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Der hundertsiebzigste Tag im Danach: Aufräumen

15. Juli 2021. Donnerstag. Der Tag beginnt nach fünf Stunden Schlaf mit einer heftigen Angstattacke und Matschkopf.

Er geht weiter mit einem Anruf von P., der sich gerade wieder ins Krankenhaus bringen lässt, weil die Lunge komplett verschleimt ist.
Mir sinkt sofort das Herz in die Hose. Nicht jetzt das. Dann die ersten Gedanken: Dann fällt der Geburtstag wohl aus. Hoffentlich muss ich nicht wieder durch die Gegend gurken, um Sachen zu bringen. Und was ist mit meiner geplanten Fahrt nach K. nächste Woche?
Dann schäme ich mich, dass ich nur an mich denke, anstatt mir Sorgen zu machen. Aber was würden Sorgen nützen?

Meine morgendliche Angst geht einher mit einer großen Verwirrtheit und Überforderung nach all den vielen Begegnungen gestern.
Das war definitiv zuviel, zumindest emotional. Andererseits war es so, so wichtig.

Schon unter normalen Umständen hätte dieser Tag mich „gekillt“.
Aber damit habe ich gerechnet, und es ist okay. Es war ja auch ein Experiment: Würde dieses massive „Socializing“ mit immerhin „sicheren“ Menschen den Break verursachen, von dem ich mir eine Erleichterung oder Veränderung im Denken und Empfinden erhoffe?

Ob das Experiment erfolgreich war, wird sich zeigen; morgens überwiegen die negativen Folgen: Ich habe Angst. Ich bin extrem dünnhäutig. Die Gedanken rasen und springen. Ich habe große Sehnsucht nach einer Schulter zum Ausweinen. Überhaupt Sehnsucht. Und weinen.

Diese Angst in meinem Bauch. Körperliche Symptome: Herzrasen, Knoten im Magen, Hitzewallungen, Kopfschmerzen, brennende Augen, Atembeschwerden, Enge in der Brust, aufwallende Tränen.

Ich möchte schreiben, schreiben, schreiben, nichts als schreiben. Alle Gedanken und Bilder aus meinem Kopf herausströmen lassen. Und dann weinen. Alles raus. Leer werden. Ruhe finden.
Aber die Leere ist keine gute Ruhe. Kein Frieden, kein In-sich-Ruhen. Die Leere ist Abwesenheit von allem, auch von allem, das schön ist und wärmt und nährt. Die Leere ist Tod.

Also schreibe ich. Und weine. Heftig und lang. Greine, heule.
Ich möchte schreien. Ich möchte in den Arm genommen werden, mich ausweinen. Getröstet werden.

H. konnte mich nie gut trösten, wenn ich geweint habe.
„Nimm mich einfach in den Arm“ sagte ich dann, „Du musst gar nichts sagen oder tun, halt mich einfach fest.“
Und das tat er, und es wurde ganz schnell wieder gut.
Weil ich seine Wärme spürte und seine Gewissheit, seine Stärke, seine Liebe.
Und dann redeten wir. Wir sind beides Kopfmenschen und wir haben das Problem analysiert und Lösungen gesucht.

Aber dazu habe ich jetzt keine Kraft. Was soll ich auch analysieren? Die Situation ist ja klar, ich muss da jetzt eben durch.
Und die Erinnerung an ihn löst einen neuen Weinkrampf aus.

In meinem Schmerz, inmitten all dieser Tränen kommen mir Bildideen. Bilder, mit denen ich meine Gefühle ausdrücken könnte. Keine genialen Sachen, das meiste sind schreckliche Klischees, aber vielleicht finde ich da doch zu einer eigenen Interpretation, die mir helfen könnte, mich künstlerisch auszudrücken?

Irgendwann bin ich erschöpft. Watte im Kopf, nichts geht mehr. Darin liegt auch eine Erleichterung: Nichts mehr müssen. Surrender. Annehmen. Nicht mehr kämpfen müssen. Müde. Schlafen. Stille. Wenigstens für den Moment. Nicht Frieden aber zumindest Abwesenheit des Geschreis in meinem Kopf.

Und ich schreibe noch ein bisschen. Und noch ein bisschen mehr.
Vier Stunden schreibe ich, dann ist es Mittag, aber ich bin ruhig. Und zuversichtlich. Ich spüre, wie gut mir bestimmte Dinge gestern getan haben: Die Vertrautheit mit Freund G. Die Sicherheit. Die Wärme. Und wie in all dem gleichzeitig Platz ist für meine Trauer um H. und um meinen großen Verlust, aber auch für Zuversicht und Albernheit und Lachen. Freundschaft.
Und ich bin unendlich dankbar.

Und dann lese und höre ich von den schrecklichen Überschwemmungen in der Eifel und in Nordrhein-Westfalen, und ich denke, an Schuld bin ich doch eben im Juni noch vorbeigefahren, und ich sehe das Ahrtal vor mir und denke: Wie schrecklich. Und: Gut, dass H. das nicht mitbekommen muss.
Und dann höre ich, dass der Zugverkehr ausgesetzt ist und denke: Bis Ende nächster Woche wird das doch wieder laufen, das wird unsere Fahrt nicht verhindern. Aber wer weiß, was mit P. ist, vielleicht muss ich doch hierbleiben.
Und dann mache ich mir Sorgen, weil P. sich noch nicht gemeldet hat. Hoffe, dass es einfach nur die Krankenhausabläufe sind und kein Hinweis auf ein schlimmes Geschehen.

Erledige ein bisschen Orga-Kram. Arbeite ein Stündchen. Denke ein wenig nach. Arbeite noch ein halbes Stündchen. Sehe Fotos durch, die ich eventuell bei einem Fotowettbewerb einreichen möchte. Schreibe, lese, denke nach. Drehe ein bisschen durch, weil sich meine Gedanken nur im Kreise drehen und nirgendwo hinführen. Beginne, das Wohnzimmer aufzuräumen, die letztens bestellten Klamotten auszupacken und anzuprobieren. Zu saugen.

