Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen, Zitate

Im Regen sitzen

14. Oktober 2020. Mittwoch. Aufgestanden um halb acht mit Kopfschmerzen: Nächtlicher Zug, verspannter Nacken (anderer Monitor), ein Tiefdruckgebiet, Stress. Schön, wenn man sich die Ursachen seiner Beschwerden aussuchen kann.

Die Berliner Infektionszahlen gehen durch die Decke (706 Neuinfektionen innerhalb 24 Stunden), und es wird nicht mehr diskutiert, ob es eine zweite Welle gibt, sondern nur noch, wie man möglichst gut durchkommt. Die Ahnungs- und teilweise Kopflosigkeit der Entscheidungsträger tritt dabei offen zutage.

Daher ist mein Satz des Tages auch dieser hier von Christian Fischer:

Liebe Politiker, wissen Sie, wen ich wirklich gerne wählen würde? Jemanden die sagt: „Das ist jetzt alles Scheiße, es wird auch nicht wieder normal, aber wir müssen da jetzt gemeinsam durch.
Und nicht Euch mit Eurem peinlichen Allmachts-Aufrechterhaltungs-Gebaren.

Christian Fischer aka jawl: 13.10.2020 – let’s go to the mall (hmbl.blog)

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal über ein:e CDU-Politiker:in sagen würde, aber: Angela Merkel macht aktuell einen verdammt guten, möglicherweise den besten Job von allen.

Und warum die Zahlen sind, wie sie sind, konnte ich mal wieder live beobachten: Die Nachbarwohnung wird immer wieder auf Zeit vermietet, meist an Studenten. Gestern Abend war Wohnungsbesichtigung. Ein geschniegelter Maklertyp, sein junger Hiwi und vier Interessent:innen drängeln sich in der 40-Quadratmeter-Wohnung. Nur der Hiwi trägt eine Maske.

* * * * *

Heute Vormittag M. getroffen, wir machen zusammen Einkäufe, sitzen dann durch Planen vorm Dauerregen geschützt vor einem Café und genießen Milchkaffee und gefüllte Croissants. Nach zwei Stunden, als wir langsam aufbrechen wollen, fällt M. ein, warum wir uns eigentlich getroffen haben: Das Handy-Guthaben muss aufgeladen werden. Sie hat das über ihr Online-Banking gemacht, und wie alles bei dieser sehr, sehr großen Bank ist es unnötig kompliziert. Ich schicke also wie gefordert eine SMS mit einer endlosen PIN an eine bestimmte Nummer. „Warten Sie auf die Bestätigungs-SMS. Telefonieren Sie los!“ heißt es in der Anleitung.

Also warten wir. Und warten. Dann kommt eine SMS. Ich lese: „Um Guthaben aufzuladen geben Sie bitte *130*die erhaltene PIN-Nummer# ein„. Ich tippe also nochmal. Wir warten. Und warten. Dann endlich die erlösende Nachricht: Ihr Guthaben wurde aufgeladen!

Bei meiner Bank gebe ich im Online-Banking die Telefonnummer und eine TAN ein und wenige Sekunden später ist das Guthaben auf dem Gerät.

* * * * *

Nach einem Einkauf bin ich gegen zwei zu Hause und platt und aufgedreht gleichermaßen. Sensorisch überreizt.

H. ruft an, weil er morgen zum Elektronikmarkt muss, um einen Kundenrechner zu kaufen: Hattest Du schon Zeit, Dich mit dem Thema neuer Monitor zu beschäftigen? Ich hatte erfolgreich verdrängt, dass es dieses Thema überhaupt gibt, aber es stimmt: ich hatte vor dem Urlaub meinen Arbeits-Monitor einer schwer kranken Bekannten überlassen, die sonst ohne Zugang zu Internet und Mails gewesen wäre, weil ihr Uralt-Monitor den Geist aufgegeben hatte. Nun hatte sie sich in den Monitor verliebt und scheute wohl auch den Stress, sich einen neuen besorgen und einrichten zu lassen, also hatte ich ihr meinen als Gebrauchtgerät verkauft und von H. einen bekommen, den der übrig hatte. Trotz besserer Auflösung werde ich mit dem Teil aber nicht warm und deshalb soll jetzt ein neuer her.

