Anna denkt nach, Anna schreibt

Disclaimer & Triggerwarnung

Hier ist aktuell viel von meiner Trauer(arbeit) zu lesen. Es ist also viel von Tod die Rede und von meinen widersprüchlichen Trauergefühlen bzw. meinen Versuchen, sie zu verstehen und damit umzugehen. Eigentlich fast ausschließlich.

Hintergrund:
Mitte Januar 2021 erlitt mein langjähriger Lebensgefährte H. einen schweren Herzinfarkt. Danach lag er zwei Wochen im künstlichen Koma und starb Ende Januar, ohne nochmal das Bewusstsein zu erlangen.
Mitte Februar war seine Kremierung, Mitte März wird seine Beisetzung stattfinden (ja, das kann aktuell in Berlin so lange dauern).

Ich hoffe, zunehmend auch wieder über andere Themen schreiben zu können. Wenn es soweit ist, werde ich diesen Beitrag hier entfernen. Bis dahin: Seien Sie gewarnt.

(20.2.2021)

Grabsteine auf einem Friedhof im Schnee
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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der vierundachzigste Tag im Danach: Druck rausnehmen

Gedanken ordnen, Klarheit gewinnen, weiteres Vorgehen beschließen. Allein sein und doch nicht allein.

20. April 2021. Dienstag. Aufgestanden um sechs. Auch heute Nacht wieder ganz gut geschlafen, um fünf kurz aufgewacht und wieder eingeschlafen. Es wird.

In meinem Kopf herrscht Chaos, ich bin mit Durcheinander-Gedanken eingeschlafen und sie haben sich nachts nur marginal sortiert, also starte ich den Tag mit einer Innenschau.
Fazit: Ich mache alles unnötig kompliziert und mir unnötig viel Stress, ich versuche, Dinge zu analysieren, die sich per definitionem der Analyse entziehen und wundere mich, wenn mir davon der Kopf platzt.

Heraus kommen gute Gedanken und Anregungen:

Vorherrschend ist momentan der Zwiespalt zwischen großer Sehnsucht und Bedürftigkeit einerseits und extremer Verlustangst andererseits. Dies bestimmt meine Gefühle und Gedanken, mein Handeln, mein Verhalten anderen Menschen gegenüber.
Beide Gefühle verstärken sich zudem gegenseitig: je tiefer meine Zuneigung zu jemandem zu werden scheint, desto größer die Verlustangst, solange nichts klar oder gefestigt ist. Und je größer die Angst, desto stärker wird das Gefühl, einen Halt zu brauchen, einen Menschen, diesen Menschen. Ein Teufelskreis. Und nicht gerade hilfreich, um bestehende Beziehungen zu festigen oder neue anzubahnen.

Die Frage, wie ich einen Kontakt halten kann, ohne dem anderen auf den Wecker zu gehen.
Ohne zu bedürftig zu wirken.
Ohne zu klammern oder zu drängen oder zu irritieren: Was will die von mir?

Was ich lernen muss, ist lockerlassen.
Nicht drängen. Dinge nicht überstürzen, sondern ihnen Raum und Zeit geben. Nicht versuchen, alles zu planen und alle Eventualitäten zu bedenken. Den „Überraschungen des Lebens“ eine Chance geben.
Wenn jemand Interesse an einer Freundschaft hat, wird er auch aktiv werden. Wenn nicht, dann nicht.

Auch wichtig: Erst fragen, wenn ich ein „Nein“ akzeptieren kann und es mich nicht in existenzielle Nöte stürzt. Vorher Klappe halten und abwarten. Kleine Zeichen senden und nicht enttäuscht sein, wenn keine Antwort kommt. Oder nicht die, die ich mir erhoffe. Es braucht Zeit, und es wird sich entwickeln. Vielleicht nicht so, wie ich es jetzt gerade gerne hätte, aber das ist dann eben so.
Ehrlich sein. Die Frage „Wie geht es Dir?“ nicht taktisch mit irgendeiner Pose beantworten, sondern sagen, wie es ist, auch wenn ich dann nicht so dastehe, wie ich es gerne täte. Ohne Ehrlichkeit hat Freundschaft keine Basis.
Und: Aufhören, lästig zu sein. Ich bin mit den wenigsten Menschen an dem Punkt, wo ich den anderen über jede Gefühlsregung informieren muss.

Mich selbst vor spontanen Mitteilungen fragen:
Warum willst Du das schreiben? Verfolgst Du damit einen Zweck? Welchen?
Was würdest Du denken, wenn Du diese Nachricht bekommen würdest a) von jemandem, den Du magst und der Dir nahe steht, oder b) von jemandem, der Dir latent lästig wird?
Fällt Dir etwas auf?
Reicht es, wenn Du diese Nachricht in 24 Stunden schreibst? Oder in 12? Dann warte.

Atmen.
Beruhigen.
Locker lassen.
Lass es liegen.
Es kommt, wie es kommt.
Sei geduldig.
Gib dem anderen Raum.
Lass los.

* * * * *

P. ruft an, er gehe heute wieder freiwillig ins Krankenhaus, die Lunge sei so schlecht, er bekomme kaum Luft. Das hat er im Frühjahr meistens (COPD), wir sind beide entspannt damit, besprechen hauptsächlich praktische Dinge: Den Impftermin hat er bereits selber verschoben, ich muss nochmal kommen und den Müll wegbringen und Briefe einstecken, ein Paket ist bei der Post abzuholen. Es reicht, wenn ich das in den nächsten Tagen mache.

