Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Wieder ins Schreiben kommen

4. Juni 2022. Samstag. Nicht, dass ich je mit dem Schreiben aufgehört hätte – ich habe trotz der langen Pause hier stattdessen an anderer Stelle geschrieben, täglich, nur für mich, quasi hinter verschlossenen Türen.

Nun also wieder vor den Vorhang treten?
In einer Zeit, in der ich alles in Frage stelle, was mein bisheriges Leben ausgemacht hat, stellt sich natürlich auch diese Frage:
Will ich das? Was will ich sagen? Wem? Und warum?
Schreiben als Selbstzweck? Als Erinnerungsstütze? – Das müsste ich nicht veröffentlichen.
Also warum für andere schreiben? Ist das nicht reine Eitelkeit?

Aber dann erinnere ich mich an die Zeit nach H.s Tod Anfang letzten Jahres. Als das Aufschreiben – und Veröffentlichen – nicht nur mir gut getan hat, sondern auch anderen (die mir davon schrieben). Als sich plötzlich aus der anonymen Leserschaft einzelne Stimmen erhoben, die mir in Kommentaren oder privaten Mails Mut zusprachen und Trost und konkrete Hilfsangebote machten.

Das Schreiben ist eben nicht nur ein Pfeifen im Wald, sondern es wird gehört, und das Schildern eigener Erlebnisse und Gedanken kann verbinden, kann andere ermuntern, ermutigen, kann Verbindung(en) herstellen.

Ich erlebe das in meiner Trauergruppe: Dass es eben nicht „runterzieht“, sich die (Leidens-)Geschichten anderer Menschen anzuhören, dass es nicht „egal“ ist, was einem „Fremden“ widerfahren ist oder eine lose Bekannte denkt.
Sondern dass diese Gedanken und Erlebnisse anderer Menschen, diese Ängste und Bemühungen sich zu retten, auch mir nützlich sind. Weil ich erlebe, dass ich nicht allein bin, dass ich kein Monster bin, wenn ich bestimmte Gedanken denke und bestimmte Gefühle habe, dass ich nicht unfähig oder zu bequem bin, wenn ich nicht schon nach xy Monaten wieder „normal“ (also: wie früher) denke, fühle und handle.

Und vielleicht ist das der Hauptgrund, dass ich hier wieder schreiben möchte, eigentlich schon seit Wochen hier herumstreiche, Textentwürfe verfasse, die ich dann aber doch nicht freischalte, weil ich wieder ins Zweifeln komme, aber im Grunde das dringende Bedürfnis habe, auf „Veröffentlichen“ zu drücken:
Weil ich hoffe, dass es irgendjemandem da draußen nützt. Jemandem, der in derselben Situation ist wie ich. Jemandem, dem ich zurückgeben kann, was ich in den letzten 16 Monaten von anderen erfahren habe: Verständnis, Gemeinschaftlichkeit, ein Gefühl von „Du bist ok, Deine Situation ist völlig wahnsinnig, aber Du tust, was Du kannst – sei gnädig zu Dir, auch wenn es nicht so läuft, wie Du es gerne hättest“. Jemandem, der in meinen Zweifeln, Ängsten und Sehnsüchten seine eigenen wiedererkennt und sich allein dadurch ein wenig verstanden und getröstet -oder beruhig – fühlt.

Es wird also hier weiter um Trauer gehen – nicht, weil ich mich so gerne in negativen Gefühlen suhle, sondern weil der überraschende, plötzliche Verlust meines Lebensgefährten mich so existenziell getroffen hat, so dermaßen mein ganzes Leben auf den Kopf und alles, wirklich alles in Frage gestellt hat, so dass dieser Verlust und die Trauer nach wie vor mein Denken, Fühlen und Handeln bestimmen und alles durchdringen.

Und wer das nicht kennt, sollte wissen:
Trauer ist nicht nur „sich an den Verstorbenen erinnern und um ihn weinen“.
Trauer ist, dass kleinste Dinge Angst machen, verunsichern, überfordern.
Trauer ist, dass die Gedanken schwer zu kontrollieren sind, sie wandern hierhin und dorthin und verrennen sich gerne, kreisen um immer dieselben Fragen.
Trauer ist ein Energiefresser. Konzentration geht nur kurz und kostet unglaublich viel Kraft.
Trauer bedeutet, dass kleine Aufgaben, die nur wenige Minuten dauern, unschaffbar erscheinen.
Trauer ist die ständige Angst, dass irgendeine kleine Alltäglichkeit plötzlich Erinnerungen wachruft und extrem traurig macht, und es dann sehr viel Kraft kostet, wieder „zurückzukommen“.
Trauer ist eine große Verunsicherung, selbst angesichts von Dingen, die ich „weiß“ oder früher problemlos geregelt habe.
Trauer ist Vergessen. Wie die Frau heißt, die ich eben kennengelernt und mich eine halbe Stunde mit ihr unterhalten habe. Welche Gewürze ich immer an dieses oder jenes Gericht getan habe. Wie die verdammte Waschmaschine funktioniert. Wo ich meinen Schlüssel hingelegt habe. Man spricht nicht umsonst von „Trauerdemenz“.
Trauer ist Sehnsucht, Verwirrung, widerstreitende Gefühle, Achterbahn und Karussell in einem.
Trauer ist Angst, Verzweiflung, Zuversicht, Hoffnung.
Trauer heißt, plötzlich Schmerzen zu haben und sich Sorgen zu machen: um sein Herz, seinen Magen, seinen Kopf.
Trauer ist verwirrend.
Trauer ist anstrengend.
Trauer ist psychischer, physischer und mentaler Ausnahmezustand.

Ich bitte, das beim weiteren Lesen zu berücksichtigen…

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7 Gedanken zu “Wieder ins Schreiben kommen

  1. Ursula schreibt:

    Schön wieder von dir zu lesen, du beschreibst so treffend die Zustände der Trauer in denen ich mich auch befinde (und mein Vergessen schon bedenklich fand) Herzliche Grüße Ursula

    • Ja, diese verdammten Selbstzweifel – reagiere ich „richtig“? Angemessen? „Darf“ ich das fühlen und jenes denken? Darf es mir heute einfach mal gut gehen?
      Manchmal ist es zum Verrücktwerden.
      Mit anderen reden hilft. Anderen zuhören, die dasselbe ähnlich oder ganz anders erleben, hilft.
      Liebe Ursula, ich wünsche Dir viel Kraft auf Deinem Weg!

  2. Simone schreibt:

    Ich habe mich heute Morgen sehr gefreut, Dich wieder zu lesen! Und ja: mir „nützt“ das sehr. Manchmal tut es weh, Deine Gedanken zu lesen, manchmal tut es gut. Ich finde mich in Vielem wieder.
    Schön, dass Du wieder hier bist!

  3. Pingback: Anderswo – Die gnädige Frau wundert sich

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