Wir verbringen also eine Stunde am Telefon, währenddessen recherchiere ich nach Angeboten, schnell kristallisieren sich zwei Kandidaten heraus, und nun werden wir also morgen gemeinsam losziehen und Großenkauf machen.

Dann mit etwas Überwindung noch am Großprojekt der Lieblingskundin weitergenmacht und ihr nochmal einen großen Brocken Arbeit zuschustern müssen, den sie leider bisher erfolgreich verpennt/ verdrängt hat. Blöd sowas, kurz vor Schluss, aber was muss, das muss.

Um fünf so dermaßen durch, dass Arbeit keinen Sinn mehr macht. Also räume ich noch ein wenig auf der Festplatte auf und höre dabei auf Spotify erstmalig meinen „persönlichen“ Mix der Woche, den die KI basierend auf meinen Hörgewohnheiten zusammengestellt hat. Recht treffend, wie ich sagen muss. Teilweise meine ich sofort zu erkennen, warum nun dieser oder jener Titel aufgenommen wurde, bei anderen Sachen bin ich angenehm überrascht. Und mache ein paar Neuentdeckungen, tanze ein wenig, bekomme gute Laune, entspanne mich. Was will man mehr?

Abends kocht wieder H., es gibt gebratenen Thunfisch mit Andaliman-Pfeffer, dazu Kartoffelpüree mit geräucherter Paprika und scharfes Paprika-Stangensellerie-Gemüse. So lässt es sich leben.

Im Fernsehen (auf ARTE, wo sonst) der sehr interessante Film Enemy von Denis Villeneuve. Starke Bilder, interessante Musik, schräges Ende. Sehr schön.

Woran ich mich erinnern will:
Wie sehr andere Gedanken, andere Themen meinen Kopf anregen, selbst wenn er völlig erschöpft ist.

What I did today that could matter a year from now:
Unter Menschen gehen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Da sein.
Zuhören.
Ideen entwickeln, Anregungen geben.
Entscheidungen treffen.
Close open loops.

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Fernwartung

13. Oktober 2020. Dienstag. Aufgestanden um sechs. Die innere Unruhe verhindert nochmaliges Einschlafen: Nutze die Zeit!

Der Rechner friert einmal ein, arbeitet ansonsten zuverlässig.

Ich lese das hier und es ist so, so wahr. Und jeder, der mit jemandem auf Social Media oder im realen Leben diskutiert, sollte einfach vorher mal in sich gehen und sich überlegen: Sitzen wir überhaupt im selben Boot?

When people around you do something that makes no sense or is self-defeating, it might not be because they’re stupid.
It’s more likely that they don’t believe what you believe, don’t see what you see or don’t want what you want. It might be different measures of time, of status or desire.

Seth Godin: Persistently irrational, Seths Blog, 12.10.2020

* * * * *

Ich mache morgens nur Kleinkram und warte auf den angekündigten Anruf der Lieblingskundin: Erstbesprechung nach Urlaub.
Das vorgesehene Treffen mit M. (wegen Handy-Guthaben-Aufladung) verschiebe ich auf morgen, weil heute das Päckchen mit den bestellten Socken kommt und da sind welche für M. mit dabei.
Die Agentur, die das GroßeGrausigeProjekt organisiert, ruft an, damit ich mir den Entwurf vorab anschaue und mitteile, ob ich irgendwo Probleme sehe. Ich bin angenehmst überrascht, wie klar und aufgeräumt der Entwurf ist. Die Umsetzung sollte keine größeren Probleme machen, und vielleicht ist das dann wirklich mal ein Auftrag, an dem ich Geld verdiene…

Eine Mini-Rechnung geschrieben und nochmal Änderungswünsche in einem eigentlich schon seit Wochen fertigen (und freigegebenen) Projekt eingearbeitet.

