Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertsiebenundsechzigste Tag im Danach: Ein halbes Jahr

12. Juli 2021. Montag. Aufgestanden mit Wecker um 5:30 Uhr. Ich will morgens laufen gehen, und es soll warm werden. Feucht und drückend ist es schon früh.

Heute vor einem halben Jahr ist H. morgens um halb acht in meiner Küche zusammengebrochen. Im Grunde ist das für mich sein Todestag, denn es war das letzte Mal, dass ich mit ihm sprach, ihn im Arm hielt, seine Wärme spürte, alles „normal“ war.
Schmerz. Unbeschreiblicher Schmerz.

Das Laufen tut gut. Ich zähle Schritte. Für eine halbe Stunde alle anderen Gedanken aussperren. Nur Schritte zählen und den Minutenzähler im Blick behalten. Ich laufe in festgelegten Intervallen: Eine Minute gehen, anderthalb Minuten laufen, immer im Wechsel. Disziplin. Struktur. Sicherheit.

Freund B. ruft an, er ist besorgt, bricht dann aber wiederum das Gespräch nach guten zehn Minuten ab, weil er sich überzeugt hat, dass ich nicht selbstmordgefährdet sondern einfach nur traurig bin. Einen Sinn, jetzt irgendwie einfach nur herumzuquatschen, sieht er nicht.
Wie anders waren die Gespräche mit H., wo ich teilweise endlos erzählte – und er mich ließ, auch wenn ihn die Hälfte oder mehr davon eigentlich nicht interessierte. Aber er spürte, dass ich das im Moment brauche und ließ mich gewähren.

Und wieder weine ich heiße Tränen über den Verlust und den doch sehr mangelhaften „Ersatz“, den mir Freunde bieten (können).

Mails, Projektplanung, Imbiss, Einkauf.

Auf dem Weg sinniere ich über TSO. Die Gefühle, die ich für ihn hatte, habe ich nun irgendwo tief eingeschlossen, sie beeinträchtigen nicht mehr meinen Alltag. Fort sind sie nicht, ich wünsche mir nach wie vor, ihn zumindest besser kennenzulernen, ihm näher zu kommen. Nicht zuletzt, um herauszufinden, ob das Bild, das ich mir in kurzen Begegnungen in einer besonderen Lebenssituation von ihm gemacht habe, der Realität entspricht.
Aber auch hier tut sich nichts, der vor bald drei Wochen angekündigte Anruf blieb bisher aus.

Überall nur Verlust und Mangel.

Interessanterweise wandelt sich im Laufe des Tages ganz unmerklich meine Stimmung. So, wie sich die Traurigkeit vor ein paar Tagen in mein Denken und Fühlen schlich, so stiehlt sie sich nun langsam wieder davon, verkriecht sich in ihr Zimmer und zieht leise die Tür hinter sich zu.
Nachmittags bin ich ganz entspannt und wieder bedeutend zuversichtlicher, beim abendlichen Chat mit Freund B. geradezu albern und ausgelassen. Das kann ja für ihn auch nicht einfach sein…

H.s Cousine schickt mir ein Buch, das sie im örtlichen Bücherschrank entdeckt hat. Ich freue mich sehr darüber.

Kurzes Nachdenken über derartige unerwartete Geschenke: Man entdeckt den dicken Briefumschlag im Briefkasten, liest den Absender, weiß, das ist etwas Unerwartetes, eine kleine Überraschung, ein anderer hat an einen gedacht. Große Freude und Dankbarkeit, noch bevor man weiß, was es ist. Im selben Moment Panik: Denn dieses unerwartete Geschenk verlangt, dass ich zeitnah Kontakt aufnehme, mich bedanke, zum Ausdruck bringe, dass ich mich darüber freue. In Zeiten, wo jede Kontaktaufnahme und Kommunikation ein Kraftakt ist, mutiert die gut gemeinte Geste zum Übergriff, denn sie zwingt mich zu etwas, zu dem ich mich vielleicht nicht in der Lage fühle. Andererseits halten mich diese kleinen Gesten am Leben und halten die Hoffnung auf ein „Danach“ im Kreise wohlmeinender Menschen aufrecht.
Es ist kompliziert.