Ich beantworte einige Mails, schreibe eine Einschätzung zu einer Anfrage, plane den Tag, die Woche, räume gewaschene Wäsche weg, bearbeite ein paar Fotos, checke das Angebot eines Postkarten-Versands, der gerade mit einer Sonderaktion wirbt. Erledige eine Kleinigkeit für einen Kunden und eine größere Sache für einen anderen, dann ist es kurz vor zwei und ich schon wieder platt.
Viel getan, aber wenig Vorzeig- oder gar Abrechenbares. Ich versuche, mich deswegen nicht zu stressen: Es ist halt gerade so. Heute. Jetzt. Es wird auch wieder anders.

Kurz vor drei breche ich auf Richtung Friedhof. Der Baum steht nun größtenteils in voller Blüte, die Menschen bleiben stehen, machen Fotos, posieren und lassen sich fotografieren, die wenigen Bänke sind besetzt, man schaut, lächelt, genießt die Sonne, die Blüten, den maiblauen Himmel. Ich auch.

Nebenbei chatte ich ein wenig mit Freund B., lockeres Geplauder, Sprachquatsch, Frotzeleien. Tut das gut! Das würde ich sonst vielleicht mit H. machen, würde er hier sitzen.
Aber das würde er nicht, denn er hätte sich nie an einem Dienstag Nachmittag um drei von seiner Arbeit (oder seinem Mittagsschlaf) losgeeist, um zwanzig Minuten zu einem Friedhof zu spazieren, um dann in der Sonne zu sitzen und einen blühenden Baum zu betrachten. Das hätte ich also ohnehin alleine gemacht, insofern kommt auch keine Trauer auf und ich kann den Moment genießen. Ein kleines Geschenk an diesem Tag.

Ich hatte den Eindruck, das Verhältnis zu TSO sei nach unserem letzten Telefonat ein klein wenig angespannt gewesen, er habe sich möglicherweise selbst mit seinem Versprechen eines Treffens „solange der Baum blüht“ ungewollt unter Druck gesetzt, und ich möchte das Ganze entspannen und wieder auf eine leichtere Ebene zurückbringen. Also schreibe ich nochmal eine Nachricht, sende ein Foto vom Baum, schreibe, wie schön es ist, gerade hier zu sitzen und wünsche ihm eine möglichst stressfreie Woche, denn bei ihm steht ja einiges an.
Sofort fühle ich mich besser: Es ist eine gute Nachricht. Kein Druck, kein Stress, kein Jammern, keine Forderung, keine Bedürftigkeit. Nur ein ‚Ich bin hier und kümmere mich um meinen Kram, und ich denke an Dich und sehe Deinen Stress und wünsche Dir alles Gute‘. Zugewandt. Respektvoll. Freundschaftlich.

Er antwortet zehn Minuten später mit einem Smiley mit Victory-Zeichen. Kein Mann großer Worte, zumindest schriftlich nicht, das kenne ich ja schon.
Wir sind klar.

* * * * *

Wie ich da so sitze, überkommt mich eine große Müdigkeit, ich könnt mich hier und jetzt ins Gras legen und schlafen. Etwas unpassend für einen Friedhof, und der Park ist mir zu weit und zu voll und zu laut mit zu vielen Hunden.
Ich stehe also auf und laufe ein wenig herum, schaue kurz bei H. vorbei, die Bank ist frei.
Tränen kommen heute keine, ich bin wirklich sehr erschöpft.
Ich frage ihn, warum er lauter Geschirr auf dem Hängeboden deponiert hat, und er raunt mir eine Antwort zu, aber ich verstehe sie nicht. Muss eine Erinnerung aus den Tiefen meines Gedächtnisses sein, ein Gesprächsfetzen irgendwann, vor Jahren, mehr Gefühl als Information. Egal.

Auf dem Weg zum Ausgang schaue ich beim Friedhofsgärtner vorbei. Es gibt keine Stiefmütterchen mehr, also hole ich eine Cosmee, die pflanze ich morgen bei I. aufs Grab.
H. hätte das zu popelig gefunden, hätte etwas größeres oder zwei, drei Töpfe gewählt, aber ich weiß ja nicht, was Freund B. vorhat, wieviel Platz da überhaupt ist, und ich denke: Mehr kann man immer noch machen, als Besuch mit einem Topf zu kommen, reicht erstmal aus. Schließlich sind wir nicht mit der Grabgestaltung betraut, auch wenn B. sich da offenbar etwas schwer tut.

Ich beschließe, heute nicht in H.s Wohnung zu gehen und mich mit dem Geschirr oder dem Kühlschrank zu beschäftigen. Zu müde und außerdem hungrig. So schlendere ich gemächlich in der Spätnachmittagssonne nach Hause.

Dort nochmal Telefonat mit P., schreiben, chatten mit Freund B. und Freundin B., dann Anruf bei M., die heute extrem aufgeräumt und gut gelaunt ist, andererseits aber auch nahe am Wasser gebaut hat. Veränderungen sind anstrengend, wer wüsste das besser als ich. Immerhin hat sie sich meinen Anschiss zu Herzen genommen und heute mit den Mitarbeiterinnen kooperiert, was ihr nette Kontakte und angenehme Gespräche eingebracht hat. Tja.

