Anna denkt nach, Anna schreibt, Texte, Zitate

Lots Frau

Kurt Vonnegut schreibt in Slaughterhouse Five über Sodom und Gomorrah und Lots Frau:

„And Lot’s wife, of course, was told not to look back where all those people and their homes had been. But she did look back, and I love her for that, because it was so human.
She was turned to a pillar of salt. So it goes.
People aren’t supposed to look back.“

In meiner Wahrnehmung wird Lots Frau immer wegen ihres Ungehorsams, ihres eindeutigen Verstoßes gegen ein göttliches Gebot ihres Unglaubens verachtet, ihre Strafe als nicht nur gottgegeben sondern auch verdient angesehen.
Vonnegut bewertet das anders, sieht ihren Wunsch zurückzuschauen als menschlich.

Und ich frage mich: Warum sollen Menschen nicht zurückschauen? Warum soll es immer nur vorwärts gehen? Was ist mit den Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können und doch auch sollen?
Warum schaut Lots Frau (die in der Bibel keinen Namen trägt) zurück? Neugier? Sensationslust? Oder vielleicht auch Mitgefühl? Denn auch wenn diese Orte der Sünde und die Sünder in ihnen zerstört werden mussten (?), waren es doch auch Menschen. Und wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Und schließlich haben Lot und seine Familie lange in dieser Stadt (Sodom) gelebt, hatten dort Freunde, Verwandte, Wohlstand, Annehmlichkeiten, eine Geschichte.

Und Gott ließ sie zu Salz erstarren, sie war also verdammt, bis ans Ende der Tage zurückzuschauen auf diesen schrecklichen Ort.
Ist das die Lehre? Dass es irgendwann an der Zeit ist, nicht mehr zurückzuschauen, sondern weiterzugehen? Wenn man genug aus der Vergangenheit gelernt hat?

Kann man je genug gelernt haben? Kann man je verstehen?

Man rät das ja auch Menschen nach einer schmerzhaften Trennung oder einem Todesfall: Du muss nach vorne schauen. Das Leben geht weiter.

Aber kann es für manche Menschen vielleicht doch richtig sein zurückzuschauen? Einfach weil sie noch nicht bereit sind, weiter zu gehen? Weil sie noch etwas aus der Vergangenheit zu lernen haben? Weil da noch unbeantwortete Fragen sind?

Und ist es nicht nach wie vor für eine Gesellschaft wie für den einzelnen Menschen wichtig zu wissen, woher sie kommt, wo ihre Wurzeln sind? Kann man Orientierung für die Zukunft gewinnen, ohne die Vergangenheit zu verstehen?

Dr. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin, hat eine ermutigende Sicht auf die Geschichte:

„Könnte es nicht vielmehr sein, dass Gott vor dem sich Umwenden warnt, um die Menschen auf der Flucht zu schützen. Es geht nicht um eine Gehorsamsprüfung sondern um die Fürsorge Gottes, der Lot und seine Familie vor dem schrecklichen Anblick der brennenden Stadt bewahren möchte. Das Verbot soll die Menschen schützen, die Gott retten möchte.

Gott wollte nicht nur keinen Beobachter des unermesslichen Schreckens bei der Auslöschung der beiden Städte, sondern er wusste, dass Menschen den grauenvollen Anblick seines Strafgerichts nicht überstehen können. Die Salzsäule wäre dann für den Leser der Geschichte nicht der Beleg, dass Gott die Missachtung seines Verbots auf der Stelle und mit aller Härte geahndet hat, sondern dass der Anblick des Grauens dem Menschen nicht nur für einen Moment, sondern für immer den Atem verschlägt.

(…) Es fällt mir nicht besonders schwer, mir vorzustellen, warum Lots Frau zurück geschaut hat, als sie und ihre Familie Sodom gerade eben fluchtartig verlassen hatten. Vielleicht ging es ihr zu alles viel zu schnell? Wahrscheinlich hat sie keiner gefragt, als ihr Mann beschloss zu fliehen? Männer übergehen das Innenleben ihrer Frauen gerne. Vielleicht hat sie sich dem einfach widersetzen wollen, wenigstens für einen Augenblick. Und so hat sie heimlich, hinter dem Rücken ihres Mannes, noch einmal zurückgeschaut auf das Leben, das ihr gerade genommen wurde.

War es Mitleid mit ihren Nachbarn und Freunden –die Töchter wollten bald heiraten. Was sollte aus all den Menschen werden, die ihr nahe standen? Die Kinder von Gegenüber, der Kaufmann, die nette Nachbarin, die Schwiegersöhne und ihre Familien?

Hat sie die Liebe zu den Menschen dort zurückschauen lassen? Auch wenn in der Nacht schreckliche Dinge geschehen waren, ich verstehe, dass die Liebe zu den Menschen, selbst den aggressiven Sodomern, größer sein kann als die Weisung der Engel nicht zurück zu schauen.

Sie konnte noch nicht die Konturen der Zukunft sehen oder ahnen, die uns in den Bildreden Jesu vom kommenden Reich vor Augen gemalt werden. Zu frisch waren die Verletzungen, zu tief der Schock, diese Erlebnisse und Erfahrungen konnte sie in diesem Augenblick noch nicht als Vergangenheit hinter sich lassen.

Stattdessen war ihr Herz voller Anteilnahme mit denen, die verbrannten, voller Erinnerungen an die guten Zeiten.

Ich meine, Frau Lot ist ein Vorbild der Anteilnahme und Empathie. Sie nimmt Anteil am Schicksal der Stadt, die niederbrennt und vergisst dieMenschen nicht, die gerade zu Tode kommen – sie erweist sich als menschlich.

Und sie hat den Preis für ihr Mitleid gezahlt.

Gott wollte sie schonen, aber sie hat sich selbst nicht geschont.

Sie ist erstarrt im Angesicht des Leidens der anderen.

(…) Die Frau hat zurückgeschaut. Sie hat das Leid und das Elend der Menschen in der Stadt gesehen, das Gericht Gottes, unter anderem auch über ihre Schwiegersöhne. Es war so furchtbar, dass das Salz ihrer Tränen sie innerlich erstarren ließ, zur Salzsäule, wie es in der Bibel heißt.

So zahlreich waren die Salzkörner der Tränen der Frau Lot, dass sie eine Salzsäule aufhäuften. Sie ist innerlich gestorben.

(…) Ihre Sehnsucht nach denen, die sie ungefragt verlassen musste, der Mangel, der sich bei ihr daraufhin eingestellt hat, die Sehnsucht, der sie nachgegeben hat, hat sie am Ende verbittern und erstarren lassen.

Sie konnte nicht mehr weiter auf derFlucht.

(…) Frau Lot aber blickte zurück und erstarrte vor Entsetzen zur Salzsäule.

Dieser Satz bringt eine Erfahrung zur Sprache: Der Anblick einer Katastrophe vermag uns zu versteinern.

Ich lese da keine Strafe für einen verbotenen Blick, sondern die Folgedes getanen Blicks, Ausdruck einer Erfahrung, Folge der Rückschau: Der Blick auf die Katastrophe kann überfordern und zu Stein werden lassen.

(…) Die Katastrophen in der Welt sind wirklich, aber sie sind nicht die ganze Wirklichkeit. Wer nur das Unheil sieht verhärtet sich, wird unfähig, sich und andere zu retten. Wird zynisch, depressiv, wie auch immer.“

Quelle: Dr. Rüdiger Sachau: Zur Rehabilitation von Frau Lot. „Sommerpredigt“ des Freundeskreises der Evangelischen Akademie zu Berlin in der Evangelischen Kirche Neuhardenberg. 28.6.2015

Und ich denke, Vonnegut hat das auch gesehen: Das zutiefst Menschliche am Verhalten von Lots Frau. Und nur die schwarze Pädagogik patriarchaler Systeme konnte das anders werten.

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Jahresrückblick 2019

Januar. Drei Todesfälle bei Freunden in K. im Dezember und Januar bringen auch uns den Monat gehörig durcheinander. Wir spenden Trost, organisieren Hilfe, räumen eine Wohnung. Das ist okay, aber unser dringend benötigter Erholungsurlaub nach einem hammermäßig stressigem 2018 ist damit futsch. Ein kleiner Lichtblick ist das in einer Hauruck-Aktion gebuchte Wochenende auf Usedom Ende Januar. Drei Tage reichen zwar nicht zur Erholung, aber die Köpfe wurden freigepustet.

Februar. Viel Arbeit. Alte Projekte fertigstellen, neue beginnen. Eines der großen Angstprojekte starten. Ein großes Geburtstagspaket zum 18. für den Sohn der Freunde auf den Weg gebracht. M. verliert ihr Portemonnaie. Mit Ausmisten beginnen. Die letzte Berlinale unter Dieter Kosslick. Wir bemühen uns, wenigstens gut zu essen. Ich entdecke den ZEIT-Podcast Verbrechen für mich. Beginne Podcasts zu hören. Es ist sogar wieder Zeit für ein bisschen Familienforschung. Die Saison für Vogel-Webcams beginnt.

