Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweihundertneununddreißigste Tag im Danach: Es nimmt kein Ende

22. September 2021. Mittwoch. Freund F. hat gestern Abend den Kampf gegen den Krebs verloren und ist nach Einleitung von Palliativmaßnahmen tatsächlich friedlich eingeschlafen; Freundin K. war die ganze Zeit bei ihm und hat ihn hinübergeleitet auf seiner letzten großen Reise.

Anders als bei Todesfällen in den vergangenen Jahren ist mir nicht nach einem Nachruf.
Ich freue mich für K. und F., dass sie die letzte Zeit wach und bewusst miteinander verbringen, sich verabschieden konnten. Dass F. sich verabschieden und am Ende loslassen konnte, dass der Tod kein Kampf war. „Fahren wir jetzt los?“ fragte er K. in einem der letzten halbwachen Momente – „Wohin denn?“ – „Nach Finnland…?“ Das sollte die nächste größere Reise werden, kreuz und quer durch Skandinavien bis nach Finnland. Vielleicht wird K. sie allein machen, irgendwann.

Ein wenig neidisch bin ich auch, dabei weiß ich gar nicht, ob ich mir einen solchen Abschied mit H. gewünscht hätte, ob ich ihn hätte gehen lassen können.

Ich treffe mich abends mit Freundin B., die erschüttert ist und auch irgendwie resigniert: „Das ist jetzt der vierte, der vorletztes Jahr bei meinem runden Geburtstag war und nun nicht mehr lebt.“ Dieses Jahr häufen sich die schlechten Nachrichten, allein aus B.s nahem Umfeld sind jetzt schon mindestens drei Menschen gestorben (keiner an Corona), dazu einige aus dem weiteren Umfeld, andere sind schwer krank.
Es ist ein Scheiß-Jahr.

In all diesem Mist hat sich für mich eine wnderbare Möglichkeit ergeben, ich habe nämlich heute die Gelegenheit am Schopf gepackt und bei einem von mehreren „dienstlichen“ Telefonaten mit TSO nochmal insistiert, wie gerne ich bei ihnen mitarbeiten würde. Dieses Mal hat er es nicht gleich abgewimmelt oder versickern lassen, sondern rief anderthalb Stunden später an und bot mir einen „Kennenlerntermin“ mit seiner Geschäftspartnerin am Freitag an. Sie haben anscheinend dringenden Bedarf an Unterstützung, es lohnt also, beharrlich zu sein.
Ich freue mich wie doof und fühle mich ein bisschen schlecht angesichts der Situation mit F. und K., aber das ist das Brutale: Das Leben geht weiter.
Und für mich darf es jetzt auch mal etwas zuversichtlicher werden…

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Gespräche, Kontakte, etwas zurückgeben. Freudige Erregung.

What I did today that could matter a year from now:
Einen Kontakt vermitteln.
Ein Angebot machen.

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Handeln.
Fragen.
Sprechen.
Mich freuen.
Da sein.

Begegnungsnotizen:
Freundin B.
J. im Restaurant

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Lebenszeichen

31. August 2021. Dienstag. Mich erreichen Nachfragen nach meinem Befinden, vielen Dank dafür und: Keine Sorge, alles „gut“, nur eben auch alles ein bisschen viel.

Im Juli, August und September stehen die meisten und wichtigsten Geburtstage in meiner Familie an, unter anderem feierte ich auch meinen eigenen, und das war wirklich extrem hart und alles etwas viel in diesem Jahr.
H. und ich hatten da – wie wohl jedes Paar – unsere besonderen Rituale, und er fehlte mir rund um die Uhr und äußerst schmerzlich.

Ich weine also viel dieser Tage und denke nach und schreibe auch, aber ich muss ja auch arbeiten, und dann fehlen irgendwann Zeit und Kraft, hier auch noch öffentlich zu schreiben.

Immerhin arbeite ich jetzt mehr, zumindest theoretisch, denn im Augenblick arbeite ich eher weniger – aber ich könnte mehr arbeiten, so rein kräftemäßig. Tatsächlich hindern mich dann Geburtstage, Impftermine, Krankenhausaufenthalte der Eltern und Forderungen von Ämtern nach Beibringung bestimmter Informationen und Unterlagen, die auch herausgesucht, zusammengestellt und aufbereitet werden wollen, daran, mich auch noch ausreichend um die Erwerbsarbeit zu kümmern, aber das ist ja wichtig (Geld) und wird in diesen Tagen verstärkt wieder losgehen.

Die Wochenenden sind nun arbeitsfrei, das habe ich gemeinsam mit meiner Trauerbegleiterin beschlossen, die etwas Sorgen hat, ich kümmere mich zu wenig um mich und meine Bedürfnisse außerhalb der unmittelbaren Trauerarbeit (nachdenken, weinen, schreiben). Es gibt jetzt also „freie“ Wochenenden.
Die sind aber nicht frei, denn im Sommer häufen sich die Termine und so geht es seit Mitte Juli rund:
Krankenhausbesuch beim Vater. Steuererklärung für H. fürs letzte Jahr (der Schwager drängelt). Erster Impftermin. Geburtstag P.
Fahrt mit Freund B. nach K.
Dort Gartenarbeit (klar, schön, aber eben auch anstrengend, wenn man es machen muss und nun gerade nicht so wirklich Lust darauf hat) und Menschen treffen (dito) und Haus in Ordnung bringen (dito). Und natürlich arbeiten.
Für sechs Tage Rückfahrt nach Berlin. Nachricht vom erneuten Krebsausbruch bei Freund F., diesmal scheint es besonders ernst zu sein. Termin Trauerbegleiterin. Geburtstag M. Treffen Freundinnen B. und E. Treffen P.
Erneute Fahrt nach K. Gartenarbeit, Menschen treffen, Haushalt – siehe oben. Diesmal noch reich beschenkt mit Erzeugnissen aus anderen Gärten, die verarbeitet werden wollen, also Holundersaft gemacht, Kräuter gehackt und eingefroren, Bohnen eingeweckt. Zucchini und Gurken habe ich mitgenommen.
Wieder zurück nach Berlin fahren. Mein Geburtstag. Die Trauerbegleiterin im verdienten Urlaub, also zusehen, wie ich selbst klarkomme mit der Situation (wir haben da natürlich einiges vorbereitet). Zweiter Impftermin.
Unterlagen für H.s Schwester bzw. Schwager zusammentragen, die sie bezüglich des Erbes selber für ihre Steuererklärung brauchen. Mich durch 30 Jahre nur teilweise sortierte GEMA- und Wohnungs-Unterlagen gewühlt.
„Nebenbei“ noch an zwei sehr wichtigen und umfangreichen Kundenprojekten gearbeitet, auf laufende Anfragen reagiert, mich mit Geldsorgen herumgeschlagen, getrauert und angefangen, eine kleine Feier mit Freunden zu H.s Geburtstag im September zu planen.

Alles ein bisschen viel.

