Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertsiebenundfünfzigste Tag im Danach: Festgefahren

18. Januar 2022. Dienstag. Immer noch Halsschmerzen, immer noch leicht erkältet. Ich überlege: Ob mein Uralt-Schnelltest vom letzten März auf die neuen Varianten überhaupt anspringen würde? Haltbar ist er noch, aber was sagt das schon?

Die Gleichförmigkeit der Tage momentan: Fluch und Segen zugleich. Ich genieße es, nicht schon wieder irgendwohin fahren zu müssen, mal keine Hiobsbotschaften zu bekommen, körperlich und seelisch zur Ruhe zu kommen. Aber es macht mich auch unruhig und hibbelig: Tag um Tag verstreicht „ohne besondere Vorkommnisse“, das Leben verrinnt, ohne dass ich Bemerkenswertes erlebe oder leiste. Sinnsuche.

Auch im Zusammenleben mit H. waren meine Tage gleichförmig, und manchmal hat mich das auch da gestört, und dann begann ich ein neues Projekt, spielte mit einem neuen Tool, begann die Wohnung auszumisten oder Foto-Spaziergänge zu unternehmen, wurde unternehmungslustiger, wollte öfter raus und unter Menschen. Aber das waren Ablenkungsmanöver, keine wirklichen Veränderungen.

Jetzt habe ich die Chance, grundsätzlich etwas zu verändern, meinem Leben insgesamt eine andere Richtung zu geben, aber ich habe noch keinen Plan, welche Richtung das sein könnte. Habe ich denn keine (Lebens-)Träume, die ich nun „endlich“ verwirklichen kann?
Sind meine „Projekte“, auf denen ich gerade herumdenke, auch nur Ablenkungsmanöver? Beschäftigung, um nichts grundsätzlich in Frage stellen zu müssen?

Es ist definitiv mein Thema gerade: Wer bin ich? Wer will ich sein? Warum? Und für wen?

* * * * *

So passiert das: ich habe mich in einer Arbeit festgefressen, finde auf Anhieb keine Lösung, scheine aber immer kurz davor zu sein. Die Zeit vergeht, die Lösung kommt nicht, schließlich baue ich eine Alternative, aber dann sind schon 2 Stunden rum, die Konzentration ist flöten, und die Tagesplanung haut hinten und vorne nicht mehr hin.
Passiert mir sowas öfter oder in verschiedenen Projekten, gerät der ganze Zeitplan durcheinander, außerdem bleibe ich stecken, muss mir Alternativen ausdenken, das ist noch mehr Arbeit und zusätzlicher Stress.

Wie kann ich dem entgegenwirken?
Zum Beispiel, indem ich wirklich straff auf die Zeit schaue und sage: ich gebe dem jetzt xx Minuten, dann mache ich eine Einschätzung, wie es weitergeht – ob das erstmal beiseite gepackt wird, eine eigene neue Aufgabe wird oder ich nochmal xx Minuten investiere und dann erneut schaue. Control.
Vielleicht in der Zwischenzeit erstmal was anderes machen, wieder Erfolgserlebnisse haben, nicht nur: ‚Heute habe ich gerackert wie eine Blöde, ich bin völlig erledigt, aber fertig bekommen habe ich nichts.‘

Ich schwanke zwischen ‚jetzt mal zwei Wochen richtig durchrackern, jeden Tag bis abends spät‘ und ‚das muss jetzt halt eins nach dem anderen gemacht werden, ich kann mich leider nicht klonen‘. Ersteres würde dazu führen, dass ich wirklich eine Menge schaffe, aber danach vermutlich wieder durch bin. Letzteres würde den einzelnen Tag entzerren, aber den Stress verlängern.
Beides nix. Am liebsten würde ich einfach jeden Morgen voller Energie und Tatendrang aufwachen, dann geht mir die Arbeit wie geschmiert von der Hand, am späten Nachmittag lasse ich die Maus fallen und freue mich über mein Tagwerk und habe dann noch Muße für was Schönes.

Man wird doch träumen dürfen…

* * * * *

Einfach auch mal anerkennen, dass es immer noch viel ist und schwer, und jetzt nicht einfach alles aufhört, weil „neues Jahr“ und „Trauerjahr zu Ende“. Dass ich mit meinem Prozess gerade erst begonnen habe, auch wenn schon viel geschafft scheint. Dass ich mir ruhig ein bisschen Zeit lassen kann und mich nicht permanent unter Druck setzen muss.
Jetzt mal lockerlassen. Was anderes machen. Was mir gut tut. Mir Spaß macht. Oder einfach ausruhen.

Eine gute Stunde eins meiner Regale ausgemistet. Alten Projekten und Interessen begegnet. Viel zum Durchsehen und Assortieren.
Schwerster Fund: 4 originalverpackte DVDs, die ich mal H. schenken wollte, bevor sie irgendwie in meinem Chaos untergegangen sind. Schuldgefühle. Versäumnisse.
Scheiße.

Aber die gab’s auch: Die heutigen Glücksperlen:

  • ab und an denkt jemand an mich und schickt mir eine kleine Botschaft aus seiner Welt
  • am Ende doch eine Lösung gefunden
  • eine Essenseinladung fürs Wochenende bekommen
  • ein paar leere Regalfächer – Platz für H.s Sachen und damit Platz für Sachen aus dem Haus
  • von zwei Seiten Geld zugesagt bekommen, das nimmt den Druck aus dem Monatsende

Außerdem:

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Der dreihundertsechsundfünfzigste Tag im Danach: Wer bin ich und wenn ja wieviele?