Zum Abendbrot wieder Kohlrabieintopf, jetzt ist nur noch ein kleiner Rest da. Lecker war’s und preiswert, wenn man denkt, dass so ein Topf für dreieinhalb Tage reicht. Für Essen gebe ich jetzt wirklich nur noch einen Bruchteil aus. Aber auch bei H. und mir hätte der Eintopf für zwei Tage gereicht und wäre ein preiswertes Essen geworden.

Ich sehe noch zwei Kartons durch, einer mit Sachen hauptsächlich aus dem Jahr 1996 (H.s Firmengründung), einer hauptsächlich mit Zeitschriften (alte „Titanic“-Ausgaben aus den 1980ern und 1990ern). Wieder was weg.

Im Hintergrund läuft ein Kommissar Magret mit Rowan Atkinson, die gefallen mir gut.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Sitzen, die Baumblüte betrachten – und es mit anderen lieben Menschen teilen. Allein dort sitzen, aber nicht allein sein.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Einer Absage zustimmen.
Ruhe bewahren.
Nachdenken.
Entscheidungen treffen.
Es versuchen.
Mich beherrschen.
Mich beruhigen.
Druck rausnehmen.

Begegnungsnotizen:
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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreiundachzigste Tag im Danach: Erschöpfungstraurig, trauererschöpft.

19. April 2021. Montag. Wach um fünf, das macht keinen Sinn. Aber nochmal richtig einschlafen geht auch nicht, die Gedanken an TSO helfen nicht mehr, die alten an R. auch nicht, und H.s Stimme kann ich mir in meinem Kopf nach wie vor nicht abrufen. Herumwälzen bis halb sechs, dann halb wach liegen und die Gedanken fließen lassen. Wieder diese Überlegungen über den „Sinn“ des Lebens, den Inhalt meiner Existenz.
Solche Fragen sind zu groß für meinen angeschlagenen Kopf, ich gebe auf und stehe auf.

Vormittags Orga-Kram, Schreibtisch aufräumen, Wäsche waschen, Mails beantworten, Terminplanung.

Eine Kundin von H. möchte gerne von mir eine PC-Wartung haben. Ausnahmsweise habe ich zugesagt, muss nun aber erstmal schauen, was ich da genau machen muss. Es wird wohl im Wesentlichen auf ein paar Programm-Updates hinauslaufen.

Langes Planungstelefonat mit der Lieblingskundin. Neues Projekt für eine andere Kundin angefangen.

Um zwei Uhr sehr erschöpft und traurig, also höre ich auf zu arbeiten, ziehe mich an und spaziere durch die Sonne zum Friedhof. Die Bank am Grab ist besetzt, ich gehe erst eine Runde spazieren und setze mich dann woanders hin, denke nach, schreibe.
Die beiden sitzen lange, also drehe ich noch eine Runde und schaue mir mal eine andere Ecke des Friedhofs an.
Später komme ich zurück, die Bank ist frei, und so sitze ich noch ein wenig bei H. und kann endlich weinen.

Auf dem Heimweg springe ich schnell in einen Discounter, damit ich morgen wenigstens Brot zum Frühstück habe. Ich bin grundtraurig und erschöpft und einsam und darf das jetzt aber auch einfach mal sein.

Das Telefonat mit M. ist anstrengend, aber wahrscheinlich habe ich einen gewissen Anteil daran. Sie ist heute in ein anderes Krankenhaus verlegt worden, wo sie nach ihrer OP mobilisiert werden soll. Natürlich ist dort alles Mist, das Essen so ekelhaft, dass man kotzen muss, die Leute alle „fies“.
Seufz.

Zum Abendbrot Kohlrabieintopf.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Anfangen, alles rauszuweinen

What I did today that could matter a year from now:
.

Was wichtig war:
Nachdenken.
Entscheidungen treffen.
Lockerlassen.
Nachgeben.

Begegnungsnotizen:
Menschen auf der Straße und im Supermarkt.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweiundachzigste Tag im Danach: Pläne schmieden

Wie ist es und wie soll es werden? Äußeres und inneres Ordnen.

18. April 2021. Sonntag. Wach und aufgestanden um halb sieben. Wieder eine Nacht mit häufigem Aufwachen, Umdrehen, Wiedereinschlafen. Ich erwache dennoch ausgeruht und mit überraschend wenig Beschwerden: Eine gewisse Müdigkeit in Beinen und Rücken, das ist erstmal alles. Erstaunlich, die paar Wochen haben wirklich eine Art Trainingseffekt gehabt. Wie kann ich das beibehalten? Jeden Tag zweimal eine Viertelstunde schwere Kartons die Treppen runter und hoch schleppen?

* * * * *

Die Trauer steigt in mir wie die Flut. Es gibt wieder mehr Dinge, die Traurigkeit auslösen: Gedanken an eine Reise an die Ostsee, an einen Spaziergang im Weinberg, an Gespräche, gemeinsame Unternehmungen.
Verlustgefühle bezüglich der Wohnung.
Angst vor der Zukunft.
Angst vor dem Verlustgefühl.
Angst vor der Traurigkeit.
Eine üble Melange, die alle Energie auffrisst, die sie bekommen kann.
Die große Sehnsucht nach dem einen Menschen, mit dem ich all dies besprechen kann.

Dabei gibt es Menschen: Freund B., Freundin B, das sind die zwei nächsten. Die Lieblingskundin. Den Kunden mit dem ähnlichen Schicksal. Sicher gibt es mehr.
Ist das nicht besser als nur ein Mensch? Eine Herde, ein Team?
Aber wir sind kein Team, keine Herde, die Menschen sind nicht miteinander verbunden, nur über mich.
Wie eine Spinne hocke ich da auf dem windgepeitschten Zweig und schleudere klebrige Seidenfäden in alle Richtungen in der Hoffnung, sie mögen irgendwo hängen bleiben, damit ich mein Netz bauen kann. Kein Netz zum Fangen von Fliegen, sondern ein Sicherheitsnetz, einen Schutz, ein Zuhause.