Zwischendrin ruft P. an, er hat acht Stunden in der Notaufnahme gewartet. Und dort nichts zu essen bekommen. Als Diabetiker. Wie ist so etwas in einem Krankenhaus möglich? Nun gab es „zwei Brote mit alter Wurst“. Immerhin hat er ein Einzelzimmer. Privatpatienten-Status? Oder Vorsichtsmaßnahme wegen Covid?

Ich will mir zum Abendbrot ebenfalls Brote machen, muss aber feststellen, dass fast das ganze Brot seit gestern verschimmelt ist. Das ist diese widerwärtige Luftfeuchtigkeit im Moment. Alles, was nicht im Kühlschrank ist, vergammelt, man kann beinahe zusehen. Ich könnte heulen, als ich das Brot wegwerfe, da ist nichts mehr zu retten.
Ich mümmele die letzte Scheibe als Abendbrot, es ist alles so unsäglich schwer und traurig.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Innere Ruhe nach exzessivem Schreiben. Selbstberuhigung funktioniert, ist aber unglaublich zeit- und kraftaufwändig.

What I did today that could matter a year from now:
Mich auf meine kreativen Bedürfnisse einlassen, zumindest mal gedanklich.

Was wichtig war:
Nachdenken.
Schreiben.
Beruhigen.
Weinen.

Begegnungsnotizen:
‚-

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Der hundertneunte Tag im Danach: Fluchtversuch

Es wird eng, und ich suche Hilfe. Bekomme Gefühlschaos, aber das ist besser als Schmerz.

15. Mai 2021. Samstag. Geschlafen bis kurz vor acht. Die Sonne scheint, obwohl doch eigentlich Regen und bedeckter Himmel angesagt war.

Nachts die Fantasie vom großen Hausputz im Häuschen: Mit weit geöffneten Fenstern und lauter Musik. Natürlich scheint draußen die Sonne, und es ist vormittags.
Was ist mit dem Rest des Tages? Mit den anderen Tagen? Bei schlechtem Wetter? Wenn die Musik aufhört zu spielen?
Ob ich mir einfach alles aus dem Körper schuften kann? Schrubben, graben, mähen, harken – und sonst rennen, rennen, rennen…

Ich sehe seit ein paar Tagen alte Unterlagen von mir durch, weil ich mich an H.s noch nicht rantraue. Heute auf diverse Notizen aus 2008/2009 gestoßen: Nach fünf Jahren Selbstständigkeit war das der Start meiner Firma in ihrer heutigen Form. Viel Konzeption, Selbstfindung und -optimierung: Marketing, Ziele formulieren und verfolgen, Methoden, Techniken, Gedanken, „Challenges“. Ich habe mich in dieser Zeit intensiv damit befasst, wie ich mehr Geld verdienen, mich besser vermarkten, bessere (oder überhaupt neue) Kunden finden, meine Schulden in den Griff bekommen und meine Telefonangst besiegen kann. Vieles davon hat die Basis gelegt, wie ich heute arbeite.
Da waren H. uns ähnlich, wir hatten ein Faible für „Methoden“ und Systeme.

2012 dann die nächste „Welle“: ich hatte inzwischen „bessere“ Kunden gewonnen und begann, meine Arbeitsmethoden, Projektmanagement, Ablage und Büroorganisation neu aufzustellen.
Wenn ich dann allerdings in Unterlagen aus 2012 lese „Wenn ich so weitermache, komme ich nie auf einen grünen Zweig“ ist das wie ein Déja Vu – solche Sätze hätte ich beinahe jedes Jahr schreiben können (und habe es wohl auch). Es gab dann immer wieder Wellen von „Jetzt aber“, dann beschäftigte ich mich wieder intensiver mit mir und meiner Firma, in der Hoffnung, jetzt endlich den Schlüssel zu mehr Einkommen zu finden. Zuletzt war das Ende 2019 der Fall.

Auch das ein Thema, das H. und mich gleichermaßen beschäftigt hat: Mehr Geld verdienen. Genug Geld, oder am besten viel Geld, um „ausgesorgt“ zu haben, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wir haben uns im Grunde permanent Sorgen gemacht; ich in den letzten Jahren etwas weniger, weil es mit der Lieblingskundin gut läuft (ich darf allerdings nicht daran denken, was passiert, wenn die mir mal wegbricht); er wohl eher wieder mehr, auch wenn wir nicht mehr diese Schulden am Bein hatten und irgendwie klar kamen. Aber seine Situation war auch prekärer: Ein Haufen Kleinkram und ein großer Kunde. Und wenn der weg ist (und es sieht seit zwei Jahren so aus, als könne das jederzeit geschehen), dann Gute Nacht.

Ob ihn letztendlich die ewigen Sorgen und der damit verbundene Stress getötet haben? Vermutlich hatte es einen Anteil. Das hätte nicht sein müssen, und ich hoffe, ich lerne daraus und ziehe rechtzeitig die Reißleine, um nicht denselben Weg zu gehen.
Nur: Wie macht man das? Wie an Geld/ Absicherung kommen, ohne sich wegen dieser Existenzfrage zu zermürben?
Doch einen Job annehmen? Quasi kapitulieren?
Was kann ich lernen?
Wie kann ich es zukünftig besser/ anders machen?
Was ist jetzt wichtig?

* * * * *

Im Laufe des Vormittags werde ich immer trauriger, vielleicht kommt das auch durch diese Rückschau und dass ich mich jetzt verstärkt mit meinem eigenen Leben beschäftige, mit meinen früheren Wünschen und Träumen und dem, was ich in den letzten 20 Jahren tatsächlich gelebt habe.

Eigentlich gut und ausgeruht und motiviert aufgestanden bin ich gegen elf Uhr ein Wrack: Traurig, verunsichert, frustriert, müde, lustlos, unmotiviert.
Viele Erinnerungen an H., weggeschobene Traurigkeit, Planungsprobleme & Druck.

Ich beschließe, den gestern angedachten Besuch bei Freund B. heute zu machen, vielleicht lenkt das genug ab, dass ich wieder etwas Zuversicht gewinnen kann.

Und morgen drängt schon wieder die Zeit: Arbeit, Friedhof, Bewegung, Spaziergang, Planung, Telefonate…
Hört das nie auf?