17. Januar 2022. Montag. Wie gut, dass ich mich nicht minutiös an diese Zeit vor einem Jahr erinnere, sondern nur als anstrengende, aufreibende Reihe von Tagen voller Angst, Selbst-Beruhigung, wenig Schlaf, kaum Essen, ständigen Fahrten ins Krankenhaus, tausend Telefonaten.
Wieviel besser ist mein Leben jetzt, trotz aller Sorgen und Ängste, die sich aber eher abstrakt auf ein mögliches Geschehen in – hoffentlich – ferner Zukunft richten, trotz Arbeitsdruck, trotz unerfüllter Sehnsüchte und Bedürfnisse. Alles nichts im Vergleich zu den Gefühlen vor einem Jahr.
Dafür auch mal dankbar sein…

Leicht erkältet, Schluckschmerz. Aushaltbar, wenn es nicht schlimmer wird.

Das Wetter übt schon mal für den April: Morgens kräftiger Wind, dann Regengüsse, fast Hagel, nachmittags Sonnenschein und blauer Himmel. Nach getaner Arbeit mache ich einen Spaziergang und setze mich eine halbe Stunde in die Sonne. Schaue. Denke nach. Schreibe. Aber der Sonne gelingt es nicht, die trüben Gedanken zu verscheuchen, die mich seit dem mittäglichen Telefonat mit TSO befallen haben.
Dabei war es ein gutes Gespräch, für seine Vehältnisse mit fast 20 Minuten sehr lang, er war in Plaudrlaune heute, fröhlich, aufgekratzt. Und ich möchte nur heulen, weil er alles verkörpert, was mir fehlt, wonach ich mich sehne, aber nicht bekommen soll.

IMmer wieder diese Fragen: Wer bin ich, und wer will ich sein? Wie will ich leben, was will ich tun, wofür will ich stehen?
Mein Leben ist kein Scherbenhaufen mehr, aber das mühsam Zusammengeklebte gefällt mir nicht so recht, auch wenn es für den Moment seinen Zweck erfüllt und notdürftig funktioniert.

Die Trauerbegleiterin muss sich überraschend operieren lassen und fällt eine Weile aus. Das macht mir Angst. Freund B. ist schon fast aus meinem Leben verschwunden mit seiner neuen Liebe, Freundin B. ist in ihrer Arbeit extrem eingespannt, Freundin K. ist mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt, Freund G. kann man nur mit langer Vorplanung abends in Raucherkneipen treffen, TSO ist emotional in unerreichbare Ferne gerückt – es wird gerade etwas eng. Nicht genug Stützpfeiler und Rettungsnetze… Noch halte ich durch, aber es wird eng.

Die heutigen Glücksperlen:

  • Sonne
  • Wind, der die Haare zaust
  • draußen sitzen und schreiben
  • eine kleine neue Erkenntnis (vielleicht)
  • keiner meiner Kunden hat mir (bis jetzt) den Kopf abgerissen

Außerdem:

  • Gesehen: Mulholland Drive (ARTE)
  • Gehört: Defonic.com
  • Gelesen: Elizabeth George: Wer Strafe verdient
  • Geräumt: Im kleinen Zimmer die Kartons vor dem mittleren Regal weggeräumt, um dort ausmisten zu können und Platz für H.s Kram zu schaffen.
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Der dreihundertfünfundfünfzigste Tag im Danach: Planen statt tun

16. Januar 2022. Sonntag. Nach unruhiger Nacht um 5:00 Uhr aufgestanden. Bin ruhig und klar. Entspannt. Ein bisschen kommen schon wieder Gedanken wie: Das ist jetzt mein Leben? Welchen Sinn soll das haben? Aber ich schiebe sie weg.

Der halbe Januar ist um, das ist doch verrückt.

Gestern habe ich mir Fotos abziehen lassen, jetzt steht auf meinem Wohnzimmertisch eine seltsame Gruppe: Im Rahmen H.s Bild, davor F.s Trauerkarte, T.s letztes Facebook-Profilbild und TSOs Foto, das er mir mal geschickt hat. TSO fällt aus dem Rahmen, er ist der einzige, der nicht tot ist, und ich frage mich, ob das ein schlechtes Omen ist, sein Bild zu denen all dieser Toten zu stellen. Aber auf meinem Schreibtisch will ich es nicht haben, also wohin damit? An den Wänden ist gar kein Platz für eine kleine Bildgalerie oder so etwas.
Wieder der Gedanke, dass ich mit der Einrichtung meiner Wohnung nicht wirklich zufrieden bin. Aber erstmal ausmisten, dann umräumen. So viel Zeug…

Ich wurschtele vor mich hin, plane Arbeiten und Aufgaben und Projekte und denke nicht weiter nach. Dann halte ich inne, verspüre Hunger und eine gewisse Müdigkeit – und prompt kommt mir wieder die Sinnlosigkeit des Ganzen zu Bewusstsein: Für wen mache ich das alles? Wen interessiert es? Und warum brauche ich so lange? Muss das alles so aufwändig sein? Wozu überhaupt? Wäre mir nicht mehr gedient gewesen, ich hätte einfach eine Stunde irgendwas gearbeitet, statt nur Arbeiten zu planen?
Erschöpfung ist schlecht für die Stimmung.