März. Wieder für 2 Wochen in K. Neben der normalen Arbeit geht es bei und mit den Freunden weiter: Übergabe einer Wohnung und Ausmisten der zweiten. Karneval im Dorf. Auch sonst bin ich aktiv: Spaziergänge, aufräumen, umgraben. Den Beginn der Fastenzeit nutze ich, um zu beginnen, mir grundsätzliche Gedanken über meine Arbeit sowie meine Wünsche und Ziele in Bezug auf meinen Job zu machen. Ich beginne, den Freitag Nachmittag frei zu nehmen und  stattdessen irgendwo bei Kaffee und Kuchen eine Planungs- und Strategiesession abzuhalten. Auch in B. setze ich meine Spaziergänge fort, verbringe viel Zeit mit Nachdenken. Ruhiges Arbeiten an diversen größeren und kleineren Projekten. Ende des Monats steigen wir mit dem Fernsehen von terrestrisch wieder auf Kabel um. Das Privatfernsehen ist inzwischen nicht besser geworden; wir bleiben weitestgehend nach wie vor bei ARTE und den Öffentlich-Rechtlichen hängen.

April. Anfang des Monats geht es schon wieder nach K., diesmal für fast drei Wochen. Ich reagiere nun zunehmend mit Zahnschmerzen auf Stress und Überforderung. Neben normal weiterlaufender Arbeit wieder mit den Freunden in der zweiten Wohnung. H. trinkt viel, schnarcht, ich ziehe öfter nachts um in mein Zimmer. Ostermarkt. Geburtstag des Nachbarn. Ich bin mit allem überfordert und sehr erschöpft. Komme nicht zur Ruhe. Spaziergänge, ein Ausflug in die Vulkaneifel. Anfragen für größere neue Projekte. Ich stelle meine Arbeitsmethoden um, führe neue Routinen ein und spare dadurch unglaublich viel Zeit und Energie. Nach der Rückkehr entdecken wir im Blumenkasten ein Ringeltaubennest. Ostern.

Mai. Ich fange ernsthaft an, an einem Konzept für meine neue Website zu arbeiten. Zu viele Ideen. Ein Taubenküken schlüpft, wächst heran und verlässt das Nest. Viel Arbeit mit der Lieblingskundin. Die neuen Routinen sorgen dafür, dass die Arbeit wieder mehr Spaß macht und ich effektiver bin. Die Bank stellt ihr TAN-Verfahren um (von SMS-TAN zu TAN-Generator oder App). Ich will die Nähmaschine in Gang bringen, um einen Bezug für das löchrige Federbett zu nähen, aber sie sitzt fest. H. bekommt von mir eine neue Decke. Ich erstelle eine Checkliste für Erstkontakte mit Interessenten per Telefon. Ich kaufe einen einmonatigen Zugang zu bestimmten Kirchenbüchern für die Familienforschung (Brandenburg).

Juni. Ein kleines Erdbeben erschüttert meinen Teil des Internet. Viel Diskussion um presseethische Fragen. Ich arbeite an einem Großprojekt für die Lieblingskundin. Familienforschung. Gemeinsam mit der Lieblingskundin entsteht die Agentur-Idee. Mitte des Monats nach K. gefahren. Es ist zu heiß, wir kommen nirgends weiter. Arbeit. Viel Zeit mit und für die Freunde aufgewandt. Ich kann nicht mehr; suche Ausstieg. H. und ich reden endlos und beschließen: Es muss eine Grenze gezogen werden. Die Freundin dreht sich alles zurecht und reagiert auf meine Klarstellungen verschnupft. Kleiner Eklat bei einem Vereinsfest. Fühle mich zum ersten Mal nicht nur nicht willkommen, sondern regelrecht abgewiesen. Stelle alles in Frage. Erschöpfung. Die Nachbarn verbringen eine Abend mit uns im Garten. Langer Stadtspaziergang.

Juli. Rückfahrt nach B. Ich beginne mit Turnübungen: Dehnung, Ausdauer, Muskulatur. Erstelle mir ein Trainingsprogramm, halte aber nicht durch. Ich übernehme zunehmend das Kochen, probiere Neues aus. Heftiger Streit mit H. Kirschen pflücken bei P. Zwei neue Projekte mit der Lieblingskundin, Übernahme SEO für alle Projekte einer anderen Kundin. Neuer Kunde; kann meine Checkliste für Erstkontakte erproben. Lege eine Tabelle für technische Projektinfos an. Räume endgültig das Taubennest ab und bepflanze den Blumenkasten neu mit Sukkulenten, die aber alle nach kurzer Zeit eingehen. Steuererklärung. Zwischendurch immer wieder endlose Gespräche über die Freunde. Tour de France.

August. Informationen über Cookies an ausgewählte Kunden. Ich mutiere wieder zum Erklärbär. Ein großes Angstprojekt abgeschlossen. SEO. Viel Kleinkram. Zerfleddertes Arbeiten. Ich lade Unmengen alter Postkarten von K. herunter, fange mit historischen Forschungen zu einzelnen Gebäuden an. Hadere weiterhin mit Freund und Freundin. Suche nach Schlussstrich. Geburtstage. Vergrabe mich immer wieder monomanisch in bestimmte Themen. Aus Zeitmangel jeweils nur kurz. Erholungsversuche. Es gelingt mir, oft nachmittags Schluss und stattdessen was für mich zu machen oder auszuruhen. Beginnen, Plastikabfall kleinzuschneiden und sparen Unmengen Platz.

September. Große Datenauswertung für einen Kunden. Ärgere mich über H., der wieder verschleppt und dann versucht, Arbeit zu delegieren. Dieses Jahr funktioniert es nicht. Mehrere kleinere Projekte. Starte mit Click-Microjobs. Viel Geld kann man damit nicht verdienen. Bastele eine Geburtstags-Präsentation für H. Mitte des Monats mit M. nach K., dort H.s Geburtstag. Stress und Streit obwohl ich mir sogar weitestgehend freigenommen hatte. Gleich am ersten Tag läuft im Keller das Wasser von der Decke: Irgendein Rohr ist kaputt; das Bad oben wird überwiegend stillgelegt. Dank Warwasser in der Küche waschen wir uns dort. Ein paar Tage vor der Abreise bricht M. der Wasserhahn in der Küche ab. Sehr viel Gewicht zugelegt.

Oktober. Schnauze voll. Abnehmen, bewegen, ausmisten. Lecker kochen. Zweites Angstprojekt abschließen. Mein Leben räumt sich auf. Werde Opfer eines Online-Betrugs. Erstatte Anzeige. Runder Geburtstag einer Freundin; viele alte Bekannte wiedergetroffen. Alles wird gut. Rugby-WM.

November. Der Beschluss, nicht zum Weihnachtsmarkt ins Dorf zu fahren, führt zu unglaublicher Erleichterung und einem erneuten Aktivitätsschub. Mache jetzt jeden Nachmittag gegen drei Uhr Schluss und beginne mit dem systematischen Ausmisten meiner Bücher. Ziel: Die Wohnung bis Nikolaus weitestgehend klar zu haben für Weihnachten. Ich nehme weiterhin gut ab. Koche oft. Arbeitsthema: Cookies. Und SEO. Ein größeres Projekt für eine Kundin, viel Kleinkram für die Lieblingskundin. Besonders ein Projekt zieht sich elend hin. Pläne für Neues. Mit den Freunden spitzt es sich zu. H. zieht immer öfter Grenzen, die Freundin kämpft mit Zähnen und Klauen.

Dezember. Mit dem Nikolaus-Termin haut es nicht hin, aber es ist meine entspannteste Adventszeit seit Jahren. Arbeitsreiche Vormittage, nachmittags wird in der Wohnung gewerkelt. Jedes Adventswochenende steht mindestens ein Ausflug zu einem Weihnachtsmarkt an, mal mit M., mal mit H., mal allein. Der letzte Arbeitstag wird weitestgehend respektiert, die Weihnachtsvorbereitungen sind sehr entspannt. Dennoch kollabieren wir beide nach den Feiertagen und sehnen uns nach Urlaub und Nichtstun, vor allem: nichts planen, nichts organisieren, nichts überlegen. Ich komme zu einer Art Abrechnung mit der Freundin. Kurz vor Jahresende Treffen mit hiesigen Freunden. Herrlich normal. Am 30. Richtung K., dort Silvester ruhig und allein verbracht. Am letzten Tag des Jahres eine angenehme neue Bekanntschaft geschlossen und wieder Warmwasser im Haus.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Das Wochenende an der Ostsee.
Ein sommerlicher Stadtspaziergang.
Dass ich mich endlich von Dingen trennen (und auch befreien) kann, die mir mal existenziell wichtig erschienen und irgendwann nur noch Ballast waren.
All die kleinen alltäglichen Begegnungen mit ganz normalen Menschen.

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Fastenimpulse am Donnerstag nach Aschermittwoch

7. März. Donnerstag. Hat der Donnerstag nach Aschermittwoch auch einen Namen? Man ist jetzt so gewohnt an Schwerdonnerstag, Tulpensonntag, Rosenmontag, Veilchendienstag, Aschermittwoch… Namen, um die „närrischen“ Tage aus dem Einerlei der Wochen herauszuheben – gibt es denn auch Namen für die 40 Fastentage?

Quadragesima heißt die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern.