Um vier schaffe ich es tatsächlich noch, anderthalb Stunden Projektarbeit zu erledigen. Das überrascht mich selber, denn das Energielevel ist eigentlich schon ziemlich am Boden. Die Gehirnwindungen, die fürs Programmieren zuständig sind, haben aber anscheinend noch Kapazitäten.

Ich will morgen mal nach meinem Rad fragen und erkunde prophylaktisch schon mal Routen, die mich zu Freund B. führen. Ich weiß aber nicht, ob ich mir nach mehr als 15 Jahren Pause gleich mal die einstündige Tour quer durch die Stadt zumuten soll. Vielleicht auch hier erstmal üben, das Rad neu kennenlernen, Muskeln, Hintern und Reaktionsvermögen an die ungewohnte Fortbewegungsart gewöhnen? Außerdem soll es ja noch heißer werden, 32 Grad sind für morgen angesagt, dazu feuchte Luft, da sollte ich mich lieber nicht überanstrengen.

Zum Abendbrot Burrata und Salat und Weißbrot, das ich nach H.s Art toaste, eine Knoblauchzehe darauf verreibe, mit Butter bestreiche und mit Salz bestreue. Das hat er so in Spanien kennengelernt, und wir haben das beide geliebt.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wenn langsam wieder die Zuversicht wächst

What I did today that could matter a year from now:
Gedanken denken.

Was wichtig war:
Laufen gehen.
Immer wieder den Plan ändern.
Sprechen.
Ein Geschenk erhalten.
Geschenke für andere planen.
Nochmal nachfragen.
Weiter hoffen.

Begegnungsnotizen:
Menschen im kleinen Supermarkt.

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Der hundertsechsundsechzigste Tag im Danach: Tiefer Schmerz

11. Juli 2021. Sonntag. Gestern Abend beim Einschlafen durchzuckte mich plötzlich Todesangst, und ich saß bildlich senkrecht im Bett. Was war? Ein ungewohntes Geräusch? Eine seltsame Körperwahrnehmung? Ein Gedanke?
Einer meiner letzten Gedanken war das – mal wieder – Bewusstwerden der Ungeheuerlichkeit und Monstrosität der momentanen Situation: H. ist nicht mehr da. Und wird nie wieder da sein.

Ich schlief dann doch schnell ein, erinnere mich auch nicht an schlimme Träume, aber ich war die ganze Nacht unruhig, wachte auch mehrfach auf, jedes Mal mit einem heftigen Angstgefühl.
So auch heute morgen um 5:50 Uhr, 10 Minuten vor dem Weckerklingeln. Ja, ich stelle Sonntags meinen Wecker auf sechs Uhr, ich will nämlich was vom Tag haben, und da mein Tag gegen drei Uhr leistungsmäßig zu Ende ist, egal, wann ich aufstehe, stehe ich eben früher auf.

Also Angst. Ich möchte dieser Angst jetzt gar nicht so unbedingt auf den Grund gehen, sondern betrachte sie erstmal ein wenig skeptisch und distanziert und vorsichtig, so wie etwas, was man am Strand gefunden hat, und von dem man noch nicht weiß, ob es noch lebt und einen gleich anspringt, oder ob es schon tot ist und nur noch ein interessantes Anschauungsobjekt. Ich stecke sie erstmal in ein Glas, schraube den Deckel drauf und behalte sie aus dem Augenwinkel im Blick.

Ich sehne mich nach einem sehr, sehr langen Spaziergang. Nach Gedanken. Nach Ruhe.
Nach H. Er fehlt mir so, so sehr.
Endlich fließen die nötigen Tränen.

Ich gehe vormittags zum Friedhof, pflanze ein paar neue Blumen aufs Grab. Sonntag ist Friedhofs-Besuchstag, es sind etliche Leute mit Taschen voller Pflanzen unterwegs.
Ich sitze am Grab und weine lange und heftig. Wie sehr ich Dich vermisse!

Der anschließende Spaziergang über den Friedhof beruhigt mich heute nicht wie sonst, die Tränen fließen auf dem Heimweg weiter.
Kurz vor zu Hause treffe ich die Bekannte SP, wir sprechen kurz. Sie scheint unfähig, meinen Schmerz nachzuempfinden. Sie akzeptiert ihn, aber es ist nicht ihre Realität. Auch sie ist in sich und ihrem Leben gefangen, in ihrem Älterwerden, in gesundheitlichen Problemen, in ihrer Einsamkeit. Ich verdenke es ihr nicht.