Hinlegen bringt keine Entspannung, zum Schlafen habe ich keine Ruhe: so viel zu tun – und ich will ja im Prinzip auch! Bin nur so komisch matt…
Und traurig… Und allein…

Die heutigen Glücksperlen:

  • wieder eine kleine Ecke der Wohnung ein klein wenig ordentlicher gemacht
  • leckeres Essen kochen
  • jemand möchte mit mir demnächst spazieren gehen
  • ich habe das Gefühl, ich kann die Arbeit schaffen, auch wenn es irrsinnig viel aussieht

Außerdem:

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Der dreihundertvierundfünfzigste Tag im Danach: Den Kopf klar bekommen

15. Januar 2022. Samstag. Um halb sieben mit einem Gefühl tiefer Resignation und Sinnlosigkeit aufgewacht. Das Trauerjahr geht jetzt vorbei – und nun? Das Konzept „Trauerjahr“ hat mir einen Rahmen gegeben, Erlaubnis, bestimmte Dinge zu tun und andere einfach sein zu lassen.

Was für ein Blödsinn: Es gibt ja überhaupt keinen Grund, das zu ändern – ich muss mich schließlich niemandem gegenüber rechtfertigen. Ich trauere, so lange, wie ich das brauche und auf die Art, wie es mir gut tut, Trauer“jahr“ hin odre her.

Setze mich dann hin und beginne, alle Aufgaben, die nun in nächster Zeit anstehen, zu planen und zu organisieren. Wichtig ist, eine Balance zu finden zwischen bezahlter Arbeit und privaten Projekten, der Arbeit in der Galerie, Freizeit, sozialen Begegnungen, Trauerarbeit und dem Ausmisten der Wohnung. Ziemlich viele Bälle, die ich da gleichzeitig in der Luft habe, aber das ist eben jetzt so.

Das tut so gut, ich fühle mich wieder sortiert und „in control“, ich nehme die Dinge in die Hand, steuere. Bin plötzlich wieder voller Tatendrang und Vorfreude.

Gut gelaunt meine Einkaufsrunde absolviert, dann noch ein bisschen Orga-Kram, nebenbei Wäsche gewaschen und Blumen gegossen.

Freundin K. fragt an, ob ich mir ihr spazieren gehe, und wir drehen die übliche Runde zum Friedhof, dann noch ein bisschen kreuz und quer durch die Straßen, trinken unterwegs einen Cappuccino, schauen Schaufenster und Auslagen an, wundern uns über die Menge an Menschen, die da unterwegs ist, denn es ist mit 3 Grad doch recht frisch.

Ich esse einen Falafel, dann gehen wir noch in die N.-Bar, leider eine Raucherkneipe. Ich bleibe immerhin beim alkoholfreien Bier, werde aber von der Wärme und K.s Monologen, die sich zunehmend wiederholen, angenehm schläfrig und breche nach anderthalb Stunden auf, während K. sich noch zu Bekannten setzt.

Ich drehe nochmal eine Runde und gehe bei der Bank vorbei (statt 10 Minuten nach hause ist das nochmal ein 35-Minuten-Spaziergang). Damit bin ich heute insgesamt fast 9,5 Kilometer durch die Gegend spaziert und fühle mich angenehm durch- und ausgelüftet.

Als wir auf dem Friedhof auf ener bank sitzen, ziehen Vögel in einem großen „V“ von West nach Ost über uns hinweg. Gänse? Kraniche? Ich kann die Rufe nicht ganz deuten, tippe auf Kraniche. So viele – und so früh…

Die heutigen Glücksperlen:

  • viel frische Luft
  • Bewegung (fast) ohne Schmerzen
  • einen Laden entdeckt, wo es ganz wunderbare Dinge und Postkarten gibt
  • den Kopf wieder klar bekommen und neue Zuversicht gewonnen

Außerdem:

  • Gesehen:
  • Gehört:
  • Gelesen: Nachrichten
  • Geräumt:
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Der dreihundertdreiundfünfzigste Tag im Danach: Wieder runterkommen

14. Januar 2022. Freitag. Heute nicht besonders frisch gewesen – die beiden Schnäpse zum Abschluss gestern hätte es nicht gebraucht…
Und wieder einmal nehme ich mir vor, es mit Freundin K. langsamer angehen zu lassen, das geht mir sonst auf die Gesundheit. Die Kneipenbesuche sind jetzt ohnehin nicht so angezeigt, Booster-Impfung hin oder her.

Heute dann etwas Orga-Kram gemacht, ein längeres Telefonat mit M. geführt, ein wenig auf dem PC aufgeräumt und viel nachgedacht – über diese ersten beiden Wochen, über die Tage voller Erinnerungen, über Neues, auf das ich mich freue.

Es war nochmal ein entspannter Tag, ein Urlaubstag, auch wenn es emotional wieder eine ziemlche Achterbahnfahrt war zwischen morgendlicher Panik (Einsamkeit, Überforderung Angst – was alles ansteht, und das soll ich alles alleine schaffen?! Und wenn etwas passiert?!), mittäglicher Ruhe und abendlichem Optimismus.

Die Trauerbegleiterin ist noch krank und wird es wohl auch nächste Woche noch sein. Das ist schade, ich hätte jetzt schon gerne einen Termin bei ihr gehabt. Möchte auch mit ihr über die Trauergruppe reden. Aber es ist, wie es ist, ich bin nicht in Not, ich kann durchaus warten – und schließlich ist ja wichtiger, dass es ihr erstmal wieder gut geht.

Der aufregende Mittwoch und der anstrengende Donnerstag haben ihre Spuren bei mir hinterlassen, aber langsam, ganz langsam komme ich wieder zu mir.

Das Piepen des Rauchmelders aus der Nachbarwohnung, das jetzt wochenlang meine Tage und Nächte in 30-Sekunden-Intervalle aufgeteilt hat, ist verstummt. Ob die Batterie aufgegeben hat oder rechtzeitig zum Einzug des neue Mieters gewechselt wurde?

