Anna denkt nach, Anna schreibt

Disclaimer & Triggerwarnung

Hier ist nach wie vor viel von meiner Trauer(arbeit) zu lesen. Es ist also viel von Tod die Rede und von meinen widersprüchlichen Trauergefühlen bzw. meinen Versuchen, sie zu verstehen und damit umzugehen. Eigentlich fast ausschließlich.

Hintergrund:
Mitte Januar 2021 erlitt mein langjähriger Lebensgefährte H. einen schweren Herzinfarkt. Danach lag er zwei Wochen im künstlichen Koma und starb Ende Januar 2021, ohne nochmal das Bewusstsein zu erlangen.

Sein Tod hat mein Leben schwer erschüttert und meine Existenz auf den Kopf gestellt. Dementsprechend haben meine Gedanken und Erlebnisse nach wie vor viel mit diesem Verlust zu tun – und mit dem Versuch weiterzuleben.

Im Juli 2022 starb nach langer Krankheit mein Vater – ein Tod „mit Ansage“, der mich trotzdem tief erschütterte, wenn auch auf ganz andere Weise als H.s Tod.

Irgendwann werde ich sicher auch wieder über andere Themen schreiben können. Wenn es soweit ist, werde ich diesen Beitrag hier entfernen. Bis dahin: Seien Sie gewarnt.

(28.7.2022)

Grabsteine auf einem Friedhof im Schnee
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Beim zweiten Mal ist es leichter. Aber es tut deshalb nicht weniger weh.

13. August 2022. Samstag. Endspurt. Am Dienstag wird der Vater beerdigt. Ab jetzt arbeite ich nur noch Listen und Tagespläne ab, das gibt Sicherheit und Ruhe und Struktur. Ich habe so gut geplant und vorgearbeitet, dass ich dieses Mal wirklich die Zeit und den Raum habe, den Prozess bewusst wahrzunehmen und nicht wie im Hamsterrad zu rennen.
Zeit habe, ausgiebig mit Verwandten und Bekannten zu telefonieren, Erinnerungen auszutauschen, Unsicherheiten wegen der Beisetzung zu zerstreuen.
Raum habe, auch mal einfach eine halbe Stunde mit dem Fotoalbum in der Hand dazusitzen und zu weinen.
Dinge, die erst viel später nach H.s Tod und Beisetzung möglich waren.

Der Tod des Vaters ist natürlicher, denn auch wenn er zu früh und überraschend kam, so kann man in seinem Fall doch eher akzeptieren, dass die Zeit gekommen war. Es war letztendlich ein Tod mit Ansage.
Das macht es leichter zu akzeptieren.
Natürlich mindert das nicht die Trauer, aber die Schockphase ist kürzer und weniger intensiv.

Hilfreich ist auch, dass ich „das alles“ vor anderthalb Jahren schon durchgemacht habe. Ich weiß, was zu tun ist. Ich weiß, was wichtig ist. Ich weiß, wo ich Zeit brauche. Ich weiß, was ich abgeben und wo ich mich auf andere verlassen kann. Es hilft, dass ich den Bestatter kenne und weiß, wie er arbeitet. Es hilft, Freunde an meiner Seite zu haben, mit denen ich das alles schon mal durchgestanden habe. Es hilft, die Abläufe zu kennen, sowohl formal wie auch emotional.

Es ist die fünfte Beerdigung in anderthalb Jahren, an der ich planerisch und organisatorisch beteiligt war, da entwickelt sich bei aller emotionalen Anstrengung doch auch eine gewisse Routine: H.s Beisetzung, dann die von Freund F. im November, die von H.s Freund T. in K. im Dezember, letztens eine des befreundeten Bestatters, bei der ich ihn unterstützt hatte und nun die des Vaters.
Bestimmte Sachen nehme ich nicht mehr so wichtig, vertraue den beteiligten Menschen und Abläufen, konzentriere mich eher auf die eigenen Gefühle und die anderen Trauernden. Erlebe bewusster, weiß, wann ich Zeit brauche, was Energie frisst und was auch ohne mein Zutun funktioniert.
Das macht vieles leichter.