Das Alleinsein tut mir nicht gut, der Kopf läuft dann Amok.
Andererseits: Kann ich nicht nur im Alleinsein einmal alle Gefühle und Gedanken herauslassen, sie von allen Seiten betrachten, sie kosten, durchkauen und schließlich herunterschlucken und verdauen und daraus Energie und Nahrung beziehen?

Aber so funktioniert es nicht, nicht wahr? Ich werde dann nur komisch, verrenne mich in Blödsinn, verschwende Zeit.
Besser: Rausgehen, Menschen treffen, Kontakte knüpfen, am Netz bauen.
Die bestehenden Kontakte nach Möglichkeit festigen, vertiefen – mit den Freundinnen B. und E., mit Freund B. und den Bandkollegen KL und MW, mit KU; mit einigen – noch? – losen Bekannten.
Schauen, was sich entwickelt, wo Freundschaften wachsen und wo eine gewisse Distanz vielleicht doch besser ist.

Klingt in der Theorie schön, nur ist das keine Vollzeit-Aufgabe. Mit Freundin B. kann ich zwei- bis dreimal die Woche spazieren gehen, aber sie wird im Sommer auch wieder mehr Aktivitäten mit anderen betreiben, da wird dann weniger Zeit bleiben.
Freund B. kann ich alle paar Tage anrufen, aber die Gespräche sind zäh, und wir haben im Grunde wenige gemeinsame Interessen.
Bei KL, MW und KU wäre eine Kontaktaufnahme pro Woche möglich, würde aber eventuell schon als zuviel empfunden werden. Besser wäre alle 10-14 Tage.

Und was mache ich den Rest der Zeit? Wie bringe ich die 24 Stunden Trauer pro Tag rum?
Arbeit nimmt viel Zeit und Raum ein, das ist gut, aber auch doof, denn da sitze ich alleine zu Hause am Rechner, und danach fehlt mir die Energie für anderes. Fürs Rausgehen und Kontakteknüpfen zum Beispiel.
Weniger Arbeiten hieße momentan aber weniger Geld, und mit noch weniger als jetzt komme ich dann wirklich nicht über die Runden.
Es ist vertrackt.

Aber auch bezeichnend, dass ich jetzt wieder versuche, mit einem großen Wurf, quasi dem „Masterplan“, alle Probleme auf einmal zu lösen und mein Leben kurzerhand komplett umzukrempeln.
Seufz.
Dabei weiß ich doch: Es geht nur schrittweise. Klein, klein. Langsam, aber stetig.

Also lautet der Plan vorläufig:
Eine Bestandsaufnahme machen. Wo stehe ich – emotional, sozial, gesundheitlich, finanziell?
Wo sind Knackpunkte, wo geht es mir nicht gut, wo besteht Verbesserungsbedarf?
Was sind kleine Dinge, die ich zeitnah angehen und verbessern kann?
Was sind Punkte, die mir aktuell besonders wichtig erscheinen, die besonders drücken, wo eine Veränderung einen besonders großen Einfluss hätte?
Darauf konzentrieren.
Einen Zeitrahmen und – realisierbare – Maßnahmen definieren.
Dann schauen, evaluieren, auswerten: Was geht, was geht nicht? Wo verändert sich etwas?
Und: Offen sein. Was bietet mir das Leben an? Ja sagen. Ausprobieren. Mich einlassen.
„Es wird etwas Neues kommen.“ – „Und was?“ – „Das weiß man nicht, das sind die Überraschungen des Lebens…!“
Darauf vertrauen.

* * * * *

Ich bin mittags mit Freund B. verabredet, um die Kartons vom Hängeboden in H.s Flur zu holen. Denke darüber nach, die ganzen Umzugskartons mitzunehmen, die H. fein säuberlich mit Klebeband zu Behelfsregalen gebaut hat: Sie sind neuwertig, und ich kann sie gut gebrauchen, um bei mir Sachen sinnvoller zu stapeln.

Vorher setze ich Suppe an (Beinscheibe mit Gemüse auskochen), sauge und räume etwas um und auf.

B. ist heute pünktlich, wir schaffen viel weg, räumen den Hängeboden leer, sehen die Kartons durch, zerlegen sie und schaffen acht große Umzugskartons und etwas Kleinzeug zu mir. Sitzen noch etwas beieinander, dann verabschiedet er sich.

* * * * *

Ein Gedankenexperiment: Wo möchte ich in 100 Tagen sein? Wie soll mein Leben aussehen?

Heute ist der 18. April 2021. Ein Sonntag.
In 100 Tagen ist Dienstag, der 27. Juli 2021.

Dann ist P.s Geburtstag eine Woche vorbei und M. wird ihren planen.
Wenn sie die Förderung erhalten hat, werde ich – vermutlich unter Hochdruck – an der Website für AS.s Projekt arbeiten.
Die Lieblingskundin wird aus den Ferien zurück sein und mich wohl gleichfalls beschäftigen.
Sicher ist es heiß. Und schwül.
Vielleicht sind wir in der x-ten Corona-Welle, vielleicht gibt es auch ein fast normales Sommerleben mit Außengastronomie, Treffen, Garten.
Ich werde täglich zum Friedhof müssen, um zu gießen. Vielleicht früh morgens, wenn es nicht so heiß ist, vielleicht sogar zweimal.