Die heutigen Glücksperlen:

  • das schöne Gefühl, wenn vorübergehend der Kopfschmerz nachlässt
  • selbstgebackene Kekse
  • Vanillesoße
  • eine anteilnehmende Nachricht aus einer Ecke, wo sich jemand die Daten gemerkt hat
  • Ruhe an einigen anderen Fronten
  • Kein Gepiepe von rechts und kein Getrampel von oben. Das Telefonat von unten erinnert an die Zeit als die alten türkischen Nachbarn noch dort lebten. Vertraut.

Außerdem:

  • Gesehen:
  • Gehört:
  • Gelesen: Nachrichten und Blogs
  • Geräumt: Den letzten Bierkarton von der Beisetzung weggeräumt und die letzten 6 Flaschen in den Kühlschrank gelegt. Vorräte vom Küchenboden ins Regal geräumt. Gleich ist wieder ein halber Quadratmeter mehr Platz.
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Der dreihundertzweiundfünfzigste Tag im Danach: Ein Fenster schließt sich, ein anderes öffnet sich

13. Januar 2022. Donnerstag. Wie kann denn der Monat schon wieder fast halb rum sein? Der ist doch höchstens fünf Tage alt? Wo ist meine letzte Woche hin? Die gehörte gefühlt noch irgendwie zur Zeit „zwischen den Jahren“…

Sehr unruhig geschlafen, und ich darf mir aussuchen, ob es am gestrigen Telefonat mit TSO lag oder am heutigen Morgen-Termin, einer Online-Fortbildung bei einer Kundin (die ich glücklicherweise nur besuche, nicht halte), oder an beidem oder an etwas ganz anderem (schließlich haben wir noch Gedenktag, Flurbereinigung in der Wohnung mit Wegwerfen von H.s Sachen/ Unterlagen, bevorstehender Todestag und bevorstehende Räumung des Häuschens im Angebot).

Für die Fortbildung, die als Videokonferenz stattfindet, fahre ich in die Galerie, weil es in meiner Wohnung nur Chaos und Kartonstapel gibt und weil ich ein bisschen Distanz zum heimischen Umfeld brauche. Es ist ein Anlass für Bewegung.

Die Fortbildung wird dann zwar lang, aber auf mehreren Ebenen interessant, aber hinterher, zweieinhalb Stunden später bin ich regelrecht gerädert – es war zu viel, zu intensiv, das Thema gerade für mich persönlich zu schwierig.

Zwischendrin waren Telefonate zu führen, die Dame von der Trauergruppe meldete sich, um mir mitzuteilen, dass es leider keine Plätze mehr gibt, aber sie empfahl mir eine andere Gruppe und dort erhielt ich nachmittags Bescheid, dass es mit einem Platz klappt. Hurra! Die Gruppe startet Ende Januar und findet einmal monatlich statt.

Freundin B. schaut auf dem Heimweg von der Arbeit kurz vorbei, eine Passantin möchte etwas über die Ausstellungsöglichkeiten der Galerie wissen, dann kommt Freundin K., die Zeit totzuschlagen hat und mich nach ihrem Kurzurlaub wieder auf den aktuellen Stand bringen möchte.
Es fällt mir schwer, ihr konzentriert zuzuhören, mein Limit für Input ist lange erreicht.

Dann schaut auch nochmal Freundin B. rein, die versehentlich eine Stunde zu früh zu einem Termin in der Nähe aufgebrochn war und sich nun aufwärmen will. Ist das schön!

Kurz nach drei brechen wir dann alle zusammen auf, Freundin B. entschwindet in die eine, K und ich in die andere Richtung. Uns führt der Weg wie immer zu den Gräbern unserer Männer, dann wandern wir durch den Park zu einem Postamt in der Nähe, wo K. ein Päckchen abholen will. Unterwegs bekomme ich den Anruf mit der Zusage für den Platz in der Trauergruppe, und K. lädt mich „zur Feier des Tages“ auf ein Bier ein.

Daraus werden dann ein paar mehr, aber wir haben einen schönen Abend mit den alten Bekannten G., den wir zufällig treffen, und marschieren gegen zehn zusammen nach Hause.

Die heutigen Glücksperlen:

  • Die Begeisterung, mit der ich Wildfremden gegenüber von der Galerie spreche und die sich wohl auch überträgt. Es ist ein magischer Ort.
  • Eine Zusage.
  • Ein angenehmer neuer Kontakt.
  • Möglichkeiten; Fenster, die sich öffnen
  • eine Hand auf meinem Rücken

Außerdem:

  • Gesehen:
  • Gehört:
  • Gelesen:
  • Geräumt:
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Der dreihunderteinundfünfzigste Tag im Danach: Überraschend

12. Januar 2022. Mittwoch. Vom Datum her ist heute der Tag, an dem H. im letzten Jahr seinen schweren Herzinfarkt erlitten hatte, an dem er letztendlich 2 Wochen später gestorben ist.

Vor diesem Tag hatte ich seit Monaten Angst, mindestens seit September. Mehr als vor H.s Geburtstag oder Weihnachten oder Silvester mit ihren Bergen von Erinnerungen. Ich dachte, das ist der Tag, an dem ich nochmal vollkommen zusammenbreche. Der Tag, an dem alles nochmal hochkommt. Der Tag, an dem ich alles nochmal durchlebe, nur dass ich diesmal das schreckliche Ergebnis schon kenne und dadurch noch mehr leiden werde.

Passiert ist: Nichts.