* * * * *

Bevor ich zu B. fahre, noch ein Mini-Einkauf im großen Supermarkt. Es ist halbwegs leer, nur sechs oder sieben Mitarbeiter räumen Regale ein. Zählen die bei der Anzahl maximal zulässiger Personen eigentlich mit?

Da ich mich beim Umsteigen beeile, komme ich schnell durch und bin in einer Dreiviertelstunde bei B. Für einen Samstag nicht schlecht.
Er hat endlich sein Sofa verkauft (darüber jammerte er schon im Februar, als ich bei ihm Kleidung abholte), außerdem einen Haufen Blechdosen und etwas Kleinkram. Der Nachlass der Sammelwut seiner Frau. Wenn man darüber nachdenkt, was für Geld hier versenkt wurde, und wie wenig man auf sehr mühselige Weise dafür zurückbekommt, kann einem ganz anders werden. Zum Glück verbietet B. sich solche Gedanken größtenteils.

Wir essen zusammen zu Mittag (Rostbratwürste mit Sauerkraut), dann geht es an den Rechner, Fotos aus W. anschauen, dann Musikvideos (Leonard Cohen Tribute, America’s Got Talent, 46664 und anderes).
Kaffee und Teilchen.
Dann mit Sekt auf den Verkauf des Sofas anstoßen, die mittags angebrochene Flasche Weißwein leeren und in der zunehmend dunkler werdenden Küche sitzen und reden. Confession Time.

Am Ende bin ich gepflegt angeknallt, das tut mal wieder richtig gut: In Gesellschaft essen und trinken und reden. Anders als mit H. natürlich, aber trotzdem wohltuend und hilfreich.
Wir denken an, dass B. mich nach K. begleitet und erörtern die damit verbundenen Implikationen und Reaktionen der Nachbarschaft. Und ich habe sowas von keiner Lust, jetzt in diese Richtung zu denken, aber es wäre natürlich dumm, das nicht zu tun.

Kurz nach Mitternacht breche ich auf, die Heimfahrt geht ähnlich schnell, um eins bin ich zu Hause.
Zum Glück haben keine Kneipen auf, ich würde noch irgendwo hingehen.

Wach. Aufgedreht. Hungrig. Frustriert und ein wenig sauer wegen der ausbleibenden Reaktion von TSO.
Rutscht mir doch alle den Buckel runter.

Esse den Rest Auflauf und kollabiere vor dem Fernseher.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Fliederblüte am Bahndamm

What I did today that could matter a year from now:
Gedanken denken, Entscheidungen vorbereiten, einen Abschied enleiten

Was wichtig war:
Den Teufelskreis unterbrechen.
Weggehen.
Unterstützung suchen.
Reden.
Zuhören.
Trinken.
Leben.

Begegnungsnotizen:
Menschen im großen Supermarkt und in U- und S-Bahnen.
Freund B.

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Der neunzigste Tag im Danach: Dammbruch

Innere und äußere Reinigung. Freunde in der Not.

26. April 2021. Montag. Dreimal dreißig Tage ist H. nun tot. Hute vor drei Monaten ist er gestorben. Eigentlich ist er schon zwei Wochen vorher gestorben, aber da bestand noch eine winzige Hoffnung, ich würde ihn zurückbekommen. Und man klammert sich gern an winzigste Hoffnungen, wenn die Alternative unvorstellbar, unaussprechlich scheint.

Wer mich nicht gut kennt, ist überrascht, wie gut ich mit der Situation umzugehen scheine. Denn ich rede über und tue normale Dinge, ich breche nicht bei jeder Gelegenheit in Tränen aus, ich habe mir keinen demonstrativ leidenden Tonfall oder Habitus angewöhnt, ich lache, ich mache Scherze, ich bin offen für Menschen und Ideen, ich plane und arbeite.

Wer mich besser kennt oder mir näher kommt, weiß, dass ich alles andere als „drüber weg“ bin. Dass ich Depressionen bekomme, wenn der äußere Druck nur ein klein wenig nachlässt. Dass ich unruhig bin und nervös und hibbelig, dass ich Wortfindungs- und Gedächtnisstörungen habe, dass ich mich schlecht konzentrieren kann und sehr schnell ungeduldig werde, dass ich empfindlich und dünnhäutig und ängstlich geworden bin, dass ich mir plötzlich über Dinge Sorgen mache, die früher kein Thema waren. Dass mir die Decke auf den Kopf fällt, wenn ich ein paar Stunden lang mit keinem Menschen gesprochen habe. Dass ich mich einsam, ausgesetzt, verloren und unglaublich schutzlos fühle, Dass da viel Fassade ist, um überleben zu können. Dass ich nach Strohhalmen greife, mit mir und der Welt und dem Leben ringe, dass ich nach einem Platz suche, wo ich zur Ruhe und ankommen kann. Dass ich mich heimatlos und verlassen und allein fühle. Dass mich Kleinigkeiten nicht nur aus der Ruhe bringen, sondern zutiefst verunsichern können.

Bei allem äußeren Funktionieren bin ich weit davon entfernt, diesen Tod bewältigt, ja auch nur ansatzweise realisiert und verstanden zu haben.

* * * * *

Wenn die Pandemie eins gezeigt hat, dann dass das, was wir für absolut offensichtlich halten, zwischen verschiedenen Menschen nicht unterschiedlicher sein könnte. Insofern ein grandioses Beispiel für das Problem, das beim Übergang zu einer planetaren Zivilisation das schwierigste sein dürfte, und das wir am dringendsten lösen müssen.

André Spiegel, fortlaufend, 24. April; https://flfnd.tumblr.com/post/649433735851360256/2021-04-24

* * * * *

Ich bekomme den Film, weiß nicht, ob es erst eine Grobfassung oder schon der Endschnitt ist. Scheint mir, sie haben sich schwer getan. Natürlich spule ich schnell durch, um zu schauen, ob es Aufnahmen von TSO gibt. Es gibt eine kurze Sequenz, die ich in nächster Zeit vermutlich sehr oft anschauen werde.
Es ist komisch, mich anzusehen. Auf mich selbst wirke ich selbstgefällig, überheblich, deplatziert. Zu laut. Zu dominant. Zu alles mögliche. Ich weiß nicht, ob ich diese Frau da mögen könnte, wenn ich ihr irgendwo begegnen würde.
Es ist keine Frau, die man in den Arm nehmen und trösten möchte, obwohl ich genau das bräuchte.
Verfickte Scheiße.