Einem neuen Thema hinterherrecherchiert: Wie macht man die Navigation auf einer Website möglichst barrierearm? Es gibt da verschiedene Dinge zu berücksichtigen, etwa die Bedienung mit Tastatur statt mit Maus oder dass Leute sich die Inhalte (und Struktur) einer Website vorlesen lassen.
Wenn man nun ein Redaktionssystem einsetzt, das den Code und die Struktur weitestgehend vorgibt, muss man natürlich sehr genau überlegen, welchen Aufwand man betreibt, um die sinnvollen Maßnahmen da irgendwie reinzuknoten. Natürlich gibt es widersprüchliche Vorgaben, das wäre ja sonst langweilig.

Ich brauche eine Pause und schaue mir bei Reis mit Rosenkohl-Curry (der Rest vom Rest) und Joghurt mit Blaubeeren (aus dem Glas) eine Folge Kidnapping auf arte.tv an. Gefällt mir gut. Die Handlung ist nicht künstlich komplex mit 98 sinnlosen Nebensträngen, auf übertriebene Dramatik wird verzichtet. Anders W. Berthelsen schaut vielleicht ein wenig zu ausdauernd grimmig in die Kamera, aber Charlotte Rampling und Zofia Wichlacz spielen großartig und machen das Ganze sehenswert.

Telefonat mit M: Der Backofen ist kaputt, der tut keinen Mucks mehr.Schau mal, ob die Sicherung drin ist.Der Herd funktioniert ja.Schau doch einfach mal. – – – Oh.Gern geschehen.
Tja, bei Einbaugeräten kann es schon auch mal sein, dass jedes Gerät eine eigene Sicherung hat.

Von fünf bis halb sieben vorbereitende Einrichtungsarbeiten beim GroßenGrausigenProjekt, das vielleicht gerade seinen Titel aberkannt bekommt, mal sehen.

Abends kocht H. mal wieder, es gibt Nudeln mit Pilzen, wir haben im Tiefkühler nämlich noch ein paar Beutel selbst gesammelte Maronen und Steinpilze von vor vielen Jahren gefunden… Man muss das ja genießen, wer weiß, ob und wann wir mal wieder in den Wald kommen und fündig werden. Immerhin soll es morgen den ganzen Tag regnen, dann werden vielleicht zwei weitere Millimeter Waldboden durchfeuchtet.

Im Fernsehen (ARTE) eine Doku über die Geschichte des Ku Klux Klan.

Woran ich mich erinnern will:
Mich nicht von all dem Chaos anstecken lassen.

What I did today that could matter a year from now:
Mich kooperativ zeigen. Eindruck hinterlassen. Hoffentlich guten…

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Eins nach dem anderen.
Erst eins fertig machen, dann zum nächsten wechseln.
Rechtzeitig aufhören.

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Anna liest, Zitate

„Sie trieb dahin, ließ sich von der Strömung tragen im Vertrauen darauf, daß sie sie dorthin bringen würde, wohin sie wollte. Sie mußte diesen Tag herumbringen: eine Landmarke am Ufer, an der sie vorüberglitt, ein Baum, der kaum anders war als die anderen Bäume, der sich nur dadurch von den anderen unterschied, daß er hier und nicht weiter vorn und weiter hinten stand, und der nur dem einen Zweck diente, die zurückgelegte Entfernung zu messen. Sie wollte es hinter sich bringen.“

(Margaret Atwood: Die essbare Frau, Übersetzung von Werner Waldhoff)

Treiben lassen

Zitat
Zitate

Pressing the red button

10. Juni 2020. Mittwoch. Aufgestanden um 5:45 Uhr. Die Sonne scheint erst, verschwindet dann aber hinter dünnen Wolkenschleiern. Ich denke an K., wo morgens oft die Sonne scheint und dann wieder ein paar Stunden bis zum späten Vormittag im vom Fluss aufsteigenden Nebel verschwindet. Hier ist aber kein Fluss, der einen derartigen Nebel erzeugen kann, hier bleibt der Dunst, und es wird ein grauer Tag. Immerhin hellgrau, die Wolkendecke ist nicht dicht, und die Sonne dahinter noch deutlich zu erahnen.

