Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertachtundsiebzigste Tag im Danach: Herumlaufen

23. Juli 2021. Freitag. Um 6:15 Uhr aufgewacht und leise aufgestanden. B. schläft noch. Hier ist er also nicht um vier wach wie zu Hause. Ein gutes Zeichen? Oder war es doch etwas viel gestern?

Ich trinke meinen ersten Kaffee auf der Terrasse und bin glücklich. Ich hänge nicht an diesem Haus und diesem Garten, aber die Gegend, der Ort, irgendein Haus und irgendein Garten wären schon schön. Oder noch lieber eine Mietwohnung mit Garten, so wie bei der Bekannten R. hier im Ort – das wäre es.

Um 10:00 ein Telefontermin mit einer Kundin. Er ist nicht so anstrengend wie befürchtet, und danach habe ich den Kopf frei. Nach einem schnellen Frühstück spazieren wir den Berg runter in den Nachbarort und dann ein wenig am Fluss entlang. Etliches Treibgut schwimmt noch im Wasser, hat sich an den Steigern verfangen. Der Pegel ist aber schon wieder unter der ersten Warnmarke. Die Ausflugsdampfer fahren zum Großteil trotzdem nicht. Vielleicht am Wochenende?

Wir gehen einkaufen und verpassen knapp den Bus. Es ist warm, aber wir finden ein Schattenplätzchen und warten auf den nächsten.

Freund B. wird maulig, wenn er müde oder erschöpft ist. Ich kenne das von mir und habe Verständnis, denke aber, man kann auch ein bisschen höflicher damit umgehen, schließlich sind wir kein Paar. Oder sollte ich das als Kompliment nehmen, dass er sich in meiner Gesellschaft so entspannt fühlt, dass er sich gibt, wie ihm gerade ist? Mir egal, ich finde es eher ein wenig unhöflich und nervig. Beobachten.

Oben angekommen, räume ich die Einkäufe weg und nehme einen Imbiss zu mir, während er Mittagessen macht (Pellkartoffeln, Sahnehering). Dann essen wir im Garten, und anschließend verzieht sich jeder in einen Gartenstuhl. Ich bekomme den Liegestuhl, lese eine Weile und schlafe auch ein halbes Stündchen, er liest irgendwas oder macht Sudoku.
Der Nachbar bringt Johannisbeeren aus dem Garten vorbei.

Nach dem Kaffee brechen wir am Spätnachmittag nochmal zu einem Spaziergang auf. Ich wähle eine nicht so anstrengende Strecke durch den Wald, am Bach entlang, dann oben über die Wiesen und durchs Dorf zurück. Der Weg durch die Wiesen ist vom Starkregen letzte Woche ausgewaschen, eine tiefe Rinne wurde ausgespült. Ich erinnere mich, vor fünf Jahren, als ich im Sommer allein hier war, war das auch so.

Zum Abendbrot mache ich Omelett und brate den Riesen-Champignon, der tatsächlich auf unserer Wiese gewachsen ist. Wenn schon nach Jahren endlich mal ein essbarer Pilz in unserem Garten steht, dann wird er auch gegessen!

Wir trinken Wein und sitzen noch lange, reden, schauen in den Himmel, sehen die ISS. Es ist nett, aber ich merke, wie fremd mir Freund B. ist – und wie wenig gemeinsame Interessen wir haben.
Und wie sehr ich H. vermisse.
So schön es ist, nicht allein hier zu sein – ob Freund B. die richtige Gesellschaft ist, bin ich mir nicht sicher.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wie liebevoll sich die Nachbarn um mich kümmern. Ich profitiere von den positiven Erfahrungen, die sie mit H. und seiner Mutter gemacht haben.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Bewegen.
Spazieren.
Reden.
Zuhören.
Weinen.
Kochen.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Nachbar D.
Menschen im Bus und im Supermarkt.

Standard
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Der hundertsiebenundsiebzigste Tag im Danach: Fahrt mit B. nach K.

22. Juli 2021. Donnerstag. Wecker um 4:30 Uhr, ich komme schwer hoch, aber dann geht es. Habe nur noch wenig zu tun und verzettele mich doch mit der Zeit, genau wie letztes Mal. Es dauert halt immer noch alles länger, und ich tue mich schwer, mich zu hetzen.

Komme aber noch rechtzeitig weg, hole mir Proviant beim Bäcker und erreiche den Hauptbahnhof pünktlich zum vereinbarten Treffen mit Freund B.

Ich bin mir keineswegs mehr sicher, dass diese gemeinsame Fahrt ins Häuschen so eine brillante Idee war, aber nun ist es, wie es ist, und schließlich: Ich wollte doch neue Erfahrungen, also bitte, hier sind sie.

Ich ertappe mich dabei, zumindest gedanklich immer wieder in gewohnte Routinen zurückzufallen, aber B. macht mir das auch leicht, denn er spricht kaum. Ich glaube, ihn strengt das alles sehr an, er fällt auch immer wieder in eine Art Sekundenschlaf. Ich muss ein bisschen vorsichtig mit ihm sein.

Wegen der Hochwasserschäden fahren wir heute etwas anders, steigen in D. um, wo B.s Bruder C. wohnt. B. kommt auf die Idee, ihn anzufunken, und er schlägt tatsächlich ein kurzes Treffen am Bahnhof vor. Da wir fast eine Stunde Aufenthalt haben, passt das ganz gut, er ist ein netter Kerl, wir trinken einen Kaffee zusammen, plaudern etwas, dann geht wieder jeder seiner Wege.

Die Fahrt nach K. führt zunächst eine Stunde durch (für mich) unbekanntes Gebiet; B. ist hier in der Region aufgewachsen. Schließlich kommen wir auf die mir bekannte Strecke und nun ist es wie Heimkommen: Die vertraute Gegend, der Dialekt, die Orte. Ich will das nicht verlieren!

Anstatt auf die immer schöner werdende Landschaft zu schauen und ein wenig neugierig zu sein, recherchiert B. irgendwas Unbedeutendes auf dem Tablet. Interessiert es ihn nicht, oder ist er überfordert? Ich kann ihn nicht „lesen“ und kann nur hoffen, dass er rechtzeitig äußert, wenn ihm was quer läuft. Wetten möchte ich darauf nicht.

Ankunft in K., Gang zum Busbahnhof, noch schnell beim Bäcker ein Stück Kuchen holen und in den Zeitschriftenladen springen, während B. das Gepäck hütet. Wie vertraut!

Dann die Busfahrt hoch ins Dorf, die Nachbarin steht als Empfangskomitee bereit, herzliche Begrüßung, auch der Nachbar kommt raus, alles schön, ich bin zu Hause.

Dann das Übliche: Taschen rein, Wasser und Kühlschrank und Durchlauferhitzer und Boiler an, kurzer Gartenrundgang, kurzer Hausrundgang, Gartenstühle hoch, ein erstes Bierchen auf der Terrasse. Ich bin da.
Es ist warm und drückend, ich spüre einen ganz leichten Anflug von Kopfschmerzen, schaffe aber es wegzuatmen.

Dann M. anrufen, auspacken, sich einrichten. Kaffee und Kuchen auf der Terrasse. Rechner aufbauen, WLAN-Passwort finden, Mails lesen und beantworten, Nachrichten lesen, ein bisschen für morgen planen.

Nochmal Gartenrundgang, Gartentagebuch, Versuch, den großen Pilz zu identifizieren, der da wächst. Eventuell ein Riesen-Champignon, das wäre ja mal was Nettes.
Ein bisschen nachdenken und schreiben, vor allem über meine widersprüchlichen Gefühle in Bezug auf B.s Anwesenheit hier: Einerseits ist es schön, hier nicht allein zu sein (und auch nicht mit Leuten, die Macht haben, über mein Leben zu bestimmen, wie letztes Mal), andererseits irritiert mich seine mangelnde Kommunikation, weil ich nie einschätzen kann: Ist er müde, überfordert, gelangweilt oder genervt? Passiert zu wenig oder zu viel?

Irgendwie agieren wir aneinander vorbei: Er sitzt in seinem Zimmer und richtet seinen Laptop im WLAN ein, ich gehe raus und mache ein paar Fotos. Er kommt auch, setzt sich an den Tisch, macht Rätsel, ich setze mich dazu, schreibe Gartentagebuch. Dann essen wir, er bringt das Geschirr weg und kommt nicht wieder, dann höre ich ihn im Wohnzimmer Gitarre spielen. Soll ich mich dazusetzen, oder will er seine Ruhe haben? Wenn ich ihn frage, kommt nur „Wie Du willst“ oder „Ist mir egal“. Hm.
Also tue ich das, wonach mir ist und das ist: Im Garten sitzen und ein Bierchen trinken. Irgendwann kommt er wieder raus und trinkt eins mit.