* * * * *

Im Haus reißen sie unter mir eine Wand ein und über mir ein Bad ab, beides mit ausgiebigem Einsatz eines Bohrhammers.
Ich flüchte in H.s Wohnung und entferne unter Einsatz von 200ml reinem Alkohol die Kleberückstände der Fensterfolie von der Scheibe. Zumindest soweit, dass man nicht auf Anhieb ein Blumenmuster sieht, sondern eher undefinierbaren Schmier, wie bei einem schlecht geputzten Fenster. Ich muss mir das morgen nochmal anschauen, am besten zu der Uhrzeit, zu der auch die Übergabe stattfindet.

Anschließend setze ich mich noch eine halbe Stunde auf den Platz und chatte mit Freund B. Der streicht heute seine Küchendecke fertig und freut sich anscheinend über die Ablenkung.

Mir ist kalt und ich werde traurig und gehe heim.
Nach einer weiteren halben Stunde kehrt Ruhe ein: Hoffentlich Mittagsruhe und nicht nur 30 Minuten Pause.

Sehr traurig.

* * * * *

Duschen. Lange heißes Wasser über mich laufen lassen. Immer heißer. Das tut gut. Nicht soweit gehen, dass es weh tut, nur einfach spüren, wie die Haut wieder warm wird.
„Fühl Dich gedrückt, das wärmt auch“ hatte Freund B. geschrieben, aber das stimmt nur bedingt. Sich gedrückt fühlen wärmt vielleicht das Ego, aber Körper und Seele brauchen etwas Spürbares.

Ich esse Joghurt mit Apfelkompott. „A.. 2006“ steht auf dem Glas. Das erste Kompott, das ich aus den Äpfeln im Garten gemacht habe, da lebte H.s Mutter noch, das muss bei meinem dritten oder vierten Besuch dort gewesen sein.
Es schmeckt nach 14,5 Jahren immer noch einwandfrei.

* * * * *

Die Traurigkeit steigt wie eine Flutwelle in mir hoch. Ich schreibe TSO, dass ich heute traurig bin. Er schickt Emojis. Kein Wort des Trostes, kein Gesprächsangebot. Das ist es dann, die Tränen fließenl, ja strömen aus mir heraus, es gibt kein Halten mehr. Alles, alles drängt nach draußen: das Gefühl der Verlassenheit, die Angst, das Verlorensein, die Unsicherheit, die Verwirrung.

Ich weine und weine und kann nicht mehr aufhören. ‚Lass es raus‘ ermutige ich mich selber, ‚das hilft‘. Aber es hilft nicht, und es hört auch nicht wieder auf. Als ich beginne zu hyperventilieren und beim Anblick jedes Gegenstandes ein erneuter Weinkrampf einsetzt, ist mir klar: ich brauche Hilfe in dieser Situation.
Zum Glück ist es Nachmittag, ich frage Freundin B., ob sie schon zu Hause ist und etwas Zeit übrig hat.

Sie hat, und wir brechen zehn Minuten später zu einem langen Spaziergang auf. Sitzen auf dem Friedhof unterm Baum. Am Grab. Laufen, reden, schweigen. Ich beruhige mich schnell – allein jemanden bei mir zu wissen, reicht schon.

Ich ahne, dass das in nächster Zeit öfter vorkommen wird und beschließe, dass ich das Freundin B. nicht dauernd zumuten will und kann. Wieder zu Hause frage ich daher beim Bestatter nach Kontaktdaten von Trauerbegleitern, er schickt mir auch umgehend die Nummer einer Frau in der Nähe, ruft sogar abends um halb acht kurz bei ihr an, um sich zu vergewissern, dass sie Kapazitäten hat.
Mein Schätzchen.

Heute kann ich die Frau nicht mehr anrufen, es ist schon abends, ich bin erschossen, aber morgen, morgen gehe ich das an.

Ich schaue noch ein wenig in den Film hinein. Schöne Szenen.

Beim Telefonat mit M. bin ich gedrückt und wortkarg, aber sie fragt nicht nach, und ich mag auch nicht erzählen. Soll sie denken, dass ich einfach müde bin.

Zum Abendbrot mache ich mir Nudeln mit Zwiebeln und Käse. Soulfood.
Ich habe einen Riesenhunger, das ist ja kein Wunder.

Lasse nebenbei „Good Will Hunting“ laufen. Arbeite noch etwas. Lege mich spät hin, weil ich Angst habe, nicht schlafen zu können.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wie Freundin B. sofort zur Stelle ist, als ich nicht mehr kann und mich lobt, dass ich mir Hilfe (bei ihr) hole.

What I did today that could matter a year from now:
Nach einer Adresse fragen.

Was wichtig war:
Weinen.
Freunde.
Unterstützung.
Nachdenken.
Rausgehen.
Kommunikation.

Begegnungsnotizen:
Freundin B.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen, Zitate

Im Regen sitzen

14. Oktober 2020. Mittwoch. Aufgestanden um halb acht mit Kopfschmerzen: Nächtlicher Zug, verspannter Nacken (anderer Monitor), ein Tiefdruckgebiet, Stress. Schön, wenn man sich die Ursachen seiner Beschwerden aussuchen kann.

Die Berliner Infektionszahlen gehen durch die Decke (706 Neuinfektionen innerhalb 24 Stunden), und es wird nicht mehr diskutiert, ob es eine zweite Welle gibt, sondern nur noch, wie man möglichst gut durchkommt. Die Ahnungs- und teilweise Kopflosigkeit der Entscheidungsträger tritt dabei offen zutage.

Daher ist mein Satz des Tages auch dieser hier von Christian Fischer:

Liebe Politiker, wissen Sie, wen ich wirklich gerne wählen würde? Jemanden die sagt: „Das ist jetzt alles Scheiße, es wird auch nicht wieder normal, aber wir müssen da jetzt gemeinsam durch.
Und nicht Euch mit Eurem peinlichen Allmachts-Aufrechterhaltungs-Gebaren.