Wo will ich sein?
Wie will ich mich fühlen?
Wie soll mein Leben aussehen?

Ich wünsche mir Menschen in meinem Leben, mit denen ich meine Zeit verbringe.
Das müssen nicht jeden Tag dieselben Menschen sein, es wäre ok, wenn ich zum Beispiel feste Tage für bestimmte Aktivitäten habe:
Einen Tag spazieren mit Freundin B., einen Tag irgendwo ein paar Stunden arbeiten, einen Tag wechselnde Menschen treffen.
Gerne auch einen oder zwei Tage alleine zu Hause mit Zeit für Hausarbeit und Hobbies. Einen Tag für Besuche bei M. oder P. oder anderen Menschen.

Ich wünsche mir, dass Menschen Dinge mit mir unternehmen wollen, mich zum Beispiel einladen, sie irgendwohin zu begleiten.

Ich wünsche mir einen Ort, an dem ich mich einbringen kann, ein Team, in dem ich arbeiten kann. Gerne mit TSO.
Oder mit jemandem, den ich vielleicht erst noch kennenlerne.

Ich möchte meine Arbeit bequem schaffen und so viel Geld verdienen, wie ich brauche.

Ich möchte einen inneren Dialog mit H. haben/ führen können.
Ich möchte an einem Punkt sein, wo ich seinen Tod akzeptiere und darüber traurig sein kann.
Ich möchte die Gefühle nicht mehr wegdrücken müssen.

Ich möchte, dass der ganze Verwaltungskram, der mit seinem Tod zusammenhängt, erledigt ist.

Ich hätte gerne einen Weg gefunden, die innere Anspannung anders loszuwerden als mit skin picking bzw. sie ganz aufzulösen.

Es wäre toll, wenn meine Wohnung wieder wohnlich aussieht und nicht wie ein Lager.

* * * * *

Herumräumen und einen Karton von H.s Erinnerungen durchsehen: Postkarten, Briefe, Fotos. ich lese nichts, sortiere nur. Stelle mir große Papiertüten bereit: „Fotos“, „Briefe/ Postkarten“, „Andenken & Sonstiges“, „Büromaterial“. Erstmal den Müll loswerden und den Rest sortieren. Später dann Feinsortierung.

Spaziergang mit Freundin B., es fängt an zu regnen, ist aber mild. Wie gestern stehen wir anschließend noch eine Weile vor ihrer Tür und reden; gestern über Freund B., heute über den gemeinsamen Bekannten LBH., der mir neuerdings regelmäßig SMS schickt.

Telefonat mit M. ist wie immer sprunghaft und anstrengend: Sie hört einfach nicht zu, unterbricht mich mitten im Satz, um etwas Belangloses von sich zu erzählen. Ich schreibe es den Medikamenten und der besonderen Situation (Krankenhaus) zu. Sollte dieses Verhalten später anhalten, werden wir reden müssen, das geht so nicht (denn ich vermute, sie macht das dann auch bei anderen). Vor der Verlegung morgen scheint sie ungewohnt ruhig zu sein.

Nach dem Abendbrot (morgens gekochter Kohlrabieintopf mit Rindfleisch) räume ich noch eine gute Stunde im Wohnzimmer herum, um Sachen sinnvoller zu stapeln. Packe eine große Reisetasche und zwei kleine Kartons aus, sortiere den Inhalt und räume ihn weg.

Irgendwann werden die Gedanken komisch, und alles macht mich traurig, mein künftiges Leben erscheint mir sinnlos – und das mir, die sich nie groß um einen „Sinn“ des Lebens gekümmert, sondern die Existenz an sich als Sinn gelten lassen hat. Aber mein Lebenssinn war dann wohl doch, für einen anderen da zu sein und mit ihm gemeinsam diese Existenz zu bewältigen. Jetzt, da der erhoffte teilweise „Ersatz“ sich wohl als Illusion entpuppt (was natürlich im Grunde von Anfang an klar war), scheint wieder alles grau.

„Es braucht Zeit“ höre ich den Bestatter sagen. Und ich bin ja bereit, dem Ganzen Zeit zu geben, wenn ich sicher sein könnte, dass am Ende alles „gut“ wird und mich jetzt nicht nur bis ans Ende meines Lebens verschiedene Schattierungen von Grau erwarten. Denn auch solches prophezeien mir langjährige Witwen: Du wirst lernen, damit umzugehen, aber es wird nie wieder gut.

Selbst die in den letzten vier Wochen so tröstlichen und beruhigenden Gedanken an TSO haben einen schalen Beigeschmack bekommen („Ist doch alles sinnlos“) und verfehlen ihre Wirkung.

Nichts im Fernsehen, daher in der ARTE-App eine weitere Folge von „Bron“.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Mich zeitweise normal fühlen.

What I did today that could matter a year from now:
Pläne schmieden

Was wichtig war:
Freundin B. treffen.
Nachdenken.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Freundin B.

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der einundachzigste Tag im Danach: Auf und Ab der Gefühle

Ein heiß ersehnter Anruf bringt emotional einiges durcheinander; die geschafft Arbeit fühlt sich nicht gut an, sondern als Verlust. Wirrwarr.