Weil wir beide platt sind, gehen wir gegen zehn Uhr hoch, und wieder verschwindet jeder ohne ein Wort in seinem jeweiligen Zimmer und mengt irgendwas herum.

Ich bin mir unsicher, wie sich das anfühlt: Vertraut, alltäglich, entspannt? Oder seltsam, verkorkst und unkommunikativ?
Wir werden sehen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
„Heim“kommen.

What I did today that could matter a year from now:
Mit B. nach K. fahren.

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Fragen.
Auch mal die Klappe halten.
Raum geben.
Ins Haus kommen.
Die Nachbarn sehen.
Mein Garten.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Die Nachbarn C. und D.
Menschen beim Bäcker, im Zeitungsladen, in Bahnhöfen, Zügen, U- und S-Bahnen und im Bus.

Standard
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Der hundertsechsundsiebzigste Tag im Danach: Geburtstagsbesuch

21. Juli 2021. Mittwoch. Unruhige Nacht, ich bin häufig aufgewacht und dabei nervös bis ängstlich gewesen. Wecker um 6:00 Uhr. Steifer Nacken, leichte Kopfschmerzen.

Ich habe ein straffes Vormittagsprogramm, damit ich abends nicht in Stress gerate. Stur abarbeiten, nicht nachdenken, dann geht das.

Schreiben. Orga-Kram. Mails beantworten. Ein Projekt wieder in die Spur bringen. Eine Sommerschlussverkaufs-Bestellung aufgeben. SSV heißt ja seit Jahren SALE. Was man dadurch gewonnen hat? Eine Anfrage beantworten: Nein, dass die Website nicht erreichbar ist, hängt nicht mit dem nächtlichen Update zusammen. Recherche. Eine Störung beim Provider. In diesem Fall: gut. So muss ich mich jetzt nicht noch mit mühseliger Fehlersuche herumschlagen.

Herausfinden, dass unser Zug gestrichen ist und stattdessen ein Ersatzzug über eine etwas andere Strecke fährt. Beim etwas bahnskeptischem Freund B. Schönwetter machen: Das klappt schon mit den Platzreservierungen. Ich glaube das wirklich, denn schließlich ist ja genug (?) Zeit, um die Reservierungen umzuschreiben. Wahrscheinlich ist es ja sogar physikalisch derselbe Zug, der fährt, so dass es keine Probleme wegen anderer Wagen(nummern) und Sitzplatzanzahl geben dürfte. Bahn, enttäusch mich nicht!

Wäsche wegsortieren, saugen, Bett beziehen.

Zu P. fahren. Auf dem Weg dorthin in einem kleinen Laden vorbeischauen, um noch ein Last-Minute-Geschenk zu besorgen. Der Laden hat zu, weder auf der Homepage noch am Laden selbst ein Hinweis, warum.
Blumen kaufen. Der Blumenhändlerin, die ich seit Weihnachten nicht gesehen habe, von H.s Tod erzählen. Tränen kommen hoch.
Zu P.
Mittagessen, Geschenke auspacken, er freut sich über alles: die Blumen, das Bild von H., den Topf. Die mitgebrachten Einmachgläschen. Ich bin trotzdem traurig: Melancholisch, wehmütig, einsam.
Wir sitzen auf der Terrasse bis wie los müssen zu P.s Arzt.
Dort wieder warten. Neue Medikamente nach oberflächlicher Untersuchung. Ist das alles so klar? Warum haben sie das dann im Krankenhaus nicht gemacht? Skepsis. Und wieder mal: Antibiotika einfach auf den Verdacht hin, dass die Entzündung bakteriell verursacht ist. Zwar wird eine Probe entnommen, aber man wartet das Ergebnis der Laboruntersuchung gar nicht ab.
Zur Apotheke. Anstehen. Ich schicke ihn zum Warten ins Auto. Es sind nicht alle Medikamente da, sie müssen bestellt werden, der Bote bringt sie heute Abend.
Weiterfahren zum Café. Milchkaffee und Torte vor dem Café, während sich wenige Meter neben uns der Berufsverkehr stadtauswärts walzt. P. ist selig: „Wie lange ich nicht mehr im Café war!“ Ich schlucke herunter, dass ja immer er es ist, der alles ablehnt, nie weg will von zu Hause. Jetzt ist er glücklich, also soll er es sein.
Auf dem Heimweg springe ich noch in den Discounter, um ihm ein paar Kleinigkeiten zu besorgen.

Um 17:00 wieder zurück. Noch was trinken, kurz reden, dann breche ich auf. Doof, so früh – beinahe fluchtartig – vom Geburtstag abzuhauen, aber ich muss noch packen, die Wohnung klar machen, spülen usw.
Er ist aber auch platt und vielleicht gar nicht unfroh über meinen Aufbruch.

Eigentlich wollte ich noch zum Friedhof, aber das lasse ich dann doch, obwohl ich seit Sonntag nicht mehr dort war. Es würde zuviel Zeit kosten, und ich hätte jetzt ohnehin keine Ruhe, dort entspannt zu sitzen. Außerdem weiß ich, dass die Galerie bis 20:00 geöffnet ist, und ich will heute nicht mehr darüber nachdenken müssen, ob ich nicht vielleicht doch mal kurz vorbeischauen soll…

Vor dem Haus treffe ich die Bekannte M., die manchmal unten im Restaurant arbeitet. Sie sucht das Gespräch, hat aber eigentlich gar keine Zeit. Ich vermittle ihr anscheinend dauernd, dass ich mich nicht gut genug um mich kümmere, denn sie ermahnt mich zum wiederholten Mal: „Du musst an Dich denken! Du musst besser für Dich sorgen!“

Jaja, aber heute Abend muss ich mich erstmal um meine Reisevorbereitungen kümmern, also:
Mails abrufen und beantworten, M. anrufen, Geschirr spülen, essen (Rührei mit Resten), Sachen zusammensuchen, packen, aufräumen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
P. helfen und so etwas wie Anerkennung und Nähe erfahren

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Zu P. fahren und mit ihm Zeit verbringen.
Geduld.
Langmut.
Zuhören.
Rausgehen.
Rechtzeitig den Absprung finden.

Begegnungsnotizen:
P.
Bekannte M.
Menschen in U-Bahn, Bussen, Blumenladen, Arztpraxis, Apotheke, Café, Supermarkt.

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Der hundertfünfundsiebzigste Tag im Danach: Ständig umplanen

20. Juli 2021. Dienstag. Ohne Wecker gegen sechs Uhr wach, aber noch sehr müde und zerschlagen, darum gedöst bis gegen sieben.

P. ruft morgens an, er wird nun doch heute aus dem Krankenhaus entlassen. Wie das gehen soll? Ohne die Medikamente wird es ihm zu Hause nicht besser gehen, sein Arzt verschreibt sie aber ungern und auch nicht in der erforderlichen Dosierung. Und wie geht es mit den festgestellten Nierenproblemen weiter? Alles sehr dubios.
Wir verabreden, dass ich ihn nun morgen besuche, da geht er zu seinem Arzt und erfährt Näheres.

Ich habe an gestern anscheinend noch zu kauen, bin körperlich, geistig und psychisch immer noch zerschlagen und ausgepowert. Der Impfarm schmerzt intensiv beim Anheben, etwas weniger in Ruhe. Gut, dass ich den linken genommen habe.

Vormittags sehr langes Telefonat mit der Lieblingskundin, die nach zwei Wochen Urlaub zurück ist. Dabei erzählt sie auch viel Privates. Noch zwei Rechnungen schreiben, dann ist es halb zwei. Wo ist denn nur der Tag schon wieder hin?!

Imbiss, lesen, Zugverbindungen für Donnerstag checken (scheint alles wieder notdürftig zu laufen, so dass wir nicht umbuchen müssen), kleiner Mittagsschlaf.
Halb vier.
Wach werden, Nachrichten lesen, Kaffeemachen, anziehen.

Um vier treffe ich Freundin B. zum kurzfristig vereinbarten Spaziergang. Sie erzählt von ihrem Kurzaufenthalt in Hamburg und auch sonst einiges. Sie unternimmt soviel, trifft ständig Leute – das will ich auch…

Nach dem Spaziergang tut der Impfarm kaum noch weh, und auch die Energie kehrt zurück. War es das jetzt für dieses Mal? Ich arbeite noch zwei Stunden von sechs bis acht.
Dann noch etwas Orga-Kram, dann koche ich schnell die Sauerkirschen ein, die ich am Samstag bei P. gepflückt und in meinem Kühlschrank schon wieder vergessen hatte. Ein Glas Marmelade gibt es, immerhin.