Christian Fischer aka jawl: 13.10.2020 – let’s go to the mall (hmbl.blog)

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal über ein:e CDU-Politiker:in sagen würde, aber: Angela Merkel macht aktuell einen verdammt guten, möglicherweise den besten Job von allen.

Und warum die Zahlen sind, wie sie sind, konnte ich mal wieder live beobachten: Die Nachbarwohnung wird immer wieder auf Zeit vermietet, meist an Studenten. Gestern Abend war Wohnungsbesichtigung. Ein geschniegelter Maklertyp, sein junger Hiwi und vier Interessent:innen drängeln sich in der 40-Quadratmeter-Wohnung. Nur der Hiwi trägt eine Maske.

* * * * *

Heute Vormittag M. getroffen, wir machen zusammen Einkäufe, sitzen dann durch Planen vorm Dauerregen geschützt vor einem Café und genießen Milchkaffee und gefüllte Croissants. Nach zwei Stunden, als wir langsam aufbrechen wollen, fällt M. ein, warum wir uns eigentlich getroffen haben: Das Handy-Guthaben muss aufgeladen werden. Sie hat das über ihr Online-Banking gemacht, und wie alles bei dieser sehr, sehr großen Bank ist es unnötig kompliziert. Ich schicke also wie gefordert eine SMS mit einer endlosen PIN an eine bestimmte Nummer. „Warten Sie auf die Bestätigungs-SMS. Telefonieren Sie los!“ heißt es in der Anleitung.

Also warten wir. Und warten. Dann kommt eine SMS. Ich lese: „Um Guthaben aufzuladen geben Sie bitte *130*die erhaltene PIN-Nummer# ein„. Ich tippe also nochmal. Wir warten. Und warten. Dann endlich die erlösende Nachricht: Ihr Guthaben wurde aufgeladen!

Bei meiner Bank gebe ich im Online-Banking die Telefonnummer und eine TAN ein und wenige Sekunden später ist das Guthaben auf dem Gerät.

* * * * *

Nach einem Einkauf bin ich gegen zwei zu Hause und platt und aufgedreht gleichermaßen. Sensorisch überreizt.

H. ruft an, weil er morgen zum Elektronikmarkt muss, um einen Kundenrechner zu kaufen: Hattest Du schon Zeit, Dich mit dem Thema neuer Monitor zu beschäftigen? Ich hatte erfolgreich verdrängt, dass es dieses Thema überhaupt gibt, aber es stimmt: ich hatte vor dem Urlaub meinen Arbeits-Monitor einer schwer kranken Bekannten überlassen, die sonst ohne Zugang zu Internet und Mails gewesen wäre, weil ihr Uralt-Monitor den Geist aufgegeben hatte. Nun hatte sie sich in den Monitor verliebt und scheute wohl auch den Stress, sich einen neuen besorgen und einrichten zu lassen, also hatte ich ihr meinen als Gebrauchtgerät verkauft und von H. einen bekommen, den der übrig hatte. Trotz besserer Auflösung werde ich mit dem Teil aber nicht warm und deshalb soll jetzt ein neuer her.

Wir verbringen also eine Stunde am Telefon, währenddessen recherchiere ich nach Angeboten, schnell kristallisieren sich zwei Kandidaten heraus, und nun werden wir also morgen gemeinsam losziehen und Großenkauf machen.

Dann mit etwas Überwindung noch am Großprojekt der Lieblingskundin weitergenmacht und ihr nochmal einen großen Brocken Arbeit zuschustern müssen, den sie leider bisher erfolgreich verpennt/ verdrängt hat. Blöd sowas, kurz vor Schluss, aber was muss, das muss.

Um fünf so dermaßen durch, dass Arbeit keinen Sinn mehr macht. Also räume ich noch ein wenig auf der Festplatte auf und höre dabei auf Spotify erstmalig meinen „persönlichen“ Mix der Woche, den die KI basierend auf meinen Hörgewohnheiten zusammengestellt hat. Recht treffend, wie ich sagen muss. Teilweise meine ich sofort zu erkennen, warum nun dieser oder jener Titel aufgenommen wurde, bei anderen Sachen bin ich angenehm überrascht. Und mache ein paar Neuentdeckungen, tanze ein wenig, bekomme gute Laune, entspanne mich. Was will man mehr?

Abends kocht wieder H., es gibt gebratenen Thunfisch mit Andaliman-Pfeffer, dazu Kartoffelpüree mit geräucherter Paprika und scharfes Paprika-Stangensellerie-Gemüse. So lässt es sich leben.

Im Fernsehen (auf ARTE, wo sonst) der sehr interessante Film Enemy von Denis Villeneuve. Starke Bilder, interessante Musik, schräges Ende. Sehr schön.

Woran ich mich erinnern will:
Wie sehr andere Gedanken, andere Themen meinen Kopf anregen, selbst wenn er völlig erschöpft ist.

What I did today that could matter a year from now:
Unter Menschen gehen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Da sein.
Zuhören.
Ideen entwickeln, Anregungen geben.
Entscheidungen treffen.
Close open loops.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen, Zitate

Fernwartung

13. Oktober 2020. Dienstag. Aufgestanden um sechs. Die innere Unruhe verhindert nochmaliges Einschlafen: Nutze die Zeit!

Der Rechner friert einmal ein, arbeitet ansonsten zuverlässig.

Ich lese das hier und es ist so, so wahr. Und jeder, der mit jemandem auf Social Media oder im realen Leben diskutiert, sollte einfach vorher mal in sich gehen und sich überlegen: Sitzen wir überhaupt im selben Boot?

When people around you do something that makes no sense or is self-defeating, it might not be because they’re stupid.
It’s more likely that they don’t believe what you believe, don’t see what you see or don’t want what you want. It might be different measures of time, of status or desire.