Ich mache eine lange Pause, sitze im Sessel, esse, lese.
Dann kann ich mich immerhin doch noch aufraffen, die wichtigste Projektarbeit für einen Kunden zu erledigen.
Ansonsten lasse ich die Gedanken wandern. Die Traurigkeit kommt in Wellen.

Abends Reste von gestern essen (Bandnudeln, Fenchel, Räucherforelle). Im Fernsehen nebenbei „Wiedersehen in Howards End„.

Eine Nachricht von Freund B.: ‚Jemand da?‘ Ich antworte ‚Nicht wirklich. ich hatte enen schwierigen Tag.‘ Seine Antwort treibt mir wieder die Tränen in die Augen: ‚Soll ich Dich in Ruhe lassen oder willst Du reden?‘
Danke. Genau so.
Was habe ich in all dem Scheiß für ein Glück mit den Menschen um mich herum!

Noch lange geweint. Um H. Um mich. Um alles.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Weinen können.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Rausgehen.
In der Erde wühlen.
Menschen meiden.
Ausruhen.
Arbeiten.
Weiterleben.

Begegnungsnotizen:
Zwei Frauen und ein Mann auf dem Friedhof (alle mit reichlich Abstand).
SB und ein Bekannter von ihr auf der Straße.

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Der hundertfünfundsechzigste Tag im Danach: Runners High

10. Juli 2021. Samstag. Wecker um halb sechs, aber erstaunlicherweise fühle ich mich nach den sechseinhalb Stunden Schlaf ausgeruhter als nach der Schlafarie vorgestern.
Es hat die halbe Nacht geregnet, das Rauschen war wohl sehr beruhigend, außerdem hielt der Regen die grölenden Besoffenen irgendwo drinnen, wo sie nicht meinen Nachtschlaf stören konnten.

Ich recherchiere ein wenig Lokalhistorie, dann drehe ich meine Laufrunde, heute auf einer anderen Strecke, die zwar geringfügig länger aber dafür insgesamt flacher und „sanfter“ ist. Ich schaffe 14 Intervalle von abwechselndem Gehen und Laufen, das ist sehr gut. Hinterher bin ich angenehm erschöpft, aber nicht total ausgepowert, auch das ist gut.
Das Gefühl, etwas geleistet und dem Körper Gutes getan zu haben, hält den ganzen Tag an.

Überhaupt ist heute ein ganz entspannter, fast glücklicher Tag: Niemand will etwas von mir, und die, die etwas wollen, ignoriere ich einfach, gehe nicht ans Telefon, lese keine Mails. Ab mittags scheint die Sonne, es ist Samstag, ich bin heute offiziell einfach nicht da…

Ich recherchiere noch ein wenig in meiner Lokalhistorie, mache auch ein kurzes Mittagsnickerchen, verschiebe dann den geplanten Friedhofsbesuch auf morgen, wimmle eine spontane Essenseinladung von Freund B. ab (diese beiden Tage gehören jetzt mal ausschließlich mir!) und arbeite noch ein wenig an Kundenprojekten.

Im Treppenhaus lag ein geretteter Bio-Fenchel, den nahm ich mit. Eigentlich sollte es heute Räucherforelle geben, aber das lässt sich ja wunderbar kombinieren, und so gab es zum Abendbrot Bandnudeln mit einem Brambes aus Zwiebeln, Fenchel, Tomaten, Radieschengrün, Meerrettich und Milch (statt Sahne), darin wurde dann zum Schluss die Räucherforelle angewärmt. Das war gar nicht schlecht; diese Kombi hätte H. wohl auch interessant und essbar gefunden. Ich höre ihn direkt: „Hm, Fenchel und Forelle – warum eigentlich nicht?“

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wieder mehr Kraft und Antrieb haben. Wie gut das tut. Ich fühle mich wieder mehr wie ich selbst.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Laufen.
Morgens laufen.
Rückzug.
Ausruhen.