Und es geht weiter:
Bis Mitte/Ende September müssen drei mittelgroße Kundenprojekte fertig sein (zwei davon noch nicht mal begonnen).
Am nächsten Wochenende kommt ein Cousin samt Frau, den ich seit 30 Jahren nicht gesehen habe (die Frau noch nie), und man wünscht sich etwas gemeinsame Zeit und vielleicht „Berlin aus Sicht eines Berliners“.
Das Wochenende darauf fahre ich ins Allgäu zum runden Geburtstag eines Onkels. Drei Tage angefüllt mit insgesamt mindestens 16,5 Stunden im Zug, einer Geburtstagsfeier, einem Familienessen und etwas Besichtigungsprogramm.
Dann H.s Geburtstag.
Dann bei P. den Garten klar machen, noch eine Sauerkirsche kaufen und pflanzen, das Tomatenhaus und den Pavillon abbauen und insgesamt aufräumen.
Dann nach K. fahren und alle 30 Sträucher, Rosen und zwei Hecken individuell und kräftig zurückschneiden. Die Obstbäume spare ich mir wahrscheinlich für den Winter auf.
Und dann die Advents- und Weihnachtszeit durchstehen.
Und dann den Januar, diesen Horrormonat. Alles nochmal durchleben: H.s Krankheitsgefühle und Schwäche, seinen Zusammenbruch, die zwei Wochen im Krankenhaus, seinen Tod.

Kann also sein, dass ich hier nur äußerst sporadisch mal Laut gebe…

Lieben Dank Euch allen für Worte, Gedanken und Nachfragen!

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertsechsundachzigste Tag im Danach: Wieder allein

31. Juli 2021. Samstag. Wecker um 7:00, ich bin kurz vorher wach und mache ihn aus, bevor er klingeln kann.

Heute ist Freund B.s Abreisetag, und ich bin zwiegespalten, wie es mir damit geht: Ich bin froh, mich nicht mehr dauernd seinetwegen unwohl zu fühlen oder mir dauernd Gedanken um ihn machen zu müssen. Andererseits wird es mir fehlen, jemanden im Haus zu haben. Und seit ein paar Tagen steigt der Verlustschmerz um H. in mir auf, der wird sich natürlich Bahn brechen, wenn ich alleine bin. Andererseits: Ungestört weinen zu können, ohne mich erklären oder B.s Umarmungen ertragen zu müssen (oder erklären zu müssen, warum ich von ihm jetzt nicht umarmt werden möchte), könnte auch gut tun.

Also nehmen wir ein letztes gemeinsames Frühstück im Garten ein, wo es recht windig ist, sitzen ein letztes Mal gemeinsam in der Sonne auf der Terrasse, versuche ich ein letztes Mal, ein Gespräch in Gang zu bringen bzw. zu halten.
B. ist nervös, also bin ich extra nett und ruhig. Ich vermisse H., der das Ganze vermutlich noch durch irgendwelchen Blödsinn aufgelockert hätte.

Wir fahren früh genug los, sitzen dann nochmal eine halbe Stunde auf einer Bank an einem Blumenbeet vor der Kirche am Bahnhof und starren auf den Verkehr.
Was war das immer für ein fröhliches Geplauder mit H. – oder wenigstens ein angenehmes, einvernehmliches Schweigen. Er fehlt mir so sehr…

Dann gehen wir endlich zum Bahnhof, zum Gleis, warten noch wenige Minuten, der Zug kommt, B. steigt ein, stellt seinen Rucksack und den Gitarrenkoffer ab, die Türen schließen sich, und er schaut nicht einmal auf, winkt noch nicht mal ein letztes Mal. Der Zug fährt, ich hebe die Hand, vielleicht schaut er ja doch noch, ich kann es durch die spiegelnde Scheibe nicht sehen. Was für ein armseliger, fürchterlicher Abschied.

Fast sofort spüre ich die Tränen aufsteigen, die mir seit ein paar Tagen im Hals sitzen. Aber nicht hier, nicht jetzt. Ich drücke sie weg.
Gehe zurück zum Einkaufszentrum, fahre hoch zum Supermarkt, erledige ein paar Einkäufe und nehme mir auf dem Rückweg ein Spießbratenbrötchen mit.
Nicht, dass ich besonderen Appetit darauf hätte, aber wir hätten das gemacht, wäre ich mit H. unterwegs gewesen.

Ich hatte den halben Morgen gehadert, was ich heute machen soll, nachdem ich B. in den Zug gesetzt habe. Was hätten H. und ich zusammen gemacht? Es gibt mehrere Möglichkeiten: Einen Stadtbummel gemacht, Einkäufe erledigt und in irgendeinem Imbiss zu Mittag gegessen. Oder einen kleinen Ausflug mit der Bahn, irgendwo noch etwas spazieren gehen, an einem Flüsschen oder im Weinberg.
Nach beidem steht mir nicht der Sinn, also entscheide ich mich für Option 3, die auch nicht unwahrscheinlich gewesen wäre: Schnell die nötigen Einkäufe erledigen und dann heim fahren, weil das Wetter gut und jede Menge im Garten zu tun ist – und schließlich ist man in der Woche mit dem Besuch im Haus ja zu nichts gekommen…

Kurz vor halb eins sitze ich also wieder im Bus, der mich hoch ins Dorf bringt.
Zu Hause räume ich die Einkäufe weg, stelle die Waschmaschine an, schreibe ein wenig, überlege, wie es jetzt weitergehen soll mit dem Tag.

Ich bin ziemlich durchgedreht, weiß nicht, was ich will, was H. tun würde, was ich tun würde, wenn H. da wäre, was ich jetzt tun soll usw. In meinem Kopf dreht sich ein Karussell, immer schneller und schneller.
Ich schreibe an paar Chat-Nachrichten – an Freund B., von dem ich weiß, dass er sie unterwegs nicht lesen kann, weil er sein Telefon durch dreimalige Eingabe der falschen PIN gestern Abend außer Gefecht gesetzt hat, und an Freundin B., die heute ebenfalls im Zug nach Berlin sitzt, nachdem sie ein paar Tage bei ihrer Schwester verbracht hat.

Ich zwinge mich, das Spießbratenbrötchen zu essen, dabei beiße ich mir den Zahn halb aus, der eh schon etwas lose sitzt. Weine wieder. Halte innere Zwiesprache mit H., was ich nun tun soll: Was er tun würde, wenn er jetzt hier wäre? Was ich tun würde, wenn er jetzt hier wäre? Was ich gerne jetzt tun möchte (keine Ahnung, was das sein könnte)? Was ansteht und getan werden muss?

Ich bin ziemlich durchgedreht, denke nach, schreibe auf.
Schreibe noch eine Nachricht an Freund B., während ich draußen Kaffee trinke und Kuchen von gestern esse und mich fast ein bisschen normal fühle.

Kurz vor fünf mache ich mich an die Gartenarbeit und mache einen Teil der Ecke hinter der ausgegrabenen Wurzel sauber. Dabei schneide ich reichlich von einem Strauch ab, was mir ein wenig leid tut, denn das ist jetzt ja die komplett falsche Zeit für einen Schnitt, aber der Nachbar guckte neulich schon so seltsam, und unser Garten wächst schon einen halben Meter durch seinen Zaun, das geht nun wirklich nicht.