Ich erlebe den Prozess des Abschiednehmens bewusster und intensiver als bei H. Bei seiner Beisetzung war ich noch gar nicht in der Lage zu glauben, geschweige denn die Bedeutung zu erfassen, dass er nicht mehr da ist. Des Vaters Tod war zwar schmerzlich, aber ich hatte kein Problem, die Tatsache zu akzeptieren.

Die Trauergefühle gelten nun für beide: Wenn ich Fotos des Vaters ansehe und weine, so fast immer bei Bildern, auf denen er mit H. zu sehen ist. „Beide fort“ denke ich dann und das zerreißt mich fast. Wenn ich weine, dann gleichermaßen um die beiden. Und um mich, weil ich jetzt ohne sie weitermachen muss und das doch nicht will.

Ich weine gerne, und ich möchte gar nicht getröstet werden. Ich frage die Trauerrednerin, warum alle unbedingt vermeiden wollen, dass man weint, dass die Tränen schnell wieder getrocknet werden, warum sie das Weinen so schlecht aushalten können.
Sie meint, dahinter stecke die Angst, mit dem Weinen nicht mehr aufhören zu können.
Ein interessanter Gedanke…

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Unbegreiflich.

9. August 2022. Dienstag. Du hast diese Aschekapsel und Du hast diese Fotos. Und es ist einfach unbegreiflich, dass der Mensch von diesen Fotos sich jetzt in dieser Kapsel befinden soll. Dieser Mensch, mit dem Du vor kurzem noch gesprochen hast, dessen Hand Du gehalten hast, dessen Wange Du geküsst hast.
Du hebst die Urne an, spürst ihr Gewicht, drückst sie an Dein Herz, weil Du den Menschen nicht mehr drücken kannst. Er ist da und zugleich fort.

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Interferenzen

30. Juli 2022. Samstag. Die Verluste überlagern sich, vermischen sich, verstärken und vermindern sich gleichermaßen – wie Wellen in einem großen Gewässer, die aus verschiedenen Richtungen kommen und hier bei mir aufeinandertreffen.

Ich sitze an H.s Rechner und wundere mich plötzlich, warum der Vater dieses oder jenes Programm hatte – weil ich kurz glaube, an des Vaters Rechner zu sitzen.

Beim ersten Besuch des Vaters auf der Intensivstation sah ich stattdessen H. im Bett liegen und erlebte einen winzig kurzen Moment des Glücks, dass H. aus dem Koma aufgewacht sei und mit mir reden könne.
Und kurz eine tiefe Enttäuschung, dass dies nicht der Fall war.

Ich denke jetzt seltener an H., die Erinnerungen und Gedanken beziehen sich auf den Vater. Der Verlustschmerz um H. manifestiert sich eher in einer allgemeinen Sehnsucht nach Nähe, Schutz, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Interesse, Gemeinschaftlichkeit.

Wenn ich weine, vermischt sich alles, ich weine gleichermaßen um H., um den Vater und um mich. Und ich weine dreimal so heftig.

Es gibt jetzt sehr viel mehr Dinge, die die verschiedensten Erinnerungen und Gefühle triggern – eigentlich beinahe alles. Das ist extrem anstrengend.

Die Gemeinsamkeiten oder gemeinsamen Interessen, die H. und der Vater hatten, sind für mich nun beinahe unerträglich geworden.

So gibt es höhere Wellen und Bereiche, wo fast keine Bewegung spürbar ist, und an anderer Stelle taucht plötzlich ein unerwarteter Strudel auf.

Des Vaters Tod hat mich nicht so einschneidend in meiner aktuellen Existenz getroffen, hat nicht wie H.s Tod meine Gegenwart und meine Zukunft mit sich gerissen. Sein Tod betrifft eher die Vergangenheit, die in einem anderen Licht betrachtet, neu bewertet und abgeschlossen werden muss.

Andere Aufgaben liegen nun vor mir, Aufgaben, für die ich keine Kraft zu haben glaube, weil ich noch mit den Aufgaben beschäftigt bin, die aus H.s Tod resultieren.