Begegnungsnotizen:

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Der hundertvierundsechzigste Tag im Danach: An die Grenzen gehen und darüber hinaus

9. Juli 2021. Freitag. Geschlafen bis halb acht. Huch!
Von einem alten Bekannten/ Freund geträumt. Seltsam.
Leichte Kopfschmerzen und große Unlust, denn es steht ein Besuch bei M. an, und ich bin müdemüdemüde.

Der Besuch trägt dann auch nichts zu meinem Wohlbefinden bei, denn eine kleine Wartungsarbeit deckt größere Baustellen auf, die weitere Aktivitäten meinerseits erfordern, und ich wollte so etwas nie machen, das war doch H.s Aufgabe, und warum muss jetzt alles so sein, wie es ist – ICH WILL DAS NICHT!

So ein Tag war das, und nach einer Einkaufsrunde für M. (Mini-Kaufhaus, Bank, Supermarkt), dreieinhalb Stunden vor Ort (in denen auch Dinge klappten, natürlich, aber in der Rückschau bleibt eben immer nur das Anstrengende im Gedächtnis) und einem Einkauf bei mir zu Hause war ich dann auch durch mit dem Tag, mit meinem derzeitigen Leben und überhaupt.

Freund B. hatte irgendwie drängend um einen Anruf gebeten, sobald ich zu Hause bin und mal durchgeschnauft habe, also rufe ich ihn nach einer Stunde Ausruhen und anderthalb Tüten Kartoffelchips (so ausgehungert nach Junk Food fühlte ich mich beim Heimkommen) an.
Wir plaudern eine Stunde über allerlei.
Am Ende frage ich, was er denn besprechen wollte.
‚Nichts, Du klangst in Deinen Nachrichten heute Morgen nur ein wenig depressiv, und da dachte ich, es ist besser, mal zu reden.“

So süß ich das einerseits finde, so destruktiv andererseits. Ich von mir aus hatte nach diesem Tag nämlich durchaus kein Redebedürfnis mehr. Ein ‚Du klingst nicht gut – wenn Du reden magst, ruf mich gerne später an“ wäre hier bedeutend hilfreicher gewesen – dann hätte ich nämlich wählen können, ob ich reden mag oder nicht, ob ich mir Hilfe holen möchte oder nicht.
Stattdessen dieses ‚Ruf mich unbedingt an, wenn Du zurück bist‘ – da denke ich natürlich, bei ihm ist was los, oder wir müssten etwas besprechen. Und so wird dann aus der gedachten Hilfe für mich ein zusätzlicher Stress.

Im Treppenhaus lag geretteter Bio-Mangold, und den machte ich mir mich Champignons und Feta und frischem Weißbrot. Sehr lecker.

Im Fernsehen Berlin 36. Die Figur der Marie Ketteler wird von Sebastian Urzendowsky sehr überzeugend gespielt. Ich recherchiere dem realen Vorbild hinterher und schaue mir die wenigen Bilder von Dora Ratjen, die noch sehr viel männlicher wirkt. Ein Film über sie/ihn würde mich noch mehr interessieren.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Endlich Wochenende!

What I did today that could matter a year from now:
Aus Verzweiflung wohl eine Entscheidung treffen.

Was wichtig war:
Ruhe bewahren.
Kommunizieren.
Heim kommen.
Ausruhen.

Begegnungsnotizen:
M.
Menschen in U-Bahnen und Geschäften.

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Der hundertdreiundsechzigste Tag im Danach: Widerwillen und Erschöpfung

8. Juli 2021. Donnerstag. Schlagartig wach um kurz vor sechs, das wird wohl meine neue Aufwachzeit. Es ist bedeckt aber hell, die Temperatur eigentlich ganz angenehm (18 Grad um acht Uhr).

Laufen oder nicht laufen?
Ich kann mich nicht aufraffen, obwohl ich weiß, ich fühle mich hinterher gut. Wie blöd ist das denn?

Überhaupt kann ich mich auch heute zu nicht viel aufraffen und denke zum wiederholten Male darüber nach, ob das jetzt „nur“ Erschöpfung ist oder schon Depression oder doch organische Ursachen hat.