Um sieben ruft Freund B. an, der gerade nach Hause gekommen und ziemlich erschlagen ist.
Anschließend räume ich draußen noch auf und halte ein Schwätzchen mit der türkischen Nachbarin, die gerade auch große Sorgen hat (Sohn im Krankenhaus, ein junger Verwandter gestorben, außerdem die schweren Brände in der Türkei). Sie schenkt mir eine Schüssel Brombeeren, die ausgesprochen lecker sind.

Ich schreibe noch etwas, dann mache ich mir Essen, esse im Garten (nochmal Nudeln mit Tomatensoße), trinke Wein dazu, denke nach. Ich fühle mich sehr, sehr einsam.
Ich fühlte mich auch mit Freund B. einsam, weil ich nicht wirklich mit ihm rede konnte, aber da war wenigstens ein menschliches Wesen in der Nähe und prinzipiell ansprechbar. Jetztmüsste ich mir Kontakt erst wieder mühsam suchen, dazu bin ich zu erschöpft.
H. fehlt mir so, so sehr…

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Bei der Gartenarbeit vorübergehend mein Leid vergessen und eins sein mit mir, dem Garten und dem Leben. Brombeeren geschenkt bekommen.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
B. zum Zug bringen
In der Stadt sein.
Weinen.
Schreiben.
Die Arbeit sein lassen und mich um mich kümmern.
Gartenarbeit

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Nachbarin M.
Menschen im Bus, im Supermarkt und im Einkaufszentrum

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertfünfundachzigste Tag im Danach: Draußen-Tag

30. Juli 2021. Freitag. Um 6:45 Uhr von der Müllabfuhr geweckt.

B.s Zug morgen ist gestrichen, aber er bekommt eine Alternativverbindung, die ist auch ok.

Beim Frühstück platzt mir der Kragen als er zum wiederholten Male genervt auf irgendwas reagiert, was ich sage. Ich habe es satt, dass er mir permanent widerspiegelt, ich sei „zu“ irgendwas. Mache mir zu viele Gedanken, sehe irgendwas zu eng, hänge mich zu sehr rein, mache Dinge unnötig kompliziert, denke zuviel nach, betreibe zuviel Aufwand.

Im Normalfall lasse ich so etwas an mir abprallen: Ich bin wie ich bin, ich denke halt viel und schnell und intensiv über Dinge nach. Das ist eine Eigenschaft, die ich an mir schätze; ich muss eher daran arbeiten, anderen ihre eigene Zeit zum Denken zu lassen und sie nicht zu überfahren. Aber aufhören zu denken? Vergiss es.

Im Moment bin ich aber dünnhäutig, und da triggert diese „Kritik“ in mir die Abwertung, die ich in meiner Kindheit durch meine Eltern erfahren habe. Auch sie haben nicht verstanden, wie ich ticke, fanden mich unverständlich und also „falsch“ und ließen mich das spüren. Dies hat zu einer tiefen Verunsicherung geführt, und wenn jetzt wegen der Verlusterfahrung mit H.s Tod manchmal meine Abwehr etwas bröckelt, dann trifft mich solch eine harmlose – und vielleicht sogar nett gemeinte – Bemerkung wie „Mach Dir doch nicht so viele Gedanken!“ bis ins Mark.

Ich versuche, ihm das zu erklären, glaube nicht, dass er es versteht, denn er ist viel zu sehr mit seiner eigenen Reaktion auf meinen geplatzten Kragen beschäftigt, aber wenigstens habe ich es für mich jetzt wieder klar, und verstehe besser, was das Zusammensein mit ihm schwierig macht.

Erreicht habe ich, dass er jetzt vorsichtig um mich herumschleicht – weil er nicht versteht, was ich ihm sagen will, weiß er nun nicht, wie er sich verhalten soll, um nicht einen neuen Ausbruch zu riskieren.
Wir müssen echt noch unser Level finden, auf dem ich ihm etwas mitteilen kann, was verstanden wird.
Mit H. hat das ja auch eine Weile gedauert.

Ziemlich bald nach dem Frühstück machen wir uns an die geplanten Arbeiten im Garten: Terrassenbretter wieder zusammenklopfen, die beiden Pilze aus dem alten Apfelbaum schneiden, den Baumstumpf nochmal um einen guten Meter verschieben. Jetzt steht er schön.

Danach ist B. wieder völlig erschlagen, er ist wirklich nicht sehr fit. Ich bin von H. eine andere Arbeitskraft und Durchhaltevermögen gewohnt, ich muss aufpassen, ihn nicht zu überfordern, vor allem, weil er sich geniert, rechtzeitig abzubrechen oder Pausen einzulegen.

Wir sitzen also eine Weile am Tisch auf der Wiese, und dort ist es so schön, dass ich mir den Laptop aufbaue, als er nach oben geht, um sich auszuruhen.

Die eine Verlängerungsschnur scheint wirklich kaputt zu sein. Ich kann keinen Schaden entdecken, aber irgendwo muss was sein. H. hat sie noch nicht aussortiert, also dachte er wohl auch, man müsste sich die mal anschauen, weil Wegschmeißen wäre echt schade.
Das wäre wohl mal eine Aufgabe für einen seiner Kellerabende geworden: Das Ding zentimeterweise auf Schäden untersuchen, Stecker und Dose abschrauben, ob irgendwo ein Kabelchen lose ist und es nach Möglichkeit reparieren.
Für mich wäre das ein Extra-Projekt, zu dem ich mir wahrscheinlich nie die Zeit nehmen würde, und schon gar nicht abends. Abgesehen davon, dass ich es vermutlich nicht reparieren könnte.

Mit dem Laptop geht es ganz gut, ich könnte bei dem Licht zwar keine Bildbearbeitung machen, aber zum Schreiben geht es. Etwas lästig ist nur, dass ich alle Viertelstunde mit Laptop und vollbeladenem Tisch dem Schatten hinterherwandern muss.

Eine Stunde mache ich das, dann wird es mir zu dumm. B. hat sich inzwischen anscheinend genug ausgeruht, er hat sich die Gitarre nach oben geholt, singt und hört neue Stücke, die er lernen will. Er spielte mir das neulich schon aus dem Internet vor, ich fand es musikalisch uninteressant und textlich zu schmalzig-selbstmitleidig, aber Geschmäcker sind verschieden.

Ich klaue ihm ein Sudoku, werde dabei müde und döse etwas im Gartenstuhl, bis die Lieblingskundin mit einem kleinen Notfall anruft. Inzwischen ist es halb drei, und B. ist auch wieder runtergekommen.

Nach einer Stunde beenden wir das Gespräch, B. hat sich inzwischen daran gemacht, Kaffee zu kochen, und ich biete an, schnell zum Bäcker zu springen, um etwas Kuchen zu holen. Erstaunlicherweise ist die Antwort kein „Na ja, wenn Du willst, mir ist es egal“, sondern ein „Ja, das wäre doch schön“.
Er kann nicht mitkommen, weil er auf den Boten wartet, der seine Reisetasche abholen soll. Wahrscheinlich ist er nicht unglücklich darüber, denn ich merke, er ist etwas zu faul für solche kleinen Gänge und versucht, sie zu vermeiden.