Seth Godin: Persistently irrational, Seths Blog, 12.10.2020

* * * * *

Ich mache morgens nur Kleinkram und warte auf den angekündigten Anruf der Lieblingskundin: Erstbesprechung nach Urlaub.
Das vorgesehene Treffen mit M. (wegen Handy-Guthaben-Aufladung) verschiebe ich auf morgen, weil heute das Päckchen mit den bestellten Socken kommt und da sind welche für M. mit dabei.
Die Agentur, die das GroßeGrausigeProjekt organisiert, ruft an, damit ich mir den Entwurf vorab anschaue und mitteile, ob ich irgendwo Probleme sehe. Ich bin angenehmst überrascht, wie klar und aufgeräumt der Entwurf ist. Die Umsetzung sollte keine größeren Probleme machen, und vielleicht ist das dann wirklich mal ein Auftrag, an dem ich Geld verdiene…

Eine Mini-Rechnung geschrieben und nochmal Änderungswünsche in einem eigentlich schon seit Wochen fertigen (und freigegebenen) Projekt eingearbeitet.

Einem neuen Thema hinterherrecherchiert: Wie macht man die Navigation auf einer Website möglichst barrierearm? Es gibt da verschiedene Dinge zu berücksichtigen, etwa die Bedienung mit Tastatur statt mit Maus oder dass Leute sich die Inhalte (und Struktur) einer Website vorlesen lassen.
Wenn man nun ein Redaktionssystem einsetzt, das den Code und die Struktur weitestgehend vorgibt, muss man natürlich sehr genau überlegen, welchen Aufwand man betreibt, um die sinnvollen Maßnahmen da irgendwie reinzuknoten. Natürlich gibt es widersprüchliche Vorgaben, das wäre ja sonst langweilig.

Ich brauche eine Pause und schaue mir bei Reis mit Rosenkohl-Curry (der Rest vom Rest) und Joghurt mit Blaubeeren (aus dem Glas) eine Folge Kidnapping auf arte.tv an. Gefällt mir gut. Die Handlung ist nicht künstlich komplex mit 98 sinnlosen Nebensträngen, auf übertriebene Dramatik wird verzichtet. Anders W. Berthelsen schaut vielleicht ein wenig zu ausdauernd grimmig in die Kamera, aber Charlotte Rampling und Zofia Wichlacz spielen großartig und machen das Ganze sehenswert.

Telefonat mit M: Der Backofen ist kaputt, der tut keinen Mucks mehr.Schau mal, ob die Sicherung drin ist.Der Herd funktioniert ja.Schau doch einfach mal. – – – Oh.Gern geschehen.
Tja, bei Einbaugeräten kann es schon auch mal sein, dass jedes Gerät eine eigene Sicherung hat.

Von fünf bis halb sieben vorbereitende Einrichtungsarbeiten beim GroßenGrausigenProjekt, das vielleicht gerade seinen Titel aberkannt bekommt, mal sehen.

Abends kocht H. mal wieder, es gibt Nudeln mit Pilzen, wir haben im Tiefkühler nämlich noch ein paar Beutel selbst gesammelte Maronen und Steinpilze von vor vielen Jahren gefunden… Man muss das ja genießen, wer weiß, ob und wann wir mal wieder in den Wald kommen und fündig werden. Immerhin soll es morgen den ganzen Tag regnen, dann werden vielleicht zwei weitere Millimeter Waldboden durchfeuchtet.

Im Fernsehen (ARTE) eine Doku über die Geschichte des Ku Klux Klan.

Woran ich mich erinnern will:
Mich nicht von all dem Chaos anstecken lassen.

What I did today that could matter a year from now:
Mich kooperativ zeigen. Eindruck hinterlassen. Hoffentlich guten…

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Eins nach dem anderen.
Erst eins fertig machen, dann zum nächsten wechseln.
Rechtzeitig aufhören.

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Anna liest, Zitate

„Sie trieb dahin, ließ sich von der Strömung tragen im Vertrauen darauf, daß sie sie dorthin bringen würde, wohin sie wollte. Sie mußte diesen Tag herumbringen: eine Landmarke am Ufer, an der sie vorüberglitt, ein Baum, der kaum anders war als die anderen Bäume, der sich nur dadurch von den anderen unterschied, daß er hier und nicht weiter vorn und weiter hinten stand, und der nur dem einen Zweck diente, die zurückgelegte Entfernung zu messen. Sie wollte es hinter sich bringen.“

(Margaret Atwood: Die essbare Frau, Übersetzung von Werner Waldhoff)

Treiben lassen

Zitat
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Pressing the red button

10. Juni 2020. Mittwoch. Aufgestanden um 5:45 Uhr. Die Sonne scheint erst, verschwindet dann aber hinter dünnen Wolkenschleiern. Ich denke an K., wo morgens oft die Sonne scheint und dann wieder ein paar Stunden bis zum späten Vormittag im vom Fluss aufsteigenden Nebel verschwindet. Hier ist aber kein Fluss, der einen derartigen Nebel erzeugen kann, hier bleibt der Dunst, und es wird ein grauer Tag. Immerhin hellgrau, die Wolkendecke ist nicht dicht, und die Sonne dahinter noch deutlich zu erahnen.

Vormittags zwei Websites freigeschaltet, das ist immer ein etwas aufwändiges Procedere, aufwändiger jedenfalls als einfach „auf den roten Knopf zu drücken“, wie ich das gegenüber meinen KundInnen immer bezeichne. Mittags mit H. losgegangen und eine kleine Spazierrunde gedreht, aber es lief nicht so gut, ich hatte Rückenschmerzen und war total verspannt, es sind so gerade mal 1,2 km geworden, und die unter Schmerzen. Egal, jede Bewegung zählt, und immerhin war es ein Rauskommen und Eindrücke und ein Kontakt zu einer etwas verrückten Frau mit Hündin. Es war also nicht umsonst.

Dann ein wenig unschlüssig im Internet herumgelesen und eine Runde str8ts gespielt, unentschieden, womit dre Tag weitergehen sollte. Hier hilft Struktur, also stellte ich mir aus den heutigen Aufgaben schnell eine der aktuellen Stimmung angepasste Reihenfolge von Tätigkeiten zusammen und begann mit dem Arbarbeiten: Suppenfleisch aufsetzen, Geschirr spülen, eine Rechnung schreiben, Gemüse für den Rote-Bete-Eintopf putzen und kleinschneiden, Waschmaschine anmachen, Yoga, Gemüse in die Fleischbrühe geben, Kirschen essen, Internet lesen, noch eine Rechnung schreiben, Eintopf ausmachen und abschmecken, Screenshots für Schulungsunterlagen anfertigen, Wäsche aufhängen, Daten synchronisieren, Systemsicherung anfertigen, großes Windows-Update (Version 2004) anstoßen, lesen.