Vormittags zwei Websites freigeschaltet, das ist immer ein etwas aufwändiges Procedere, aufwändiger jedenfalls als einfach „auf den roten Knopf zu drücken“, wie ich das gegenüber meinen KundInnen immer bezeichne. Mittags mit H. losgegangen und eine kleine Spazierrunde gedreht, aber es lief nicht so gut, ich hatte Rückenschmerzen und war total verspannt, es sind so gerade mal 1,2 km geworden, und die unter Schmerzen. Egal, jede Bewegung zählt, und immerhin war es ein Rauskommen und Eindrücke und ein Kontakt zu einer etwas verrückten Frau mit Hündin. Es war also nicht umsonst.

Dann ein wenig unschlüssig im Internet herumgelesen und eine Runde str8ts gespielt, unentschieden, womit dre Tag weitergehen sollte. Hier hilft Struktur, also stellte ich mir aus den heutigen Aufgaben schnell eine der aktuellen Stimmung angepasste Reihenfolge von Tätigkeiten zusammen und begann mit dem Arbarbeiten: Suppenfleisch aufsetzen, Geschirr spülen, eine Rechnung schreiben, Gemüse für den Rote-Bete-Eintopf putzen und kleinschneiden, Waschmaschine anmachen, Yoga, Gemüse in die Fleischbrühe geben, Kirschen essen, Internet lesen, noch eine Rechnung schreiben, Eintopf ausmachen und abschmecken, Screenshots für Schulungsunterlagen anfertigen, Wäsche aufhängen, Daten synchronisieren, Systemsicherung anfertigen, großes Windows-Update (Version 2004) anstoßen, lesen.

Also wieder viel gemacht, aber wenig bezahlte Projektarbeit. Immerhin zwei Rechnungen.

Abends „Das Leben ist ein Spiel“ von Chabrol mit Isabelle Huppert, die hier leider nicht so wunderbar böse sein darf wie in anderen Filmen. Schön immerhin der Satz. „Ich bin vielleicht frivol, aber nicht pervers!“ Die feinen Unterschiede, die Nuancen.
Chabrol wäre ja dieser Tage 90 geworden, im September jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal, das ist wohl Anlass für ARTE, gerade einige seiner Filme zu zeigen.

Zum Abendessen Rote-Bete-Eintopf.

Woran ich mich erinnern will:
Mit Menschen sprechen.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Bewegung.

Was wichtig war:
Ausgleich.
Kochen.
Yoga.
Geld reinholen.
Nicht überfordern.

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Lots Frau

Kurt Vonnegut schreibt in Slaughterhouse Five über Sodom und Gomorrah und Lots Frau:

„And Lot’s wife, of course, was told not to look back where all those people and their homes had been. But she did look back, and I love her for that, because it was so human.
She was turned to a pillar of salt. So it goes.
People aren’t supposed to look back.“

In meiner Wahrnehmung wird Lots Frau immer wegen ihres Ungehorsams, ihres eindeutigen Verstoßes gegen ein göttliches Gebot ihres Unglaubens verachtet, ihre Strafe als nicht nur gottgegeben sondern auch verdient angesehen.
Vonnegut bewertet das anders, sieht ihren Wunsch zurückzuschauen als menschlich.

Und ich frage mich: Warum sollen Menschen nicht zurückschauen? Warum soll es immer nur vorwärts gehen? Was ist mit den Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können und doch auch sollen?
Warum schaut Lots Frau (die in der Bibel keinen Namen trägt) zurück? Neugier? Sensationslust? Oder vielleicht auch Mitgefühl? Denn auch wenn diese Orte der Sünde und die Sünder in ihnen zerstört werden mussten (?), waren es doch auch Menschen. Und wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Und schließlich haben Lot und seine Familie lange in dieser Stadt (Sodom) gelebt, hatten dort Freunde, Verwandte, Wohlstand, Annehmlichkeiten, eine Geschichte.

Und Gott ließ sie zu Salz erstarren, sie war also verdammt, bis ans Ende der Tage zurückzuschauen auf diesen schrecklichen Ort.
Ist das die Lehre? Dass es irgendwann an der Zeit ist, nicht mehr zurückzuschauen, sondern weiterzugehen? Wenn man genug aus der Vergangenheit gelernt hat?