Die Fasten- bzw. Passionszeit umfasst sechs Sonntage: die fünf Fastensonntage und den Palmsonntag. Ihre Namen leiten sich vom ersten Wort des an diesem Tag zu lesenden Eröffnungsverses der heiligen Messe ab. Lustigerweise benutzen eher die Protestanten die lateinischen Namen der Fastensonntage, während die römisch-katholische Kirche eher durchzählt:

1. Sonntag der Passionszeit – Invocavit/Invocabit (dieses Jahr am 10.3.2019)
2. Sonntag der Passionszeit – Reminiscere (17.3.2019)
3. Sonntag der Passionszeit – Oculi (24.3.2019)
4. Sonntag der Passionszeit – Laetare (31.3.2019)
5. Sonntag der Passionszeit – Judica (7.4.2019)
6. Sonntag der Passionszeit/ Palmsonntag – Palmarum/Dominica in Palmis de passione Domini (14.4.2019)

Die übrigen Tage haben wohl keine besonderen Namen, das geht dann erst wieder in der Karwoche los.

Das morgendliche Internet-Lesefasten wirkt sich bereits aus: Der Kopf will loslegen, und anstatt sich füttern zu lassen, fängt er jetzt selber an, Gedanken und Fragen zu produzieren. Fragen wie die nach den Namen der Fastentage.

Und Ideen: Ist es nicht blöd, alles zu lesende eine Woche aufzuheben und dann am fastenbrechenden Sonntag sozusagen Binge Reading zu betreiben? Wird da der Kopf nicht total überflutet? Würde ich nach einer Woche Nahrung fasten wirklich erst einen Fast-Food-Laden und danach eine Konditorei leer essen? Oder würde ich mir nicht eher ausgewählte Häppchen gönnen, besondere Genüsse, die ich wirklich entbehrt habe?
Sollte ich dann nicht vielleicht doch wochentags jeweils ein bisschen lesen, vielleicht die Posts von einem ausgewählten Blogger? Sozusagen fokussiert konsumieren?

Ich merke, dass ich schon anfange, mich zu behumsen. Andererseits finde ich die Grundidee nicht schlecht, sich sozusagen als Lenkung täglich eine Frage, einen Gedankenanstoß zu holen, über den ich nachdenken und den ich in Bezug auf mein Leben und meine Fragen „bearbeiten“ kann.

Bei der Suche nach den Namen für die Tage der Fastenzeit stoße ich auf die Fastenimpulse auf domradio.de, die letztes Jahr von Kaplan Thomas Hufschmid aus Sinzig verfasst worden sind.
Thomas Hufschmid ist ein junger Priester (* 1990), der erst 2017 zum Priester geweiht wurde und nun als Kaplan (eine Art Hilfspfarrer) in Sinzig am Rhein tätig ist. Junger Mensch und eine Pfarrei, die hier sozusagen um die Ecke liegt, das passt, denke ich, also wähle ich mal seinen Fastenimpuls zum Donnerstag nach Aschermittwoch aus dem Jahr 2018 als heutigen Denkanstoß heraus.
(2019 gibt übrigens die Franziskanerin Schwester Katharina Hartleib, Ordensfrau in Olpe, die Fastenimpulse.)

Der Impuls von Kaplan Hufschmid bezieht sich auf das persönliche Glück. Darauf, wie sich hinter der Fassade von äußerem (materiellen) Glück häufig persönliches Unglück verbergen kann. Auf die Frage nach dem „wahren“ Glück. Ob das Glück wirklich in Dingen und Erlebnissen, also im Konsum, liegt und was wir brauchen, um unser inneres, tieferes Glück zu finden.
Das ist natürlich nicht nur ein philosophischer Dauerbrenner sondern auch eine Frage, die momentan wieder voll im Trend liegt: Was nützt materielles „Glück“, wenn wir beim Erwerb desselben die Umwelt und damit unsere Lebensgrundlage zerstören? Wie finde ich durch Reduktion meines Besitzes (Mari Kondo!) größere innere Zufriedenheit?

Mal abgesehen davon, dass ich die Postulierung einer Gegensätzlichkeit von „äußerem“ und „innerem“ Glück problematisch finde, schließlich schließt das eine das andere nicht aus und es gibt  erhebliche Wechselwirkungen und Abhängigkeiten, so soll es mir doch heute nicht um eine Begriffskritik gehen, sondern um den zugrundeliegenden – vielleicht wegen der Allgemeinverständlichkeit etwas zu pauschal und undifferenziert formulierten – Gedanken:

Für mich persönlich glaube ich sagen zu können, dass ich bereits inneres Glück erreicht habe. Für mich liegt das Glück darin, bei mir selbst sein zu können, ich sein zu dürfen, mein Leben selbst gestalten zu können. Materieller Wohlstand kann dabei enorm helfen, aber ich finde mein Glück auch ohne Geld. Die Existenz muss halt gesichert sein, alles weitere ist Luxus, und den genieße ich auch sehr bewusst, wenn er mir mal zuteil wird.

Ich weiß, dass ich nach außen auch durchaus materiell gutgestellt wirke. Wie schwer dieses bisschen Geld verdient ist und mit wieviel Sorgen jeden Monat die Existenzsicherung verbunden ist, lasse ich in der Regel nicht erkennen. Zum einen weil ich selbst nicht ständig darüber nachdenken will, zum anderen weil ich es zwar belastend finde, mich davon aber nicht verunsichern lassen will: Wer sich in eine Opferrolle begibt, verliert irgendwann den Ehrgeiz, die Situation zu ändern oder wirklich zu akzeptieren.

Hufschmid appelliert daran, sich auf die „wahre innere Freude“ zu besinnen.

Ich will zwar einiges ändern in meinem Leben, vor allem im Beruflichen, aber die wahre innere Freude habe ich – bei allem Zynismus, der mich auch auszeichnet – gefunden und will sie festhalten.
Mehr „äußeres“ Glück im Sinne eines materiell Besser-als-Existenzminimum-Gestelltseins strebe ich aber als Ergänzung ebenfalls an. Einfach, damit mich im Alter die Sorge um die Existenz nicht das Leben und das innere Glück kosten.

*******

Nachmittags dreienhalbstündiger Spaziergang in feinstem Aprilwetter: Sonne, Wolken, Sturmböen, Regengüsse, Regenbogen. Oben auf der Höhe den weiten, weiten Blick tief in die Eifel, den Hunsrück, den Westerwald und den Taunus hinein genossen. Das Spiel von Licht und Schatten auf den Hangwiesen beobachtet. Danach wunderbar erschöpft, aber – dank einer interessanten Aufgabe und persönlicher Neugier – nochmal vier Stunden an einem neuen Projekt gearbeitet. Auf dem Sofa im Wohnzimmer.

Woran ich mich erinnern will:
Bei Wind  u n b e d i n g t  eine Mütze aufsetzen, sonst Migräne!

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Anna schreibt, Texte

Unterströmung

Sie war eine Mörderin, da gab es nichts zu beschönigen. Schlicht und ergreifend eine Mörderin. Sie hatte gemordet durch Unterlassung, und damit würde sie von nun an leben müssen.

A. fröstelte, als sie aus der Tür des Krankenhauses in den sonnigen Februartag hinaustrat. Aus der Tür des Krankenhauses, in dem C. soeben, durch schwere Medikamente betäubt, gestorben war – in ihren Armen gestorben war. Sie zog die Jacke fester zu, obwohl keine Jacke der Welt etwas gegen die Kälte in ihr ausrichten konnte. Sie war wie betäubt.

Als sie vor wenigen Stunden in Panik mit C. ins Krankenhaus gefahren war, war sie noch sicher gewesen, man könnte irgendetwas für ihn tun, eine Infusion, eine Operation, Medikamente – man kann doch immer irgendetwas tun! –, aber nach einer ausgiebigen Untersuchung machte der Arzt ihr keine Hoffnung. Und kurz darauf war C. tot. Durch ihre Schuld.

Blind lief sie durch die wohlbekannten Straßen. Die Sonne schien – wie kann die Sonne einfach weiter scheinen?! – und die Menschen saßen eingemummelt in Decken vor den Cafés und genossen ihren Latte Macchiato. Wie können sie nur einfach alle weitermachen als wäre nichts geschehen?!

Als sie schließlich vor dem Friedhofstor stand – wie war sie hierher gekommen? – öffnete sie ohne groß nachzudenken die Pforte und trat ein. Reihe um Reihe standen hier die Grabsteine wie Soldaten unter alten Bäumen. Bisweilen war wohl ein Soldat müde vom Strammstehen geworden und eingenickt, dann neigte sich ein Stein der Erde zu. Sie schlenderte die Reihen auf und ab, nahm die Truppe ab, wie ein General schritt sie endlose Reihen von Steinen ab, ein müder, desillusionierter General. Hier und da las sie eine Widmung, die Zeile eines Gedichts oder Psalms. Auf manchen Gräbern blühten Schneeglöckchen, sie sah sie und vergaß sie augenblicklich.

Sie war nicht hier und nicht woanders, sie war nirgendwo, sie war sich selbst verlorengegangen in diesen Stunden, in denen sie ziellos herumwanderte.

Tot. Weg. Durch meine Schuld. Mea culpa. Mea maxima culpa.

Fünf Jahre später war es wieder ein sonniger Tag, und wieder saßen die Menschen vor den Cafés.
Sie hatte sich mittlerweile damit abgefunden, dass die Sonne einfach schien, egal, wie es den kleinen Menschenwesen auf diesem blauen Ball, der sie umkreiste, eben gerade ging. Sie schien auf Schlachtfelder ebenso wie auf blühende Gärten, auf Todeslager ebenso wie auf Wochenbetten. So ist es halt. Ebenso, dass für alle anderen das Leben weiterging – wie oft hatte sie in den vergangenen fünf Jahren den Moment genossen, gelacht, über einen albernen Witz, während vielleicht die Frau neben ihr gerade innerlich starb? – so ist das Leben.