Also ziehe ich mich schnell um und gehe los, suche Kuchen aus und bekomme ein Gespräch mit, wo die diesjährigen Eissorten erklärt werden. Zitronen-Basilikum-Sorbet klingt lecker, davon nehme ich ein Becherchen mit.

B. hat sogar Lust darauf und will mal probieren, anscheinend heißt die neue Devise nun, allem zuzustimmen, was ich vorschlage.

Er tut mir ein bisschen leid, ich weiß, ich bin sehr dominant und widersprüchlich, und sicher nicht leicht zu verstehen. Manche Menschen gehen damit relativ cool um, andere verständnislos.
H. hat sich bemüht, mich zu verstehen und hat irgendwann einfach die extremsten Ausschläge in die eine oder andere Richtung ignoriert. Wenn ich ihm zu nahe getreten bin, hat er mir das gesagt, dann habe ich mich entschuldigt und gut war. Er hat mich durch sein ruhiges, verständnisvolles Verhalten ganz gut reguliert, das fehlt mir jetzt.
Oft verhalte ich mich B. gegenüber, wie ich es bei H. getan habe, aber damit kommt er natürlich gar nicht klar – nicht nur weil wir uns nicht so gut kennen, sondern weil er natürlich ganz anders strukturiert ist als H., auch wenn sie beste Freunde waren.

Weil es so ein schöner Sommertag ist – Sonne, Wolken, dazu ein frisches Windchen, das die Wärme der Sonne etwas abmildert, bleiben wir nach dem Kaffee draußen sitzen, ziehen mit dem Tisch um auf die Wiese, schauen, hören, riechen, genießen. Reden wohl auch etwas, über Filme und Musik, unverfängliches Zeug.

Aus dem Nachbarsgarten dröhnt irgendein HipHop-Zeug, das geht mir auf den Wecker. Der halbwüchsige Sohn ist allein zu Hause, heute ist ein Freund zu Besuch, da muss Musik laufen. Allein macht er das kaum.
Also hole ich auch meinen neuen Bluetooth-Lautsprecher, diesmal klappt die Verbindung mit dem Smartphone auf Anhieb und ich lasse Hazmat Modine laufen, wo ich die Bläsersätze einfach liebe.
Selbst B. findet diese Musik nicht ganz furchtbar, was für mich einem Volltreffer gleichkommt. Bisher hat er auf „meine“ Musik immer sehr lustlos und uninteressiert reagiert.
Lediglich bei ein, zwei Überschneidungen hat er sich sofort auf die Stücke gestürzt, Akkorde zusammengesucht und begonnen, sie zu üben. Vermutlich dachte er, er tut mir einen Gefallen und war wohl auch irritiert, dass ich sie nicht sofort mit ihm einüben wollte. Aber nur weil ich sage, „dieses Stück liebe ich!“, muss ich es ja nicht gleich mit ihm singen wollen.

Gegen sieben mache ich mich auf in die Küche zum Essenmachen. Wenn ich koche, fragt er immer nach, ob er helfen kann, aber ich mag das nicht so gerne, wenn ich mit jemandem nicht eingespielt bin. Schon gar nicht, wenn ich mich in dessen Gesellschaft immer noch ein wenig unbehaglich fühle. Und da er die Eigenheit hat, mir ständig Vorschläge zu machen, wie man etwas besser oder anders machen könnte, und ich das ungefähr genauso hasse, wie wenn mich jemand ständig fragt: ‚Was machst Du jetzt? Wieso machst Du das so?‘, lehne ich lieber dankend ab.

Wir essen im Garten – das war ein Draußen-Tag heute – es gibt Nudeln mit angeschärfter Tomatensoße, dazu einen süß-sauer angemachten Blattsalat mit dunklem Balsamico-Senf-Dressing.
B. ist kein großer Salatesser – oder er findet meine Dressings furchtbar – lobt aber pflichtschuldigst (so kommt es mir wenigstens vor) das Essen.

Das ist das Problem: Seine Äußerungen fühlen sich für mich immer seltsam unaufrichtig an, wie auswendig gelernt oder weil man das in dieser Situation eben sagt. Da ist keine Begeisterung drin, nicht mal geheuchelte. Ich weiß nie: Spürt er das wirklich, oder sagt er das nur aus Höflichkeit?

Andererseits nehme ich viele Dinge persönlich und als Kritik, die er vermutlich neutral oder sogar nett meint.
Ich weiß, H. würde mit seinen Äußerungen ganz anders umgehen – weil er nicht alles auf sich beziehen und als Kritik wahrnehmen würde. – „Das geht so nicht, da muss man die Schrauben lösen“ führt bei mir zu: „Ich mache das jetzt seit 8 Jahren, und da musste man noch nie die Schrauben lösen. Ich weiß schon, wie das funktioniert – hältst Du mich für blöd?“ Bei H. wäre daraus geworden: „Ja, das denkt man erstmal, aber das ist ein ganz schlaues System, das ohne Schrauben funktioniert, das habe ich nämlich so und so gebaut…“

Das ist meine Baustelle, das ist mir schon klar. B. triggert da eine Menge Zeug, vielleicht weil er in mancher Hinsicht meinem Vater ähnlich ist: Ich weiß, wie die Welt funktioniert und ich sage das, und weil sie sich in manchen Dingen etwas umständlich anstellt, weiß sie wahrscheinlich einfach grundsätzlich nicht Bescheid, also helfe ich ihr mit meinem Wissen.
Und für „zu dumm“ oder unwissend oder unfähig gehalten zu werden, macht mich rasend, vor allem, wenn ich eh angeknackst bin.

Nun will ich aber nicht wie H. werden, damit die Kommunikation klappt, sondern ich will, dass B. wie H. ist oder wenigstens, dass wir eine eigene Ebene finden, jedenfalls brauche ich keine Neuauflage der Kommunikationsmuster meines Vaters. Das kann alles natürlich erstmal nicht auf Anhieb klappen.

Zusammen hauen wir eine Flasche Rotwein weg und sitzen noch lange draußen und reden. Ich denke, ich gehe ihm mit meinem dauernden Geplapper auf den Wecker, da er auf fast nichts reagiert, was ich sage, aber als ich ihn frage, streitet er das ab. Vielleicht plätschert das einfach so dahin, ein Hintergrundgeräusch, vor dem er seine Gedanken denken kann, ich weiß es nicht.

Er sagt, er bekommt oft so Flashs, wo er plötzlich Bilder und Szenen vor seinem geistigen Auge sieht, fast wie ein Traum. Ich denke, das geschieht in diesen Momenten, wo er in eine Art Sekundenschlaf fällt, das kann auch mitten im Gespräch geschehen. Sehr irritierend und ein bisschen beunruhigend. Früher habe ich das bei ihm nie festgestellt.

Bereits kurz nach zehn gehen wir hoch, wir sind müde, es wird kühl, und der Wein ist alle – und mehr würde uns beiden nicht gut tun.
Wir unterhalten uns noch kurz über die gemeinsame Woche, er meint, es sei „gut gelaufen“, und das stimmt, wir haben uns nicht gestritten oder genervt. Sicher hätte er sich etwas mehr Aufmerksamkeit und Nähe gewünscht, ich hingegen war enttäuscht, dass er auf alles in meinen Augen so indifferent reagiert hat – aber diese Dinge blieben weitestgehend unausgesprochen. Ich muss da noch ein wenig darauf herumdenken, bevor ich eine ehrliche Manöverkritik anbringen kann.

