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Unerträglich

„Vielleicht ist es zuletzt doch diese Mischung von theoretischer Humanität und praktischer Unmenschlichkeit, die Deutschland zuweilen so unerträglich macht: die heilige Familie und die tödliche Hausgeburt, der unantastbare Rechtsstaat und das Schicksal der Untersuchungshaft, die Idee der Bildung und das Analphabetentum der geistig Behinderten, der Oberscharführer, der nach einem schweren Arbeitstag an der Gaskammer sich beim Violinspiel erholt.“

Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (1965)

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Anna liest, Zitate

Das goldene Herz der Bourgeoisie

von David Weber (1931)

Sie sind nicht so schlimm wie sie aussehn,
Sie haben ein weiches Gemüt.
Sie können den Tod keiner Laus sehn
Und sind um die Wohlfahrt bemüht.
Und wenn ein Proletenpaar draufgeht,
Den Gashahn nicht zu, sondern aufdreht,
Dann seufzen sie stark
Und spenden ’ne Mark
Für die kleine verwaiste Marie –
Ja, das ist das goldene Herz der Bourgeoisie.

Das Geld ist an sich nicht sympathisch,
Sie beuten so ungerne aus.
Sie fühlen durchaus demokratisch
Und reden von Freiheit zu Haus.
Und fällt ihnen wirklich die Not auf,
Dann legen sie gern etwas rot auf
Und schreien: Reform!
Die Not ist ernorm
Und die Börse so lustlos wie nie –
Ja, das ist das goldene Herz.
Das schwarzrotgoldene Fettherz der Bourgeoisie.

Wie leicht ist man menschlich erschüttert.
Man hat seinen Goethe im Schrank.
Doch wenn man den Kriegsprofit wittert,
Dann sieht man, wie schön ist ein Tank.
Wie nett sehn die kleinen Schrappnells aus!
Die Flamm’werfer und Parabells aus!
Was Mumm hat, ja das
Verdient auch am Gas –
Ganz egal, wer krepiert wie das Vieh!
Ja, das ist das goldene Herz.
Das goldengepanzerte Fettherz der Bourgeoisie.

Proleten, ihr habt sie genossen,
So edel, so gut und human.
Wird wirklich auf euch mal geschossen,
Sie habens nicht selber getan.
Die Kerle, die morden und raufen,
Die kann man ja kaufen zu Haufen –
Das ist ihr Geschäft.
Doch wenn ihr sie trefft,
Die gedungene Mordkompanie –
Dann trefft ihr das goldene Herz,
Das goldstückgepflasterte Fettherz der Bourgeoisie.

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Zitate

Herbstgedanken

29. September. Samstag. Wo ist der September hin? Gerade war doch noch August… Ich möchte die Zeit festhalten, jeden Tag, jede Stunde, wahrnehmen, genießen, leben. Kluge Dinge lesen und mir meine Gedanken dazu machen, ganz in Ruhe und ohne Druck. Aber stattdessen sitze ich dann auch am Wochenende am Computer, schiebe Pixel, fülle Excel-Tabellen, lösche Mails, buche Einnahmen und Ausgaben, während draußen der Sommer unmerklich in den Herbst übergeht und ich das nur merke, weil ich plötzlich kalte Füße habe, weil das Fenster wie immer Tag und Nacht offen steht.

Woran ich mich erinnern will:
Es ist nichts Schlimmes daran, die Menschheit in Gruppen einzuteilen, schlimm wird es erst, wenn sich eine Gruppe über die anderen erheben will.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen, Zitate

Plötzliche Klarheit

18. Mai. Freitag. Wenn ich schon das Pfingstwochenende praktisch durcharbeite, kann ich wenigstens den Freitag etwas lockerer angehen, also entspannter Lebensmitteleinkauf über Mittag und anschließend ein kleines Nickerchen. Das tut gut! Abends dann noch ein kleines Nebenprojekt fertiggestellt und etliche Mails beantwortet – es räumt sich langsam alles etwas auf.

Schöner kann man es nicht beschreiben:

Ganzen Tag über einem Algorithmus gebrütet, von dem ich ahnte, dass es irgendwo eine Lösung geben musste, aber als sie dann zum Vorschein kam – als sie aus dem Nichts heraustrat und mein vor sich hin werkelndes Hirn bei ihrem Anblick aufmerkte –, war es doch eine freudige Überraschung. Man guckt sie an wie so viele andere vor ihr, erwartet ihren Haken, ihr Scheitern, aber siehe da: Sie ist es. So geht es.
(André Spiegel, https://flfnd.tumblr.com/post/173987515990/2018-05-16)

Ich glaube, allein für diese Momenten mache ich meinen Job – wenn da plötzlich ein Weg auftaucht,und der ist es dann. Welche Befriedigung!

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Ich bin in der Kür meines Lebens

Ich kann die Raumtemperatur um zwanzig Grad Celsius runterkühlen, wenn es an Konferenztischen unappetitlich wird. Heidewitzka, da schrumpfen die Machtschwänzchen. Aber ich kann’s mir inzwischen auch leisten. Ich bin alt. Ich bin unabhängig. Ich bin in der Kür meines Lebens. Ich genieße den Luxus, Nein sagen zu können.

Allerdings ist mir erst seit Kurzem, erst seit #MeToo, klar, dass ich nicht so bin, weil ich eben so bin, sondern dass ich so geworden bin, weil es Männer gibt

(Else Buschheuer: Die dressierte Frau, SZ-Magazin 8/2018, 13.4.2018)

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