Nur eins änderte sich nicht: Das Bewusstsein ihrer Schuld. Die Schuld, von der keine Beichte, keine Therapie, weder Mensch noch Gott sie je befreien konnte. Die Schuld brannte immer noch genauso stark in ihrer Seele wie vor fünf Jahren.

Mea culpa. Mea maxima culpa.

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Anna schreibt, Texte

Ein Tag im Jahr: 30 September 2018

Angelehnt an das Projekt „Ein Tag im Jahr“, initiiert von Susanne Hösel und Christina Müller, und das gleichnamige Buch von Christa Wolf zeichne ich möglichst genau auf, was an einem Tag im Jahr in meinem Leben geschieht. Dies soll dann am selben Tag in jedem Jahr wiederholt werden.
Ausführlicher beschreibe ich das hier.

Nun denn, der 30. September 2018 (Sonntag):

Ich hatte unruhig geschlafen und wild geträumt, wie schon seit ein paar Tagen. Als ich die Augen öffnete, erschien es mir dunkel, also früh. Dann fuhr ein Auto vorbei. Ein heftiges Gefühl von Déja vu. Fährt nicht jeden Morgen ein Auto vorbei, wenn ich gerade wach werde? Der Kopf beginnt zu arbeiten: Wenn jetzt ein Auto vorbeifährt, und wenn jeden Morgen ein Auto vorbeifährt, wenn ich wach werde, heißt das dann ncht, dass es keineswegs zu früh ist, sondern vielmehr tatsächlich Zeit, jetzt aufzustehen? Eine andere Stimme argumentiert dagegen: Du bist in der Großstadt. Hier fahren wahrscheinlich die ganze Nacht über Autos vorbei, auch wenn das eine ruhige Seitenstraße ist. Die widerstreitenden Stimmen gehen mir auf die Nerven und ich beschließe, endgültig aufzuwachen und die Augen zu öffnen, wenn innerhalb von fünf Minuten ein weiteres Auto vorbeifährt. Fünf Minuten, das sind 300 Sekunden, also beginne ich zu zählen: Eins – Pause – Pause – zwei – Pause – Pause – drei… Ich komme bis etwa dreißig, dann weiß ich schon nicht mehr, ob ich die Dreißiger jetzt schon gezählt habe oder noch bei den Zwanzigern war, und während ich noch darüber nachdenke, schlafe ich wieder ein.

Kurz darauf wache ich wieder auf, diesmal ist es tatsächlich grau, also wenigstens nach 6 Uhr, die Sonne hat es noch nicht über die Häuser geschafft, und das Morgenlicht wird durch jetzt noch dichtbelaubte Platanen gefiltert, deshalb ist es in meinem Zimmer, das überdies nach Norden geht, immer bedeutend dunkler als draußen.

Nun drängt auch die Blase, es ist also Zeit aufzustehen, egal wie spät – oder früh – es sein mag. Beim Gang zur Toilette schaue ich aufs Telefon, das auf dem Schreibtisch liegt – das Handy, das sonst am Bett liegt, mein altes, das mir jetzt nur noch als Uhr dient, liegt noch irgendwo auf dem Boden neben der Steckdose, wo ich es vorgestern zum Laden eingesteckt hatte. Was brauche ich denn am Wochenende eine Uhr? Ich will schlafen, wie mir ist. Die Uhr auf dem Schnurlostelefon auf dem Schreibtisch zeigt 6:38 Uhr. Das ist doch eine gute Zeit, denke ich und gehe zur Toilette.

In der Wohnung, in der ich seit 24 1/2 Jahren wohne, gibt es kein Bad im eigentlichen Sinne. Vom Flur ist ein Kämmerchen abgeteilt, darin befindet sich eine Toilette und ein kleines Waschbecken. Theoretisch gibt es hier nur kaltes Wasser, aber das Wasserrohr liegt direkt am Heizungsrohr und so kann man sich im Winter, wenn man schnell ist, sogar mit warmem Wasser die Hände waschen. Über dem Kabuff befindet sich ein kleiner Hängeboden. Extra-Stauraum, der sehr notwendig ist in dieser kleinen Wohnung ohne Keller oder Kammer. In der Küche wurde mit Rigips-Wänden eine Ecke abgetrennt, etwa 80 x 120 cm groß, und ein winziges Bad eingebaut, bestehend aus einer Dusche und einem Waschbecken. Für mich ist das völlig ausreichend, ich nutze lieber jeden Quadratmeter Wohnfläche als mir ein Riesen Wellness-Bad zu leisten, das 23 Stunden am Tag leer steht. Und schließlich: In H.s Wohnung gibt es noch nicht mal eine Dusche, er wäscht sich in der Küche. Geht auch.

Zum Wachwerden lese ich morgens auf der Toilette, am liebsten mit dem Kindle, denn dann muss ich im Kabuff das Licht nicht anmachen, das ist so hell und beißt mir morgens unangenehm in die noch nicht wachen Augen. Der Kindle aber hat eine winzige LED-Leselampe (mein Kindle ist noch von der alten Sorte und hat kein Display mit Hintergrundbeleuchtung). Das ist morgens sehr angenehm.

Ich bin in den letzten Zügen von „Shining“ von Stephen King, das ich nun bereits zum dritten Mal lese. Ich lese es im Original auf Englisch, das versuche ich nach Möglichkeit. Oft sind die englischen eBooks bei Amazon auch billiger als die deutschen Übersetzungen. Ich lese gerade den Showdown kurz vor Schluss und bleibe deshalb etwas länger auf der Toilette als es sein muss, also etwa eine halbe Stunde.

Dann mache ich in der Küche den Wasserkocher an, gehe ins kleine Zimmer, starte den Rechner, öffne das Fenster, rieche den Morgen (heute duftet es von der nahegelegenen Kaffeerösterei, demnach herrscht Ostwind, also wird es kalt) und hole meinen Kaffeebecher vom Schreibtisch.

Seit Jahren trinke ich meinen Alltagskaffee aus einem weißen Steingutbecher, der mit blauen Muscheln, Seesternen und Schnecken dekoriert ist und den ich, glaube ich, mal in Binz erstanden habe. Vielleicht aber auch in irgendeinem Wohnshop, ich weiß es nicht mehr. Der erste Kaffee am Morgen ist immer ein löslicher Kaffe, selbst jetzt noch, wo ich die schicke neue Kaffeemaschine – nein, den „Kaffee-Vollautomaten“ – mein eigen nenne.

Inzwischen ist der Computer hochgefahren. Windows-Anmeldung, seit Tagen begrüßt mich ein Bild von irgendwelchen Inseln im Golf von Thailand, ich habe sie satt, es könnte jetzt mal ein neues Bild kommen. Ich starte die üblichen Dateien: eine Text-Datei mit dem Tages- und Wochenplan (sowie einer losen Sammlung von Notizen, die sonst keinen Platz haben), die Datenbank mit meiner Zeiterfassung und den Firefox.

Der erste Stop ist die Webcam aus Neuwied, die seit dem Sommer auf den Kühlturm des ehemaligen AKW Mülheim-Kärlich gerichtet ist und über die man dessen Abriss beobachten kann. Der Kühlturm, mit ursprünglich 162 Metern höher als der Kölner Dom (157 m), wird seit Juni kreisförmig von oben nach unten mit einem Spezialbagger abgetragen, der extra für diesen Zweck konstruiert wurde. Ich liebe das minütlich aktualisierte Bild, das mir zeigt, wie das Wetter ist, wie morgens der Nebel vom Rhein aufsteigt, wie die Sonne wandert und sich der Himmel im Laufe des Tages verändert.

Dann schaue ich bei Flickr vorbei, welche neuen Bilder in meiner Rategruppe veröffentlicht wurden und ob ich etwas davon erkenne. Das gehört auch zu meiner Morgenroutine, die ich strikt einhalte, egal an welchem Wochentag – sie hilft mir, in den Tag und zu mir selbst zu finden, gibt meinem Denken Struktur und gibt mir die nötige Starthilfe, um gut in und durch den Tag zu kommen. An einem Werktag schiebe ich noch eine kurze Meditation ein, um mein „Bild des Tages“ zu finden, das leitet mich dann durch den Arbeitstag und hilft, wenn die Motivation nachlässt.

Als nächstes folgt der Blick in den Feed-Reader: aussortieren und löschen, was mich nicht interessiert, Fachliches für später, Blogs („Lesefutter“) für gleich. Heute sind es Beiträge vom Kiezschreiber, von Frau Brüllen, von Buddenbohm & Söhne, dmtg, Petrolgrau, A Small Fiction, flfnd und streifzug, die mich eine gute Stunde beschäftigen. Von den übrigen Menschen, die ich regelmäßig lese, ist so früh noch nichts Neues online, das kommt später in einer zweiten Runde.

Dann hier den Tagesbeitrag von gestern geschrieben und noch etwas Twitter gelesen. Ich habe erst vor wenigen Tagen mein Twitter-Profil eingerichtet und suche mir noch interessante Lektüre zusammen und Profile, denen ich folgen möchte.

Dann geht es an die Nachrichten aus der Welt, Deutschland (Tagesschau), Berlin-Brandenburg (RBB) und dem Rheinland (SWR).