Es tut mir weh, daran zu denken, wie diese Woche abgelaufen wäre, wenn H. da gewesen wäre: Ein Mietwagen, Ausflüge in alle Himmelsrichtungen, Spaziergänge, Städtchen, Aussichtspunkte, Stadtbummel, Plaudern, Musik hören, Musik machen, vielleicht ein Besuch bei Freund T. und gemeinsame Session in dessen Studio, abends grillen und Fisch räuchern, vielleicht wäre die Tonne zum Einsatz gekommen, vielleicht hätten wir die Nachbarn oder Freund T. zu uns eingeladen…. Es wäre eine fröhliche, ereignisreiche Woche geworden. Anstrengend, aber wunderschön.
H. hätte ihn einfach mit seiner Freundlichkeit und Gutmütigkeit und Begeisterung überrannt – und gegen H. hätte er sich nicht „gewehrt“. Wo er bei mir viel ablehnte, hätte er das bei H. nicht gemacht, oder anders.

Und wieder fühle ich mich so unglaublich unzulänglich…

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Ein Sonnen-Sommertag mit Wolken und Wind und Sitzen im Garten und Wein trinken und Musik hören und Entspannung und Freundschaft

What I did today that could matter a year from now:
Die Pilze vom Baum abmachen.
Gespräche führen.

Was wichtig war:
Draußen sein.
Den Sommer genießen.
Entspannt sein.
Gemeinschaftlichkeit.
Nicht allein sein.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Menschen beim Bäcker.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertvierundachzigste Tag im Danach: Ausflug

29. Juli 2021. Donnerstag. Ab halb fünf stündlich aufgewacht und um halb acht leicht verkatert aufgestanden.
Nicht wirklich zu irgendwas motiviert; am liebsten würde ich den Tag lesend und essend im Sessel oder im Bett verbringen.

Ich denke darüber nach, wie es sein wird, wenn ich Freund B. am Samstag in den Zug gesetzt habe; was ich danach tun werde, wie es mir gehen wird. Werde ich mich einsam fühlen? Werde ich trotz allem Generve traurig sein, dass er weg ist? Werde ich einen Erinnerungsflash haben, wie es war, wenn ich H. zum Zug brachte (was zwar selten vorkam, aber immer schlimm war)?
Fast habe ich ein wenig Angst vor dem Moment und fühle mich B. gegenüber versöhnlicher: Er ist doch eigentlich gar nicht so schlimm, ich bin ja selber auch verschroben, teile ihm nicht viel aus meinem Innenleben mit, ziehe mich von ihm zurück, frage ihn auch kaum mal etwas.

Frühstück. Einsilbige Antworten auf meine Fragen. Gerunzelte Auenbrauen. Genervter Tonfall, wenn ich zu unentschlossen bin oder nach seinem Geschmack zuviel rede.
Nach einer Stunde Interaktion reicht es mir schon wieder.
Doch, es ist gut, wenn ich wieder alleine bin. Zwar nicht schön, aber besser als das.

Ich brauche Gesellschaft, aber andere, wertschätzende, liebevolle. Jemand, der mir Kraft gibt und mich nicht aussperrt und verhungern lässt oder mir permanent spiegelt, dass ich mich „falsch“ verhalte oder ihm auf den Wecker gehe.

* * * * *

Ich bekomme nichts Rechtes zustande, arbeite ein wenig, räume ein wenig auf, sitze und denke. Der Kopf mag nicht.

Mittags gehen wir los und fahren mit dem Bus runter zum Fluss, setzen mit der Fähre über, gehen Eis essen, spazieren am Fluss, fahren hoch zur Burg. Schauen uns dort die Ausstellungen an, wandern auf dem Gelände herum, holen uns Kaffee und Kuchen. Ich stehe lange am Geländer, lasse mich vom Wind durchpusten und schaue herunter auf die Stadt.

Ein Insekt wird an meinen Hals geweht und sticht in Panik zu, das tut richtig weh. Es wird sehr rot, aber nicht dick, und brennt höllisch. Was das wohl war? Ob das Tier es überlebt hat?

Wir fahren wieder herunter und spazieren zu einem nahegelegenen Winzer, wo wir Abendbrot essen.
Auch das ist nicht wie früher mit H. Wir werden allein in einen Nebenraum verfrachtet; mit H. hätte ich das genossen, mit B. fühle ich mich unwohl. Ihm gefällt das, so kann er „in Ruhe“ essen. Ja, danke, das kann ich auch zu Hause.

Ich will Wein mitnehmen, der Juniorchef behandelt mich auch etwas genervt; für ihn bin ich nur irgendeine Touristin. H. hätte da besser den Ton getroffen, ihn hätte der Junior vielleicht sogar von früheren Besuchen erkannt, oder H. hätte irgendwas gesagt, was ihn als „Einheimischen“ identifiziert. Ich weiß nichts, komme blöd rüber, und spüre wieder, wie sehr mir H. fehlt.

Wir spazieren nach Hause, es ist ein schöner Weg und ein wunderbarer Abend. B. ist gelöster, wir plaudern und setzen uns sogar noch eine Stunde in den Garten und reden – zum ersten Mal in dieser Woche sprechen wir offen und persönlich. Es scheint erst jetzt zu gehen, wo klar ist, unsere gemeinsame Zeit ist begrenzt.

Ich denke, ich habe in dieser Woche viel über B. gelernt. Ich habe ihn nicht unbedingt liebgewonnen, eher im Gegenteil, aber ich verstehe besser, wie er tickt. Vermutlich geht es ihm mit mir ähnlich.
Hoffentlich.

Er hat ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken, er hat Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, er braucht klare Ansagen. Planänderungen gehen nur mit gutem Grund. Er hat kein gutes Gespür für Menschen und deren Befindlichkeiten. Er hat große Schwierigkeiten mit dem Älterwerden und den damit verbundenen Veränderungen und Einschränkungen. Er hat eine ausgeprägte Tendenz, Dinge negativ zu sehen. Er wird schnell ungeduldig, hört nicht gerne zu, hat kein Interesse an den Alltäglichkeiten, die man gerne erzählt und die ja auch ein Bild von einer Person zeichnen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wolkenhimmel. Wind im Haar. Der Blick über die Stadt. Boot fahren.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Eindrücke.
Langsam machen.
Raum geben.
Raum nehmen.
Gemeinsame Erlebnisse.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Menschen im Eisladen, im Bus, auf der Fähre usw.
Personal und Gäste beim Winzer.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertdreiundachzigste Tag im Danach: Drum singe, wem Gesang gegeben

28. Juli 2021. Mittwoch. Kurz vor halb sieben von einem Katzenstreit in unserem Garten geweckt und kurz danach aufgestanden. Etwas lustlos in den Tag gestartet, auch der Rechner hat keine Lust und muckt vor sich hin.