Natürlich nicht wirklich „nichts“, ich war schon traurig – wie jeden Tag in den letzten paar Wochen. Habe ein paar Tränen geweint – wie jeden Tag in den letzten paar Wochen. Habe viel an H. gedacht und ihn vermisst wie Hölle – wie jeden Tag in den letzten paar Wochen.
Aber kein Zusammenbruch, kein Heulen und Wehklagen, kein Horror-Trauertag.
Im Gegenteil, ich war sogar recht aufgeräumt und guter Dinge. Schon beim frühen Aufwachen hatte ich die Gedanken:

„Es ist ok. H. ist tot, und das wird er immer bleiben. Heute ist nur irgendein Tag. H. ist vor einem Jahr gestorben, nicht heute, der Tag heute hat keine Bedeutung, denn er stirbt nicht aufs Neue. Der Schmerz ist immer da, die furchtbare Erinnerung auch. Die Magie des Datums schreibe ich selbst dem Tag zu, aber wenn ich es wollen würde, würde H. jeden Morgen um 7:30 auf meinem Küchenboden liegen, nicht nur heute. Es liegt in meiner Hand, ob ich den Schmerz heraufbeschwöre oder nicht. Ob ich dies zu einem Tag mache, an dem ich mich martere oder zu einem Tag, an dem ich mich liebevoll an H. und unsere gemeinsame Zeit erinnere. Auch ein paar Tränen fließen lasse, natürlich. Wie an jedem anderen Tag, an dem ich an ihn denke.
Oder ich kann dies einen ganz normalen Tag sein lassen. Oder einen, an dem ich feiere: Dass ich ein Jahr überlebt habe, ohne wahnsinnig zu werden oder in Depression zu versinken. Ohne mich dem Suff zu ergeben.
Dass ich stattdessen hart an mir gearbeitet habe, zu meinem Kern vorgedrungen bin, gelernt habe, mit mir selbst nachsichtiger und liebevoller zu sein und die Liebe, die H. mir entgegengebracht hat, nun selbst aufzubringen, wenigstens manchmal. Meistens.
Dass ich versuche, ein Mensch zu sein, den H. weiterlieben kann, auf den er stolz wäre, mit dem er gern zusammen wäre.
Ich entscheide, was das für ein Tag ist, so wie ich es die letzten paar Tage auch entschieden habe. Es waren Tage des Nachdenkens, der Traurigkeit und des Schmerzes, vor allem des Verlustschmerzes. Das schloss aktuelle Verluste bzw. Verlustangst mit ein: TSO. Auf eine Weise die Idee von der Arbeit in der Galerie. Die Zeit, die ich vertrödelt habe, in der ich mich weder besonders um mich, noch um anstehende Aufgaben, noch um die Zukunft gekümmert habe.
Wahrscheinlich wird das heute noch so ein Tag, und das ist dann auch irgendwie ok.
Vielleicht gelingt es mir, daraus einen Tag zu machen, den ich nicht bedauere – weil ich ihn nicht vertrödelt, sondern mir Gutes getan habe, anderen Menschen Gutes getan habe, Aufgaben erfüllt habe, Pläne gemacht habe, gelebt habe.“

So dachte ich also heute morgen um fünf, und das gab irgendwie den Ton für den Tag vor.

Es gab dann ein bisschen Kuddelmuddel in der Galerie über eine Anfrage, wo wir uns nicht ganz einig waren, ob wir das annehmen sollen oder nicht und wenn ja, zu welchen Bedingungen; TSO rief mich an, hatte aber wie immer keine rechte Zeit zum Sprechen, wollte nur schnell alles abladen, seine „Bauchschmerzen“ mit der ganzen Sache kundtun und die Entscheidung los sein; ich entwickelte daraufhin Alternativideen und rief Kollegin K. an, um sie mit ihr zu besprechen, wir trafen gemeinsam eine Entscheidung, fanden einen guten Kompromiss, den ich der Kundin telefonisch vorschlug, die auch einverstanden zu sein schien. Dann schrieb ich das Ganze nochmal auf und auch gleich ein Angebot für eine andere Anfrage, und so gingen der Vormittag und der Mittag rum, und ich war sehr beschäftigt und am Ende unglaublich aufgedreht und ganz blödsinnig glücklich.

Glücklich, weil das ja genau das ist, was ich mir seit einem Dreivierteljahr wünschte und leider immer noch viel zu selten erlebe: Die Gemeinschaftlichkeit dieses Teams, in dem wir zusammen auf Dingen herumdenken, sie gemeinsam entscheiden und dann umsetzen, ein Ort, wo auf meine Meinung Wert gelegt, meine Stimme gehört wird, wo ich mich einbringen und problemlos akzeptieren kann, dass ich von vielen Dingen absolut keine Ahnung habe. Ein Ort, wo ich kein know-fuck-all sein muss und auch nicht so wahrgenommen – und trotzdem gemocht! – werde.

Das tat so gut, und es war zwar nicht das geplante, aber ein würdiges Programm für den heutigen Tag: Zukunftsorientiert, statt rückwärtsgewandt. Und dabei vergaß oder verdrängte ich die Erinnerung an H. keineswegs – er war heute die ganze Zeit in meinem Kopf präsent, kommentierte meine Handlungen, äußerte Kritik oder Bedenken, ich diskutierte mit ihm, versuchte ihn zu überzeugen, warum ich dies tue – und gern tue – und dass es nicht zu Lasten meiner „richtigen“ Arbeit geht, dass er sich keine Sorgen machen muss, ich ließe meinen Job schleifen.