Die Schlagzeilen bei der Tagesschau heute morgen:  Mehr als 830 Tote in Indonesien (nach dem verheerenden Tsunami von Freitag), Tesla-Chef wird teilweise entmachtet (nachdem er durch einige unbedachte Äußerungen den Börsenkurs seines Unternehmens durcheinandergebracht und – gasp – ANleger verwirrt hatte), Trump verteidigt Kavanaugh – „Ich brauche keinen Plan B“ (Buddies halten zueinander – gleich und gleich gesellt sich gern), Gesprächsfaden wieder aufgenommen (Kommentar zum Erdogan-Besuch in Deutschland), Falsche Belege für „Messereinwanderung“ (die x-te Klarstellung von AfD-Propaganda durch den Tagesschau-Faktenfinder), Tausende Menschen bei Anti-Rassismus-Demo in Hamburg, Mays Kampf ums politische Überleben („Auf dem Tory-Parteitag geht es für die britische Regierungschefin nun um alles“), Referendum in Mazedonien „Wir müssen nach Europa“ (die einen wollen raus, die anderen rein), Protest im Kosovo gegen Gebietstausch (wie es dort gärt, bekommen wir hier in der Regel gar nicht mit), Nordkorea klagt über Sanktionen.
Die Lokalnachrichten aus Berlin/Brandenburg und Rheinland-Pfalz brachten nichts, was ich für erwähnenswert halte.

In einem Blog ein Link gefunden zu einem correct!v-Artikel über „Gefühlte Kriminalität“ – wie Pressemitteilungen unsere Wahrnehmung von Verbrechen und in der Folge von gefühlter Sicherheit manipulieren. Allein beim Überfliegen rege ich mich schon wieder auf; ich spare mir die ausführliche Lektüre für später oder einen anderen Tag. Immerhin ist jetzt auch der correct!v-Feed in meinem Reader.

Kurz Mails überflogen aber außer Spam und ein paar Newslettern nichts drin. Kein Kunde, der Wochenendarbeit eingeschoben hat und mich mit Material „versorgt“. Gut.

Ich überlege kurz, ob ich mir den zweiten Kaffee mache – nun einen „richtigen“ aus der Maschine dem Vollautomaten – und losarbeite oder ob ich meinem gestrigen Plan folge, einen kleinen Photo-Spaziergang zu machen. Als Entscheidungshilfe gehe ich erstmal auf die Toilette und lese „Shining“ zu Ende.
Danach ist es halb zehn und ich entscheide mich für den Spaziergang

Ich gehe nur ums Eck, deswegen muss ich mich nicht besonders anziehen: enge schwarze Jeans, dazu ein schwarzes Oversized T-Shirt, beige Stoffschuhe und darüber die braune Sweatjacke. „Braun und schwarz passen ab-so-lut nicht zusammen,“ höre ich meine Mutter sagen und zeige ihr den mentalen Stinkefinger. Wer Sonntags morgens in Kreuzberg unterwegs ist, interessiert sich bestimmt nicht für meine Klamottenwahl. Und selbst wenn: Wem’s nicht passt, der kann ja wegschauen.

Draußen ist es sonnig und knackig kalt, klare, saubere Luft, knallblauer Himmel. Herrlich. Ich gehe hinunter zur nahegelegenen Hauptstraße, fotografiere (noch) grüne Bäume vor blauem Himmel, sonnenbeschienene Fassaden, Skurrilitäten, die ich in Schaufenstern entdecke. Die einzigen Leute, die um diese Uhrzeit unterwegs sind, sind englischsprachige Menschen, die hier seit einigen Jahren in großer Zahl hinziehen. Sie sind zunehmend die einzigen, die sich die exorbitant gestiegenen Mieten noch leisten können, die im Vergleich zu London oder New York immer noch ein „steal“ sind.

Ich wandere zum Kanal, schaue ins algengrüne Wasser, ignoriere die bettelnden Schwäne und genieße Sonne, Luft, Himmel und morgendliche Ruhe. Am Himmel über dem Kanal ein halber Mond. Abnehmend. Die Regel habe ich als Kind gelernt und nie vergessen. Begreife nicht, wie man das verwechseln kann, genauso wie das mit der Sommer- und der Winterzeit. Die Leute geben sich nicht nur keine Mühe, sie scheinen sich in ihrer Unwissenheit zu gefallen – ‚Ich habe alles versucht, ich kapier das nicht/ kann mir das nicht merken.“ Anstatt einfach zuzugeben, dass es ihnen im Grunde pupsegal ist und sie es sich deshalb nicht merken. Ist doch nichts Schlimmes bei. Nicht mal hier in der schönen Morgensonne kann ich aufhören, mich über andere Menschen aufzuregen.

Zurück laufe ich auf der Schattenseite und fotografiere die gegenüberliegenden Häuser. Heute ist perfektes Wetter um Bilder für Hochglanzmagazine zu schießen. Eine Frau in meinem Alter kommt mir entgegen, die fotografiert bei jedem zweiten Geschäft die Auslagen. Wir sind offenbar in ähnlicher Mission unterwegs…

Eigentlich hatte ich eine größere Runde geplant, wollte noch zur Bank, Geld am Automaten abheben, aber an einer zum Abbiegen nach Hause günstigen Stelle signalisiert mein Kamera-Akku „leer“, also drehe ich ab. Der Akku taugt nichts mehr, und ich hatte ihn Anfang der Woche schon etwas strapaziert, ich muss einfach daran denken, ihn früher wieder aufzuladen.

Am Platz sammle ich noch ein paar Kastanien ein, die jetzt in Massen herumliegen. Als ich Kind war, hätte es das nicht gegeben – wir kannten jeden Kastanienbaum auf unserem Schulweg und stopften uns morgens und mittags die Taschen voll, wenn wir das Glück hatten, früh genug da zu sein, um überhaupt noch welche zu finden. Als ich hierher zog, wurden auch noch fleißig Kastanien gesammelt, aber seit ein paar Jahren scheint das völlig aus der Mode gekommen zu sein. Ich bücke mich heute noch reflexhaft nach den wunderschön gemaserten, dunkelbraunen, glatten, glänzenden Kugeln, die so angenehm in der Hand liegen, und stopfe mir regelmäßig die Jackentaschen voll. Zu Hause kommen sie dann als Herbstdeko auf den Esstisch.

Als ich zurückkomme, ist H. gerade aufgestanden – ihm ist, zum Glück noch rechtzeitig, eingefallen, dass er um halb elf einen Fernwartungs-Termin mit einem Kunden im Saarland hat.

Mich hat der Spaziergang hungrig gemacht und ich rühre mir ein halbes Müsli an, bestehend aus verschiedenen Getreideflocken, Magerquark, Milch, einem halben Pfirsich und ein paar späten Himbeeren. Ein halbes Müsli, weil ich gestern Frischwurst gekauft habe, darunter eine sehr appetitlich aussehende kräftige Leberwurst mit Zwiebel und Majoran, die will ich heute unbedingt auf dem frischen Kartoffelbrot probieren….
Zum Müsli fange ich mit der Fortsetzung von „Shining“ namens „Doctor Sleep“ an, und hinterher gibt’s endlich den zweiten Kaffee des Tages, diesmal einen aus dem Automaten – das klingt zwar wie im Krankenhaus, ist aber unvergleichlich leckerer.

H. ist um elf Uhr fertig und überlässt mir wieder meinen Computer, an dem er gearbeitet hatte. Er geht ans Fenster, raucht eine halbe Zigarette und kehrt dann ins Bett zurück, um Nachrichten zu lesen. Währenddessen räume ich die gestern gewaschene und nun trockene Wäsche weg und sinniere zum x-ten Mal darüber nach, was ich denn tun werde, wenn es mir wirklich gelingt, die avisierten vielen Kilos abzunehmen: Werde ich meine Dicken-Klamotten behalten weil man weiß ja nie? Oder hebe ich ein, zwei Stücke als mahnende Erinnerung auf? „Diesen Fluss quere ich, wenn ich ihn erreiche“ sagte irgendjemand Schlaues und vielleicht sollte ich diese Überlegungen tatsächlich aufschieben. Andererseits sind das ja auch motivierende Gedanken. Das erwünschte Ergebnis visualisieren und so.

Ich recherchiere nach Filialen eines Discounters, die morgen auf meinem Weg durch die Stadt liegen könnten, weil ich im aktuellen Prospekt Glasglocken mit Holzboden entdeckt habe, in die man kleine Landschaften bauen kann. Zwei Möglichkeiten gibt es, wahrscheinlich wähle ich die etwas unbequemere, weil sie eher am Ende meines Weges liegt und ich dann die Glasglocken nicht durch die Stadt tragen muss.
Anschließend schreibe ich den ersten Teil dieses Textes.

Kurz darauf rappelt sich H. aus dem Bett, er hat nun keine Ruhe mehr, ist endgültig wach. Also geht er ins Bad und deckt den Frühstückstisch, dann bekomme ich – endlich! – mein heiß ersehntes Leberwurstbrot, das genauso lecker ist, wie ich es mir vorgestellt hatte…

Nach dem „Frühstück“ ist es halb eins, ich schreibe hier noch ein wenig am Text, aber dann muss ich auch mal mit „sinnvoller“ Arbeit anfangen, also welcher, die Geld bringt. Momentan arbeiten wir beide auch am Wochenende, das ist zwar nicht gut und stresst uns auch ganz ordentlich, aber wir haben beide ein bisschen zu viel auf dem Zettel und versuchen, am Wochenende ungestört wenigstens ein paar der dringendsten Sachen abzuarbeiten. Durch ein gemeinsames Projekt, das in den letzten beiden Wochen etwas aus dem Ruder gelaufen ist, sind wir nun beide im Hintertreffen und nutzen die „freien“ Tage zum ungestörten Arbeiten. Es ist erstaunlich, was man schaffen kann, wenn die üblichen alltäglichen Ablenkungen in Form von Anrufen und Mails wegfallen…

Bei mir kommt nach dazu, dass ich am nächsten Wochenende nach K. fahren werde und darum vor der Abfahrt noch so viel wie möglich erledigt haben möchte. Zwar werde ich dort auch arbeiten, aber es schadet nichts, die ersten Tage etwas ruhiger angehen zu können. Auch insgesamt möchte ich jetzt mal an nur zwei bis drei Projekten gleichzeitig arbeiten, nicht an acht oder neun.

