gefühle – Traurigkeit, Verlustschmerz, Selbsthass, Einsamkeit, Verlassensein, Ausgestoßensein, Verwirrung, Angst, Orientierungslosigkeit, aber auch Lebenshunger, Zuversicht, Sehnsucht nach Bindung, Gemeinschaftlichkeit, Sinn, Anerkennung, Zuwendung – einen Sinn und eine Existenzberechtigung haben und gefühlt werden müssen. Ständig gegen Gefühle anzukämpfen, sie „mindern“ zu wollen, ist kontraproduktiv.

Wenn ein Trauernder weint, ist das heilsam. Nehmt ihn (oder sie) in den Arm, haltet die Hand, seid da – aber verkneift Euch „tröstende“ Worte und vor allem verkneift Euch den Druck, es müsse „besser“ oder „leichter“ werden, oder „es“ gehe irgendwann vorbei. Ihr könnt nichts tun, um den Schmerz zu lindern, aber Ihr könnt da sein und das Gefühl geben: „Du bist mit Deinem Schmerz nicht allein. Ich halte Dich. Ich bin da, wann immer Du Dich schrecklich fühlst. Bei mir findest Du immer einen Arm, in den Du Dich kuscheln kannst.“
Das ist so, so viel mehr wert als ein kurzer Trost und „aufmunternde“ Worte. Diese aufmunternden Worte klingen in den Ohren des Trauernden schal und falsch, denn er weiß es besser: Er ist un-tröstlich.

* * * * *

Nachdenken über Gedenktage: Ist das Datum wichtiger oder der Wochentag?
H.s Zusammenbruch war ein einem Dienstag Morgen – das Datum muss ich immer erst mühsam dazudenken. Unseren letzten gemeinsamen Spaziergang machten wir am Tag davor, also am Montag.

Das fällt mir heute ein als ich im Nieselregen vom Einkaufen zurück nach Hause gehen. Dass wir an diesem Montag vor einem Jahr eine Runde im Schneeregen gedreht hatten, an deren Ende ich in demselben Supermarkt einkaufen war, während er bei sich zu Hause vorbeiging, um nach der Post zu schauen.
‚Und morgen früh ist ‚es‘ dann passiert‘, denke ich. Morgen. Nicht am 12., sondern morgen vor einem Jahr. Denn es war ein Dienstag, und das erscheint mir gerade fast wichtiger als das Datum…

* * * * *

Beim Steinmetz angerufen und den „Antrag auf Erteilung der Zustimmung zur Errichtung eines Grabmals“ für die Friedhofsverwaltung ausgefüllt und an H.s Schwester zur Unterschrift geschickt. Es soll ja alles seine Ordnung haben, wäre ja noch schöner, wenn da jeder einfach nach eigenem Gusto Steine hinlegen könnte…

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Den Nachmittag so ähnlich verbracht wie gestern: Auf arte.tv eine Mini-Serie geschaut (Nona und ihre Töchter) und nebenbei geräumt, mich bei Booklooker angemeldet und Buchcover eingescannt.

Die Distanz zu allem ist teils wohltuend, teils belastend. Niemand nimmt Kontakt zu mir auf – das ist erholsam und gibt mir den dringend benötigten Raum. Aber ich fühle mich auch isoliert. Nun, es wird auch wieder anders werden, es ist nur eine Frage der Zeit. Ich sollte es genießen…

Die heutigen Glücksperlen:

  • immerhin eine Nachfrage nach meinem Befinden nach der Impfung (es gibt nahe Menschen, die auf einer alltäglichen Basis Anteil nehmen, das tut so gut)
  • die Erleichterung, jetzt mal bis auf weiteres nirgendwo hinfahren zu müssen
  • ohne schlechtes Gewissen eine ganze Tüte Chips gegessen (dafür fällt das Abendbrot aus)
  • die Wohnung ein klein wenig ordentlicher gemacht
  • überwiegend ruhig gewesen, heute nur zwei Weinattacken

Außerdem:

  • Gesehen: Nona und ihre Töchter (Folge 1/9 bis 8/9; arte.tv)
  • Gehört:
  • Gelesen: Elizabeth George: Wer Strafe verdient
  • Geräumt: Schreibtisch, rechte Seite; im kleinen Zimmer Dinge verräumen: Bettwäsche, Einmal-Handschuhe, Selbsttests, Weihnachtshefte von Wohn-Zeitschriften (liegen da seit Weihnachten 2020). Einen Karton durchsehen, der mit „behalten“ gekennzeichnet ist. 90% der Dinge, hauptsächlich Bücher, aussortiert. Anmeldung bei Booklooker. Cover der Bücher scannen.
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