Kann man je genug gelernt haben? Kann man je verstehen?

Man rät das ja auch Menschen nach einer schmerzhaften Trennung oder einem Todesfall: Du muss nach vorne schauen. Das Leben geht weiter.

Aber kann es für manche Menschen vielleicht doch richtig sein zurückzuschauen? Einfach weil sie noch nicht bereit sind, weiter zu gehen? Weil sie noch etwas aus der Vergangenheit zu lernen haben? Weil da noch unbeantwortete Fragen sind?

Und ist es nicht nach wie vor für eine Gesellschaft wie für den einzelnen Menschen wichtig zu wissen, woher sie kommt, wo ihre Wurzeln sind? Kann man Orientierung für die Zukunft gewinnen, ohne die Vergangenheit zu verstehen?

Dr. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin, hat eine ermutigende Sicht auf die Geschichte:

„Könnte es nicht vielmehr sein, dass Gott vor dem sich Umwenden warnt, um die Menschen auf der Flucht zu schützen. Es geht nicht um eine Gehorsamsprüfung sondern um die Fürsorge Gottes, der Lot und seine Familie vor dem schrecklichen Anblick der brennenden Stadt bewahren möchte. Das Verbot soll die Menschen schützen, die Gott retten möchte.

Gott wollte nicht nur keinen Beobachter des unermesslichen Schreckens bei der Auslöschung der beiden Städte, sondern er wusste, dass Menschen den grauenvollen Anblick seines Strafgerichts nicht überstehen können. Die Salzsäule wäre dann für den Leser der Geschichte nicht der Beleg, dass Gott die Missachtung seines Verbots auf der Stelle und mit aller Härte geahndet hat, sondern dass der Anblick des Grauens dem Menschen nicht nur für einen Moment, sondern für immer den Atem verschlägt.

(…) Es fällt mir nicht besonders schwer, mir vorzustellen, warum Lots Frau zurück geschaut hat, als sie und ihre Familie Sodom gerade eben fluchtartig verlassen hatten. Vielleicht ging es ihr zu alles viel zu schnell? Wahrscheinlich hat sie keiner gefragt, als ihr Mann beschloss zu fliehen? Männer übergehen das Innenleben ihrer Frauen gerne. Vielleicht hat sie sich dem einfach widersetzen wollen, wenigstens für einen Augenblick. Und so hat sie heimlich, hinter dem Rücken ihres Mannes, noch einmal zurückgeschaut auf das Leben, das ihr gerade genommen wurde.

War es Mitleid mit ihren Nachbarn und Freunden –die Töchter wollten bald heiraten. Was sollte aus all den Menschen werden, die ihr nahe standen? Die Kinder von Gegenüber, der Kaufmann, die nette Nachbarin, die Schwiegersöhne und ihre Familien?

Hat sie die Liebe zu den Menschen dort zurückschauen lassen? Auch wenn in der Nacht schreckliche Dinge geschehen waren, ich verstehe, dass die Liebe zu den Menschen, selbst den aggressiven Sodomern, größer sein kann als die Weisung der Engel nicht zurück zu schauen.

Sie konnte noch nicht die Konturen der Zukunft sehen oder ahnen, die uns in den Bildreden Jesu vom kommenden Reich vor Augen gemalt werden. Zu frisch waren die Verletzungen, zu tief der Schock, diese Erlebnisse und Erfahrungen konnte sie in diesem Augenblick noch nicht als Vergangenheit hinter sich lassen.

Stattdessen war ihr Herz voller Anteilnahme mit denen, die verbrannten, voller Erinnerungen an die guten Zeiten.

Ich meine, Frau Lot ist ein Vorbild der Anteilnahme und Empathie. Sie nimmt Anteil am Schicksal der Stadt, die niederbrennt und vergisst dieMenschen nicht, die gerade zu Tode kommen – sie erweist sich als menschlich.

Und sie hat den Preis für ihr Mitleid gezahlt.

Gott wollte sie schonen, aber sie hat sich selbst nicht geschont.