Also wieder viel gemacht, aber wenig bezahlte Projektarbeit. Immerhin zwei Rechnungen.

Abends „Das Leben ist ein Spiel“ von Chabrol mit Isabelle Huppert, die hier leider nicht so wunderbar böse sein darf wie in anderen Filmen. Schön immerhin der Satz. „Ich bin vielleicht frivol, aber nicht pervers!“ Die feinen Unterschiede, die Nuancen.
Chabrol wäre ja dieser Tage 90 geworden, im September jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal, das ist wohl Anlass für ARTE, gerade einige seiner Filme zu zeigen.

Zum Abendessen Rote-Bete-Eintopf.

Woran ich mich erinnern will:
Mit Menschen sprechen.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Bewegung.

Was wichtig war:
Ausgleich.
Kochen.
Yoga.
Geld reinholen.
Nicht überfordern.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Texte, Zitate

Lots Frau

Kurt Vonnegut schreibt in Slaughterhouse Five über Sodom und Gomorrah und Lots Frau:

„And Lot’s wife, of course, was told not to look back where all those people and their homes had been. But she did look back, and I love her for that, because it was so human.
She was turned to a pillar of salt. So it goes.
People aren’t supposed to look back.“

In meiner Wahrnehmung wird Lots Frau immer wegen ihres Ungehorsams, ihres eindeutigen Verstoßes gegen ein göttliches Gebot ihres Unglaubens verachtet, ihre Strafe als nicht nur gottgegeben sondern auch verdient angesehen.
Vonnegut bewertet das anders, sieht ihren Wunsch zurückzuschauen als menschlich.

Und ich frage mich: Warum sollen Menschen nicht zurückschauen? Warum soll es immer nur vorwärts gehen? Was ist mit den Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können und doch auch sollen?
Warum schaut Lots Frau (die in der Bibel keinen Namen trägt) zurück? Neugier? Sensationslust? Oder vielleicht auch Mitgefühl? Denn auch wenn diese Orte der Sünde und die Sünder in ihnen zerstört werden mussten (?), waren es doch auch Menschen. Und wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Und schließlich haben Lot und seine Familie lange in dieser Stadt (Sodom) gelebt, hatten dort Freunde, Verwandte, Wohlstand, Annehmlichkeiten, eine Geschichte.

Und Gott ließ sie zu Salz erstarren, sie war also verdammt, bis ans Ende der Tage zurückzuschauen auf diesen schrecklichen Ort.
Ist das die Lehre? Dass es irgendwann an der Zeit ist, nicht mehr zurückzuschauen, sondern weiterzugehen? Wenn man genug aus der Vergangenheit gelernt hat?

Kann man je genug gelernt haben? Kann man je verstehen?

Man rät das ja auch Menschen nach einer schmerzhaften Trennung oder einem Todesfall: Du muss nach vorne schauen. Das Leben geht weiter.

Aber kann es für manche Menschen vielleicht doch richtig sein zurückzuschauen? Einfach weil sie noch nicht bereit sind, weiter zu gehen? Weil sie noch etwas aus der Vergangenheit zu lernen haben? Weil da noch unbeantwortete Fragen sind?

Und ist es nicht nach wie vor für eine Gesellschaft wie für den einzelnen Menschen wichtig zu wissen, woher sie kommt, wo ihre Wurzeln sind? Kann man Orientierung für die Zukunft gewinnen, ohne die Vergangenheit zu verstehen?

Dr. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin, hat eine ermutigende Sicht auf die Geschichte:

„Könnte es nicht vielmehr sein, dass Gott vor dem sich Umwenden warnt, um die Menschen auf der Flucht zu schützen. Es geht nicht um eine Gehorsamsprüfung sondern um die Fürsorge Gottes, der Lot und seine Familie vor dem schrecklichen Anblick der brennenden Stadt bewahren möchte. Das Verbot soll die Menschen schützen, die Gott retten möchte.

Gott wollte nicht nur keinen Beobachter des unermesslichen Schreckens bei der Auslöschung der beiden Städte, sondern er wusste, dass Menschen den grauenvollen Anblick seines Strafgerichts nicht überstehen können. Die Salzsäule wäre dann für den Leser der Geschichte nicht der Beleg, dass Gott die Missachtung seines Verbots auf der Stelle und mit aller Härte geahndet hat, sondern dass der Anblick des Grauens dem Menschen nicht nur für einen Moment, sondern für immer den Atem verschlägt.

(…) Es fällt mir nicht besonders schwer, mir vorzustellen, warum Lots Frau zurück geschaut hat, als sie und ihre Familie Sodom gerade eben fluchtartig verlassen hatten. Vielleicht ging es ihr zu alles viel zu schnell? Wahrscheinlich hat sie keiner gefragt, als ihr Mann beschloss zu fliehen? Männer übergehen das Innenleben ihrer Frauen gerne. Vielleicht hat sie sich dem einfach widersetzen wollen, wenigstens für einen Augenblick. Und so hat sie heimlich, hinter dem Rücken ihres Mannes, noch einmal zurückgeschaut auf das Leben, das ihr gerade genommen wurde.

War es Mitleid mit ihren Nachbarn und Freunden –die Töchter wollten bald heiraten. Was sollte aus all den Menschen werden, die ihr nahe standen? Die Kinder von Gegenüber, der Kaufmann, die nette Nachbarin, die Schwiegersöhne und ihre Familien?

Hat sie die Liebe zu den Menschen dort zurückschauen lassen? Auch wenn in der Nacht schreckliche Dinge geschehen waren, ich verstehe, dass die Liebe zu den Menschen, selbst den aggressiven Sodomern, größer sein kann als die Weisung der Engel nicht zurück zu schauen.

Sie konnte noch nicht die Konturen der Zukunft sehen oder ahnen, die uns in den Bildreden Jesu vom kommenden Reich vor Augen gemalt werden. Zu frisch waren die Verletzungen, zu tief der Schock, diese Erlebnisse und Erfahrungen konnte sie in diesem Augenblick noch nicht als Vergangenheit hinter sich lassen.