Meine Umgebung ist müde geworden und hat keine Lust mehr auf meine Trauer. Ich befand mich auf einem guten Weg – dass ich jetzt von zehn gegangenen Schritten wieder sechs zurückgefallen bin, ist schwer auszuhalten. In das ‚Ach Du Arme!‘ mischt sich unüberhörbar ein überdrüssiges ‚Nicht schon wieder!‘
Selbst der Bestatter ist nur halbherzig bei der Sache, weil ‚Na, Du kennst das ja. Du weißt ja Bescheid.‘
Ich kann es ihnen nicht verdenken, denke und fühle ja manchmal selber so, weil ich irgendwann nicht mehr kann.

Das Floß, das in ruhigeres Fahrwasser geraten war, ist wieder den Wellen und Untiefen ausgesetzt, und erneut klammere ich mich am glitschigen Holz fest – mit weniger Kraft aber mehr Wissen.

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Besser so?

28. Juli 2022. Donnerstag. Wenn ich Menschen die Kurzversion von H.s Tod erzähle (Herzinfarkt morgens beim Kaffeemachen in der Küche, sofort bewusstlos, später im Krankenhaus gestorben – die zwei Wochen künstliches Koma lasse ich oft unter den Tisch fallen oder erwähne sie nur am Rande), kommt unweigerlich früher oder später (eher früher) der Satz: „Im Grunde war es so aber doch besser für ihn. So schnell zu sterben ohne großes Leiden.“

Ist das so?

Jetzt, nach des Vaters Tod, der ein Tod war mit Ankündigung, mit einem langen „Vorlauf“, bin ich mir nicht mehr so sicher.

Ich weiß, aus der Aussage ‚im Grunde war es so besser‘ spricht in erster Linie die Angst vieler Menschen vor einem langen, qualvollen, schmerzhaften Tod. Die Angst vor Hilflosigkeit, vor Handlungsunfähigkeit, vor Kontrollverlust, vor quälendem Ersticken, vor unerträglichen Schmerzen.

Sie übersehen dabei, dass es noch viele, viele andere Arten zu sterben gibt.

Der Vater hat mir dies eindrücklich demonstriert: Jahrelang krank, dem Tod mehrmals „von der Schippe gesprungen“ (wegen hervorragender ärztlicher Versorgung, guter Selbstheilungskräfte, ausgeprägtem Lebenswillen – wer weiß das schon?), am Ende der zunehmende körperliche Abbau.

Bei der vorletzten akuten Lebensbedrohung vor acht Jahren begann er, seine Angelegenheiten zu regeln. Er erstellte Vorsorgevollmacht, Bankvollmacht und Patientenverfügung, eine Liste wichtiger Versicherungs- und Mitgliedsnummern, eine Anleitung, wie man sich „im Ernstfall“ auf seinem Rechner zurechtfände. Er setzte mich als Verantwortliche ein und stellte mir seinen jüngeren Bruder und H. als Unterstützung zur Seite.
In diesem Jahr war H.s Mutter gestorben und er hatte wohl den Eindruck, H. sei in der Lage, sich um „diese Dinge“ kümmern zu können, sei mir also „im Notfall“ eine Hilfe.
(Ich setze das in Anführungsstriche, weil bei all dieser Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben das Wort „Tod“ nie erwähnt wurde.)

Als H. Anfang letzten Jahres starb, schrieb er alles nochmal um, erstellte alles nochmal neu. Strich H.s Namen und den des Bruders aus allen Verfügungen, übertrug nun die gesamte Verantwortung mir allein.
Und ordnete alle seine Angelegenheiten. Erstellte auf seinem Rechner einen Notfallordner, darin alle wichtigen Unterlagen zu Kranken- und Pflegeversicherung und Rente und Beihilfe, zu Bankkonten, Versicherungen, Mitgliedschaften. Erstellte einer Liste seiner Verwandten, Freunde und Bekannten mit Telefonnummern und Adressen, die im Todesfall zu benachrichtigen seien. Markierte farbig, wer, sofern möglich, unbedingt zur Beerdigung kommen solle. Er ließ seine Wohnung neu streichen – was er seit Jahren vorgehabt hatte, aber nun war klar, dass er das alleine nicht mehr schaffen würde. Er mistete aus, verpackte wohl erstmalig in seinem Leben Geräte und Werkzeuge in beschriftete Kartons und trennte sich von Unmengen Zeug, was er sowieso nicht mehr benutzen würde.