Freund B. hat still und leise allein gefrühstückt, weil er dachte, ich hätte schon gegessen. Ist der Mann so ein Kommunikationsmuffel oder wollte er lieber allein sein, konnte das aber nicht ausdrücken?
Es ist mir mittlerweile auch egal, ich bin froh, wenn er Samstag zurück fährt; ich habe keine Kraft, mir auch noch ständig über seine Befindlichkeit Gedanken zu machen oder einsilbige Antworten abzuholen.

Um zehn steht der Nachbar mit der Kettensäge vor der Tür und wir holen die beiden Baumstümpfe raus, an denen ich zwei oder drei Jahre herumgegraben habe, um die Wurzeln freizulegen.
Ein trauriger Moment, und ich betäube die Gefühle mit Arbeit und schippe wie eine Wahnsinnige Erde in die Löcher.

Später kommt die Traurigkeit richtig raus, die Tränen fließen, und ich weine um H., um die Bäume, den Garten, das Haus, mein bisheriges und mein zukünftiges Leben, aus Einsamkeit, Erschöpfung und Unsicherheit.
Ich bin sauer, weil B. nicht wahrnimmt, wie es mir geht, und gleichzeitig froh, weil ich ausgerechnet von ihm jetzt auch nicht getröstet werden will – seine Worte des Trostes erscheinen mir mittlerweile unaufrichtig und hohl, wie etwas, was man tut, weil es erwartet wird, ohne richtiges Gefühl dahinter.
Vielleicht tue ich ihm Unrecht, ich weiß gar nichts mehr.

Abends sind wir bei den Nachbarn zum Grillen eingeladen; vorher fahre ich mit dem Nachbarn noch in den Supermarkt, um Fleisch zu holen.

Der Abend wird schön, wir sprechen über dies und das, B. wird aufgefordert, ein wenig zu singen (er schleppte ja einen riesigen Gitarrenkoffer mit, den haben sie gesehen und sind gleich drauf angesprungen). Er spielt gut, aber leider auch viele Lieder, die nicht gut zu seiner Stimmlage passen.
Und er hat leider kein Gespür für die Situation: Die Nachbarin wird ab 22:00 Uhr zunehmend nervös, weil man im Garten sitzt und rundherum Leute wohnen, die arbeiten müssen. B. aber ignoriert das völlig und spielt immer lauter und muss schließlich regelrecht gestoppt werden. Er hätte wohl noch zwei Stunden weitergemacht.
Ausdruck des Asperger?

Es wird halb eins, bis wir aufbrechen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Nachbarschaft, Freundschaft

What I did today that could matter a year from now:
Wurzeln rausholen

Was wichtig war:
Da sein.
Reagieren.
Anpacken.
Jemandem die Führung überlassen.
Weinen.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Nachbarn C. und D.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertzweiundachzigste Tag im Danach: Verwüstungen

27. Juli 2021. Dienstag. Wecker um 6:00 Uhr. Mit Todesverachtung aufgestanden in der Hoffnung, heute außer Arbeit noch etwas anderes zu schaffen, vielleicht eine kleine Unternehmung?

Nachts im Bett fühlte ich mich beim mehrfachen Aufwachen wie ein Verräter, weil ich Freund B.s Faulheits-Trieb so bereitwillig nachgebe. Hier ist es so schön, es gibt soviel, das sich anzuschauen lohnt – wir können doch hier nicht eine Woche nur im Garten oder im Haus herumliegen!

Mit H. zusammen hätte ich wohl ein Programm geplant, wahrscheinlich hätten wir ein Auto gemietet, hätten am Wochenende täglich lange Touren unternommen, damit der Besuch ein Gespür für die Landschaft bekommt. Dann mal einen Tag zum Ausruhen, dann Stadtrundgang, Spaziergänge rund ums Dorf, eine Fahrt mit dem Zug oder Bus irgendwo hin, ein Besuch auf der Burg.

Jedenfalls nicht Tage am Stück lesen, Musik hören, Serien schauen. Das kann er doch zu Hause auch tun!

* * * * *

Verhältnismäßig frühes Frühstück um halb neun. Der Monteur der Stadtwerke kommt um neun statt um zehn, das ist mir auch recht. Der Gaszähler ist schnell gewechselt.

Dann arbeiten und Kundentelefonate bis halb eins.
Kleiner Imbiss, dann überrede ich Freund B. zu einem Spaziergang. Um zu entscheiden, wo wir langgehen können, frage ich immer vorher: Wie lange magst Du? Anderthalb bis maximal zwei Stunden, lautet heute die Antwort, also entscheide ich mich für ein benachbartes Bachtal. Das dauert rauf und runter anderthalb Stunden, wenn man am Ende noch einen kleinen Schlenker läuft, knapp zwei. Perfekt.

Es geht steil bergab, dann stetig bergauf, dann sanft bergab, dann wieder steil bergauf. Freund B. leidet schon auf dem sanften Anstieg sicht- und hörbar. Er ist in sehr schlechter Verfassung; es würde ihm gut tun, hier mal vier Wochen jeden zweiten Tag spazieren zu gehen.

Ich hingegen fühle mich fit und stark und genieße die Bewegung, die Beanspruchung der Muskulatur. Das rauschende Wasser und all das Grün entspannen und machen mich glücklich, und im direkten Vergleich mit B. fühle ich mich topfit und extrem leistungsstark. Wäre ich hier mit H. unterwegs, wäre das vermutlich anders.

In dem Tal sind sehr viele Bäume umgestürzt, und immer wieder müssen wir über den Hang krabbeln oder über Baumstämme klettern. Der Boden ist matschig und an vielen Stellen von Wildschweinen aufgewühlt. B. findet das alles sehr abenteuerlich, mir macht es großen Spaß, H. würde vermutlich ein wenig herummaulen, sich dann aber von meiner Begeisterung anstecken lassen. Für mich ist er immer dabei.

Auf dem Rückweg nieselt es kurz, wir setzen uns auf eine Bank mit weitem Blick unter den Regenschirm. Die körperliche Nähe ist mir unangenehm.

Auf dem letzten Stück werde ich sehr traurig, denn hier bin ich mit H. noch im November gegangen, hier hatten wir geplant, den Weg, den wir eben gekommen sind, in umgekehrter Richtung „demnächst“ zu gehen.

Zurück im Dorf schlägt B. vor, noch Kuchen mitzunehmen, was mir sehr gelegen kommt, denn ich habe ordentlich Hunger bekommen.

Zu Hause dann also Kaffee und Kuchen, ich zünde die Kerze an, die seit H.s Geburtstag im September auf dem Wohnzimmertisch steht, das findet B. wieder über die Maßen gemütlich; draußen gießt es inzwischen.

B. ist erschöpft, legt sich eine Weile hin, während ich Geschirr spüle, Telefonate mit P. und M. führe, bei der Schwägerin anrufe (aber da geht niemand ran) und noch etwas arbeite.