17. April 2021. Samstag. Wach und aufgestanden um sechs. Gut geschlafen. Ich schlafe jetzt etwa wieder wie „vorher“: Ich wache mehrmals pro Nacht kurz auf, drehe mich um, beginne, einen Beruhigungsgedanken zu denken und schlafe darüber wieder ein. Dies gerne zehnmal pro Nacht, aber morgens fühle ich mich ausgeruht. Drei Monate hat das jetzt gedauert.

Ich bin um zehn mit Freund B. verabredet, um Sachen aus H.s Wohnung in meine zu transportieren. Ich bin eine halbe Stunde vorher fertig und will mich gerade anziehen, da ruft B. an: Er sei schon da. Gut, das passt ja, fangen wir eben früher an.

Es sieht nicht so viel aus, aber wir laufen jeder sicher zehnmal die Treppen runter und rauf, vielleicht öfter. B. trägt die Sachen lieber in einem Rutsch bis ganz nach unten, ich trage in Etappen. Er auch ziemlich bald. Umzugserfahrung macht sich bezahlt.

Ich bin in dieser Hinsicht ähnlich stur wie H., der hat sich auch nicht von Schmähungen oder abfälligen Bemerkungen von seiner Linie abbringen lassen – und hat in der Regel die anderen damit meistens überzeugt, war am Ende einer, der am längsten blieb und noch Energie für anderes hatte und brach am nächsten Tag auch nicht mit Muskelkater oder Rückenschmerzen zusammen.

Wir schaffen tatsächlich alles weg, sogar die Plattensammlung, die ich eigentlich außen vor lassen wollte. Schleppen alles aus dem vierten Stock nach unten in den Hof, dann aus dem Haus heraus auf die Straße zum ein Haus weiter geparkten Auto. Das ist dann rappelvoll (es ist ein Kombi…). B. parkt dann wiederum ein Haus neben meinem, wir laden alles aus, schleppen es in meinen Hausflur und dann nach und nach (!) die drei Etagen hoch.

Wir ackern als bekämen wir es bezahlt, die Pausen beschränken sich auf wirklich kurze Verschnaufpausen, und am Ende haben wir knappe zweieinhalb Stunden gebraucht. Nicht schlecht! Das wären für mich alleine sicher nochmal 15 bis 20 Touren zu Fuß geworden, und manche Sachen sind so schwer, die hätte ich nochmal aufteilen müssen, weil ich sie bei mir gar nicht die Treppe hoch bekommen hätte.

Kurz nach zwölf sitzen wir erschöpft, aber zufrieden mit uns und unserer Leistung an meinem Tisch. Kurz Verschnaufpause, dann mache ich Essen, während B. mit einem Freund telefoniert.

Als ich gerade das Essen auftun will, ruft TSO an. Anlass ist ein Schreiben, für das er eine Information braucht, vorher bedankt er sich fast überschwänglich für einen Gefallen, den ich ihm getan habe (besser gesagt zwei Gefallen), das ist mir fast peinlich, obwohl ich dastehe und grinse wie ein Honigkuchenpferd.
Er erzählt vom Tod einer Frau und bietet mir an, mich mal auf den Friedhof zu begleiten, wenn ich gerne etwas Gesellschaft hätte: „Du kannst mich anrufen, dann treffen wir uns, oder Du holst mich mal ab…“ Ich bin natürlich hoch erfreut, suche ja ohnehin nach einem Grund, ein Treffen vorzuschlagen und bekräftige das daher mit „Das wäre schön, ich habe sowieso ein, zwei Kleinigkeiten, die ich gerne mit Dir besprechen würde…“. Darauf reagiert er plötzlich mit fast heftiger Abwehr: Nächste Woche könne er gar keine Termine machen, er müsse jetzt erstmal schauen, was da aktuell anstehe mit Ämtern usw.
Ich bin ein wenig irritiert, ich hatte ja nicht ausdrücken wollen, dass ich sofort ein Treffen brauche, so hat er es aber offensichtlich verstanden. Ich versuche, es klarzustellen: „Kein Problem, muss ja nicht diese Woche sein, irgendwann demnächst halt. Es muss ja auch kein Riesentreffen sein, vielleicht können wir uns einfach mal kurz in der Sonne unter den Baum setzen, wenn er blüht. Wenn das für Dich okay ist.“ Er rudert zurück, verspricht mir ein Treffen „noch während der Baum blüht“.

Das Gespräch hinterlässt mich seltsam traurig. Da waren viele Zwischentöne, wo ich das Gefühl hatte, er trägt eine Maske, er ist nicht authentisch, nicht ehrlich. Andererseits war das aber auch keine professionelle Freundlichkeits-Fassade. Aber was weiß ich von ihm? Was weiß ich von seinen Dämonen und Ängsten und von seinem Stress, der ihn vielleicht momentan belastet und den er im Gespräch mit anderen, nicht nahen Menschen wegdrücken und verstecken muss?
Aber ich beziehe sofort wieder alles auf mich, suche nach Zeichen dafür und dagegen – und finde sie natürlich bzw. interpretiere sie mir passend (oder unpassend) zurecht.

Und diesmal interpretiere ich mir zusammen, er rede viel, was er im Grunde nicht ernst meine, ich könne auf die positiven Signale nichts geben, weil letztendlich alles nur Blabla wäre.
Freund B. bestärkt mich in dieser Idee, meint das sei typisch für einen bestimmten Schlag Menschen: „Das bedeutet ‚Du gehst mir am Arsch vorbei‘.“ Diese Vehemenz überrascht mich dann wieder, denn so extrem nehme ich es dann doch nicht wahr, und ich frage mich, was Freund B. für eine Agenda oder Eigeninteressen oder ungelöste Dinge im eigenen Gepäck hat.