Um mein Vermeidungsverhalten nicht zu dominant werden zu lassen, klassifiziere ich die tägliche To-Do-Liste nach „wichtig“, „dringend, aber nicht besonders wichtig“ und „nice to have“. „Wichtig“ sind nur Dinge für die Existenzsicherung sowie Dinge, deren Nicht-Erledigung kurzfristig ernste Konsequenzen für mich oder andere hat.

Die Liste wird sehr schnell sehr kurz, ich erledige in anderthalb Stunden die wichtigen Dinge und lege mich dann hin mit dem Plan, später noch ein paar dringende Dinge abzuarbeiten.

Dazu soll es nicht kommen, denn nach einem kurzen Mittagsschlaf habe ich einen solchen Breikopf, dass ich mich eine halbe Stunde später direkt wieder hinlege und noch eine Runde dranhänge.

Als ich um halb vier wieder aufstehe, bin ich immer noch bleiern müde, aber zumindest ein klein wenig zurechnungsfähiger.

Ich sehe, dass ich eine Einladung von Freundin B. zum gemeinsamen Spaziergang verschlafen habe. Das ist schade, bringt mich aber zusammen mit meinem immer noch matschigen Kopf auf den Gedanken, doch jetzt zum Friedhof zu spazieren, auf dem Weg dorthin einen wichtigen Brief einzuwerfen und vor Ort ein paar Unklarheiten in Bezug auf die Anordnung von Gräbern zu klären, die im Rahmen meiner gestrigen lokalhistorischen „Forschungen“ aufgetaucht sind.
Das sollte den Kreislauf ein wenig in Schwung bringen, und ich muss ja auch raus, das tut mir immer gut.

Auf dem Weg treffe ich Freundin B., die gerade von ihrem Spaziergang zurückkommt, wir plaudern kurz, dann geht jede ihrer Wege. Schön. Dorf.

Auf dem Friedhof sitze ich im Regen am Grab; ich Dödel habe den Schirm vergessen, obwohl ich vorher noch daran gedacht hatte und er neben der Tür hängt. Dumm. „Kopp nur zum Haareschneiden“ wie H. sagen würde.

Der Spaziergang über den Friedhof bringt mich wieder zu mir selbst; er hat eine unglaubliche Kraft, es ist mein magischer Ort. Als ich den Hauptweg zum Ausgang hinunter gehe, spüre ich meine Kraft zurückkehren, spüre Energie und fühle mich so unternehmungslustig wie seit Tagen nicht.

Leider verpufft das sofort als ich meine Wohnung betrete. Unmittelbar werde ich wieder von bleierner Müdigkeit und großem Widerwillen gegen alles, was anstehen könnte, gepackt.

Ich tue also nichts mehr von der Liste nur duschen, etwas schreiben, M. anrufen, Essen machen.
Immerhin kann ich noch ein wenig an meinem lokalhistorischen Artikel arbeiten, nachdem ich heute wieder am Grab des Beschriebenen stand.

Zum Abendbrot Blattspinat (ich schnitt den leicht angewelkten Rucola mit hinein, das geht wunderbar) und große Champignons mit Feta aus der Pfanne, dazu Aioli.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Den Hauptweg am Friedhof hinabgehen und wieder die eigene Kraft und Ruhe spüren.

What I did today that could matter a year from now:
Steuer, Verträge, Kontakte.

Was wichtig war:
Schlafen.
Nachdenken.
Fürsorglich und nachsichtig mir selbst gegenüber sein.
Rausgehen.
Regen.

Begegnungsnotizen:
Freundin B.

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Der hundertzweiundsechzigste Tag im Danach: Grunderschöpft

7. Juli 2021. Mittwoch. Aufgestanden um kurz vor sechs, richtig wach werde ich den ganzen Tag nicht. Grunderschöpft. Vielleicht auch depressiv verstimmt. Vielleicht auch das Wetter (vormittags Landregen, nachmittags Sauna bei 24 Grad). Vielleicht die zermürbende Einsamkeit. Der Verlust. Vielleicht alles zusammen, und vielleicht ist das einfach alles zuviel für einen allein.

Freund B. fragt früh an, ob er mich heute Nachmittag besuchen könne, er sei in der Nähe. Eigentlich hatte ich andere Pläne (laufen gehen), aber auch dazu habe ich keine rechte Lust, und Gesellschaft ist immer gut, und ich kann schließlich auch morgen laufen oder irgendwann oder nie, interessiert ja eh kein Schwein. Also sage ich zu.