Und sogar, dass meine sämtlichen Rettungsnetze für heute letztendlich zerrissen, machte nichts – die Trauerbegleiterin war krank und sagte ab, Freundin B. war zu erschöpft von drei harten Arbeitstagen (sie hätte natürlich bereitgestanden, wenn ich in einer absoluten Krise gewesen wäre, aber so war sie froh, dies nicht zu müssen), Und Freundin K. steckte im Zug fest, da hatte sich wohl einiges verhakt bei der Bahn, und als sie endlich ankam, war sie vollkommen erledigt.
So verbrachte ich also den Tag ungeplant allein, und sogar das war dann irgendwie auch ok.

Die heutigen Glücksperlen:

  • an diesem Tag an H. denken können, ohne zusammenzuklappen
  • nicht mit dem Datum hausieren gehen zu müssen, nur um Mitleid und Aufmerksamkeit zu bekommen
  • mit TSO sprechen, seine Stimme hören
  • ein normales Gespräch mit ihm führen können, ohne hinterher in Tränen ausbrechen zu müssen
  • eine komplizierte Situation in Zusammenarbeit mit den beiden zur allseitigen Zufriedenheit lösen
  • wieder ein winziges bisschen mehr Ordnung in der Wohnung
  • ich höre H.s Stimme und weiß genau, was er sagen würde
  • aushaltbarer Schmerz
  • Glücksgefühle
  • leckeres Essen
  • kein Druck von außen

Außerdem:

  • Gesehen: Das Seil (Folge 3/3; arte.tv), Clan (Folge 1/10; arte.tv) und Muhammad Ali (3/4 und 4/4; ARTE)
  • Gehört:
  • Gelesen:
  • Geräumt: Un- und vorsortierte Unterlagen von H. nach vorne geholt, Computertechnik (Festplatten, Router, Kleinkram) in einen Karton gepackt, diesen statt der Ordner unter den Tisch gestellt, die Ordner stattdessen ins Regal gestellt, die restlichen zurück unter den Tisch. Einen kleinen Karton voller alter Prospekte (Musik-Kassetten- und -CD-Herstellung) aussortiert.
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Der dreihundertfünfzigste Tag im Danach: Mir Gutes tun

11. Januar 2022. Dienstag. Beim frühen Aufwachen um halb fünf und dem Gedanken an die Tage und Daten (heute vom Datum her letzter gemeinsamer Spaziergang, vom Wochentag (Dienstag) her H.s Zusammenbruch) seltsam ruhig. Für den Moment sind die meisten Tränen geweint, Trauer und Zuversicht halten sich die Waage, es herrscht tiefe Ruhe und Stille in mir. Oder ist das Resignation? Kapitulation vor dem Schmerz? Vor der unausweichlichen Erkenntnis: Ich bin allein und werde es lange bleiben?

Gefühlskuddelmuddel – ich bin traurig, resigniert, hoffnungsvoll, einsam, voller Liebe, voller Verlustschmerz, zuversichtlich, müde, sehnsuchtsvoll, überfordert, angestrengt, voller Selbstmitleid, voller Abwehr und „ich will das nicht!“, voller Selbstekel (Drama Queen), erschöpft und Ich. Habe. Es. So. Satt.
Alles gleichzeitig, eine Kakophonie der Gedanken und Gefühle, und alle paar Minuten tritt ein anderer vor ins Rampenlicht und schreit ein wenig lauter als die übrigen.
Und es ist genauso anstrengend wie es sich anhört.

Dieses Gefühlschaos hatte ich den ganzen letzten Sommer, und ich weiß, es geht vorbei. Aber jetzt muss ich da durch, muss es aushalten, von 5 Minuten zu 5 Minuten leben. Und natürlich schaffe ich das, aber die Sehnsucht ist übergroß nach dem Einen, der kommt und mich in den Arm nimmt und festhält und mir sagt: ‚Alles wird gut, keine Sorge, ich bin bei Dir, ich bin für Dich da, zusammen kriegen wir das hin!‘

Ich sehne mich nach Ruhe, nach Loslassen-Können, nach Berg in Hügel, nach Zuwendung, Kontakt, Sinn, einer Umarmung, Freundschaft.
Ich habe all dies – prinzipiell – aber eben nicht im Moment, nicht heute, nicht jetzt.

Und ich beschließe, dass auch dies ein Tag werden wird, an dem ich mir vor allem selbst Gutes tun will – aber auch den Menschen in meinem Leben.
Und so dusche und creme ich mich ausgiebig, spüle Geschirr, wasche Wäsche und sauge (Wohnung schön machen), versende liebe Grüße, Blumenfotos, bringe Dinge von A nach B, zünde eine Kerze an F.s Grab an, der im September gestorben ist und dessen Frau K. gerade nicht in Berlin ist und es nicht selbst tun kann. Ich backe Kekse, hefte lose Papiere von H. ab (viele Unterlagen, die die Band betreffen) und schnippele Gemüse für ein selbstgekochtes Abendessen mit mehr als zwei Zutaten. Es wird eine Asia-Pfanne mit insgesamt 17 Zutaten und Gewürzen, und ich nenne es, wie wir es immer getan haben, „17 Kostbarkeiten“.

Die heutigen Glücksperlen:

  • der Duft der Hautcreme
  • die leuchtend rote Amaryllisblüte im Gegenlicht
  • der Geruch der Galerie
  • Sonne hinter der Kiefer auf dem Friedhof und ein Feuerball, der sich in einem Grabstein spiegelt
  • überhaupt: Sonne!
  • weinen und H.s Stimme in meinem Kopf hören, auch wenn mir nicht gefällt, was er sagt
  • Teig naschen
  • der Duft von Frischgebackenem
  • mit Muße kochen können und etwas Essbares herausbekommen

Außerdem:

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Der dreihundertneunundvierzigste Tag im Danach: Vom Trauern und Gedenken

10. Januar 2022. Montag. Der gestrige Tag – Trauern ohne Grübeln (und exzessives Aufschreiben) – hat mir gut getan, ich bin erschöpft, grundtraurig, aber verhältnismäßig ruhig.