Erst nach neun esse ich, den Rest Mairübchen“suppe“ von gestern, dazu brate ich mir ein paar Scheiben Schwarzwälder Schinken cross.
Jetzt könnte ich noch eine Weile weitermachen, bin etwas aufgedreht. Aber wirkliche Konzentration ist nicht mehr möglich, und morgen muss ich früh raus, also Abbruch.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Gehen, reden. Wieder Energie spüren.

What I did today that could matter a year from now:
Weitermachen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
B. treffen.
Ausruhen.
Arbeiten.
Ständig umplanen.
Dabei ruhig bleiben.

Begegnungsnotizen:
Freundin B.

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Der hundertvierundsiebzigste Tag im Danach: Erstimpfung

19. Juli 2021. Montag. Ohne Wecker wieder kurz vor sechs wach. Passt schon.
Ich stehe seltsam entspannt auf; anscheinend haben die zwei Wochen ohne Kunden (die Lieblingskundin war in Urlaub, alle anderen entweder auch, oder sie verhielten sich ruhig) auch bei mir einen kleinen Erholungseffekt zur Folge. So sind zum Beispiel auch die Ohrgeräusche verschwunden, die ich damit wohl eindeutig auf Stress zurückführen kann.

Ein Gefühl von fragilem Gleichgewicht. Jetzt sollte einfach mal eine Weile nichts passieren, dann finde ich vielleicht wieder Boden unter den Füßen.
Jetzt bloß keine komplizierten Kundenanfragen oder sonstige Katastrophen…

Heute steht mein erster Impftermin gegen Covid an; ich bin weder besonders aufgedreht deswegen, noch groß gestresst; es steht halt etwas Unbekanntes an, das macht das Introvertierten-Herz ein klein wenig flatterig, aber nicht allzu schlimm. Aber die morgendliche Grundstimmung ist positiv.

Ich stelle mir vor, H. und ich hätten nach Möglichkeit unsere Termine wohl aufeinander abgestimmt; vielleicht wäre H. aber auch schon früher dran gewesen, er war ja in der Gruppe der Über-60-Jährigen. Dann würde ich da heute ohnehin allein hindackeln, es ist also nicht schlimm oder mit „was wäre wenn“ belastet.

* * * * *

Der Impftermin verläuft reibungslos, wenn auch bedeutend länger als gedacht und von z.B. M. geschildert (sie war aber auch Sonntags da):

Um halb elf gehe ich los, fahre mit der U-Bahn, laufe das letzte Stück, um kurz nach elf komme ich am Impfzentrum an. Die Schlange der Wartenden (alle mit Termin) reicht etwa 200 Meter lang. Bei einem Abstand von etwa einem bis anderthalb Metern zwischen den Wartenden stehen hier also etwa 150 Leute an. Später zähle ich, dass pro Minute etwa acht bis zehn Leute zu den Impfkabinen vorgelassen werden. Das korrespondiert in etwa mit meiner Wartezeit (ca. 20 Minuten) vor dem Impfzentrum.

Aber die Schlange bewegt sich, wenn auch langsam. Es geht voran.

Im Impfzentrum selbst ist alles bestens organisiert und eine geölte Maschinerie mit einem unglaublichen Personalaufwand (sehr viele, sehr junge Leute):

Zugang, Hände desinfizieren, Code einscannen und Ausweis zeigen, ein netter Spruch, weil ich alles parat habe. Taschenkontrolle. Freundlich. In der Wartezone Platz nehmen.
Die Absperrungen vor und in der Halle stammen vom Flughafen BER – es sind dieselben, die vor den Check-In-Schaltern die Warteschlangen lenken. Die Stellwände sind weißer Standard-Messebau. Alles seltsam vertraut.
Wieder aufstehen, in einen langen Gang mit vielen Bearbeitungsplätzen treten, zu einer weiteren Helferin gehen, die einen Platz zuweist. Hinter der Glasscheibe sitzt ein junger Mann, der meine unterschriebenen Zettel überprüft: Alles da? In der aktuellen Version? Auch hier ein freundliches Geplänkel, weil ich so gut vorbereitet bin.
Den Gang zu Ende gehen und das Ende der nächsten Warteschlange suchen – rechts rum, ein paar Meter in den nächsten Gang hinein. Auch diese Schlange bewegt sich langsam, aber sie bewegt sich: den Quergang hinter den Gängen mit Bearbeitungskabinen entlang, durch eine Öffnung in den Stellwänden in den nächsten Bereich mit den Impfkabinen.
Auch hier wieder EinweiserInnen: eine am Kopf unserer Warteschlange, mehrere Helfer im Gang mit den Impfkabinen. Ich betrete meine Impfkabine, nehme Platz. Es ist 11:55 Uhr. Den Termin hatte ich um 11:15 Uhr, seit kurz nach elf befinde ich mich vor Ort.
Der freundliche junge Helfer entschuldigt sich, er wechsele jetzt den Arbeitsplatz, gehe rüber zum Empfang. Auch die Ärztin verschwindet, es klingt so, als gebe es eine Ablösung.
Ich warte gut fünf Minuten, dann kommt eine andere, noch jüngere Helferin. Ich versuche, sie in ein Gespräch zu ziehen, bekomme aber nur heraus, dass sie vom DRK angestellt seien, es seien aber auch andere Organisationen vor Ort. Ich lobe den reibungslosen Ablauf, sie freut sich.
Kurz darauf kommt die Ärztin wieder. Kurzes Gespräch, sie fragt nochmal die wichtigsten Punkte aus dem Anamnese-Bogen ab: Wie sich meine angegebene Penicillin-Allergie äußere? Hautausschlag scheint ok zu sein, Hauptsache, ich kippe ihr hier nicht vor die Füße. Blutgerinnende Medikamente? Nein. Sehr gut. Eine durchgemachte Covid-Infektion – „soweit Sie wissen“? Nein. Bestens.
Ich frage nach der Möglichkeit, nach der Zweitimpfung einen Nachweis von Antikörpern machen zu lassen, und sie windet sich etwas; scheint davon nicht viel zu halten. „Besprechen Sie das mit Ihrem Arzt.“
Dann erzählt sie noch die wichtigsten Nebenwirkungen, dann gibt es den Pieks. Es drückt und schmerzt kurz, ist aber aushaltbar. Danke, das war’s, hier sind ihre Unterlagen zurück, alles Gute.
Den Gang zu Ende, dann links und am Impfbereich vorbei und zurück zu einem Durchlass, wo zwei Typen stehen, die eher nach Security aussehen.
Erst- oder Zweit-Impfung? Die Erst-Impfungen nehmen im rechten Teil Platz, wo einzelne Stühle aufgestellt sind. Wir sind vielleicht zwölf bis fünfzehn Menschen. Hier kann man 15 Minuten warten, ob noch Nebenwirkungen auftreten oder es einem schlecht wird. Auf Wunsch erhält man einen Becher Wasser.
Die Zweit-Impfungen gehen in die andere Hälfte des Wartebereichs, dort ist es voll, es sind etwa 60 bis 70 Leute dort. Sie sitzen getrennt von uns, weil sie sich am Ende vorne das Impfzertifikat abholen können.
In der Viertelstunde, die ich da sitze, tröpfelt ein steter Strom von Menschen heraus, etwa in demselben Tempo, in dem wir hineingegangen sind, so etwa 8-10 Leute pro Minute.
Punkt 12:30 stehe ich auf, gehe nochmal zur Toilette und verlasse die Halle. Ich sehe nicht, wie lang die Warteschlange ist, weil ich einen anderen Weg zurückgehe.

* * * * *

Ich gehe zu Fuß zurück, nachlassende Anspannung, Erschöpfung und Hunger führen zu einem wehmütigen und melancholischen Grundgefühl. Etwas ist vorbei, zu Ende, ich bin traurig.
Dieses Gefühl kenne ich schon mein ganzes Leben, aber nun wird es durch Gedanken an H., durch Erinnerungen und durch Was-wäre-wenn ergänzt und verstärkt.