Und er begann, mit mir zu sprechen. Zeigte und erklärte mir alles, ließ mich nach und nach an allen Angelegenheiten teilhaben. Teils, weil es ihm tatsächlich langsam zuviel wurde, aber größtenteils, um vorzusorgen: Dass ich wisse, was ablaufe und was zu tun sei.

Wir hatten zwei lange und anstrengende „Sitzungen“, eine kurz nach H.s Beerdigung und eine im letzten Herbst, weil ich bei der ersten aus nachvollziehbaren Gründen vielleicht 10 Prozent des Gesagten aufnehmen und behalten konnte.
Bei diesen Treffen zeigte und erklärte er mir alles, angefangen bei seinem Medikamentenplan bis hin zur Sterbegeldversicherung. Schlug vor, dass er zu einem Bestatter gehen und alles vorab regeln würde. Ich riet ab, hatte ich doch durch H.s Tod einen wunderbaren Bestatter gefunden, dem ich alles übertragen und bei dem ich mich gut aufgehoben fühlen würde.

Er hatte Zeit, sich auf seinen Tod vorzubereiten – und er hat diese Zeit genutzt. Hat aufgeräumt in seinem Leben, hat sich von Dingen und Träumen und Wünschen und Zukunftsvorstellungen getrennt, hat seine Beziehungen zu anderen Menschen geklärt und alte Konflikte ausgeräumt, hat für mich als seine Nachlassverwalterin alles geordnet und vorbereitet.

Er ist trotzdem nicht leichten Herzens gestorben. Er hing am Leben wie alle anderen, auch wenn sein Aktionsradius immer kleiner wurde, seine Kraft kontinuierlich nachließ und am Ende der Gang zur Toilette einem Marathonlauf gleichkam, so anstrengend wurde ihm die kleinste Tätigkeit.

Er ist sehenden Auges gestorben. Und obwohl er bis zuletzt nicht gehen wollte – wenigstens noch durchhalten bis zum Geburtstag in der kommenden Woche, nochmal Sahnetorte essen, vielleicht sogar nochmal nach Hause kommen und auf der Terrasse sitzen und in den Garten schauen können – frage ich mich:
War das nicht der „bessere“, der „schönere“ Tod? Lebenshungrig bis zum Schluss, die Augen vielleicht mit Bedauern aber in dem Wissen schließend, dass man alles getan hat, sein Leben zu einem „ordentlichen“ Abschluss zu bringen? Am Ende dann vielleicht nicht loslassen wollen, aber es dennoch in dem Wissen tun können, dass man „alles“ getan hat?

Und ich frage mich: Wäre H. nicht auch viel lieber so gestorben?
Würde ich selbst nicht viel lieber so sterben?

Nicht „einfach“ tot umfallen und weg, sondern sehenden Auges und mit der Gewissheit, meinen Lieben kein komplettes Chaos hinterlassen und alles geklärt zu haben?

Ich frage mich.

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Was Kraft gibt

27. Juli 2022. Mittwoch. Schlafen (wenn ich kann). Lesen. Der Kontakt mit ganz bestimmten (wenigen) Menschen. Die Trauergruppe. Die Trauerbegleiterin. Gartenarbeit. In der Natur sein. Sonne. Wind. Wasser. Essen, das ich nicht selber kochen muss. Zeichen der Zuneigung. Eine zärtliche Berührung am Arm. Neubeginn. Klarheit. Ordnung. Ein Gefühl von Kontrolle. Raum und Zeit zur freien Verfügung.