Sie ist erstarrt im Angesicht des Leidens der anderen.

(…) Die Frau hat zurückgeschaut. Sie hat das Leid und das Elend der Menschen in der Stadt gesehen, das Gericht Gottes, unter anderem auch über ihre Schwiegersöhne. Es war so furchtbar, dass das Salz ihrer Tränen sie innerlich erstarren ließ, zur Salzsäule, wie es in der Bibel heißt.

So zahlreich waren die Salzkörner der Tränen der Frau Lot, dass sie eine Salzsäule aufhäuften. Sie ist innerlich gestorben.

(…) Ihre Sehnsucht nach denen, die sie ungefragt verlassen musste, der Mangel, der sich bei ihr daraufhin eingestellt hat, die Sehnsucht, der sie nachgegeben hat, hat sie am Ende verbittern und erstarren lassen.

Sie konnte nicht mehr weiter auf derFlucht.

(…) Frau Lot aber blickte zurück und erstarrte vor Entsetzen zur Salzsäule.

Dieser Satz bringt eine Erfahrung zur Sprache: Der Anblick einer Katastrophe vermag uns zu versteinern.

Ich lese da keine Strafe für einen verbotenen Blick, sondern die Folgedes getanen Blicks, Ausdruck einer Erfahrung, Folge der Rückschau: Der Blick auf die Katastrophe kann überfordern und zu Stein werden lassen.

(…) Die Katastrophen in der Welt sind wirklich, aber sie sind nicht die ganze Wirklichkeit. Wer nur das Unheil sieht verhärtet sich, wird unfähig, sich und andere zu retten. Wird zynisch, depressiv, wie auch immer.“

Quelle: Dr. Rüdiger Sachau: Zur Rehabilitation von Frau Lot. „Sommerpredigt“ des Freundeskreises der Evangelischen Akademie zu Berlin in der Evangelischen Kirche Neuhardenberg. 28.6.2015

Und ich denke, Vonnegut hat das auch gesehen: Das zutiefst Menschliche am Verhalten von Lots Frau. Und nur die schwarze Pädagogik patriarchaler Systeme konnte das anders werten.

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Garten exzessiv

27. September. Freitag. Mit Brummschädel aufgewacht – eine Mischung aus Alkoholmix, lautem Gespräch, anstrengender sozialer Interaktion, spätem Zu-Bett-Gehen und Schlafmangel.

Kein Kunde will was Dringendes, darum morgens nur Mails beantwortet, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, am PC gespielt, PC-Hilfe für M. geleistet.

Mittags in den Garten und vier Stunden lang Blumenzwiebeln gesetzt, mit verschiedenen Nachbarn geplaudert, Äpfel geschenkt bekommen, Bodendecker, die wir vom Grab genommen haben, ins Rosenbeet gepflanzt, Blumenzwiebeln angegossen, Kaffee getrunken und das letzte Stück Kuchen gegessen, die Dipladenie ausgetopft, den Chili ausgegraben und in einen Blumentopf gesetzt zum Mitnehmen, eine Tüte Nüsse für die Nachbarin gepflückt und an den Zaun gehängt, Äpfel und Birnen in Papiertüten verpackt und aufgeräumt.

Als ich um fünf im Garten Feierabend mache, kommt H. raus und übernimmt: Sträucher schneiden, Baumpilz aus dem großen Apfelbaum entfernen, Wäsche aufhängen, meine lehmige Arbeitshose ausspülen, aufräumen.

Nach einer guten Stunde Schlaf sind meine bohrenden Kopfschmerzen ein wenig besser, und ich leiste M. Gesellschaft beim Kochn und übernehme Hilfsdienste (Sachen zusammensuchen bzw. aus dem Keller holen, Kartoffeln schälen, Tisch decken u.ä.).

Essen tut gut, packen mag ich heute nicht mehr.

Woran ich mich erinnern will:
Wenn ich wirklich etwas schaffen will, ist Zeitdruck ganz gut. Wenn ich entspannt und mit Freude etwas erledigen will, sollte ich mir Zeit lassen.
Auf dem Boden hocken und Pflanzlöcher aus dem verfilzten Moos-Kräuter-„Rasen“ stechen.