Ich möchte weinen, schlucke aber die Tränen herunter: ich brauche alle Kraft, um die Erinnerungen auszuhalten – Wie wir zum letzten Mal gemeinsam bei K. auf dem Gelände waren, dort stand der Wagen von Curry36, hier das Büro dieser Architekten, wo H. bei anderer (oder derselben?) Gelegenheit noch auf einer Late-Night-Party mit Polizeibesuch war. Dort am Spielplatz saßen wir, als die Nichte mit Familie das letzte Mal in Berlin waren. Sind wir nicht noch letzten Sommer bei einem spontanen Sonntagsspaziergang zusammen durch diese Straßen gegangen? Und hier in der Nähe wohnt H:s Kunde und Freund F., wie oft war H. dort…

Im Kaufhaus am großen Platz besorge ich noch eine Geburtstagskarte für P., stolpere über zwei Bücher und niedliche Socken; beides kaufe ich und werde sie mir von M. zum Geburtstag schenken lassen; sie kann ohnehin nicht groß durch die Gegend turnen und Sachen besorgen dieses Jahr.

Anschließend noch zur Post und zum Mini-Einkauf in den großen Supermarkt um die Ecke. Auf dem Heimweg fühlen sich die Beine seltsam hölzern an.

Um zwei bin ich zu Hause. Ich bin sehr zerschlagen, der Impfarm schmerzt, eigentlich würde ich am liebsten ins Bett. Aber zuerst etwas essen, ich mache mir die Reste von gestern Abend warm, dazu ein frisches Brötchen.
Der Körper will Ruhe, aber der Kopf ist zu unruhig zum Schlafen.
Nach einer kleinen Yoga-Session (eigentlich mehr dehnen und atmen) kann ich mich zumindest wieder leidlich konzentrieren.

Es reicht für eine halbe Stunde Arbeit an Kundenprojekten, etwas Orga-Kram (Fotos kopieren, Daten synchronisieren, Mails lesen) und etwas Hausarbeit (Wäsche waschen, Dinge suchen, Geschirr spülen).
Alles andere muss – wieder mal – warten.

Zum Abendbrot gibt es eine Art Suppe aus den restlichen Mairübchen von gestern. Im Fernsehen „Green Book„. Kein aufsehenerregend neuer Blick auf die Zeit, aber gut gespielt von Mahershala Ali und Viggo Mortensen und mit großartiger Musik.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mir Dinge kaufen können, einfach so.

What I did today that could matter a year from now:
Impfung

Was wichtig war:
Zeit nehmen.
Ausruhen.

Begegnungsnotizen:
Menschen in der U-Bahn, in der Warteschlange, im Impfzentrum, im Kaufhaus und im Supermarkt.
Bekannte K. morgens auf dem Weg zum Impfzentrum.

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Der hundertdreiundsiebzigste Tag im Danach: Dinge abschließen

18. Juli 2021. Sonntag. Ich wache kurz vor sechs auf, beschließe aber, dass es gerne noch ein wenig Ruhe sein darf. Komme ins Nachdenken und döse darüber ein, das ist gut. Stehe dann um sieben auf, das ist eine wunderbare Zeit für einen Sonntag.

Die Gedanken von gestern Abend mäandern noch durch meinen Kopf, das Thema „Nachlassregelung“ rutscht in der Wichtigkeit wieder etwas nach oben.

Warum ist der Schmerz momentan so stark? Dauernd erinnere ich mich an Dinge, und dann werde ich traurig. Warum gerade jetzt?
Das Nachdenken übers Haus. Das Sich-vertraut-machen mit dem Gedanken, dass es aus finanziellen Gründen wohl keine Zukunft gibt.
All die bevorstehenden Geburtstage. Die Erinnerungen und Rituale, die damit verbunden sind.
Die Abwicklung seines Lebens: Mietrückforderungen. Steuer. Verträge. Alles irgendwann demnächst erledigt und weg.
Mehr Zeit für mich. Mehr Zeit zum Nachdenken. Mehr Zeit zum Vermissen, zum Bedauern, zum „die Lücke spüren“. Zum Verstehen, was er mir bedeutet hat.

„Sie machen das super“ lobt mich die Trauerbegleiterin und meint meinen Umgang mit meinen Gefühlen, meine Trauerarbeit. Wie ich all meine Gefühle wahrnehme und benenne. Sie hat häufig mit Menschen zu tun, die sich ihrer Gefühle nicht bewusst sind und dann mit irgendwelchen Störungen oder Problemen zu kämpfen haben und den Zusammenhang mit ihrer Trauer gar nicht sehen.

Ja, schön, ich mache das super. Ist es deswegen leichter? Nein. Werde ich das Ganze schneller verarbeiten? Ich weiß nicht. Anders? Vielleicht.
Ich fühle mich trotzdem schrecklich und erschöpft und überfordert.
Vielleicht tue ich mich deswegen mit diesem Lob so schwer.

* * * * *

Fahre vormittags zu M. Die zweite Druckerkartusche funktioniert auf Anhieb; muss ich die andere wohl reklamieren.
Datensicherung, PC-Wartung. Anschließend läuft alles etwas flüssiger. Das große Systemupdate ist immer noch optional, also warten wir damit noch; das kann im Einzelfall durchaus ein paar Stunden dauern, dafür machen wir dann einen separaten Termin, wenn ich wieder da bin.

Nachmittags um halb vier wieder zu Hause. Abdampfen und etwas Wassermelone essen. Ich habe Hunger, aber keinen Appetit, außer auf Junk Food, und das gibt es jetzt mal nicht.

Freund B. möchte gerne telefonieren, aber mir ist jetzt nicht nach reden. Später.
Bei ihm weiß ich nie: Hat er selbst jetzt gerade Redebedarf, weil irgendein Problem? Oder „nur“ wegen langweilig? Oder denkt er, ich müsste jetzt mal reden? Aber da er es nicht dringlich macht, reagiere ich für den Moment nicht.

Stattdessen mache ich H.s Steuer fürs letzte Jahr. Ich brauche einen Moment, um bei seinen Zahlen durchzusteigen, ergänze noch ein paar Buchungen, trage alles im ELSTER ein, und dann steht die Sache. Die kalkulierte Steuernachzahlung hält sich sehr im Rahmen, er wäre zufrieden damit.

Dann ruft Freund B. an, und wir plaudern gute 40 Minuten über alles Mögliche. Dann reicht es ihm wieder, und er beendet das Gespräch wie üblich etwas brüsk. Er ist immer weniger der Mensch, dem ich „einfach so“ etwas erzählen mag, für Small Talk ist er nicht geeignet.
Wie anders war das mit H., wir konnten stundenlang über alles Mögliche quatschen, auch wenn ihn die Hälfte wahrscheinlich ebenso wenig interessierte wie Freund B. Und das war nicht nur mit mir so, auch mit anderen Menschen war er gut im Gespräch, sei es am Telefon oder „live“. Er war eben einfach kommunikativer und mehr an seinem Gegenüber interessiert.
Probleme kann ich gut mit Freund B. besprechen, allerdings hat er selten richtig gute Hinweise für mich. Aber auch die Dinge, denen ich widersprechen muss, bringen mich weiter, insofern ist das ok. Und oft ist es ja einfach wichtig, dass jemand verständnisvoll zuhört. Rat hole ich mir nun ohnehin immer von mehreren Seiten.

Anschließend noch die Vorbereitung des morgigen Impftermins: Unterlagen ausdrucken und ausfüllen, Impfbuch raussuchen, Fahrinfos checken. Zurück will ich die gut drei Kilometer vom Impfzentrum zu Fuß gehen, das wird mir gut tun.

Zum Abendbrot „koche“ ich mal wieder: Von P. hatte ich mir fertig gekochte Pellkartoffeln und fertige Bouletten (Frikadellen) sowie Mairübchen mitgenommen. Bouletten und Kartoffeln fliegen in die Pfanne, die Mairübchen koche ich zusammen mit meinen, die auch schon ewig im Kühlschrank rumliegen. Aus den Resten wird morgen eine Suppe gemacht.

Im Fernsehen „Florence Foster Jenkins“ mit der wie immer wunderbaren Meryl Streep und einem inzwischen recht gealterten Hugh Grant, dem ich den liebenden Ehemann aber nicht so recht abnehmen kann.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mich zart und stark zugleich fühlen.

What I did today that could matter a year from now:
Eine Idee bekommen, wie ich meinen Geburtstag feiern möchte.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Ruhig bleiben.
Mir Zeit nehmen.
Nicht springen.
Wieder etwas Wichtiges erledigen.

Begegnungsnotizen:
M.
Menschen in der U-Bahn und im Hausflur.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertzweiundsiebzigste Tag im Danach: Anstrengende Mikroaktionen

17. Juli 2021. Samstag. Wecker um halb sechs, weil ich morgens laufen will. Es ist aber schon so drückend und warm, und der Tag verspricht anstrengend zu werden, dass ich das gleich wieder cancele. Schlafe stattdessen bis sechs und stehe dann auf.