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Alles anstrengend

27. Juli 2022. Mittwoch. Schlafen, träumen, aufwachen, wieder einschlafen, aufstehen, Kaffee kochen, wach bleiben, Mails lesen, Telefonate führen, Menschen treffen, keine Menschen treffen, arbeiten, Briefe lesen, Anfragen beantworten, nachdenken, sich erinnern, schreiben, zusammen sein, allein sein, Termine planen, überhaupt irgendwas planen, fernsehen, einkaufen, abwaschen, aufräumen, irgendwo hinfahren, zu warm, zu kalt, Essen kochen, genug trinken, Müll runterbringen, Ordnung halten, nicht verwahrlosen.

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Viel

24. Juli 2022. Sonntag. Eine anstrengende Woche liegt hinter mir, ich habe alles gut geschafft und überstanden, aber nun bin ich auch erschöpft:

Am Montag Telefonate wegen des Vaters Angelegenheiten (gemietete medizinische Geräte und Dienste abmelden und Abholung organisieren), eine Liste für den Bestatter machen, wo er überall abgemeldet werden muss (Rente usw., den Kleinkram erledige ich selber nach und nach), Telefonat mit der Floristin, ob sie wieder eine Überurne machen kann, mit Blumen aus seinem Garten; eine Liste machen, wer alles eine Trauerkarte bekommen soll. Nachmittags Freundin K. getroffen und zur Trauerbegleiterin gegangen, die nun zwei Wochen verreist. Immerhin gab es diesen Termin noch.

Am Dienstag alles geplant, was jetzt bis zur Beisetzung (und kurz danach) ansteht, alles irgendwie im Kalender sortiert und Aufgabenlisten erstellt. So ist es aus dem Kopf heraus und ich muss jeden Tag nur abarbeiten und ergänzen. Weitere Telefonate: Mit dem Krankenhaus wegen der Autopsie und der Abholung der Papiere, mit der Mutter wegen einer möglichen Aufbahrung/ Abschiednahme, mit dem Bestatter, mit der Verleihfirma der Sauerstoffgeräte. Der Bestatter sendet mir den Bestattungsauftrag per E-Mail, den ich ausfülle und zurückschicke. Was bin ich froh, dass wir befreundet und ein eingespieltes Team sind, so können wir solchen Verwaltungskram nebenbei erledigen und die Treffen für wirklich Wichtiges nutzen. Abends die Trauerkarte gebastelt und bestellt, dafür recht großen Aufwand mit der Bildbearbeitung betrieben, weil auf den schönen Fotos immer jemand rausretuschiert werden musste. Langes Telefonat mit der Cousine.

Am Mittwoch war des Vaters Geburtstag und bei 38 Grad wollte ich seinen Wunsch nach Sahnetorte so nicht erfüllen. Ich versprach ihm, dass wir das nachholen. Ich fuhr in seine Wohnung, goss den Garten, sah Lebensmittel durch und arbeitete mich in seine Krankenkostenabrechnung ein. Nachmittags fuhr ich zur Tante, sie hatte Schoko-Sahne-Torte besorgt (nicht ganz des Vaters Geschmack, aber unserer), und wir saßen lange und redeten. Der Bestatter hatte mir noch ein Formular fürs Standesamt geschickt, das ich ausfüllte. Außerdem die benötigten Urkunden kopiert.

Am Donnerstag Vormittag kam der Bestatter auf dem Weg zum Standesamt bei mir vorbei, sammelte die Unterlagen ein und wir hielten noch ein Schwätzchen und besprachen die nächsten Schritte. Später rief er an und berichtete vom Standesamtsbesuch, wo es ihm gelungen war, die einzige momentan anwesende Mitarbeiterin (alle sind krank oder in Urlaub) zu erwischen. Nachmittags war ich in der Galerie, wo nochmal eine kleine Veranstaltung stattfand. Das sind so nette Leute, es tat gut, mit ihnen zu tun zu haben. Ich hätte das jetzt nicht machen müssen, hätte „natürlich“ zu Hause bleiben können, aber es tat mir gut, was anderes, vertrautes zu machen und normales Leben zu leben. Eine Stunde, in der es sich nicht um Trauer und Tod dreht, war sehr willkommen. Anschließend noch H.s Grab begossen und mir den Platz angeschaut, den wohl der Vater bekommt. Der Kopf heckt schon Pläne für die Bepflanzung aus.