Etwas später fragt auch Freundin B. an, ob wir nachmittags zusammen spazieren gehen wollen. So ist der Nachmittag also „ausgebucht“, und auf Arbeit habe ich ohnehin keine Lust, und es besteht ja auch nirgends konkreter Termindruck, auch wenn einiges natürlich drängt. Also nehme ich mir offiziell „frei“ und vergrabe mich zum ersten Mal seit Monaten ungestört und ungebremst in meiner privaten „Forschung“ zur Lokalgeschichte.
Ich freue mich, das jetzt wieder zu können, ohne schlechtes Gewissen und konzentriert und ausdauernd.

Ich räume sogar ein wenig in der Wohnung auf, weil B. kommt, ein positiver Nebeneffekt.

Der Spaziergang mit Freundin B. ist schön, auch wenn wir uns gar nicht viel zu erzählen haben, sie weil sie einen erholsamen aber ereignisarmen Urlaub an der Nordsee hinter sich hat, ich weil ich vor Erschöpfung kaum etwas getan habe in den letzten anderthalb Wochen.

Später kommt Freund B. und bringt leckeren Kuchen vom Bäcker mit, viel Schokolade, das ist mutig, denn das sind richtige Kalorienbomben. Er ist auch ein bisschen angefressen, das Wetter macht ihm zu schaffen, morgens grau, später schwül, und er ist einsam, und die mit Zeug angefüllte Wohnung nervt ihn, und überhaupt. Wahrscheinlich geht es ihm noch deutlich schlechter als mir.

Er versucht sich daran, den kaputten Zuleitungsschlauch vom Wachbecken im Klo abzuschrauben, scheitert aber genauso daran wie H. Dann fällt ihm ein, dass er ein wichtiges Medikament nicht dabei hat, das er aber abends zu einer bestimmten Zeit nehmen muss, und das ist in einer halben Stunde, und er braucht aber eine Stunde nach Hause. Also abrupter und leicht genervter Aufbruch.

Mir tut das zwar leid, andererseits bin ich auch nicht unglücklich, den Abend für mich zu haben, ich rufe noch kurz M. an und „forsche“ noch ein wenig, und ich lasse das Abendbrot ausfallen und kaue stattdessen irgendwann um elf ein paar Knäckebrote.
Passt schon.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mich treiben lassen. Spazieren mit B. Reality Check

What I did today that could matter a year from now:

Was wichtig war:
Pläne ändern.
Ausruhen.
Rausgehen.
Bewegung.
Gesellschaft.

Begegnungsnotizen:
Freundin B. und Freund B.

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Der hunderteinundsechzigste Tag im Danach: Emotional und sozial verkatert

6. Juli 2021. Dienstag. Was war das denn für eine Nacht? Ich konnte gefühlt immer nur 5 Minuten in einer Position liegen, dann schreckte ich wieder hoch und musste mich umdrehen. Irgendwas tat immer weh: Der Nacken, ein Ohr, der Fuß. Oder es bahnte sich ein Krampf an, in der Wade, im Fuß, im Zeh. WTF?!

Gegen drei muss ich eingeschlafen sein, um 5:30 Uhr klingelte der Wecker, denn ich wollte vor Einsetzen der Hitze laufen gehen. Ich war aber dermaßen gerädert, dass ich diesen Plan sofort wieder aufgab. Wieder einschlafen konnte ich aber auch nicht, bin also kurz vor sechs aufgestanden.

Lustloses Sitzen am Computer. Sozial und emotional verkatert, körperlich, mental und psychisch erschöpft.
Ein kurzer unruhiger Mittagsschlaf hilft nicht wirklich.
Ansonsten: Essen, lesen, hadern, Fotos durchsehen.

Anscheinend habe ich gestern eine Nachricht der Trauerbegleiterin übersehen, sie fragt besorgt nach. Ich kläre das schnell auf, nenne einen Wunschtermin für nächste Woche.

Allein dieses Gefühl, dass sich jemand Sorgen um mich macht, setzt gleich wieder ein Gedankenkarussell in Gang: Warum macht sich nicht derjenige Sorgen um mich, von dem ich es mir so sehr wünsche? Wer macht sich überhaupt Sorgen um mich? Wen schert es, wie es mir geht?