Es macht mich fertig, diese Dinge nicht mit H. besprechen zu können. Der hat zwar in Bezug auf die Gefühlslage anderer Menschen auch nicht immer gerade die wachesten Sensoren gehabt, aber er konnte mir immer ein paar Dinge begreiflich machen, indem er mir eine andere Sicht auf die Dinge ermöglichte, und sei es nur die Männersicht. Und da ich es gerade mit Männern zu tun habe, könnte das allein vielleicht schon hilfreich sein.

Auf jeden Fall bin ich nach dem Gespräch niedergedrückt, traurig, fühle mich erneut verlassen, im Stich gelassen, allein. Es addiert sich zu der Trauer, die sowieso gerade in mir wächst.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen und einem Kaffee fahren wir am Friedhof vorbei, schauen nach dem Baum und H.s Grab und drehen noch eine Runde. Mich beruhigt der Spaziergang über den Friedhof wieder ungemein, viele Wege sind mir nun schon ganz vertraut, aber B. äußert irgendwann gegen Ende, ihn ziehe das gerade runter. Das tut mir dann wiederum leid, ich vergesse immer, dass er schweres eigenes Gepäck schleppt.

Wir verabschieden uns vor dem Friedhof, heute will ich mich nicht nach Hause bringen lassen, die Tränen stehen hoch, ich will allein sein, will laufen. Ich denke kurz darüber nach, nochmal zurück zum Grab zu gehen, um dort zu weinen, aber aus irgendeinem Grund zieht es mich nicht dorthin, vielleicht weil meine Traurigkeit auch mit TSO zu tun hat und die will ich nicht zu H. tragen. Es ist kompliziert.

Unterwegs schreibe ich Nachrichten: An Freundin B., ob wir später spazieren gehen wollen, und an TSO, ob er mir das besagte Dokument schicken könne, dessentwegen er eigentlich angerufen hatte. Verabrede mich mit Freundin B. für einen Spaziergang eine gute Stunde später. Perfekt!

Zu Hause schreibe ich mir alles aus dem Kopf. Bereits als ich in meine Straße eingebogen war, hörte die Traurigkeit schlagartig auf, die Tränen versiegten, der Kopf wurde klarer, die Gedanken distanzierter. Nur wegen der Verabredung zum Spazierengehen, wegen der Aussicht auf einen Kontakt mit einem nahen Menschen? Beeindruckend.

Ich schreibe und denke, bin ein wenig wütend und immer noch sehr frustriert, beschließe aber, dass ich nicht lockerlassen werde, dass es immer noch die Chance auf irgendwas gibt, selbst wenn es nicht das ersehnte ist.

Mit B. drehe ich eine große Runde durch den Park, der Bärlauch blüht, und es riecht wunderbar. Wir entdecken am Wegesrand einen Baum mit der Nummer von B.s Geburtsjahr und kriechen giggelnd mehrere Minuten durchs Unterholz, um einen mit meinem zu finden. Herrlich.

Ich erzähle ihr von dem verwirrenden Gespräch mit TSO. Sie ist zuerst überrascht, dass er mir von sich aus ein Treffen angeboten hat und wertet das nicht als leeres Geschwätz, schon gar nicht als sie hört, wie konkret er es gemacht hat („noch während der Baum blüht“). Sie habe ihn nicht als jemanden wahrgenommen, der so etwas einfach so dahinsagt, ohne es zu meinen.
Für das verwirrende Hin und Her bietet sie eine andere Erklärung, die mich letztlich überzeugt: Was, wenn er einfach momentan wirklich gestresst ist, meine Bitte um ein Treffen als zu dringlich missverstanden und angesichts eigener momentaner Überlastung übermäßig abwehrend reagiert hat, damit aber einfach nur sagen wollte: Treffen gerne, aber nicht gerade jetzt, wo ich schon so viel um die Ohren habe..? Das kennt man doch, dass man denkt: Nicht das jetzt auch noch! Was ja aber nicht grundsätzlich heißt, dass er das nur so sage und nicht daran interessiert sei, sondern eher: Lieber, wenn es etwas besser passt. Dass er das so unbeholfen rausbratzte und nicht etwa „professionell“ um etwas mehr Zeit bat, spräche vielleicht auch eher für eine gewisse Vertrautheit (oder zumindest Vertrauen), für eine eher persönliche als professionelle Beziehung.
Ich möchte das alles gerne glauben und beruhige mich erstmal wieder.

Nach dem Spaziergang Anruf bei M., es gibt aber nichts Neues, außer dass sie mit den Leuten im Krankenhaus zickt und sich anscheinend schon wieder sehr großartig fühlt. Nun, wenn sie das braucht, um die Angst vor der Veränderung (Verlegung nächste Woche) wegzudrücken, bitte schön.

Ich schreibe noch etwas, dann als spätes Abendbrot den Rest vom Mittagessen: Lachs mit Tomaten in Sahnesoße, dazu Reis, zum Nachtisch den Rest Rhabarberkompott. Für zwei Leute kochen funktioniert noch.
Nichts im Fernsehen, darum eine weitere Folge „Bron“ in der ARTE-App. Nachdenken, Kopf zurechtrücken, Zuversicht fassen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Auf und Ab der Gefühle

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Ackern.
Mich verausgaben.
Gefühle zulassen.
Nachdenken.
Sprechen.
Offen sein.
Kontakt suchen.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Mitarbeiter im Kiosk.
Freundin B.
Leute im Hausflur.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der achtzigste Tag im Danach: Wehmut

Viel sprechen, viel zuhören, Neues lernen, mich unnötig kompliziert anstellen. Trotzdem (oder deswegen) Hilfe bekommen.

