Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der siebente Tag im Danach: Versäumnisse, Kontakte, Trauerkarte

2. Februar 2021. Dienstag. Heute vor drei Wochen brach meine Welt auseinander, heute vor einer Woche brach sie zusammen.

Geschlafen: Erstaunlich viel und auch gut. Von neun Uhr gestern Abend bis vier Uhr heute früh, zwischendrin häufig aufgewacht, aber nie lange wach gelegen. Sieben Stunden. Gut. Von vier bis fünf wach gelegen, dann aufgestanden.

Der Freund aus K. hatte gestern Abend noch eine Mail geschickt mit Musik, die H. seines Wissens gemocht hat. Warum ich das nicht weiß? Er erzählte mir sehr viel von Musik, erwähnte auch immer wieder Namen von Musikern und Bands, aber das war oft in Zusammenhang mit besonderen einzelnen Aspekten: Dieser Gitarrist hat eine spezielle Technik populär gemacht, jener in einem bestimmten Stück mit einer ausgefeilten Harmonie gearbeitet. Mir sagte das alles herzlich wenig, kaum dass ich mir die Namen behalten konnte. Nun wünschte ich, ich hätte mich mehr damit beschäftigt.

Aber ich glaube, hätte man H. gefragt, was seine absoluten Lieblingsmusiker und -stücke gewesen seien und ihn gebeten, eine Art Setlist für seine Trauerfeier zusammenzustellen, hätte er ebenfalls sehr lange darüber nachdenken müssen. Er mochte einfach sehr viel und sehr Unterschiedliches aus den verschiedensten Gründen.
Warum sollte mir als musikalischer Analphabetin das also gelingen?
Immerhin haben wir dank des Freundes und eigener Recherchen und Ideen jetzt genug Musik, um ein kleines Konzert aufzuführen.

Trotzdem spüre ich ein sehr großes Bedauern, diesen für H. extrem wichtigen Teil seines Lebens so beiläufig behandelt zu haben. Immerhin zeigte ich in den letzten Monaten mehr Interesse an den Stücken, die er jetzt mit seiner neuen Ausrüstung produzierte. Aber er war da auch zurückhaltend: er kramte nie die Bänder seiner alten Band raus, um mir Stücke vorzuspielen („ach ja, ich muss das alles mal irgendwann durchhören und sichten…“) und auch von den neuen Sachen hörte ich nur drei oder vier.
Musik war sein Baby, er wollte mich nicht ausschließen, aber er wusste, ich könnte so wenig dazu sagen wie er zu meiner Fotografie.

Wir respektierten, dass jeder da einen Bereich hat, über den er sich ausdrücken kann, und freuten uns gegenseitig, wenn der andere Spaß und Erfolgserlebnisse hatte, aber der Bereich selbst blieb uns fremd.

* * * * *

Heute spüre ich wieder großen Schmerz und Sehnsucht im Herzen. Stück für Stück nehme ich Abschied und will das doch noch gar nicht, mir geht das alles viel zu schnell, aber die Welt zerrt, Dinge müssen geregelt und Entscheidungen getroffen werden. Ist das zum einen willkommene Ablenkung, verursacht es auf der anderen Seite auch Stress und Erschöpfung und zieht mich schneller als mir lieb ist ins Danach.

M.s Nachbar ist gestorben, „an den Folgen einer Covid-19-Infektion“. Er war ein in Berlin nicht ganz unbekannter Musikschaffender (Klassik). 66 Jahre alt.

2021 fängt genauso beschissen an wie 2020 aufgehört hat, und warum sollte es auch anders sein, nur weil ein paar unbedeutende Säugetiere auf einem unbedeutenden Planeten beschlossen haben, dass mit einem willkürlichen Tag alles anders ist und neu beginnt.

* * * * *

Ich lese die Mails, die H. in den letzten 3 Jahren an mich oder Freunde geschrieben hat. Er hat immer wieder Links zu Musikstücken geteilt, wenn er nachts nicht schlafen konnte und stattdessen im Internet unterwegs war. Ich versuche herauszubekommen, was „absolute Lieblingsstücke“ gewesen sein könnten, um sie in der Trauerfeier zu spielen.

Seine Mails zu lesen, schmerzt unendlich. Diesen Quatschton, den er da anschlägt, seltsame Assoziationen, alberne Ideen, witzige Formulierungen, Sprachspielereien. Obwohl vermutlich meist mit ordentlichem Bierkopp verfasst, ist das so sehr er, dass es weh tut.

Auch eine Mail vom Oktober an seinen ehemaligen Gitarrenlehrer, dem er nach eigenem Empfinden sehr viel verdankte, bringt mich fast um. Darin schreibt er eine Art Lebensresümee – bezogen auf Musik. Sein Bedauern, seine Enttäuschung, aber auch seine heutige Sicht und die Zuversicht, sich weiterhin musikalisch ausdrücken zu können, wenn auch auf anderen Wegen. Wie wichtig ihm dieser musikalische Ausdruck war, wie existenziell – das war mir so nie bewusst.
Wie gut kennt man sich wirklich?