Christian schreibt über Schale und Kern bei Menschen in depressiven Phasen. Obwohl sich Trauer und Depression deutlich unterscheiden, gilt das auch für Trauernde: Sie können nach außen hin funktionieren, in fröhlicher Runde herzlich lachen, wirken „bewundernswert stark“ oder so, als hätten sie „es“ schon bewältigt oder seien zumindest auf einem „guten Weg“. Aber im Innern läuft wie ein zweiter Film, wie eine Doppelbelichtung die Trauer weiter: Der Verlustschmerz, die Leere, der Riss im Herzen, die empfundene Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, die tiefe Traurigkeit.

Beide Gefühlswelten existieren nebeneinander, und ich kann mich im gleichen Moment tieftraurig fühlen und über einen blöden Witz lachen. Kann mich am Sonnenschein erfreuen und gleichzeitig das Gefühl haben, dass mein Leben keinen Sinn mehr hat.

Das ist verwirrend und extrem anstrengend. Trauer ist Arbeit. Harte Arbeit. Nicht, weil man ständig weinen müsse, sondern weil man ständig widerstreitende Gefühle, Gedanken und (Selbst-)Zweifel aushalten muss.

Für Außenstehende ist diese permanente Gefühlsambivalenz schwer nachzuvollziehen. Ein Freund rief häufig an, fragte, wie es mir gehe, und ich antwortete wahrheitsgemäß „Schlecht, ich bin heute wieder sehr traurig“. Dann plauderten wir eine Weile über alles Mögliche, ich erzählte lebendig von irgendwelchen Erlebnissen, lachte auch mal, und jedes Mal beendete er das Gespräch mit „Na, nun klingst Du aber schon viel besser…“
Ich habe eine Weile gebraucht, ihm die Illusion zu nehmen, dass unser Gespräch dazu geführt habe, dass ich mich „besser“ fühlte. Denn ich fühlte mich nicht „besser“, er hat mit meinem funktionalen, „fröhlichen“ Teil kommuniziert, während ich den gleichzeitig vorhandenen trauernden Teil vor ihm verborgen habe.

Die Trauer lässt sich nicht wegreden, lässt sich nicht durch positive Erlebnisse mindern. Sie ist immer da, die ganze Zeit. Ich kann mittlerweile ein klein wenig steuern, wann ich mich ihr hingebe und sie das Ruder übernehmen lasse. Von Zeit zu Zeit ist das notwendig, denn sie muss raus, sie hat eine Daseinsberechtigung und muss sich äußern können. So wie gestern.

Andere Menschen denken, wenn ich traurig bin, müsse ich „aufgeheitert“ oder „abgelenkt“ werden.
Liebe wohlmeinende Menschen: Das ist absurd. Mein Mann ist gestorben. Die Liebe meines Lebens. Und mit ihm ist mein Leben, wie ich es kannte, zusammengebrochen, und ich bemühe mich nun, die Scherben meiner Existenz aufzusammeln und daraus ein neues Leben für mich zu basteln. Glaubt Ihr wirklich, irgendwas könne mich von dieser existenziellen Erschütterung „ablenken“ oder mich „aufheitern“?

Ein Teil meines Trauerprozesses war anzuerkennen, dass die Trauer und alle mit ihr einhergehenden Gefühle – Traurigkeit, Verlustschmerz, Selbsthass, Einsamkeit, Verlassensein, Ausgestoßensein, Verwirrung, Angst, Orientierungslosigkeit, aber auch Lebenshunger, Zuversicht, Sehnsucht nach Bindung, Gemeinschaftlichkeit, Sinn, Anerkennung, Zuwendung – einen Sinn und eine Existenzberechtigung haben und gefühlt werden müssen. Ständig gegen Gefühle anzukämpfen, sie „mindern“ zu wollen, ist kontraproduktiv.

Wenn ein Trauernder weint, ist das heilsam. Nehmt ihn (oder sie) in den Arm, haltet die Hand, seid da – aber verkneift Euch „tröstende“ Worte und vor allem verkneift Euch den Druck, es müsse „besser“ oder „leichter“ werden, oder „es“ gehe irgendwann vorbei. Ihr könnt nichts tun, um den Schmerz zu lindern, aber Ihr könnt da sein und das Gefühl geben: „Du bist mit Deinem Schmerz nicht allein. Ich halte Dich. Ich bin da, wann immer Du Dich schrecklich fühlst. Bei mir findest Du immer einen Arm, in den Du Dich kuscheln kannst.“
Das ist so, so viel mehr wert als ein kurzer Trost und „aufmunternde“ Worte. Diese aufmunternden Worte klingen in den Ohren des Trauernden schal und falsch, denn er weiß es besser: Er ist un-tröstlich.

* * * * *

Nachdenken über Gedenktage: Ist das Datum wichtiger oder der Wochentag?
H.s Zusammenbruch war ein einem Dienstag Morgen – das Datum muss ich immer erst mühsam dazudenken. Unseren letzten gemeinsamen Spaziergang machten wir am Tag davor, also am Montag.