Mir gehen Dinge aus meinem gestrigen Termin mit der Trauerbegleiterin nach, das ist gut. Ich fühle mich immer noch gemangelt, es kamen also wirklich wichtige Dinge zur Sprache. Gleichzeitig spüre ich wieder mehr Zuversicht.

Die Zugverbindungen nach K. sind schwierig, es gibt aber Alternativen, und ich bin zuversichtlich, dass das am Donnerstag klappen wird, wenn auch vielleicht mit etwas Verspätung oder Ersatzzügen/ -strecken. Egal, wir haben ja Zeit.

Um halb elf breche ich auf zu meiner Runde für P.
Der Tag wird anstrengend, aber eher in Summe – die einzelnen Etappen sind jede für sich gar nicht so schlimm. Aber dieses ständige sich neu auf etwas Einstellen, dazwischen jeweils sich kaugummiartig dehnende Wartezeiten. Sehr zermürbend:

Sachen zusammenpacken, zum Testzentrum laufen, sehen, dass das Testzentrum, das „täglich von 9 bis 18 Uhr“ geöffnet sein soll, geschlossen hat. Überlegen, wo es noch eins geben könnte. Losmarschieren. Sich an die Teststation im Einkaufszentrum schräg gegenüber erinnern, dorthin gehen, anmelden, Test machen. Zum Drogeriemarkt, nochmal Fotos von H. ausdrucken, auf eine Treppe setzen, 12 Minuten warten. Anstellen an der Teststation, warten, Ergebnis abholen. Zur U-Bahn gehen, Fahrkarten kaufen, 5 Minuten auf den Zug warten. Zehn Minuten Richtung Süden fahren, 8 Minuten auf den Bus warten. Zehn Minuten fahren, zehn Minuten zu P.s Wohnung gehen, Sachen für P. zusammensuchen. Die Geburtstagsgeschenke einwickeln, die zusammengesuchten Sachen in Tasche und Rucksack verpacken. Leiter rausschleppen, Kirschen ernten, nach den Tomaten sehen, Tomaten, Kräuter und Gurken gießen, Gurke ernten. Kirschen und Gurke einpacken. P. anrufen. Lebensmittel aus dem Kühlschrank einpacken. Losgehen, zum Bus rennen, zehn Minuten zur anderen U-Bahn fahren. Warten. Mit der U-Bahn und zu Fuß zum Krankenhaus. Warten bis der Pförtner wieder da ist, den Pförtner nach dem Weg zur Station fragen. Zur Station laufen, anmelden, eintragen. Ins Zimmer gebracht werden. Anderthalb Stunden mit P. sitzen, nach Gesprächsthemen suchen, seinem Husten zuhören. Aufbrechen, zurück zur U-Bahn gehen. Warten. Fahren, umsteigen (mit Bahnsteigwechsel), warten, fahren, nochmal umsteigen, noch eine Station fahren. Einkauf im kleinen Supermarkt, wo es überraschend leer ist für einen Samstag Nachmittag. Vor dem Haus den J. vom Restaurant treffen, seine Frage nach dem Haus beantworten, reden. Hochgehen, Einkäufe wegräumen, umziehen, Imbiss, runterkommen.

Nichts Schlimmes dabei, aber alles zusammen dann doch viel und anstrengend, deswegen bin ich auch gerädert.
Und Erschöpfung äußert sich in Traurigkeit.

Wieder dieses seltsame Gefühl, das Leben zu verpassen. Ich weiß, wie der Rest des Tages und mein Abend aussehen wird: zuerst kollabieren im Sessel, was essen, runterkommen, emotional und mental abdampfen, vielleicht noch was arbeiten, dann irgendwann fernsehen, lesen, Bett.

Und ich denke daran, dass zur selben Zeit an diesem warmen und regenfreien Samstag Abend überall Menschen draußen sitzen, sich treffen, reden, essen, trinken, in den Himmel schauen, leben. Oder herumlaufen. Sport treiben, allein oder mit anderen.
Ich denke an Freund G., der sicher nicht zu Hause im Sessel herumgammelt, sondern arbeitet oder Kunst macht oder ausgeht. Aktiv ist. Was Sinnvolles tut. Oder Zeit mit anderen Menschen verbringt.
Und ich denke an H., der, hätte er mich heute begleitet, sich jetzt nochmal ein Stündchen hinlegen und dann den ganzen Abend etwas tun würde: Arbeiten oder Musik oder rübergehen und aufräumen. Ebenfalls etwas Sinnvolles.

Das Muster ist klar: Während ich nach der Pflichterfüllung vor Erschöpfung und Unlust kollabiere und den Tag abhake, nehmen sich andere – wenn überhaupt – eine kurze Auszeit, eine kurze Erholungspause und machen dann weiter – und tun noch was.
Ich akzeptiere, dass ich eben so bin, trotzdem macht mich das traurig. Ich verpasse so viel von diesem Leben, nach dem ich so hungrig bin.

Das ist kein neues Gefühl, gerade im Sommer packt mich das häufig, wenn draußen um acht hör- und sichtbar das Leben „losgeht“, während ich langsam aber zielsicher in Richtung Bett dümpele.
Scheiße.

Aber was kann die Lösung sein? Auch ein Mittagsschlaf lässt mich abends nicht unbedingt länger durchhalten. Und dann: Wofür? Dafür, allein vor (oder in) einer Kneipe zu hocken und ein Schweinegeld für Getränke auszugeben, während ich vor mich hin starre oder Nervsäcke abwehre?
Mehr abendliche Verabredungen treffen?
Aber die Kosten für derartige Aktivitäten sind hoch: Geld, Zeit, Kraft. Der nächste Tag ist gelaufen, wenn ich mehr als zwei, drei Bier trinke oder wesentlich nach Mitternacht ins Bett komme.
Und dann: Nach einem schönen Abend allein nach Hause gehen, ist schrecklich.

Das alles stopft nicht die Löcher in mir. Das Loch, das H. gerissen hat, ebenso wenig wie das Loch, das ich seit Jahrzehnten mit mir herumtrage: Die Angst, das Leben zu verpassen, der Frust, nichts oder nicht genug „Sinnvolles“ zu tun, einfach nur vor mich hin zu leben, zu arbeiten, zu essen, zu schlafen, sinnlose Bücher zu lesen und ab und zu mal einen Tag meinen Hobbies frönen. Fast-Food-Leben.
Anstatt Dinge voranzutreiben, Projekte zu realisieren, Werke zu schaffen, Menschen zu begegnen, den Horizont zu erweitern, etwas zu hinterlassen, einen Eindruck zu machen. Zu sein.

Ich weiß nicht mal, was das sein könnte, ich weiß nur: Wenn ich sterbe, wird das Ergebnis meiner Lebenszeit mitsamt dem alten Rechner im Müll landen. All die Gedanken, die ich gedacht und aufgeschrieben habe. All die Fotos, die ich gemacht habe. Die Stunden, die ich mit dem Entziffern irgendwelcher Kirchenbucheinträge verbracht habe. Weg. Vorbei.
Weil da keiner mehr ist, der davon weiß oder der versteht, wie wichtig mir das ist. Und der sieht, dass es auch anderen Menschen Freude bereiten kann. Oder der es nur deshalb bewahren möchte, weil ich mich damit beschäftigt habe.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich momentan jedem Vorschlag, der von außen kommt, zustimme: Wollen wir uns treffen? Wollen wir zusammen spazieren? Wollen wir ein Bier trinken gehen? Ja! Ja!! Ja!!!
Angst, etwas zu verpassen. Angst, keine weitere Chance zu erhalten. Angst, fallengelassen zu werden.

Ich bin so lebenshungrig. Hungrig auf Menschen, auf Begegnungen, auf Ideen, auf Aktivität, auf Eindrücke.
Aber ich will das nicht allein.
Am meisten bin ich hungrig auf den einen Menschen an meiner Seite.
Auf H.
Ich vermisse ihn so, so sehr…

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Diese wunderbare Bilderbuchgurke, die ich ernten und behalten darf.

What I did today that could matter a year from now:
Nachdenken. Einen Besuch.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Ruhe bewahren.
Atmen.
Im Moment sein.