Als erstes steht nochmal eine Nachbesserung der Korrektur einer Excel-Tabelle an, die ich letzte Woche für das gemeinsame Projekt erstellt hatte. Das ist schnell erledigt. Es folgt eine kleine Programmierarbeit in meinem Lieblings-CMS, an der ich mir gestern die Zähne ausgebissen hatte, die ich heute aber mit einem Workaround relativ zügig hinbekomme. Es ist ja auch im Kundensinne, wenn ich manchmal ein wenig pfusche, denn den Aufwand, 100%-ig sauberen und perfekten Code abzuliefern würde mir letztendlich niemand bezahlen (wollen).

Nach einer Stunde konzentrierter Arbeit brauche ich eine Pause und lese bei der Kaltmamsell ihren Wanderbericht über ihre erste Etappe auf dem Westerwaldsteig (Herborn – Breitscheid). Die Bilder zeigen, dass es dort schon wirklich herbstlich ist. In einer Woche bin ich dort ganz in der Nähe… Hoffentlich ist das Wetter so, dass ich auch mal wandern gehen kann – und hoffentlich finde ich überhaupt Zeit dafür neben der Geld-verdien-Arbeit, der Gartenarbeit, der Hausarbeit und den sozialen „Verpflichtungen“…

Ich beginne mit der Arbeit am dritten Kundenprojekt heute, ebenfalls einer etwas kniffligen Aufgabe in meinem Lieblings-CMS, aber die Luft ist raus, ich kann mich nicht mehr gut konzentrieren. Außerdem beginnt draußen vor meinem Fenster Punkt drei Uhr nachmittags das Erntedankfest der benachbarten Kirchengemeinde mit Gottestdienst unter freiem Himmel, unterstützt durch Musik, Gesang und einen Pfarrer samt Mikrofon. Die kirchlichen Gesänge und das pastorale Predigen, das ich zwar inhaltlich nicht verstehe, aber allein schon der Tonfall iritiert mich dermaßen, dass ich die Geräuschkulisse nicht ausblenden kann und nachhaltig in meiner Konzentration gestört bin. Wenn hier jetzt stattdessen ein Muezzin gerufen hätte, wäre vermutlich die Polizei angerückt wegen Störung der Sonntagsruhe…

Als Gegenprogramm zur religiösen Zwangsberieselung lese ich ein bisschen in den letzten correct!v-Beiträgen herum, wobei ich an der lesenswerten Reihe „Auf eine Shisha mit…“ hängenbleibe.

Da es draußen immer noch predigt und singt, kann ich eigentlich auch richtig Pause machen, eine Kleinigkeit essen und ein paar Seiten lesen. Ich bastele mir meinen derzeit liebsten Mittags-Imbiss: zwei, drei Fitzel gebratenes Gefügelfleisch mit Gurke oder Paprika, heute kommt noch ein Pilz hinein, darüber Joghurt, Milch und etwas Sweet Chili Soße. Mjam.
Gleich anschließend gibt’s den Nachmittagskaffee (aus dem Automaten…), dazu eine halbe Streuselschnecke, die gestern schon nicht mehr frisch war und heute nur noch trocken und süß ist. In Kaffee getunkt ist sie aber essbar. Dazu „Doctor Sleep“, während H. neben mir am Esstisch sitzt und konzentriert arbeitet.

Dann sind sie draußen endlich fertig mit Erntedanken und ich quäle mich wieder an meinen Computer.
Erstaunlicherweise geht mir die Arbeit jetzt wieder leichter von der Hand, ich mache alles frteig, noch etwas Feinschliff, noch ein paar Zugriffsrechte anders setzen und – fertig! Die übrigen drei Aufgaben, die für heute auf dem Zettel standen, verschiebe ich ohne Gewissensbisse auf morgen, wohl wissend, dass ich sie da auch nicht erledigen werde, weil ich vormittags unterwegs bin und nachmittags vermutlich hundemüde.

Egal, es ist jetzt zwanzig nach fünf, ich bin erschöpft und ausgepowert und kann weder Lust noch Konzentration aufbringen.
Feierabend!

Zum Abschluss noch ein Blick in die Nachrichten, aber es ist nichts wesentlich Neues dazugekommen, keine größeren Katastrophen sind im Laufe des Tages passiert, das ist doch auch etwas. Nochmal ein Blick auf die Webcam in Mülheim-Kärlich, der Turm wird jetzt schön von rechts angesonnt und zeichnet sich scharf vor dem klaren blauen Himmel ab. Schön.

Ich schreibe den Nachmittag hier auf, dann nochmal der Blick in die Nachrichten, in den Feedreader, in die Rategruppe, nach Mülheim-Kärlich. Dort ist der Himmel jetzt um kurz nach sieben lila, in meiner Wohnung ist es dunkel. Die Platanen, sie filtern das Licht. Der Himmel ist grau, die Sonne ist schon untergegangen. Jetzt wird es auch draußen schnell dunkel.

Mir fällt ein, dass ich heute das Sonntags-str8ts-Rätsel komplett vergessen habe. Ich rufe es auf und vertiefe mich eine Weile darin, inzwischen ist es halb acht.
Das Rätsel entpuppt sich als zu knifflig, darum breche ich ab. Werde es im Laufe der Woche nochmal versuchen, für heute bin ich zu müde.

Abends im Fernsehen die ersten drei Teile von Babylon Berlin; meine Meinung dazu ist durchwachsen. Ich habe sie hier aufgeschrieben.
Bald ins Bett, heute ohne vor dem Einschlafen noch zu lesen. Zu müde.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Über das Schreiben, Texte

Ein Tag im Jahr

Das wunderbare Projekt „Ein Tag im Jahr“, initiiert von Susanne Hösel und Christina Müller, lockt mich, es auch zu versuchen: Im Geiste von Christa Wolf einen Tag im Jahr minutiös zu protokollieren, und dies am selben Tag in jedem Jahr zu wiederholen.

Christa Wolf wählte den 27. September – sie folgte im Jahr 1960 einem Aufruf der Moskauer Zeitung Iswestija, den 27. September 1960 zu beschreiben. Die Idee ging zurück auf einen vergleichbaren Aufruf von Maxim Gorki aus dem Jahre 1936, der unter dem Titel „Ein Tag der Welt“ in der damaligen Sowjetunion große Popularität erlangte. Christa Wolf beschrieb fortan bis zu ihrem Tod 2011 jeden 27. September; im Jahr 2003 veröffentlichte sie die Tagebucherzählungen der ersten 40 Jahre unter dem Titel „Ein Tag im Jahr (1960–2000)“, 2013 wurde aus dem Nachlass ein Nachfolgeband mit dem Titel „Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert“ veröffentlicht, der ihre Aufzeichnungen zum 27. September der Jahre 2001 bis 2011 enthält.

Nun muss es für mich nicht der 27. September sein – überhaupt bin ich noch am Überlegen, ob es für mich sinnvoller ist, exakt diesen Tag zu beschreiben oder nicht eher meine generelle Verfasstheit zu dieser Zeit des Jahres. Beides könnte interessant sein, vielleicht sind es auch zwei Projekte.

Nun denke ich soviel an einem Tag, dass ich, wollte ich das alles aufschreiben, nicht mehr zum Denken käme, keine Zeit hätte, den Tag zu leben – das macht das Unterfangen schwierig. Ich werde also wohl über den Tag Notizen hinwerfen, Schlagwörter, Bilder, Andeutungen und das dann in den Folgetagen ins Reine schreiben müssen.

Versuchen wir es…

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Anna schreibt, Texte

Captcha-Lyrik #1

inzwischen Bargeld

Dieser Nutzern
wenn Gericht
Intel Kraft
bestehen manueller
hilft Dozenten
bekannte Sobald
folgen Betatester
gefahrlos hinziehen
ueber verfolgt
Versuchen Hilfe
Youtubern zugunsten
passende folgen.

Das auf heise.de beim Versenden von Artikeln per e-Mail eingesetzte Captcha zeigt als Sicherheitsabfrage jeweils zwei (scheinbar) beliebige Wörter an, die der Nutzer in ein Feld schreiben muss, um das Formular absenden zu können. Durch mehrfaches Neuladen einer Seite wird jeweils ein neues Wortpaar erzeugt. Es ist erstaunlich, was die eigene Fantasie aus diesen willkürlichen (?) Wortpaarungen für Geschichten konstruieren kann…

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Anna schreibt, Texte

Schlecht gewählt

„Du hast schlecht gewählt“ knurrte Hellmuth bösartig, während er sich über Erikas Teller beugte und das gammlige Fleisch unter der Panade hervorpulte.
„Als hätte ich eine Wahl gehabt“ fauchte Erika, „wo Du doch alles austauschst, was ich mir vorbereitet habe.“ Sie funkelte ihn böse an. „Und das, wo die Kinder da sind“, setzte sie noch hinzu. Als wüsste sie nicht, dass er sie genau deswegen heute besonders demütigte. Vorführen wollte er sie, sonst nichts. Wie konnte ein Mann so bösartig sein? Sie wunderte sich das nicht zum ersten Mal in ihrer nun bald fünfzigjährigen Ehe.