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Lesetag

21. September. Samstag. Alles beruhigt sich langsam wieder. H. darf Gartenarbeit machen; das Wasserproblem gehen wir morgen an. Oder Montag. Ich beschäftige M. ebenfalls mit leichter Gartenarbeit. Ich fühle mich zerrissen zwischen den beiden, jeder zerrt an mir und will sich über den anderen beschweren. Ich bin das Bindeglied zwischen ihnen, deswegen fällt mir die Rolle des Vermittlers zu. Gefallen tut mir das nicht, und gut ist es auch nicht für mich. Und so flüchte ich mich von Zeit zu Zeit in meine Bücher oder an meinen Rechner. Weil ich nicht ständig jemand an meinem Hacken kleben haben will, wenn ich irgendwas mache: Wie machst Du das? Warum machst Du das so? Brauchst Du Hilfe? Warum machst DU jetzt das? Kannst Du mir mal helfen? Das ist too much.

Strahlend schönes Wetter, ich lese auf der Terrasse. Liegestuhl geht nicht, weil Rasen gemäht wird, und das kann dauern.
Abends grillen.

Woran ich mich erinnern will:
NIe wieder erschöpft in solch eine Gruppenaktivität starten!
Überhaupt muss diese Grunderschöpfung weg. Die Arbeit ist schon ganz gut geregelt, jetzt muss der Geldfluss noch optimiert werden. Und Unterstützung muss her.

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Unerträglich

„Vielleicht ist es zuletzt doch diese Mischung von theoretischer Humanität und praktischer Unmenschlichkeit, die Deutschland zuweilen so unerträglich macht: die heilige Familie und die tödliche Hausgeburt, der unantastbare Rechtsstaat und das Schicksal der Untersuchungshaft, die Idee der Bildung und das Analphabetentum der geistig Behinderten, der Oberscharführer, der nach einem schweren Arbeitstag an der Gaskammer sich beim Violinspiel erholt.“

Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (1965)

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Das goldene Herz der Bourgeoisie

von David Weber (1931)

Sie sind nicht so schlimm wie sie aussehn,
Sie haben ein weiches Gemüt.
Sie können den Tod keiner Laus sehn
Und sind um die Wohlfahrt bemüht.
Und wenn ein Proletenpaar draufgeht,
Den Gashahn nicht zu, sondern aufdreht,
Dann seufzen sie stark
Und spenden ’ne Mark
Für die kleine verwaiste Marie –
Ja, das ist das goldene Herz der Bourgeoisie.

Das Geld ist an sich nicht sympathisch,
Sie beuten so ungerne aus.
Sie fühlen durchaus demokratisch
Und reden von Freiheit zu Haus.
Und fällt ihnen wirklich die Not auf,
Dann legen sie gern etwas rot auf
Und schreien: Reform!
Die Not ist ernorm
Und die Börse so lustlos wie nie –
Ja, das ist das goldene Herz.
Das schwarzrotgoldene Fettherz der Bourgeoisie.

Wie leicht ist man menschlich erschüttert.
Man hat seinen Goethe im Schrank.
Doch wenn man den Kriegsprofit wittert,
Dann sieht man, wie schön ist ein Tank.
Wie nett sehn die kleinen Schrappnells aus!
Die Flamm’werfer und Parabells aus!
Was Mumm hat, ja das
Verdient auch am Gas –
Ganz egal, wer krepiert wie das Vieh!
Ja, das ist das goldene Herz.
Das goldengepanzerte Fettherz der Bourgeoisie.

Proleten, ihr habt sie genossen,
So edel, so gut und human.
Wird wirklich auf euch mal geschossen,
Sie habens nicht selber getan.
Die Kerle, die morden und raufen,
Die kann man ja kaufen zu Haufen –
Das ist ihr Geschäft.
Doch wenn ihr sie trefft,
Die gedungene Mordkompanie –
Dann trefft ihr das goldene Herz,
Das goldstückgepflasterte Fettherz der Bourgeoisie.

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