Anna liest, Zitate

„Sie trieb dahin, ließ sich von der Strömung tragen im Vertrauen darauf, daß sie sie dorthin bringen würde, wohin sie wollte. Sie mußte diesen Tag herumbringen: eine Landmarke am Ufer, an der sie vorüberglitt, ein Baum, der kaum anders war als die anderen Bäume, der sich nur dadurch von den anderen unterschied, daß er hier und nicht weiter vorn und weiter hinten stand, und der nur dem einen Zweck diente, die zurückgelegte Entfernung zu messen. Sie wollte es hinter sich bringen.“

(Margaret Atwood: Die essbare Frau, Übersetzung von Werner Waldhoff)

Treiben lassen

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Anna liest, Zitate

Das goldene Herz der Bourgeoisie

von David Weber (1931)

Sie sind nicht so schlimm wie sie aussehn,
Sie haben ein weiches Gemüt.
Sie können den Tod keiner Laus sehn
Und sind um die Wohlfahrt bemüht.
Und wenn ein Proletenpaar draufgeht,
Den Gashahn nicht zu, sondern aufdreht,
Dann seufzen sie stark
Und spenden ’ne Mark
Für die kleine verwaiste Marie –
Ja, das ist das goldene Herz der Bourgeoisie.

Das Geld ist an sich nicht sympathisch,
Sie beuten so ungerne aus.
Sie fühlen durchaus demokratisch
Und reden von Freiheit zu Haus.
Und fällt ihnen wirklich die Not auf,
Dann legen sie gern etwas rot auf
Und schreien: Reform!
Die Not ist ernorm
Und die Börse so lustlos wie nie –
Ja, das ist das goldene Herz.
Das schwarzrotgoldene Fettherz der Bourgeoisie.

Wie leicht ist man menschlich erschüttert.
Man hat seinen Goethe im Schrank.
Doch wenn man den Kriegsprofit wittert,
Dann sieht man, wie schön ist ein Tank.
Wie nett sehn die kleinen Schrappnells aus!
Die Flamm’werfer und Parabells aus!
Was Mumm hat, ja das
Verdient auch am Gas –
Ganz egal, wer krepiert wie das Vieh!
Ja, das ist das goldene Herz.
Das goldengepanzerte Fettherz der Bourgeoisie.

Proleten, ihr habt sie genossen,
So edel, so gut und human.
Wird wirklich auf euch mal geschossen,
Sie habens nicht selber getan.
Die Kerle, die morden und raufen,
Die kann man ja kaufen zu Haufen –
Das ist ihr Geschäft.
Doch wenn ihr sie trefft,
Die gedungene Mordkompanie –
Dann trefft ihr das goldene Herz,
Das goldstückgepflasterte Fettherz der Bourgeoisie.

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Anna denkt nach, Anna liest, Anna schreibt, Miniaturen

Handarbeit statt Kopfarbeit

25. Oktober. Donnerstag. Reisetagebuch, Tag 20. Ein Tag, an dem ich die Welt nicht sehen möchte. Die Welt scheint damit kein größeres Problem zu haben und lässt mich in Ruhe bis ich gegen Nachmittag wieder bereit bin, am Leben „da draußen“ teilzunehmen, zumindest von der Seitenlinie aus.
„Ein sicheres Haus“ von Nicci French ausgelesen. Die Story wird schön aufgebaut und erzählt, die Protagonisten sind erträglich und glaubwürdig. Nur die Auflösung des Rätsels wird dann seltsm überhastet und hudelig geliefert, als hätten die Autoren es plötzlich eilig gehabt fertig zu werden. Und das Ende ist mir ganz und gar unverständlich. Aber die meiste Zeit hat das Buch mich gut unterhalten, und das ist doch schon was.
Wie immer in Rückzugsphasen hilft „Handarbeit“: Wäsche aus der Waschkücke holen, Bettwäschefach aufräumen, Bett beziehen, oben saugen, Geschirr spülen, aufräumen, den Biomüll in Haus und Garten zusammensuchen und in die Bio-Tonne verfrachten, die morgen geleert wird, letzte Rosen schneiden, Straße und Carport der Nachbarn fegen und von (unserem) Laub befreien.
Da es mild ist, den letzten Radler aus der Kiste auf der Terrasse getrunken und beim Dunkelwerden zugesehen.
Nun bin ich wieder bereit.

Woran ich mich erinnern will:
Mindestens einen Tag Auszeit pro Woche sollte ich mir schon gönnen.

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Anna liest, Zitate

Der Mann im Zentrum des Denkens, Handelns und Fühlens der Frau

Sie war eine alleinstehende Frau. Dabei sollte eine Frau doch niemals allein stehen, sie sollte vielmehr nach irgendeinem Mann Ausschau halten, oder nach dem richtigen Mann, oder einen Mann heiraten, oder mit einem Mann leben, oder daran denken, mit einem Mann zu leben oder ihn zu heiraten, oder mehrere Männer zum Narren halten, oder einen Mann verführen, oder einen Mann verlassen, oder versuchen, einen Mann zu verstehen oder zu bessern, oder sich scheiden lassen, oder einen Mann ermutigen, ermorden, kastrieren oder gern haben.

(A. L. Kennedy: Einladung zum Tanz)

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Anna liest

André Baganz: Das Gurren der Tauben

Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Autobiographisches
Sprache: Deutsch
Format: Kindle eBook
Gelesen: 7.-8.1.2017

Baganz beschreibt seine 10-jährige Haft im Stasi-Gefängnis Bautzen II bis zu seiner Freilassung 1991. Der Text scheint ein Extrakt aus dem umfangreicheren Buch „Endstation Bautzen II“ zu sein.
Der Schwerpunkt des Textes liegt auf der Vorgeschichte und den ersten fünf Jahren, die Baganz in Einzelhaft verbracht hat. Er liest sich sehr flott und spannend und bietet einen nachvollziehbaren Einblick in die bedrückenden Bedingungen während der Einzelhaft. Die zweite Hälfte seiner Inhaftierung wird im Schweinsgalopp abgehandelt, was etwas schade ist, aber da es sich um ein kostenloses e-Book handelt, kann man darüber hinwegsehen und sich bei Interesse das ausführliche Buch „Endstation Bautzen II“ besorgen.

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