Begegnungsnotizen:
P.
J.
Menschen in U-Bahnen, Bussen und im Supermarkt.
Krankenhauspersonal.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hunderteinundsiebzigste Tag im Danach: Gemangelt

16. Juli 2021. Freitag. Wecker um halb sechs, es ist feucht und warm, und ich fühle mich vollkommen ermattet, ich muss heute morgen nicht unbedingt rennen gehen. Drehe mich also um und beschließe zu schlafen, solange ich will. Das wäre dann kurz vor sechs. Ich stehe auf mit einem Wattekopf, der sich teilnahms- und lustlos anfühlt.

Ich ahne, dass das der Weißkittel-Effekt ist: Ich habe heute Nachmittag einen Termin bei der Trauerbegleiterin, und da bin ich vorher immer ganz ratlos, worüber ich mit ihr sprechen soll. Auch wenn mich tagelang schwerste Probleme plagen, am Tag des Termins erscheint plötzlich alles weniger schlimm oder drängend: Das regelt sich schon, damit komme ich schon irgendwie klar, was soll sie mir dabei helfen?
Auch hier wieder das Phänomen: Die Zeit (und das Geld) will ich optimal nutzen und dann nicht über Selbstverständlichkeiten reden.

Vielleicht wäre das ja mal ein Thema: Inwieweit mein Perfektionismus und mein selbstgemachter Druck, die knappen Ressourcen optimal auszunutzen, nicht einen guten Teil zu meiner Erschöpfung und Überforderung beitragen?

Die Gedanken arbeiten dann doch den ganzen Tag, ich gewinne einen Überblick, an welchen Themen ich mich in Bezug auf den Verlust in den letzten Monaten abgearbeitet habe:
Die Bedeutung kreativer Ausdrucksmöglichkeiten.
Die Entscheidungen, die wir getroffen haben: Welche Dinge tun wir, welche lassen wir.
Selbsthass, Depression: Warum soll ich dieses oder jenes tun? Warum überhaupt morgens aufstehen? Es ist doch niemand (mehr) da, den es interessiert…
Selbst-Wertschätzung: Mich interessiert es!
Die Sehnsucht nach jemandem, mit dem ich mein Leben teile.
Mein Bedürfnis, die Sorge um mich zu externalisieren.
Angst: davor, alleine klarkommen zu müssen; vor Katastrophen, vor Kontroll- oder Autonomieverlust; vor Existenzbedrohung.
Wahrnehmung der eigenen Verletzlichkeit und Bewusstwerden der eigenen Ressourcen.

An Arbeit ist kaum zu denken, immerhin schaffe ich ein gutes Stündchen.

Der Termin wird auf ihren Wunsch eine Stunde vorverlegt. Ich bin durchgedreht, stehe neben mir, meine Stimme klingt mir fremd, was ich sage, drückt nicht aus, was ich sagen will, meine Gedanken sind sprunghaft. Trotzdem kommen ein paar wichtige Themen zur Sprache.
Auch dafür sind diese Termine gut: Dass ich Dinge anspreche, die momentan (scheinbar) nur am Rande meines Bewusstseins vorbeihuschen, aber gigantisches Konfliktpotential bergen, etwa die Gedanken, wie ich meinen Geburtstag dieses Jahr feiern soll. Feiern will. Oder was ich nicht will.

Sie sagt mir gute Sachen. Ich glaube, manchmal ist sie wirklich überrascht von mir: wie klar ich in vielerlei Hinsicht bin, wie genau ich Sachen wahrnehme, und dann doch die – von außen betrachtet – offensichtlichsten Schlüsse nicht ziehe. Oder nicht wage zu ziehen.

Ich komme ziemlich gemangelt aus dem Termin, gehe wie auf Eiern, eine Frau auf der Straße schaut mich seltsam an, vielleicht bin ich kurz getaumelt oder habe einen seltsamen Gesichtsausdruck. Ich reiße mich zusammen und gehe meine geplanten Erledigungen an: Geldautomat, Drogeriemarkt, um Fotos von H. im Großformat auszudrucken und passende Rahmen mitzunehmen, Supermarkt, um die gewünschten Kekse für P. und ein Not-Abendbrot für mich zu besorgen.

Ich bin mit Freund B. verabredet, der bei D. ist, um Musik zu machen. Schlendere gemütlich nach Hause, setze mich an den Spielplatz, mümmele ein gekauftes Brötchen. B. kommt eine halbe Stunde später als geplant, aber das ist okay, es war nur eine Ungefähr-Zeit verabredet.

Zum Glück hat er auch ein Hüngerchen, so können wir die neue Bewirtschaftung im Restaurant gegenüber des großen Parks austesten. Es ist okay, aber nicht ganz billig. Aber gut, frisch gemachtes Essen mit einigermaßen brauchbaren Zutaten kostet eben. Mir fehlt an allem das I-Tüpfelchen. Kleinigkeiten, die nicht extra kosten oder Mühe machen, aber es „gut“ machen würden. Salz auf dem Tisch. oder wenigstens Personal in Sicht, das welches bringen könnte. Ein bisschen mehr Mut beim Würzen oder Kräutern.

Ich begleite ihn zur U-Bahn, schlendere nach Hause. Ich stehe immer noch neben mir, habe aber immerhin das Gefühl, heute etwas „geschafft“ zu haben. Fühle mich gereinigt und etwas aufgeräumter im Kopf.

Kaum zu Hause ruft P. an und gibt mir eine Liste von Dingen durch, die ich ihm ins Krankenhaus bringen soll. Er klingt aufgeräumt. Ich spreche die geplante Fahrt nach K. an, er hat nichts dagegen. Aufatmen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Essen gehen – wie so ein ganz normaler Mensch – ohne traurige Erinnerungen

What I did today that could matter a year from now:
Über Dinge nachdenken.

Was wichtig war:
Mir Zeit nehmen.
Etwas für mich tun.
Sprechen.
Zuhören.
Begegnungen.
Rausgehen.

Begegnungsnotizen:
Trauerbegleiterin.
Freund B.
Personal in Supermärkten und im Restaurant.

Standard
Zitate

Der hundertsiebzigste Tag im Danach: Aufräumen

15. Juli 2021. Donnerstag. Der Tag beginnt nach fünf Stunden Schlaf mit einer heftigen Angstattacke und Matschkopf.

Er geht weiter mit einem Anruf von P., der sich gerade wieder ins Krankenhaus bringen lässt, weil die Lunge komplett verschleimt ist.
Mir sinkt sofort das Herz in die Hose. Nicht jetzt das. Dann die ersten Gedanken: Dann fällt der Geburtstag wohl aus. Hoffentlich muss ich nicht wieder durch die Gegend gurken, um Sachen zu bringen. Und was ist mit meiner geplanten Fahrt nach K. nächste Woche?
Dann schäme ich mich, dass ich nur an mich denke, anstatt mir Sorgen zu machen. Aber was würden Sorgen nützen?

Meine morgendliche Angst geht einher mit einer großen Verwirrtheit und Überforderung nach all den vielen Begegnungen gestern.
Das war definitiv zuviel, zumindest emotional. Andererseits war es so, so wichtig.

Schon unter normalen Umständen hätte dieser Tag mich „gekillt“.
Aber damit habe ich gerechnet, und es ist okay. Es war ja auch ein Experiment: Würde dieses massive „Socializing“ mit immerhin „sicheren“ Menschen den Break verursachen, von dem ich mir eine Erleichterung oder Veränderung im Denken und Empfinden erhoffe?

Ob das Experiment erfolgreich war, wird sich zeigen; morgens überwiegen die negativen Folgen: Ich habe Angst. Ich bin extrem dünnhäutig. Die Gedanken rasen und springen. Ich habe große Sehnsucht nach einer Schulter zum Ausweinen. Überhaupt Sehnsucht. Und weinen.

Diese Angst in meinem Bauch. Körperliche Symptome: Herzrasen, Knoten im Magen, Hitzewallungen, Kopfschmerzen, brennende Augen, Atembeschwerden, Enge in der Brust, aufwallende Tränen.

Ich möchte schreiben, schreiben, schreiben, nichts als schreiben. Alle Gedanken und Bilder aus meinem Kopf herausströmen lassen. Und dann weinen. Alles raus. Leer werden. Ruhe finden.
Aber die Leere ist keine gute Ruhe. Kein Frieden, kein In-sich-Ruhen. Die Leere ist Abwesenheit von allem, auch von allem, das schön ist und wärmt und nährt. Die Leere ist Tod.

Also schreibe ich. Und weine. Heftig und lang. Greine, heule.
Ich möchte schreien. Ich möchte in den Arm genommen werden, mich ausweinen. Getröstet werden.