Ich weiß, diese Gedanken sind unfair, insbesondere Freund B. und Freundin B. gegenüber; sie entspringen allein dem großen Verlustgefühl und einer guten Portion Selbsthass und haben nichts mit meiner Realität zu tun.

Immerhin fließen ein paar reinigende Tränen, und anschließend bin ich tatsächlich fähig, noch zwei Stunden konzentriert zu arbeiten, so war der Tag heute nicht ganz verloren.

Zum Abendbrot gebratene Maultaschen mit Salat.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Weinen können

What I did today that could matter a year from now:

Was wichtig war:
Ausruhen; es zumindest versuchen.
Anerkennen, dass Menschen an mich denken.
Versprechen, auf mich zu achten (wenn ich nur wüsste, wie das geht?)

Begegnungsnotizen:

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertsechzigste Tag im Danach: Räumen helfen

5. Juli 2021. Montag. Ganz gut geschlafen und um halb sieben aufgestanden. Es ist warm und drückend.
Ich stresse mich schon wieder, setze mich unter Druck, Kleinigkeiten erzeugen einen unglaublichen Widerstand. Erschöpfung. Runterfahren. Lockerlassen. So schwierig.

Denke darüber nach, was ich Freund B. in und um K. gerne zeigen möchte. Wie schwer muss H. anfangs die Auswahl gefallen sein, als ich die ersten Male dort war – so viel gibt es zu sehen und zu unternehmen. Bis zuletzt hatte er ja immer noch Ecken, die er mir gerne zeigen, Wanderungen, die er gerne unternehmen wollte.
Und ich spüre einen gewissen „Heimat“stolz: ich möchte zeigen, was ich mag, ich möchte teilen, ich möchte den Besucher begeistern. So muss es H. gegangen sein, und seine Bemühungen fielen bei mir auf fruchtbaren Boden…

Fahre zum Mittagessen zu P. und helfe ihm anschließend, sein Schlafzimmer nach der Renovierung wieder einzuräumen. Ich sortiere Klamotten, wir bringen ein Regal an und räumen jede Menge Kartons aus. Hinterher sieht es wieder aus wie eine Wohnung. Zur Belohnung darf ich mir die Johannisbeeren pflücken.

Vormittags hat es heftig geregnet, nachmittags ist es entsprechend drückend. Ich bin de ganze Zeit abwesend und in Gedanken versunken. Kann mich schlecht auf Menschen einlassen. Nur der Gedanke, wie H. sich verhalten würde, reißt mich immer wieder hoch und lässt mich aufmerksamer und zugewandter werden.
Mein moralischer Kompass.

Ich erzähle von den Hausplänen der Verwandtschaft, und mit P. läuft das auf einer ganz sachlichen Ebene ab, meine Empörung spielt keine Rolle. Es macht mir nochmal die Alternativen deutlich – und auch die Schwachpunkte. Ich werde das hinauszögern können, aber eine richtige Alternative zum Verkauf und damit zur Aufgabe gibt es wohl nicht.

Auf dem Rückweg beinahe dringliche Nachricht von Freund B., später noch mit ihm zu telefonieren. Stellt sich raus, er hat in Bezug auf Autovermietungen und Car Sharing in K. recherchiert und wollte seine Erkenntnisse teilen.
H. und ich haben Car Sharing dort nie in Betracht gezogen: Man muss Mitglied werden, man hat keine Garantie, zum richtigen Zeitpunkt das benötigte Auto zu bekommen, dann steht es irgendwo in der Stadt, die Verfügbarkeit hätten wir als eher schlecht eingeschätzt.
Nun bin ich gespannt, wie sich das verhält. Aber B. und ich brauchen nicht unbedingt ein Auto, deshalb bin ich entspannt.

Abendlicher Einkauf. Ich hole Hauswurze. Weiß noch nicht, ob ich sie H. aufs Grab setze oder in meinen Blumenkasten oder sie mitnehme nach K. für den Garten oder für Schwiegermutters Grab. Vielleicht hole ich noch mehr, dann muss ich nicht entscheiden, sondern kann alles machen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Etwas auszusprechen wagen – und gehört werden.