Kurz nach sieben taucht B. wieder auf und macht sofort Abendessen (Reste: Koteletts von vorgestern mit Reis von gestern). Vermutlich ist er nur aus seinem Zimmer gekommen, weil er Hunger hat, denn sehr kommunikativ ist er nicht. Zwar sitzen wir nach dem Essen noch einen Moment zusammen, aber viel Gespräch kommt nicht zustande; um neun steht er unvermittelt auf und geht wieder hoch und „ins Bett“. „Ins Bett gehen“ heißt bei ihm nicht „schlafen“, sondern allein sein, was am Rechner schauen, Musik hören oder Filme schauen.
Das ist ok, ich brauche selber Rückzugsmöglichkeiten, ich wünschte mir nur, das ganze würde etwas weniger abrupt und mit ein zwei erklärenden Sätzen begleitet geschehen.

Wenn ich eine tiefere Zuneigung zu ihm hegen würde, fände ich das Verhalten vermutlich akzeptabel, möglicherweise sogar ein wenig charmant weil „eigen“. So finde ich es nur irritierend und etwas unhöflich. Aber sei’s drum, diese Woche bringen wir jetzt noch rum, vermutlich gehe ich ihm auch massiv auf den Wecker mit meinen Eigenheiten.

Gedankenspiele: WIe wäre es hier mit Freundin B.? Mit anderen Freunden? Mit TSO?

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Spazieren im „Urwald“

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Arbeiten.
Rausgehen.
Bewegung,
Wetter.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Die Nachbarn D. und C.
Menschen beim Bäcker.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hunderteinundachzigste Tag im Danach: Arbeitsreich

26. Juli 2021. Montag. Wecker um 6:30 Uhr, liegengeblieben und aufgestanden um sieben.
Freund B. folgt eine Stunde später. Ich hatte angekündigt, heute arbeiten zu müssen und nun macht er einen Bogen um mich, um mich nicht zu stören. Das macht mich eher nervös.
Ich sehne mich so sehr nach dem aufeinander eingespielten und einander angepassten Leben, das H. und ich geführt haben. Ob ich so etwas nochmal wieder erleben werde?

Vormittags viel Schreiben, etwas Projektarbeit und Telefonate mit dem örtlichen Energieversorger, der zum einen den Gaszähler austauschen und zum andern schauen will, ob unsere Heizung mit der geplanten Erdgasumstellung klarkommt. Das sind natürlich verschiedene Stellen und unterschiedliche beteiligte externe Firmen, daher erkläre ich also doppelt, dass hier nicht dauernd jemand ist, wir pendeln und dass, wenn es jetzt nicht klappt,das Ganze bis September warten muss. Alle sind extrem entspannt – „das hat Zeit“, bieten mir dann aber Termine für morgen bzw. übermorgen an. Ist mir Recht, dann ist das erledigt.

Am späten Vormittag noch ein ausführliches Telefonat mit der Lieblingskundin, der ich ein wenig mein Unwohlsein mit Freund B. schildere. Klarer wird es mir dennoch nicht, die Konzepte „Lethargie“ und „Depression“ treffen es nicht ganz, ebensowenig wie B.s Begründung für alles: Asperger.
Es ist – wie so oft – komplex.
Er selbst äußert später, dass sein Hauptgrund hier zu sein, die „Erholung“ ist, was immer das für ihn bedeutet. Seinem Sohn gegenüber beschreibt er am Telefon alles so, als würde es ihm hier richtig gut gefallen.
Dann liegt es wohl an mir, dass ich mir einfach andere Dinge erhofft/ erwartet habe, mir etwas anderes – jemand anderen? – wünsche.

Nachmittags kurzes Treffen auf der Terrasse zu Kaffee und Kuchen, danach arbeite ich noch ein Stündchen, dann geht es erneut meiner Wurzel im Garten an den Kragen: ich reiße Unmengen Disteln raus und grabe kleine Wurzelausläufer frei. Nun ist alles bereit für den ersten Schnitt; wenn die oberen dünneren Querwurzeln weg sind, komme ich besser an die nach unten in den Boden ragenden Stützwurzeln heran und kann diese noch etwas freilegen.

Freund B. will helfen und hält den Eimer, in den ich die Erde schippe. Sinnlos, aber nett gemeint. Immerhin etwas Gesellschaft, obwohl ich die an dieser Stelle eher nicht gerne habe.

„Du musst mich nicht bespaßen“ sagt er, andererseits hängt er an mir, sobald ich mich blicken lasse. „Du mich auch nicht“ verkneife ich mir zu sagen.

Heute koche ich, es gibt Dorade mit Reis, Salat und Salbeibutter. Mein erster selbst gebratener Fisch, das hat sonst immer H. gemacht. Schmeckte gut, auch wenn er nicht 100% durch war.

Früh ins Bett, aber noch eine Weile in der ARTE-App Bron – Die Brücke – Transit in den Tod (Staffel 2) angeschaut.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
In der Erde wühlen.

What I did today that could matter a year from now:
Haus- und Gartenkram.

Was wichtig war:
Arbeiten.
Lockerlassen.
Anrufe tätigen.
Mich stellen.

Begegnungsnotizen:
Freund B.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertachzigste Tag im Danach: Ein Tag draußen

25. Juli 2021. Sonntag. Bei wechselndem Wetter ein Tag im Freien.
Ausgeschlafen bis halb neun, dann nach dem ersten halben Kaffee zum Bäcker gegangen und Brot, Brötchen und Streuselkuchen besorgt.
Die Wäscheständer aus dem Keller hochgeholt und auf die Terrasse gestellt.
Ein traumhafter Sommermorgen: Sonne, blauer Himmel, Schäfchenwolken, ein Windchen, Tau im Gras. Die Bienen stürzen sich nun auf den Weißklee, nachdem der Lavendel verblüht ist.

Ich sitze am kleinen Tischchen im Schatten der Eibe, trinke Kaffee, blättere in einer Zeitschrift.
Überlege, ob sich das genauso gut anfühlen würde, wenn da niemand sonst im Haus wäre und schlafen würde.
Wohl nicht, denn dann wäre es einfach ein endlos leerer Tag, den ich zwar nach Gutdünken füllen könnte, es wäre aber auch komplett egal, was ich tue und was nicht. So habe ich das Gefühl, einen geschenkten Moment der Ruhe und des Alleinseins auszukosten, bevor wieder die sozialen Anforderungen greifen und einschränken.

Ich brauche ein Gegenüber zur Abgrenzung, zum Reiben, zum gemeinsamen Erleben, um Sinn in Dingen zu sehen.
Nur leider ist das Gegenüber, mit dem ich gerade das Haus teile, die falsche Person für mich, und zwar in vielerlei Hinsicht, ohne dass ich das schon konkret fassen und benennen könnte. Es fühlt sich einfach vieles falsch an und ich fühle mich in Freund B.s Gegenwart eben immer etwas unwohl. Ich dachte, das ändert sich hier, aber so ist es nicht. Er ist kein Herzensmensch für mich und wird es vielleicht niemals sein. Ich frage mich, wie das für H. war.

Irgendwann taucht er auf, er hat zum ersten Mal seit Monaten sechs Stunden am Stück geschlafen und ist – für seine Verhältnisse – überglücklich. Er will sich in der Küche ein Brot schmieren, aber ich bestehe auf gedecktem Frühstückstisch im Garten. Die letzten Tage haben wir immer etwas zeitversetzt gegessen, aber nicht am Sonntag. Er ist völlig geplättet, wie toll das ist, und ich frage mich wieder: Wie haben die eigentlich gelebt in dieser vierzigjährigen Ehe? Wenn ihn mein normales Frühstück mit frischen Brötchen und Supermarkt-Wurst und -Käse so umhaut?