H. konnte mich nie gut trösten, wenn ich geweint habe.
„Nimm mich einfach in den Arm“ sagte ich dann, „Du musst gar nichts sagen oder tun, halt mich einfach fest.“
Und das tat er, und es wurde ganz schnell wieder gut.
Weil ich seine Wärme spürte und seine Gewissheit, seine Stärke, seine Liebe.
Und dann redeten wir. Wir sind beides Kopfmenschen und wir haben das Problem analysiert und Lösungen gesucht.

Aber dazu habe ich jetzt keine Kraft. Was soll ich auch analysieren? Die Situation ist ja klar, ich muss da jetzt eben durch.
Und die Erinnerung an ihn löst einen neuen Weinkrampf aus.

In meinem Schmerz, inmitten all dieser Tränen kommen mir Bildideen. Bilder, mit denen ich meine Gefühle ausdrücken könnte. Keine genialen Sachen, das meiste sind schreckliche Klischees, aber vielleicht finde ich da doch zu einer eigenen Interpretation, die mir helfen könnte, mich künstlerisch auszudrücken?

Irgendwann bin ich erschöpft. Watte im Kopf, nichts geht mehr. Darin liegt auch eine Erleichterung: Nichts mehr müssen. Surrender. Annehmen. Nicht mehr kämpfen müssen. Müde. Schlafen. Stille. Wenigstens für den Moment. Nicht Frieden aber zumindest Abwesenheit des Geschreis in meinem Kopf.

Und ich schreibe noch ein bisschen. Und noch ein bisschen mehr.
Vier Stunden schreibe ich, dann ist es Mittag, aber ich bin ruhig. Und zuversichtlich. Ich spüre, wie gut mir bestimmte Dinge gestern getan haben: Die Vertrautheit mit Freund G. Die Sicherheit. Die Wärme. Und wie in all dem gleichzeitig Platz ist für meine Trauer um H. und um meinen großen Verlust, aber auch für Zuversicht und Albernheit und Lachen. Freundschaft.
Und ich bin unendlich dankbar.

Und dann lese und höre ich von den schrecklichen Überschwemmungen in der Eifel und in Nordrhein-Westfalen, und ich denke, an Schuld bin ich doch eben im Juni noch vorbeigefahren, und ich sehe das Ahrtal vor mir und denke: Wie schrecklich. Und: Gut, dass H. das nicht mitbekommen muss.
Und dann höre ich, dass der Zugverkehr ausgesetzt ist und denke: Bis Ende nächster Woche wird das doch wieder laufen, das wird unsere Fahrt nicht verhindern. Aber wer weiß, was mit P. ist, vielleicht muss ich doch hierbleiben.
Und dann mache ich mir Sorgen, weil P. sich noch nicht gemeldet hat. Hoffe, dass es einfach nur die Krankenhausabläufe sind und kein Hinweis auf ein schlimmes Geschehen.

Erledige ein bisschen Orga-Kram. Arbeite ein Stündchen. Denke ein wenig nach. Arbeite noch ein halbes Stündchen. Sehe Fotos durch, die ich eventuell bei einem Fotowettbewerb einreichen möchte. Schreibe, lese, denke nach. Drehe ein bisschen durch, weil sich meine Gedanken nur im Kreise drehen und nirgendwo hinführen. Beginne, das Wohnzimmer aufzuräumen, die letztens bestellten Klamotten auszupacken und anzuprobieren. Zu saugen.

Zwischendrin ruft P. an, er hat acht Stunden in der Notaufnahme gewartet. Und dort nichts zu essen bekommen. Als Diabetiker. Wie ist so etwas in einem Krankenhaus möglich? Nun gab es „zwei Brote mit alter Wurst“. Immerhin hat er ein Einzelzimmer. Privatpatienten-Status? Oder Vorsichtsmaßnahme wegen Covid?

Ich will mir zum Abendbrot ebenfalls Brote machen, muss aber feststellen, dass fast das ganze Brot seit gestern verschimmelt ist. Das ist diese widerwärtige Luftfeuchtigkeit im Moment. Alles, was nicht im Kühlschrank ist, vergammelt, man kann beinahe zusehen. Ich könnte heulen, als ich das Brot wegwerfe, da ist nichts mehr zu retten.
Ich mümmele die letzte Scheibe als Abendbrot, es ist alles so unsäglich schwer und traurig.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Innere Ruhe nach exzessivem Schreiben. Selbstberuhigung funktioniert, ist aber unglaublich zeit- und kraftaufwändig.

What I did today that could matter a year from now:
Mich auf meine kreativen Bedürfnisse einlassen, zumindest mal gedanklich.

Was wichtig war:
Nachdenken.
Schreiben.
Beruhigen.
Weinen.

Begegnungsnotizen:
‚-

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertneunundsechzigste Tag im Danach: Socialising

14. Juli 2021. Mittwoch. Aufgestanden kurz nach sechs.

Auf dem Anrufbeantworter finden sich mehrere Nachrichten eines Kunden von gestern Abend. Beim Abhören bin ich halb fasziniert, halb entsetzt: Er war abends von einem Termin gekommen und auf dem Weg nach Hause, als er an einer Autobahnauffahrt das Schild Richtung Berlin entdeckte, spontan rauffuhr und sich auf den 500 Kilometer langen Weg machte.

Ihm kam dann recht bald die Idee, bei mir anzurufen und zu fragen, ob mir das Recht sei und drehte dann wohl auch bald wieder ab, als er mich nicht erreichte. Die Anrufe kamen gegen 18:00 Uhr, er wäre also gegen 23:00 Uhr oder Mitternacht in Berlin gewesen – und wollte dann mit mir „irgendwo essen gehen“.

Was für eine absolut absurde Idee!
Man muss dazu wissen, dass wir uns zwar lange kennen, aber nie persönlich begegnet sind. Vor einigen Jahren ist überraschend – und sehr jung – seine Frau gestorben, daran hat er immer noch zu knabbern, und er entdeckt jetzt da wohl in mir eine verwandte Seele und will mir beistehen. Das finde ich auf der einen Seite unheimlich reizend und mutig, auf der anderen Seite völlig skurril.
Es hat nichts Übergriffiges, so ein Mensch ist er nicht. Es zeigt mir einfach, auf was für seltsame Ideen man in Ausnahmesituationen kommen kann – und wie anders das Leben wäre, wenn wir öfter mal auf unseren Bauch hören und den Mut haben, etwas völlig Verrücktes zu tun.

* * * * *

Der Schwager ruft nochmal an, H.s neue Hausverwaltung hat nun doch entdeckt, dass es noch offene Forderungen gibt. Da sie nur zwei Jahre zurückgeschaut haben, erkennen sie nicht das gesamte Ausmaß. Immerhin ist H. in dem Glauben gestorben, sie hätten es nicht erfahren, das freut mich für ihn. Es war eine kleine Erleichterung Ende letzten Jahres, die wichtig für ihn war und viel Druck rausgenommen hat.

Ich rufe zurück, drücke mich um klare Auskünfte, werfe ein paar Nebelkerzen und lehne indirekt ab, jetzt hier einen Anwalt zu suchen und dem das Ganz vorzustellen, denn wir haben praktisch keine Unterlagen, auf deren Basis man irgendwas analysieren oder anfechten könnte.
Außerdem finde ich, ich habe mich jetzt langsam mal genug darum gekümmert, den Erben, die mir das Haus unterm Hintern wegziehen wollen, weiter beim Geldsparen zu helfen.

Bei der Gelegenheit spreche ich auch gleich den Inhalt meines gestrigen Briefes an, den ich heute abschicken werde. Er ist wieder pures Verständnis und reine Hilfsbereitschaft. Dass ich darauf nicht wirklich was geben kann, weiß ich nun, aber ich spiele das Spiel mit. Zumindest etwas Zeit kann ich herausschlagen. Zum Entscheiden, zum Rechnen, zum Pläneschmieden.

* * * * *

Ich sause los Richtung Friedhof, denn ich bin mit N., einer alten Freundin von H. verabredet, mit der er vor Urzeiten mal zusammen Musik gemacht hat. Er hat sie immer sehr verehrt, und wir sind uns auch gegenseitig sympathisch, was mich bei mir nicht überrascht, bei ihr allerdings schon ein wenig, denn sie scheint mir jemand zu sein, der einen riesigen Bekanntenkreis hat, der vorwiegend aus Künstlern und Kreativen besteht, und da frage ich mich immer, was solche Menschen mit mir anfangen können. Aber vielleicht ist das gerade die Faszination: Das Anderssein, der Gegensatz. Vielleicht sehen sie auch in mir etwas Künstlerisches, Kreatives, von dem ich selber glaube, dass ich es nicht habe.