Das fällt mir heute ein als ich im Nieselregen vom Einkaufen zurück nach Hause gehen. Dass wir an diesem Montag vor einem Jahr eine Runde im Schneeregen gedreht hatten, an deren Ende ich in demselben Supermarkt einkaufen war, während er bei sich zu Hause vorbeiging, um nach der Post zu schauen.
‚Und morgen früh ist ‚es‘ dann passiert‘, denke ich. Morgen. Nicht am 12., sondern morgen vor einem Jahr. Denn es war ein Dienstag, und das erscheint mir gerade fast wichtiger als das Datum…

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Beim Steinmetz angerufen und den „Antrag auf Erteilung der Zustimmung zur Errichtung eines Grabmals“ für die Friedhofsverwaltung ausgefüllt und an H.s Schwester zur Unterschrift geschickt. Es soll ja alles seine Ordnung haben, wäre ja noch schöner, wenn da jeder einfach nach eigenem Gusto Steine hinlegen könnte…

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Den Nachmittag so ähnlich verbracht wie gestern: Auf arte.tv eine Mini-Serie geschaut (Nona und ihre Töchter) und nebenbei geräumt, mich bei Booklooker angemeldet und Buchcover eingescannt.

Die Distanz zu allem ist teils wohltuend, teils belastend. Niemand nimmt Kontakt zu mir auf – das ist erholsam und gibt mir den dringend benötigten Raum. Aber ich fühle mich auch isoliert. Nun, es wird auch wieder anders werden, es ist nur eine Frage der Zeit. Ich sollte es genießen…

Die heutigen Glücksperlen:

  • immerhin eine Nachfrage nach meinem Befinden nach der Impfung (es gibt nahe Menschen, die auf einer alltäglichen Basis Anteil nehmen, das tut so gut)
  • die Erleichterung, jetzt mal bis auf weiteres nirgendwo hinfahren zu müssen
  • ohne schlechtes Gewissen eine ganze Tüte Chips gegessen (dafür fällt das Abendbrot aus)
  • die Wohnung ein klein wenig ordentlicher gemacht
  • überwiegend ruhig gewesen, heute nur zwei Weinattacken

Außerdem:

  • Gesehen: Nona und ihre Töchter (Folge 1/9 bis 8/9; arte.tv)
  • Gehört:
  • Gelesen: Elizabeth George: Wer Strafe verdient
  • Geräumt: Schreibtisch, rechte Seite; im kleinen Zimmer Dinge verräumen: Bettwäsche, Einmal-Handschuhe, Selbsttests, Weihnachtshefte von Wohn-Zeitschriften (liegen da seit Weihnachten 2020). Einen Karton durchsehen, der mit „behalten“ gekennzeichnet ist. 90% der Dinge, hauptsächlich Bücher, aussortiert. Anmeldung bei Booklooker. Cover der Bücher scannen.
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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertachtundvierzigste Tag im Danach: Verlust

9. Januar 2022. Sonntag. Die heftigsten Impfnebenwirkungen haben sich verflüchtigt, geblieben ist eine leichte Schwellung der Oberlippe, die noch wandert (zuerst in die Wange, dann zur anderen Seite), der Impfarm schmerzt nur noch bei Druck. Das ist absolut akzeptabel.

Die Gefühle pendeln irgendwo zwischen Traurigkeit, Verlustschmerz, Einsamkeit, Sinnlosigkeit und Resignation, unterbrochen von Anfällen großer Klarheit, Akzeptanz und innerer Ruhe, die aber nicht lange genug anhalten, um die Stimmung insgesamt zu verbessern.

Zentrales Thema: Wenn ich alles alleine machen muss, welchen Sinn hat das dann? Ich muss mich auf andere Menschen beziehen können, brauche das Gefühl, gebraucht zu werden, brauche Anerkennung, Wertschätzung, brauche Zuwendung, Kommunikation, Gemeinschaftlichkeit.

Ich habe Ideen für Projekte, die mich interessieren, aber alleine kann ich die nicht ausführen. Der ideale Partner, auch inhaltlich und wegen seiner Erfahrung, wäre TSO, aber davor scheue ich zurück, er ist ohnehin schon überlastet, und ich bin nicht sicher, ob es mir gut tun würde, mehr mit ihm zu tun zu haben, obwohl ich mir im Grunde genau das wünsche.
Es ist kompliziert.

Der Tag vergeht – mit Hausarbeit, Steuer und Weinen, im Hintergrund laufen beide Staffeln von „The Split“ auf arte.tv. Das Weinen tut gut, irgendwann kann ich die Dinge wieder mit ein klein wenig Distanz sehen. Besser geht es mir trotzdem nicht.

Zu allem Überfluss ruft Freund B. an, er hat H.s Gitarre verkauft. Der Preis ist sehr gering, aber die Gitarre auch in keinem guten Zustand gewesen. Ironischerweise lebt der Käufer in K., wo H. sie ursprünglich gekauft hatte. Nun kommt sie zurück nach Hause. Sie war H. so wichtig und teuer, es zerreißt mir ein wenig das Herz, dass sie nun auch fort ist…

Ich muss lange überlegen, ob es heute auch Glücksperlen gab:

  • ich habe meine Kleidung wieder im Überblick
  • die Impfnebenwirkungen haben nachgelassen
  • Rosenkohl
  • weinen hilft

Außerdem:

  • Gesehen: The Split (S01 5/6 und 6/6, S02 1/6 bis 6/6, dann nochmal S01 1/6 bis 5/6; arte.tv
  • Gehört:
  • Gelesen: Elizabeth George: Wer Strafe verdient
  • Geräumt: Tischdecken bügeln (liegen da seit länger als einem Jahr). Die mittleren drei Ablagefächer im Kleiderschrank (Handtücher, Hosen, Shirts).
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