„Ja, was passiert denn, wenn ich Dir die Wahl lasse?“ konterte er. „Was ist denn passiert, als Du letztens den guten Matjes gegessen hast? Eine Woche im Krankenhaus bist Du gewesen, und die Allgemeinheit muss für Deine Dummheit zahlen.“

Sie schluckte ihren Protest hinunter. Es hatte ja doch keinen Sinn. Er wollte sie demütigen, erniedrigen – besser sie ließ ihn jetzt poltern und erwiderte nichts, dann würde es schneller vorbeisein. Es machte keinen Spaß, wenn das Opfer sich nicht wehrte, das hatte sie früh gelernt, viel früher als sie Hellmuth getroffen hatte, schon in ihrer Kindheit in dem kleinen schlesischen Dorf, wo sie mit neidischen Schwestern, selbstsüchtigen Brüdern, einem brutalen Vater und einer schwachen Mutter aufgewachsen war. Nein, Erika wusste, sie würde auch diesmal nicht aufbegeheren, nicht kämpfen, denn dann würde die Strafe umso grausamer ausfallen.

„Ich habe schlecht gewählt“, dachte sie bei sich. „Wie Recht Du hast.“

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Anna schreibt, Texte

Schlaflos I (Stadt)

Es ist vier Uhr morgens und ich kann nicht schlafen.

Ich stehe an meinem Fenster im dritten Stock und sehe hinaus in die Großstadtnacht. Die drückende schwüle Hitze des Julitages ist einer frischen, kühlen Nacht gewichen. Wetterumschwung. Die Platanen rauschen im Wind. Als ich in diese Wohnung zog, vor 20 Jahren, konnte ich im Sommer die Fenster der gegenüberliegenden Wohnungen sehen. Jetzt sind die Bäume so hoch gewachsen, dass nur hier und da ein Stück Fensterrahmen durch eine Lücke im dichten dunkelgrünen Laub hervorblitzt. Wie viele Meter die Bäume wohl in dieser Zeit gewachsen sind, denke ich, und versuche die Höhe abzuschätzen. ich komme auf fast 10 Meter, aber kann das sein? Ich überlege, wie hoch die Häuser sind – 15 Meter? Oder eher 20? – und versuche, die Höhe der Bäume im Vergleich zu den Häusern einzuschätzen. So hoch wie die Häuser sind sie wohl nicht, reichen mit ihren Spitzen wohl gerade bis zur Dachrinne. Demnach wäre das Wachstum wohl eher sechs bis acht Meter. 40 Zentimeter pro Jahr. Kann das sein? Wie schnell wächst eine Platane?

Schräg gegenüber brennt Licht in mehreren Fenstern. Das Licht kann ich erkennen, auch wenn ich die Fenster selber hinter dem Laub nicht sehen kann. Die Blätter bewegen sich im Wind, dadurch scheint das Licht zu flackern. Irrlichter, denke ich. Lichtgeister. Verschwommen, wie durch eine Fensterscheibe voller Regentropfen bricht sich das Licht immer wieder neu, Lichtflecken verschmelzen und trennen sich, wie Reflexe auf einem Teich, dessen Oberfläche von sanften Wellen gekräuselt wird. In dem Haus links brennt nachts immer Licht. In der Dementen-WG. Für die Nachtwache oder für die Omas, die nicht schlafen können. Oder nicht mehr schlafen wollen. Es sind alles Omas dort. Werden Männer seltener dement? Oder werden sie von ihren Frauen, Schwestern und Töchtern zu Hause gepflegt bis alle die Wände hochgehen? Im Haus gegenüber wohnt auch ein älterer Mann. Dort brennt nachts häufig das Licht. Kann er nicht schlafen? Oder hat er auch jemanden, der nachts über seinen unruhigen Schlaf wacht? Einige Häuser weiter steht jemand immer sehr früh auf, zwischen vier und fünf Uhr, auch am Samstag. Jemand, der früh arbeiten geht? Oder nach einer Nachtschicht nach Hause kommt? Aber im Sommer kann ich die Fenster durch das Laub der Bäume nicht sehen, nicht mal, ob Licht brennt.

Heute ist Samstag. Es ist ruhig. Nur von der nahegelegenen größeren Straße dringt das Rauschen des nächtlichen Verkehrs herüber. Es ist nicht so laut wie tagsüber, um diese Zeit sind praktisch nur Taxen unterwegs. Die betrunkenen Horden sind für diese Nacht schon durch. Sie liegen wohl schon bewusstlos in ihren Hostel- und Ferienwohnungs-Betten. In der Nacht zu Freitag ist es schlimmer. Donnerstagabend wird ausgegangen. Die jungen Leute aus Spanien, Italien, England, Holland und Skandinavien, die per Billigflieger auf ein verlängertes Wochenende in der Stadt einfallen, und die „Kreativen“, die hier vorübergehend ihren Abenteuerspielplatz gefunden haben, sie alle pfeifen darauf, dass Freitag für Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, ein Arbeitstag ist. Sie ziehen grölend (junge Männer) und kreischend (junge Frauen) durch die Straßen und zerknallen leere Bierflaschen auf den Pflastersteinen. Freitagnacht sind sie schon müde oder ein kleines bisschen desillusioniert, jedenfalls kommen sie früher und weniger laut. Samstagnacht ist es dann wieder anders, dann sind die Verrückten unterwegs, die in ihrem Wahn unverständliches Zeug brüllen, unsichtbaren Begleitern Beleidigungen ins Gesicht schreien, Fahrräder umtreten und auf Baucontainer einschlagen in ihrer schier unerschöpflichen Wut. Sie kommen nur am Sonntagmorgen. „Hat die Klapse wieder Ausgang?“ sagt man hier, und ich überlege, welche Einrichtung ihre „Klienten“ wohl in die Samstagnacht schickt, um sich auszutoben.

Ein Auto kommt die Straße herunter und hält drei Häuser weiter. Ein Taxi, natürlich. Um diese Zeit fährt hier keiner mit seinem Privatauto nach Hause. Keine Parkplätze, selbst jetzt nicht zu Beginn der Sommerferien. Ein junges Paar steigt aus. Er zivilisiert und ruhig, sie kreischend, giggelnd, krakeelend und die Autotür mit Schwung zuknallend. „Das ist kein Panzer!“ tadelte mein Vater früher immer, wenn ich die Tür zu schwungvoll ins Schloss warf. Der Taxifahrer wird’s gewöhnt sein und sein Daimler auch. Das Paar diskutiert kurz, die Frau will noch „irgendwohin“, wobei „irgendwo“ vermutlich einen Alkoholausschank, Musik, Tanz und bewunderndes Publikum für ihre Selbstdarstellung beinhalten soll. Der junge Mann, den es augenscheinlich nach Hause zieht, hat gute Karten: Hier hat jetzt nichts mehr auf außer der 24-Stunden-Kneipe zwei Straßen weiter, die ihr wohl momentan entfallen ist. Also verschwinden sie im Hausflur, sie murrend und ungehalten, er beruhigend auf sie einredend. Währenddessen gleitet das Taxi schwer und dennoch elegant wie solch ein alter Ami-Schlitten in der Mitte der engen Straße an meinem Haus vorbei bis zur Kreuzung, der Fahrer überlegt kurz, wo jetzt besseres Geschäft zu erwarten ist, links runter zur einen großen Straße oder rechts runter zur anderen. Er entscheidet sich für links, da kann er noch die 24-Stunden-Kneipe mitnehmen, auch wenn deren Publikum immer etwas schwierig ist, oder er kann vorfahren bis zur großen Straße und dort abbiegen Richtung Szeneviertel, wo er auf jeden Fall noch Fahrgäste finden wird, wenn auch um diese Zeit wohl vorwiegend für Kurzstrecken.

Im Nordosten hellt sich der Himmel zunehmend auf. Lustig, dass der alte Spruch „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden ist ihr Mittagslauf, im Norden ist sie nie zu seh’n, im Westen wird sie untergeh’n“ hier eigentlich nie stimmt. Laut Kompass geht mein Fenster exakt nach Norden, aber die Sonne geht im ganzen Jahr niemals im Osten auf und im Westen unter, sondern im Nordosten bzw. Nordwesten, im Sommer fast im Norden. Folgerichtig zeigen sich im Nordosten jetzt zarte orangefarbene Ränder an der untersten Wolkenschicht, während es im Osten noch dunkel ist. Wobei es mit der Dunkelheit ja so eine Sache ist: Hier in der Stadt ist es niemals dunkel. Straßenlaternen, Autoscheinwerfer, beleuchtete Schaufenster, Leuchtreklamen, Lichter in Wohnungen, beleuchtete Hausnummern – selbst in den Außenbezirken kennt man keine finstere Nacht. Direkt gegenüber strahlt der Leuchtkasten der Kirchengemeinde. Ich kann ihn gut sehen, weil die untersten Äste der Bäume mittlerweile so hoch sind, dass ich bequem den Bürgersteig gegenüber einsehen kann. Hier versperrt nichts den Blick. Ich kann die Plakate und Sprüche nicht erkennen, aber es ist ja doch immer dasselbe: Unscharfe, schlecht gedruckte Bilder von Getreideähren oder einem See im Sonnenuntergang, dazu besinnliche Sprüche und Bibelzitate, dazu bemühte Bezüge zum aktuellen Geschehen. Momentan sind Flüchtlinge groß in Mode. Ich denke kurz darüber nach, das Fernglas zu holen, um die aktuelle Lage im Kasten zu erkunden, aber ich bin zu müde. Ist doch immer dasselbe.