Der Maler grüßt über den Zaun, ich plaudere kurz mit ihm, aber er spricht nicht viel.

Nach dem späten und ausgiebigen Frühstück verschwindet er im Bad, während ich es mir mit einem Buch der Schwägerin im Liegestuhl unterm Apfelbaum gemütlich mache.
Als B. sich einen Stuhl holt und sich neben mich setzt, wird mir das schon wieder zu eng, und ich flüchte nach einer Weile unter dem Vorwand, der Stuhl sei sehr unbequem für meinen Rücken (was er ist, aber ich hätte es schon noch einen Weile ausgehalten).

Ich krame etwas, lege schon mal einen Teil der inzwischen getrockneten Wäsche zusammen, setze mich an den Tisch auf der Terrasse und lese dort weiter. Auch er verschwindet kurz, kramt etwas und setzt sich dann dazu. So durch den Tisch getrennt ist das Zusammensitzen ok für mich.

Ich wäre so gerne entspannter in seiner Gegenwart, aber es will mir nicht gelingen. Ich spiele das vor, aber ich fühle mich nicht wirklich wohl. Ich versuche mehrfach, dieses Gefühl zu analysieren, zu greifen, in Worte zu fassen, was da ist, was mich stört, aber es gelingt mir nicht.

Wir sitzen da bis es Zeit für Kaffee und Kuchen ist, anschließend brechen wir zu einem Spaziergang zu den Weiden auf dem Berg auf.
Als wir oben sind, grummelt es in der Ferne, das Grummeln kommt schnell näher, der Regenradar auf dem Smartphone verspricht Regen in der nächsten halben Stunde, deshalb gehen wir nicht weiter zur Tongrube, sondern drehen nach einem kurzen Stopp an den Buchen wieder um.
Immerhin haben wir ein paar von den Wildrindern auf einer Weide gesehen.

Der Regen lässt sich keine halbe Stunde Zeit, nach wenigen Minuten fallen die ersten Tropfen, nach zehn Minuten gießt es. Mauersegler wischen direkt über unsere Köpfe hinweg.
Ich habe Schirme mit, aber die Stoffschuhe sind durchweicht, als wir zu Hause ankommen. Zum Glück ist die Kamera halbwegs trocken geblieben.

Umgezogen und trocken sitzen wir eine Weile zusammen, dann macht B. sich an die Zubereitung des Abendbrots, während ich eins seiner Sudokus löse. Sie langweilen mich immer noch; ich bin inzwischen ein str8ts-Fan.

Nach dem Abendbrot (paniertes Kotelett, Pellkartoffeln, Rest Sauerkraut) geht B. hoch, um Text und Akkorde für ein Lied rauszusuchen, das ich mir gewünscht habe.
Ich sitze derweil auf der Terrasse, trinke ein Bier und versuche, meinem zwiespältigen Gefühl ihm gegenüber auf die Spur zu kommen, aber es gelingt mir nicht so recht, ich starre die meiste Zeit einfach in die Gegend. Auch als er runterkommt und sich zu mir setzt, bringe ich kaum etwas heraus; ich bin in einer Art mentalem Stand-By-Modus. Sehr seltsam und gar nicht mal so angenehm.

So sitzen wir eine Weile zusammen und das Schweigen ist kein angenehmes, aber ich habe keine Kraft mehr für Smalltalk, und dann ist das jetzt eben so.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Fünf Greifvögel gleichzeitig am Himmel. Ein Tagpfauenauge. Mauersegler, die so tief fliegen, dass ich meine, sie berühren zu können. Im Regen spazieren.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Ausruhen.
Den Sommer genießen.
Lesen.
Spazieren.
Nachdenken.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Menschen beim Bäcker.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertneunundsiebzigste Tag im Danach: Abgebrochener Stadtspaziergang

24. Juli 2021. Samstag. Schlecht und zu wenig geschlafen; nach guten sechs Stunden um 7:40 Uhr aufgestanden.
Die erste Hälfte meines Kaffees trinke ich allein auf der Terrasse, dann kommt Freund B. dazu.

Er drängelt ein wenig, will einkaufen. Da ist er komisch: Wenn er etwas geplant hat, dann muss es umgehend erledigt und „abgehakt“ werden, sonst wird er ungeduldig.
Also brechen wir nach dem Frühstück auf und nehmen den Bus um halb elf in die Stadt. Dort ist es noch leer, es ist ein wenig zu früh, außerdem nieselt es.

Wir erledigen seine „dringenden“ Einkäufe, und ich führe ihn noch ein wenig kreuz und quer durch die Altstadt. Er kommt brav mit, aber es interessiert ihn im Grunde nicht. Er hat schon schönere Altstädte gesehen, das hier sind halt alte Häuser und Geschäfte, was soll er damit?
Überhaupt interessieren ihn außer Musik wenig Dinge wirklich.

Kaffee und Kuchen in einem der beiden besseren Cafés der Stadt sind dann in Ordnung, aber der Spaziergang am Fluss entlang ist wieder uninteressant. Ist halt ein Fluss. „Ich will nach Hause!“ mault er irgendwann ziemlich unvermittelt, und ich bin ein wenig verschnupft, dass meine Bemühungen, ihm „meine“ Stadt zu zeigen und nahezubringen, was ich hier mag, so völlig verpuffen.

Also wandern wir auf dem kürzesten Weg zu einer Bushaltestelle und fahren wieder heim. Komischer kurzer Ausflug, aber gut. Ihm stecken anscheinend unsere beiden Spaziergänge gestern noch in den Knochen, und ich merke schon, er ist nicht wirklich belastbar.

Er äußert aber auch nicht, was er will: Wenn ich eine Unternehmung oder ein Ziel vorschlage, ist alles uninteressant oder zu anstrengend. Sitzt er dann zu Hause, ist ihm langweilig.
Ich beschließe, dass mir das egal ist. Ich bin nicht zuständig für seine Bespaßung, vor allem, wenn er nicht äußert, was er will, weil er es wohl selbst nicht weiß. Ich ziehe mich zurück, mache meinen Kram, bin aber ansprechbar.

Immerhin kümmert er sich ums Essen und um Kaffee; er benimmt sich nicht wie ein Gast, der sich bedienen lässt, das ist schon mal gut.

Abends sitzen wir lange, er spielt und singt sein Repertoire durch, das ich schon zu verschiedenen Gelegenheiten gehört habe, etwa bei einem kleinen Fest in seinem Garten, damals, als sie noch das winzige Grundstück an der Havel hatten. Ein, zwei Stücke singe ich mit; er gibt nicht zu erkennen, ob ihm das gefällt oder eher nervt. Mir ist es jetzt auch egal: Wer in meinem Haus singt, muss damit rechnen, dass ich mitsinge…

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Singen.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Unterwegs sein.
Regen spüren.
An H. denken.
Traurig sein.
Musik aushalten.
Nett sein.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Menschen im Bus, in Geschäften, im Café.

Standard