Am Freitag um fünf Uhr aufgestanden, weil zwischen sieben und neun die Medizintechnikfirma zur Wohnung meines Vaters kommen wollte, um die Sauerstoffgeräte abzuholen. Bei einer knappen Stunde Fahrweg musste ich also um sechs los. Der Techniker kam – natürlich – erst um halb neun, bis dahin beschäftigte ich mich damit, Schränke durchzusehen und mir einen Überblick zu verschaffen, wo was ist. Wieder zu Hause holte ich beim Nachbarn das Päckchen mit den Trauerkarten ab, setzte Stecklinge von des Vaters Kletterrose ein und telefonierte mit der Mutter. Der Bestatter rief an und berichtete, dass der Vater wahrscheinlich am Dienstag aus dem Krankenhaus abgeholt werde. Ich packte die Sachen zusammen, die ihm angezogen werden sollen und brachte sie nachmittags beim Bestatter vorbei. Anschließend traf ich die Freundinnen K. und I., die nun ein Winterquartier auf den Kanaren buchen, wohin ich eingeladen bin. Auch die Tanten in Schwaben und in Amerika haben mich eingeladen, wenn ich also irgendwann wieder Reiselust verspüre, gibt es Anlaufstellen. Abends ging ich des Vaters MP3-CDs durch und wählte Lieder für die Trauerfeier aus. Es ist absolut nicht meine Musik, aber ich weiß, ihm hätte sie gefallen, und er hätte sie „angemessen“ gefunden. Nur darauf kommt es mir an.

Gestern war ich ziemlich durch, auch weil ich diese Woche durchgehend sehr schlecht geschlafen habe. Es ist wie damals bei H.s Tod: tagsüber bin ich im Tun, da geht es mir sogar ganz gut, aber nachts kommen Stress und Angst heraus und quälen mich. Es war mir wichtig, die Wohnung wieder ein bisschen in Ordnung zu bringen, aber ich war körperlich kaum in der Lage, viel zu schaffen, so blieb es nach einer kleinen Einkaufsrunde beim Aufräumen, Spülen und Wäschewaschen. Danach war ich fix und fertig, und ich hoffe sehr, dass ich irgendwann körperlich wieder ähnlich belastbar sein werde wie vor H.s Tod.

Auf dem Heimweg vom Supermarkt hatte ich gestern eine Idee für eine Collage. Überhaupt gehen mir seit Monaten Ideen für Zeichnungen, Drucke, Collagen und Gemälde durch den Kopf. Mich überrascht das etwas, denn eigentlich sehe ich mich selbst nicht als künstlerischen Menschen, aber offensichtlich ist etwas in mir, das sich anders ausdrücken möchte, bildhaft, nicht in Worten.
Ich setzte mich also abends an den Rechner und „skizzierte“ die Bildidee digital, werde sie aber irgendwann später auf Papier umsetzen.

Zum erstenmal seit zwei Wochen saß ich mal wieder zwei Stunden konzentriert an einer Sache, das war auch schön.

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Es hat auch ein Gutes

18. Juli 2022. Montag. Durch des Vaters Tod ist eine große Belastung von meinen Schultern genommen worden, das muss ich bei aller Traurigkeit auch anerkennen. All die Sorge um ihn und sein Wohlbefinden, all die Angst und Schuldgefühle, nicht genug, nicht das Richtige zu tun, die Angst vor der zunehmenden Belastung durch seine wachsende Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit.
Das ist alles auf einmal fort.

Und erst jetzt spüre ich körperlich, wie sehr mich die Sorge um ihn seit H.s Tod belastet hat.
Plötzlich lassen die Rückenschmerzen nach, die mich seit dem letzten Frühjahr begleiten. Die Schultern sind nicht mehr so verkrampft. Die tiefe, tiefe Erschöpfung weicht langsam.