What I did today that could matter a year from now:
Eine Wahrheit sagen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Im Regen spazieren.
Kuchen kaufen.
Helfen.

Begegnungsnotizen:
P.
Menschen in U-Bahnen, Bussen und im Discounter.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertneunundfünfzigste Tag im Danach: Ausruhen

4. Juli 2021. Sonntag. Gut geschlafen und ausgeruht um halb sieben aufgestanden.

Von halb neun bis halb zehn Sportprogramm bei noch erträglichen Temperaturen (Yoga, laufen).

Einen ersten Impftermin für in zwei Wochen bekommen \o/

Freund B. fragt wegen einer gemeinsamen Fahrt nach K. an. Wir machen Nägeln mit Köpfen und buchen ihm ein Ticket. Abfahrt am 22. Juli.

Service-Telefonat mit M., um herauszufinden, warum sie plötzlich keine SMS mehr erhält. Wir finden den Grund nicht heraus, aber ein Neustart des Handys löst das Problem.

Mittagsschlaf.

Nachmittags eine Stunde Arbeit und anderthalb Stunden Buchhaltung, Steuer und Ablage. Noch eine Stunde Orga-Kram (Planung, Notizen, aufräumen). Sonntagsprogramm.

Ich bin zufrieden.
Ausruhen.
So wichtig.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Das Gefühl des Ausgeruhtseins

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Bewegung.
Ausruhen.
Dinge abarbeiten.
Nägel mit Köpfen machen.

Begegnungsnotizen:

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertachtundfünfzigste Tag im Danach: Äußere Ordnung

3. Juli 2021. Samstag. Nach nur vier Stunden Schlaf um sieben Uhr wach. Ich bewege mich leicht zombiehaft durch den Tag; ein zweistündiges Telefonat mit M. am Vormittag hilft dabei auch nicht wirklich.

Da Kopfarbeit nicht drin ist, kümmere ich mich um den Haushalt: Wäsche waschen, saugen, Bett beziehen, Blumen gießen, etwas aufräumen. Das Fotoarchiv auf die neue Festplatte kopieren.

Nachmittags lege ich mich ins Bett, lese etwas. schlafe noch anderthalb Stunden. Danach habe ich erst recht einen Matschkopf. Egal. Dann ist heute eben frei.

Ich versacke ein wenig in depressiven Gefühlen: Lustlosigkeit, Antriebsarmut, Erschöpfung.
Draußen ist es schön, sonnig, blauer Himmel, Wind, nicht zu heiß. Und ich hocke drinnen und bin müde.
Was tun?
Möglicherweise muss ich mich wirklich einfach mal richtig ausschlafen…

Der Tiefkühler ist eine Quelle für traurige Erinnerungen: Das Schweinefleisch vom Oktober, das war mal ein Einkauf, wo beim Metzger im großen Supermarkt etliches Schweinefleisch plötzlich sensationell preiswert war und ich ein paar Vorräte besorgte. Der Spießbraten vom September aus K. Die Entenbrust vom Dezember, die ich jetzt im Winter für uns machen wollte. Der Rest Raclettekäse von Silvester. Die Fleischwurst von der Beerdigung. Die Schlehen vom November. Pilze.
Erinnerungen oder Portionen, die für mich alleine viel zu groß sind. Und die ich aus Erinnerungsgründen „besonders“ zubereiten möchte. Dabei gleich wieder den Druck spüre, nicht zu lange zu warten, damit die Sachen nicht verderben.

Zu mir zurückfinden.
Die Traurigkeit spüren. Die Einsamkeit. Die Enttäuschung. Das Verlassensein. Die Aussichtslosigkeit.
Spüren, zulassen – und nach Möglichkeit irgendwann hinter mir lassen.

Die Küche aufräumen, sie nervt mich schon lange, alles vollgestellt, nirgends kommt man richtig ran, und ständig stoße ich mir die Zehen oder reiße irgendwas um.

Drei Richtige im Lotto mit meinen Zahlen. H. hat letzten Juli gar nicht gespielt. Warum?

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Den Schmerz spüren

What I did today that could matter a year from now:

Was wichtig war:
Loslassen.
Ordnung schaffen.
Weinen.
Allein sein.
Ausruhen.

Begegnungsnotizen:

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