Stattdessen war ihr Herz voller Anteilnahme mit denen, die verbrannten, voller Erinnerungen an die guten Zeiten.

Ich meine, Frau Lot ist ein Vorbild der Anteilnahme und Empathie. Sie nimmt Anteil am Schicksal der Stadt, die niederbrennt und vergisst dieMenschen nicht, die gerade zu Tode kommen – sie erweist sich als menschlich.

Und sie hat den Preis für ihr Mitleid gezahlt.

Gott wollte sie schonen, aber sie hat sich selbst nicht geschont.

Sie ist erstarrt im Angesicht des Leidens der anderen.

(…) Die Frau hat zurückgeschaut. Sie hat das Leid und das Elend der Menschen in der Stadt gesehen, das Gericht Gottes, unter anderem auch über ihre Schwiegersöhne. Es war so furchtbar, dass das Salz ihrer Tränen sie innerlich erstarren ließ, zur Salzsäule, wie es in der Bibel heißt.

So zahlreich waren die Salzkörner der Tränen der Frau Lot, dass sie eine Salzsäule aufhäuften. Sie ist innerlich gestorben.

(…) Ihre Sehnsucht nach denen, die sie ungefragt verlassen musste, der Mangel, der sich bei ihr daraufhin eingestellt hat, die Sehnsucht, der sie nachgegeben hat, hat sie am Ende verbittern und erstarren lassen.

Sie konnte nicht mehr weiter auf derFlucht.

(…) Frau Lot aber blickte zurück und erstarrte vor Entsetzen zur Salzsäule.

Dieser Satz bringt eine Erfahrung zur Sprache: Der Anblick einer Katastrophe vermag uns zu versteinern.

Ich lese da keine Strafe für einen verbotenen Blick, sondern die Folgedes getanen Blicks, Ausdruck einer Erfahrung, Folge der Rückschau: Der Blick auf die Katastrophe kann überfordern und zu Stein werden lassen.

(…) Die Katastrophen in der Welt sind wirklich, aber sie sind nicht die ganze Wirklichkeit. Wer nur das Unheil sieht verhärtet sich, wird unfähig, sich und andere zu retten. Wird zynisch, depressiv, wie auch immer.“

Quelle: Dr. Rüdiger Sachau: Zur Rehabilitation von Frau Lot. „Sommerpredigt“ des Freundeskreises der Evangelischen Akademie zu Berlin in der Evangelischen Kirche Neuhardenberg. 28.6.2015

Und ich denke, Vonnegut hat das auch gesehen: Das zutiefst Menschliche am Verhalten von Lots Frau. Und nur die schwarze Pädagogik patriarchaler Systeme konnte das anders werten.

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Garten exzessiv

27. September. Freitag. Mit Brummschädel aufgewacht – eine Mischung aus Alkoholmix, lautem Gespräch, anstrengender sozialer Interaktion, spätem Zu-Bett-Gehen und Schlafmangel.

Kein Kunde will was Dringendes, darum morgens nur Mails beantwortet, aufgeräumt, Wäsche gewaschen, am PC gespielt, PC-Hilfe für M. geleistet.

Mittags in den Garten und vier Stunden lang Blumenzwiebeln gesetzt, mit verschiedenen Nachbarn geplaudert, Äpfel geschenkt bekommen, Bodendecker, die wir vom Grab genommen haben, ins Rosenbeet gepflanzt, Blumenzwiebeln angegossen, Kaffee getrunken und das letzte Stück Kuchen gegessen, die Dipladenie ausgetopft, den Chili ausgegraben und in einen Blumentopf gesetzt zum Mitnehmen, eine Tüte Nüsse für die Nachbarin gepflückt und an den Zaun gehängt, Äpfel und Birnen in Papiertüten verpackt und aufgeräumt.

Als ich um fünf im Garten Feierabend mache, kommt H. raus und übernimmt: Sträucher schneiden, Baumpilz aus dem großen Apfelbaum entfernen, Wäsche aufhängen, meine lehmige Arbeitshose ausspülen, aufräumen.

Nach einer guten Stunde Schlaf sind meine bohrenden Kopfschmerzen ein wenig besser, und ich leiste M. Gesellschaft beim Kochn und übernehme Hilfsdienste (Sachen zusammensuchen bzw. aus dem Keller holen, Kartoffeln schälen, Tisch decken u.ä.).

Essen tut gut, packen mag ich heute nicht mehr.

Woran ich mich erinnern will:
Wenn ich wirklich etwas schaffen will, ist Zeitdruck ganz gut. Wenn ich entspannt und mit Freude etwas erledigen will, sollte ich mir Zeit lassen.
Auf dem Boden hocken und Pflanzlöcher aus dem verfilzten Moos-Kräuter-„Rasen“ stechen.

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Lesetag

21. September. Samstag. Alles beruhigt sich langsam wieder. H. darf Gartenarbeit machen; das Wasserproblem gehen wir morgen an. Oder Montag. Ich beschäftige M. ebenfalls mit leichter Gartenarbeit. Ich fühle mich zerrissen zwischen den beiden, jeder zerrt an mir und will sich über den anderen beschweren. Ich bin das Bindeglied zwischen ihnen, deswegen fällt mir die Rolle des Vermittlers zu. Gefallen tut mir das nicht, und gut ist es auch nicht für mich. Und so flüchte ich mich von Zeit zu Zeit in meine Bücher oder an meinen Rechner. Weil ich nicht ständig jemand an meinem Hacken kleben haben will, wenn ich irgendwas mache: Wie machst Du das? Warum machst Du das so? Brauchst Du Hilfe? Warum machst DU jetzt das? Kannst Du mir mal helfen? Das ist too much.

Strahlend schönes Wetter, ich lese auf der Terrasse. Liegestuhl geht nicht, weil Rasen gemäht wird, und das kann dauern.
Abends grillen.

Woran ich mich erinnern will:
NIe wieder erschöpft in solch eine Gruppenaktivität starten!
Überhaupt muss diese Grunderschöpfung weg. Die Arbeit ist schon ganz gut geregelt, jetzt muss der Geldfluss noch optimiert werden. Und Unterstützung muss her.

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