Ich hätte gerne eine andere Lösung dafür gefunden.

Das ist auch ein Charakteristikum der Trauer: dieses verdammte Auf und Ab, Sowohl-als-auch, die widersprüchlichen Gefühle in alle Richtungen, alle gleich stark, alle gleichzeitig. Eine bunte Suppe aus Verlustschmerz und Erleichterung, Angst und Erwartung, Sinnlosigkeit und Zuversicht, Schuldgefühlen und Dankbarkeit, Bedauern und Liebe.

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Auftrag

17. Juli 2022. Sonntag. Das erste Mal seit fünf Tagen in des Vaters Wohnung. Angst habe ich gehabt vor diesem ersten Mal. Den ganzen Morgen durchlebte ich minutiös die letzten Besuche dort – am letzten Donnerstag, um mit ihm vor dem Termin im Krankenhaus noch einmal zu duschen; am Freitag, um seine Sachen zu holen und ins Krankenhaus zu bringen, nachdem sie entschieden hatten, ihn dort zu behalten; am Sonntag, um den Garten zu gießen und weitere Sachen zu holen; und nochmal am Dienstag, um zu gießen und vom Ablauf bedrohte Lebensmittel zu retten.

Und nun heute, um erneut zu gießen und um wichtige Dokumente zu holen, die der Bestatter braucht.

Und in der U-Bahn sitze ich auf demselben Platz wie vor fünf Tagen, und dann sitze ich im Bus, und alles sieht ganz genauso aus wie vor fünf Tagen, und aus irgendeinem Grund macht mich das froh: Er ist tot, und die Welt hat sich nicht geändert.

Erstmals seit Donnerstag Mittag bekomme ich wieder ein Gefühl von Kontinuität, spüre ich, dass mein ‚Vorher‘ und mein ‚Nachher‘ zusammenhängen, miteinander verbunden sind.

Schlimmer wird es sein, in einer oder zwei Wochen dort entlang zu fahren und zu sehen, wie die Natur sich verändert hat – und zu wissen, dass die Welt sich weiterdreht, sich Dinge verändern – und er nicht mehr daran teilhaben kann.

Wieder ein Mensch weniger, mit dem ich Eindrücke, Gedanken und Erlebnisse teilen kann.

Wieder ein Mensch weniger, der meine Fragen beantworten kann.

Aber der Aufenthalt in der Wohnung ist dann weniger schlimm als befürchtet, es war gut, dass ich die Woche schon ein paarmal ohne ihn dort war, so kann ich die Tatsache seines Todes für den Moment verdrängen und so tun als erledige ich Dinge, die er mir aufgetragen hat.
Und im Grunde ist es ja auch so.

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Raum und Zeit

16. Juli 2022. Samstag. Den Vormittag gesessen, erinnert, geweint, aufgeschrieben. Ich schreibe meine Gedanken auf, Erinnerungen, Ideen für die Trauerrede oder die Beisetzung. Versuche, bestimmte Bilder und Erinnerungsfetzen einzuordnen: Bei welchem Besuch haben wir dieses gemacht? Wie ging es ihm da? Wann hat er jenes zum ersten Mal angesprochen? Wann war xy?

Es tut gut, die Zeit und den Raum für diese Gedanken und Erinnerungen zu haben, und sie füllen Zeit und Raum auch aus. Ich vergesse das Essen, irgendwann bekomme ich Hunger, bewege mich in Richtung Küche, dann kommt mir ein Gedanke, dem ich folgen will und den ich aufschreiben möchte, und eine Stunde später denke ich ‚Ich könnte eigentlich mal was essen…‘.

Mittags beschließe ich, meinem ursprünglichen Plan zu folgen und auf dem Friedhof ein wenig zu gärtnern – ich hatte das die ganze Woche geplant und gestern ein paar Pflanzen besorgt, die ich nun nicht auch wieder wegwerfen wollte wie all die Pflanzen vor ihnen, die ich gekauft hatte und die dann eingegangen waren, weil ich nie die Zeit oder Energie fand, hinzufahren und sie einzusetzen.