Ein Mann geht gegenüber, er kommt aus Richtung der 24-Stunden-Kneipe, sieht aber eigentlich zu gut angezogen aus für diese Gegend und diese Uhrzeit, außerdem ist sein Gang zu sicher und bestimmt. Wohl ein Spätarbeiter, der sich noch ein oder zwei Feierabendbierchen genehmigt hat, sicher kein Partygänger oder Quartalssäufer. Vielleicht kommt er auch von der U-Bahn, die fährt ja am Wochenende die ganze Nacht hindurch. Drei Menschen in einer Stunde. Na gut, vier mit dem Taxifahrer. Sehr erholsam. Wenn ich tagsüber aus dem Fenster sehe, kommen zu jedem beliebigen Zeitpunkt mehr Menschen gleichzeitig vorbei, zu Fuß, auf Fahrrädern, in Autos.

Es wird jetzt deutlich heller. Morgendämmerung. Ich bin zu müde, um mich anzuziehen und hinauszugehen, hinunter zum Kanal, um den Sonnenaufgang anzuschauen. Vorletzte Woche habe ich ihn gesehen, auf dem Hoffest unten am Fluss. Wunderschön war es gewesen, hätte ich nicht so fürchterliche Bauchkrämpfe gehabt, weil irgendwelche Idioten anscheinend Diät-Cola statt richtiger Cola ausgeschenkt hatten, hätte ich es so richtig genießen können. Ich bin ja bisher kaum raus gekommen diesen Sommer, immer früh aufstehen und viel arbeiten und dann abends um zehn ins Bett fallen.  Wenigstens kann ich gut schlafen, normalerweise. Was mich heute Nacht geweckt hat, weiß ich nicht, sonst muss ich nachts nicht raus, aber mir war so heiß, ich hatte Durst und musste aufs Klo. Dann bin ichnatürlich wach. Also nicht wach im Sinne von „etwas tun können“, aber wach wie in „nicht mehr schlafen können“. Blöder Zustand, die Gedanken spielen Fangen und Verstecken, aber ich kann mich nicht genug konzentrieren, um etwas Sinnvolles zu tun. Auch die Augen schlafen eigentlich noch, hier in das schummrige Morgenlicht zu blinzeln ist das einzige, wozu sie fähig sind.

Eine Frau auf einem Rad kommt vorbei. Ohne Licht, mitten auf der Straße. Leichtsinnig, denke ich, und korrigiere mich sofort, denn in der vergangenen Stunde habe ich genau ein Auto und einen Fußgänger gesehen, sie schwebt also wohl nicht in unmittelbarer Gefahr. Kurz darauf höre ich schnelle bestimmte Schritte unter meinem Fenster und kurz darauf sehe ich einen jungen Mann im kurzärmeligen T-Shirt und Bermuda-Shorts schnell und zielstrebig die Straße überqueren. Er trägt nichts bei sich, keinen Rucksack und ich frage mich, woher und wohin er um diese Zeit unterwegs ist. Die vorüberziehenden Wolken färben sich jetzt an der Unterseite rosa-orange. Schade, dass es bewölkt ist, ich liebe es, wenn die ersten Sonnenstrahlen durchs Laub fallen und flirrende Lichter funkeln und der Tag frisch und glänzend und neu ist.

Noch zwei Radfahrer kommen vorbei, beide mit Licht. Sie fahren schnell und sicher, haben wohl nicht viel getrunken. Wie kann man die ganze Nacht auf sein und dann nicht trinken? Was hält diese Menschen wach? Selbst früher, mit Anfang, Mitte Zwanzig hätte ich ohne Alkohol keine ganze Nacht durchgestanden. Ich war schon immer ein Frühaufsteher und damit auch ein Frühschläfer. Um zehn war der Tag für mich immer vorbei, heute halte ich bei sehr interessanter Unterhaltung auch mal bis elf oder sogar zwölf durch, aber bis 5 Uhr früh? Undenkbar, zumindest ohne Hilfsmittel. Aber diese Leute, sie wirken so frisch als wäre es früher Nachmittag. Der junge Mann in T-Shirt und Bermudas kommt zurück. Er überquert die Straße an derselben Stelle wie auf dem Hinweg. Wieder hat er nichts bei sich, weder eine Brötchentüte, noch eine Bierflasche. Hat er sich Zigaretten besorgt? Aber er raucht nicht, und wäre er um diese Zeit wegen Zigaretten losgezogen, hätte er sofort nach Verlassen des Spätkaufs oder der 24-Stunden-Kneipe, wo ein Zigarettenautomat hängt, die erste Kippe angezündet, und die kann er unmöglich bis hierher aufgeraucht haben. Für ein schnelles Bierchen war die Zeit aber wohl doch zu kurz? Ich bin unsicher, ob ich nicht zwischendurch im Stehen eingedöst bin und mich in der Zeit verschätze. Aber der Himmel ist nicht viel heller geworden, färbt sich nur zunehmend zartorange.

Ich gehe in die Küche und mache mir einen Getreidekaffee. Keinen richtigen, denn ich will gleich versuchen, mich nochmal hinzulegen und etwas zu schlafen. Als ich zurückkomme, ist die Natur erwacht, wie es so schön heißt: eine Krähe schreit ihr heiseres „Kraah-Kraah“ in den frühen Morgen, eine Ringeltaube fällt mit durchdringendem „Ruh-Ruuuh-Ruh-Ruh-Ruuh“ ein, in der Platane vor dem Fenster erwacht ein Spatz schimpfend und flatternd und sogleich stimmen andere Spatzen ein. Für die Amseln ist es zu spät im Jahr, die wären sonst wohl schon seit anderthalb Stunden dran, aber ein paar kleinere Singvögel begrüßen ebenfalls den neuen Tag und freuen sich, dass sie eine weitere Nacht überstanden haben. Gegenüber schwankt ein mittelalter zerzauster Mann heimwärts, an der Straßenecke wühlt der erste Flaschensammler des Tages im Mülleimer. Er steckt etwas in seine speckige Lidl-Tüte, die schon recht voll aussieht und zündet sich eine Kippe an.

Es ist jetzt so hell, dass man ohne Licht lesen könnte, und der Himmel färbt sich zum trüben Grau eines bewölkten Sommertags. Der Wind hat etwas nachgelassen und bald wird es wieder warm und drückend werden, der Geruch nach feuchter Erde wird verfliegen und von den Gerüchen eines Stadt-Samstags abgelöst: von den gerillten Fischen auf dem kleinen Markt am Platz, von Waschmittel aus der Wäscherei des Altenheims, von Essensdüften, Autoabgasen und dem Müllgestank, der den frisch entleerten Tonnen entströmt. Der Verkehr rauscht jetzt lauter, oder ich höre ihn stärker, weil das Rauschen der Blätter nachlässt. Ein Auto sucht einen Parkplatz, eine Frau steigt aus und geht hinüber zum Altenheim. Frühschicht. Müde, abgekämpfte Partygänger trotten nach Hause. Sechs Uhr, die Straße erwacht.

Ich habe meinen Getreidekaffee ausgetrunken, recke mich, atme nochmal die frische Luft ein und gehe zurück ins Schlafzimmer. Hier ist es jetzt schön kühl, der Mann murmelt etwas im Schlaf und ich schlüpfe unter die weiche Decke, um noch ein Stündchen zu schlafen. Den Wecker habe ich nicht gestellt, es ist ja schließlich Samstag.

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In baum eingewachsenes Grabkreuz
Anna schreibt, Texte

Jahrestag

Der erste Jahrestag Deines Todes steht bevor, und der Schmerz, der mich im vergangenen Jahr niemals ganz verlassen hat, gewinnt wieder die Oberhand, drängt sich mit aller Macht in meine Gedanken und Träume, packt mich mit aller Macht, wirbelt mich in die Luft und schmettert mich Wucht zurück auf den Boden, wo ich wimmernd und schluchzend liegenbleibe.

All die Gefühle von damals sind wieder da, wie alte Bekannte, die zuverlässig auftauchen, uneingeladen und unwillkommen: Der Verlust, die Schuld, die Leere, der Schmerz. Die schlaflosen Nächte. Die Alpträume, wenn ich vor Erschöpfung doch einschlafe. Die dumpfe Taubheit, die paradoxerweise von einem heftigen inneren Schmerz begleitet ist. Die Atemlosigkeit. Die innere Unruhe, das Getriebensein. Die Konzentrationsstörungen. Das stundenlange Vor-mich-hin-Starren, ohne zu denken, aber auch ohne damit aufhören zu können. Alles ist wund.

Ich zünde eine Kerze für Dich an. Die Fotos kann ich jetzt nicht anschauen, die Dinge, die Du liebtest, nicht berühren. Später.

Ich vermisse Dich so sehr…

Es. Tut. So. Weh.

Und kein Trost, nirgends.

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