Und dann wieder das schlechte Gewissen: Wie oft er mir Links zu Musikstücken geschickt hat: ‚Hör Dir das an, das finde ich großartig. Höre es LAUT!‘ Und ich habe sie nie angehört, weil – ja, warum?
Weil ich mich schwertue, auf „Befehl“ ein betsimmtes Musikstück anzuhören.
Weil mich diese Mails oft morgens erreichten, wenn er schlief (er hatte sie nachts abgeschickt).
Weil ich mich nicht beim Anhören „erwischen“ lassen wollte, denn dann hätte es unweigerlich sehr begeisterte, aber auch sehr lange und detaillierte Vorträge gegeben, und die haben mich überfordert.
Weil ich Angst hatte, nicht das darin zu hören, was er von mir erwartete/ erhoffte.
Weil ich Angst hatte, mir würde das Stück nicht gefallen und dann wäre er enttäuscht.

Und jetzt? Jetzt weiß ich nicht mal, welche Musik die Liebe meines Lebens mochte.

Musik war ihm so unendlich wichtig, aber ich habe mich da immer rausgehalten, ja sogar rausgezogen. Habe nie nachgehakt oder nachgefragt, nie großes Interesse gezeigt.

Ja, wir waren zusammen auf Konzerten, oft habe ich die sogar entdeckt, aber es war immer klar, dass ich im Vergleich zu ihm ein musikalisches Entwicklungsland bin.

Ich hoffe, ihm ging es mit meiner Fotografie ähnlich, dann müsste ich mich nicht so msierabel fühlen.

* * * * *

Ich frage mich, welche Gedanken er mit mir nicht geteilt hat. Und warum.
Wir alle haben ja Dinge in uns, die wir niemandem sagen können oder wollen. Kleine und große Geheimnisse.

Idiotische Selbstzweifel.

* * * * *

Ich begleite M. zu einer neuen Arztpraxis, wo weitere Untersuchungen vorgenommen werden.
Im Wartezimmer sehe ich aus dem Fenster und denke an H., der hier in der Gegend in den 1990ern als Taxifahrer einiges erlebt hatte.
Ich mache mir klar, wie idiotisch meine Zweifel sind: Wenn er mit mir über Dinge nicht gesprochen hat, dann waren sie nicht wichtig. Er hat alles geteilt, was ihm etwas bedeutete. Ich habe vielleicht nicht immer aufmerksam zugehört, aber er hat nichts vor mir verborgen.

Unten neben dem Praxiseingang befindet sich ein Fleischer, der ist da schon lange, cih hatte da vor Jahren auch schon mal Wurst gekauft. Wenn H. noch leben würde, würde ich jetzt von dort etwas mitnehmen, zum Beispiel die Rotwurst mit Chili oder Bockwürste oder eine schöne grobe Leberwurst.
„Nimm doch etwas für Dich mit,“ schlägt M. vor, aber mir schnürt es den Magen zu. Wenn H. nichts Besonderes bekommen kann, dann will ich auch nichts.
Oh je, das wird lange dauern.

* * * * *

Wieder zu Hause mache ich mich an die Trauerkarte, mit der wir Angehörige und Freunde „offiziell“ über H.s Tod informieren wollen.
Die vorgefertigten Karten sind zu 98% unsäglich: Kreuz geht gar nicht, kitschige Schriften und Bilder ebenfalls nicht. Karten zum Selbergestalten sind dünn gesät, aber ich werde fündig, finde eine vorgefertigte Karte, die mir ganz gut gefällt und wo ich nur Text und Fotos einsetzen muss.

Text schreiben. Kontoinformationen des „Spenden statt Blumen“-Empfängers heraussuchen. Bilder heraussuchen, probeweise auf der Karte arrangieren.
Mail der Schwägerin lesen: Sie ist mit meinem Spruch und dem Spendenempfänger einverstanden.

* * * * *

Die Nachbarin aus dem Dorf ruft an. Fassungslos, natürlich. Aber auch ein wenig neugierig: Was war genau, was steht jetzt an, wie geht es weiter. In solchen Fällen gilt immer eine Sorge der Nachbarn dem Haus: Wird man verkaufen? Werden neue Nachbarn einziehen? Hätte man selbst Interessenten an der Hand?
Ich nehme das nicht übel: Sie müssen dort leben, und da ist es wichtig, wer nebenan wohnt.

Dann erzählt sie von eigenen Sorgen: Der gerade überstandenen (sehr leichten) Corona-Infektion ihres Mannes, ihre Sorge um ihn und die Familie, dem Tod zweier Menschen aus dem Bekanntenkreis (einmal Corona, einmal Krebs), der Lage in der Stadt und im Dorf.

Wir sprechen zwei Stunden, ich erzähle viel Persönliches, teile meine Gedanken, Ideen und Wünsche in Bezug auf das Haus.
Es tut gut, mit ihr zu sprechen, sie verkörpert einen Aspekt des (Weiter-)Lebens.

* * * * *

Durch das lange Telefonat spätes Abendbrot (Rest Chinakohl-Hack-Pfanne von gestern) und entsprechend späteres Zu-Bett-Gehen.
Ich kann mich lesenderweise sogar bis kurz vor zehn wachhalten.

Woran ich mich erinnern will:
Die Stimme des Lebens.

What I did today that could matter a year from now:
Kontakt aufnehmen.

Was wichtig war:
Die Finger ausstrecken.
Kontakt aufnehmen.
Ans Telefon gehen.
Rausgehen.
Den Kopf geraderücken.

Begegnungsnotizen:
M. (aktuelles Haushaltsmitglied)
U-Bahn.
Arztpraxis (recht volles Wartezimmer, alle mit Maske, Abstand so lala), Aufzug

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