Ich verabrede mich mit Freundin K., die noch kränklich ist, aber „raus muss“. Ich jäte und pflanze, sie gießt, wir reden über dies und das, auch über den Tod, aber nicht nur. Es ist einfacher mit jemandem, dem es genauso oder ähnlich geht, da steht nicht ständig dieser Elefant im Raum, man kann zusammen lachen, und ein plötzlicher Tränenausbruch führt nicht zu Betroffenheit und Hilflosigkeit – in den Arm nehmen, drücken, weiter geht’s.

Gemeinsam besuchen wir Freundin M., die auch halbkrank zu Hause sitzt. Wir sitzen draußen, schauen in den blauen Himmel, begrüßen Nachbars Katze und später eine vorwitzige Maus, reden über gemeinsame Bekannte. Auch hier ist der Tod kein Thema, aber nicht, weil er vermieden wird, sondern weil es einfach mal gut tut, über anderes zu sprechen.

Abends versinke ich wieder in Erinnerungen. Ich sehe alle meine digitalen Fotos seit 2008 durch und bin ein bisschen erschüttert, dass ich in den letzten zwei Jahren praktisch keine Bilder mehr vom Vater gemacht habe. Gerade in den letzten Monaten, wo er sich so verändert hat – aber ich habe seit H.s Tod generell sehr wenig fotografiert, und die wöchentlichen (oder öfter) Besuche beim Vater waren mir so selbstverständlich, so Alltag geworden, dass ich gar nicht daran dachte, Fotos zu machen. Beim Geburtstag nächste Woche hätte ich ihn fotografiert, aber sonst? Nun tut es mir natürlich leid, denn ich hätte gerne eine Erinnerung gehabt, wie er zuletzt aussah.

Aus seiner Krankenhaus-Tasche ziehe ich die Fleece-Jacke, die er am Freitag auf dem Weg zum Krankenhaus (zur Therapie) anhatte, in der einen Jackentasche eine Packung Taschentücher und einen Inhalator, in der anderen den Schlüssel und ein Spucktuch.

Ich beschließe gleich, dass er diese letzten Klamotten im Sarg tragen soll. Er hätte zu diesem Anlass sicher etwas Formales gewählt, sich in Hemd und Stoffhose gequält, aber ich möchte, dass er es bequem und kuschelig hat, also bekommt er das, was er gern getragen hat. Und er wählte für diesen „offiziellen“ Termin eine „gute“ Jogginghose und ein „gutes“ T-Shirt, nicht das verwaschene, abgetragene Zeug, was er zu Hause anhatte. Und die wärmende Jacke. Also soll er das auch auf seinem letzten Weg tragen.

In der Jacke steckt sein Geruch, der Geruch seiner Wohnung. Er hat nie gestunken, nicht ungewaschen oder nach altem Mann, nach Krankheit und Verfall gerochen. Er roch nach sich, nach Haarwasser oder Deo, nach Rauch.
So riecht auch seine Jacke, ein sehr vertrauter Geruch.
So vertraut, dass ich mit dem Gedanken spiele, die Jacke zu behalten. Aber sein Geruch wird verfliegen, und die Jacke ist mir eigentlich zu klein, und wenn ich sie das erste Mal gewaschen habe, ist es nur eine Jacke, die nicht richtig passt.

Im Moment ist das Bedürfnis stark, ihn in Form dieser Jacke, die seinen Geruch trägt, bei mir zu behalten, aber das wird nachlassen. Und dann stehe ich hier mit einer Jacke, die ich nicht tragen, aber auch nicht weggeben kann, das ist irgendwie auch doof.

Bei H. habe ich gemerkt, dass die Bedeutung von Dingen, von Kleidungsstücken nachlässt. Mit bestimmten Stücken verbindet man konkrete Erinnerungen, da ist das anders, aber nur weil etwas ihm gehört hat, muss ich es nicht behalten.

Aber im Moment möchte ich seinen Geruch aufsaugen, mich erinnern, trauern.
Es wird der Moment kommen, wenn ich loslassen kann.

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