Sie hat aktuell eigene Sorgen, von denen sie mir sehr offen erzählt. Es geht um Arbeit udn Rente und Geld und Steuerklassen, und ich bin wieder entsetzt, wie unser System Menschen bestraft, die eigentlich dem Staat genau nicht auf der Tasche liegen wollen. Es ist ein Irrsinn.

Wir umrunden das riesige Friedhofsareal, wollen in ein Café einkehren, aber die Preise sind irrwitzig und der Service schlecht und herablassend, da gehen wir lieber zum alteingesessenen Falafel-Imbiss vorne am Platz, sitzen in der Sonne, mümmeln, reden, schauen Katzenfotos an, wie sich andere gegenseitig die Bilder ihrer Kinder zeigen.

Dann gehen wir noch eine Runde, besuchen Orte, wo N. früher viel Zeit verbrachte, durchstromern „meinen Kiez“. Ich zeige ihr das Haus, wo ich wohne, wir gehen an H.s Haus vorbei, an der alten Stammkneipe, die schon lange nicht mehr existiert und die auch N. kannte, damals Ende der 80er, Anfang der 90er.

Sie will noch zur Bank, ich zur Post, also machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum großen Platz in der Nähe. Unterwegs werden wir von einem Fahrradboten angesprochen, der einen Kunden sucht; der Eingang zu dessen Treppenhaus befindet sich im Hof eines anderen Hauses, der Bote weiß mangels Sprachkenntnissen nicht, was „Hof“ bedeutet, der andere kann es mangels Sprachkenntnissen nicht anders erklären, sie stecken fest. Warum der eine nicht einfach runter auf die Straße kommen kann, weiß ich nicht.

Ich bekomme das Handy in die Hand gedrückt, lasse mir vom einen den Weg beschreiben und folge der Beschreibung, den anderen im Schlepptau. Es ist ein wenig verworren, wir müssen über eine Baustelle und durch verschlungene Treppenhäuser, dann stehen wir schließlich vor dem richtigen Eingang.
Fast verlaufe ich mich auf dem Weg nach draußen, wo N. geduldig wartet.

Kurz vor dem großen Platz trennen sich unsere Wege, das Treffen wollen wir bald wiederholen, ich wünsche ihr viel Glück für ihre beruflichen Verwicklungen.
Gebe den Brief bei der Post auf; da er auch wichtige Unterlagen enthält, schicke ich ihn als Einschreiben, das ist günstiger als ich dachte.
Besorge noch den Topf, den P. sich zum Geburtstag gewünscht hat.
Beantworte die Nachricht von Freundin B., mit der ich zum Spazieren verabredet bin: Treffen in einer guten Stunde? Perfekt.

* * * * *

Zu Hause muss ich mich umziehen und trinken, trinken, trinken. Ich bin patschnass, es ist nicht so heiß, aber doch warm und die Luftfeuchtigkeit ist verhältnismäßig hoch.
Ich ziehe mich um, denn vielleicht gehe ich nach dem Spaziergang gleich ins Restaurant.
Bin recht aufgedreht nach der Begegnung mit N.: so viele Dinge habe ich gehört, Geschichten, Ideen, Probleme, Sorgen, Erinnerungen, Erlebnisse.

Nach einer Stunde wieder Aufbruch und Spaziergang mit Freundin B. Ich berichte von meinem Tag bis hierhin und sie amüsiert sich wieder über meine Geschichten, die ich zu erzählen habe.

Sie stellt fest, wieviele Männer sich anscheinend um mich kümmern möchten, dabei bin ich gar nicht so ein hilfloses Häschen und dachte eigentlich immer, ich strahle eher Stärke und Unnahbarkeit aus. Da habe ich mich wohl geirrt. Oder verändert.
Schade nur, dass sich der eine, von dem ich es mir wirklich wünschen würde, anscheinend nicht berufen fühlt.

Wir drehen eine mittelgroße Runde und ich begleite B. noch in zwei Läden, wo sie ein paar Kleinigkeiten einkaufen will Nehme mir bei der Gelegenheit noch Getränke mit, dann muss ich morgen nicht aus dem Haus.

Sie verspricht, später auch dazu zu kommen, wenn ich meinen alten Freund G. treffe.

In einer guten Stunde also.

* * * * *

Wieder zu Hause kommt eine Nachricht von Freund B., der fragt, wie mein Tag war. Ich habe das Gefühl, ich stecke noch mitten drin in meinem Tag und berichte, was bisher so war. Er ist angemessen beeindruckt: „Bist ja ganz schön fleißig! Eigentlich keine schlechte Strategie.“
Das denke ich ja auch, wenigstens von Zeit zu Zeit. Und vielleicht führt dieses Übermaß an sozialen Kontakten ja zu einer Art „break“, die mein Einerlei aus Angst, Schmerz und Traurigkeit mal für einen Moment unterbricht und neue Wege eröffnet.

Wir chatten eine Weile hin und her, dann muss ich schon wieder los.

Ich treffe gleichzeitig mit Freund G. ein, der aus der anderen Richtung kommt. Alt ist er geworden, denke ich, aber das ist äußerlich. Er hat einen Altmänner-Bauch und ist weiß geworden, aber das ist nicht überraschend, er ist schon sehr früh ergraut.
Beim Reden merke ich, er hat sich gar nicht verändert, und das ist schön, denn ich mochte ihn immer sehr.
Wir sind sofort wieder sehr vertraut miteinander, obwohl wir uns sicher fünf Jahre nicht gesehen oder gesprochen haben. Dass das so funktioniert, ist ein großes Geschenk.

Er muss sich auch unwohl gefühlt haben vor dem Treffen, unsicher, wie es mir ergehen würde, wie ich mit „der Situation“ umgehe usw. Dass wir so schnell unser altes Level von Vertrautheit wiederfinden, ist sicher auch für ihn eine Erleichterung. Wir können kurz über H.s Tod sprechen, aber dann das Thema auch loslassen. Es bleibt die ganze Zeit im Hintergrund präsent als eine Art gemeinsames Wissen, über das man sprechen kann, aber nicht muss, ähnlich wie es immer mit dem Tod seines Bruders zwischen uns war.
Das ist ein schönes Gefühl: Man weiß voneinander, es ist klar, der andere ist da, wenn man reden möchte, man muss nichts erklären, das Verständnis des anderen ist garantiert. Gleichzeitig steht der Tod nicht wie ein Elefant im Raum, den jeder versucht zu ignorieren. ‚Es muss nichts erklärt werden‘ ist nicht gelichbedeutend mit ‚es will niemand darüber sprechen‘.

Freundin B. kommt dazu, es wird albern und lustig. Der Bekannte R. kommt auch dazu, es wird eher frotzelig-flapsig, vor allem zwischen der B. und ihm. Es ist wie früher. Nur die Nervensäge H. fehlt. Sehr.

Wir sitzen bis Mitternacht, dann bricht erst die B. auf, kurz danach der R., und G. und ich sitzen noch einen Moment allein. Das ganze Alberne ist fort, das können wir zwar gut miteinander in der Gruppe, dann spielen wir uns ganz wunderbar die Bälle zu, aber nicht, wenn wir allein sind, dann sind wir ernsthafter. Warm und leicht ist es mit ihm, und ich genieße das sehr, obwohl ich darunter schon weder die Traurigkeit anrücken spüre.

Um eins bin ich zu Hause, komme lange nicht zur Ruhe.
G., auch ein Künstler, hat mir in einem Nebensatz angeboten, mich mit in die Werkstatt zu nehmen, dann könnte ich an eigenen Sachen arbeiten. Er hat da immer was in mir gesehen, was ich selber nicht wahrhaben will; vielleicht sieht er auch einfach in jedem ein Potential, was seiner Meinung nach jeder Mensch hat.
Mein Kopf beginnt, Ideen zu entwickeln. Ich hungere ja nach Ausdruck, suche nach dem für mich passenden Medium: Singen? Schreiben? Fotografieren? Warum also nicht Druckgrafik.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wärme. Vertrautheit. Verständnis. Freundschaft.

What I did today that could matter a year from now:
Menschen treffen, offen sein.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Arbeit mal hintan stellen.
Mich um mich kümmern.
Menschen treffen.

Begegnungsnotizen:
Die N.
Der Fahrradbote.
Freundin B.
Freund G., Bekannter R.
J. und M. im Restaurant.
Menschen in Supermärkten, im Imbiss, bei der Post und im Kaufhaus.

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