16. April 2021. Freitag. Aufgestanden um kurz vor sieben. Ich fühle mich ausgeschlafen, ein gutes Gefühl.

Um halb neun kurz in H.s Wohnung, etwas umräumen und Taschen und den letzten großen Blumentopf mitnehmen. Jetzt, wo meine Arbeit hier zu Ende geht, fühlt es sich wieder seltsam an. Nicht als hätte ich etwas geschafft oder erledigt, sondern als ginge eine weitere Sicherheit oder Konstante verloren.

Bald werde ich diese Wohnung, die ich 20 Jahre lang kenne, nicht mehr betreten können. Nicht, dass es mich hinziehen würde, ich habe nie sehr an der Wohnung gehangen, aber das Wissen, nicht mehr hin zu können (und dass die Wohnung demnächst umgebaut und saniert wird), macht mich traurig. Mit weiteren Verlusten kann ich schwer umgehen.

Ein langes Telefonat mit der Lieblingskundin, dann noch ein paar Änderungen an einer Website, die heute online geht.

Anruf bei H.s Hausverwaltung und Terminvereinbarung für die Übergabe.

Telefonat mit Freund B. und Verabredung zum Schleppen morgen Vormittag.

Kleinkram für einen anderen Kunden, Überweisungen und Finanzplanung, H.s Mail abrufen und feststellen, dass es ein Problem beim Online-Banking mit dem Konto fürs Häuschen gibt. Ich hoffe, die Schwester ist da nicht aktiv geworden und nun brennen irgendwelche Zahlungen an… Nun, das wird sich klären.

Langes Telefonat mit einem Kunden, dem vor sieben Jahren die Frau auf ähnliche Weise gestorben ist wie jetzt H., nur dass sie erst Ende Dreißig war. Es tut gut, offen sprechen zu können.

Telefonat mit der Agentur, mit der ich im Herbst das GroßeGrausigeProjekt durchgezogen habe – es geht weiter! Ich habe es immer befürchtet, aber hoffentlich zieht es sich noch etwas, ich brauche das im Moment nicht auch noch.

Freundin B. meldet sich vom Friedhof, fragt, ob ich in der Nähe bin. Wir verabreden uns für später zum Spazieren, ich gehe noch kurz einkaufen fürs Wochenende.

Seit Tagen unbändiger Appetit auf eine Tüte Chips – heute gebe ich nach, kaufe eine und verspeise sie, gemütlich mit einem Buch im Sessel sitzend. Schön, dass ich das wieder kann. Scheiß auf die Kalorien, ich habe seit Mitte Januar elf Kilo abgenommen.

Mit B. gute anderthalb Stunden spazieren gegangen. Die Malerin S. getroffen und lose für demnächst zum gemeinsamen Essen verabredet.

Von B. einen Tipp geholt, wie ich mich in einer für mich schwierigen Situation sozial adäquat verhalten soll. Den Tipp später angewandt und gleich eine positive Antwort bekommen. Nice!

Kurz vor sieben noch schnell hoch in H.s Wohnung und noch ein paar Taschen mit Zeug geholt – muss ich morgen zweimal weniger Treppen steigen.

Das Telefonat mit M. bleibt kurz, keiner hat was zu erzählen. Montag wird sie verlegt, hoffentlich geht das gut, ich habe von der neuen Klinik wenig Gutes gelesen und gehört, sage davon aber nichts.

Mache für uns morgen Vanillepudding und Rhabarberkompott. Nachtisch statt Kuchen ist doch auch mal nett…

Bin müde. Nichts im Fernsehen, daher in der ARTE-App zwei Folgen der Serie „Bron – Die Brücke – Transit in den Tod“ angeschaut. Ich bin müde, Rücken und Beine tun mir weh, aber ich fühle mich insgesamt ok.

Ich merke seit ein, zwei Tagen, dass die Trauer dicht unter der Oberfläche liegt. Ich versuche aber auch gerade, sie nicht mehr so vehement wegzudrücken und mit Arbeit zu betäuben, sonst wird sie sich irgendwann Bahn brechen. Lieber häppchenweise damit konfrontieren. Ich beschließe, ihr künftig etwas mehr Raum zuzugestehen und mich aktiver mit ihr zu beschäftigen. Ich hätte allerdings gerne ein Sicherheitsnetz, sollte es mir ganz schlecht gehen (was mir alle ankündigen, die Erfahrung damit haben). Vielleicht doch etwas mit dem Bestatter ausmachen?
Ich bin unschlüssig. Muss ich am Wochenende mal drüber nachdenken.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Verständnis, Zuwendung, Aufgehobensein

What I did today that could matter a year from now:
Mich wieder auf ein Projekt eingelassen, was ich vermutlich bereuen werde.

Was wichtig war:
Sprechen.
Etwas klären.
Fragen.
Dran bleiben.
Machen.
Bewegen.

Begegnungsnotizen:
Menschen im kleinen Supermarkt.
Freundin B.
Malerin S.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der neunundsiebzigste Tag im Danach: Fremd putzen und der Trauer keinen Raum geben

Erstaunt, was ich alles schaffen kann. Angst, wie es mir geht, wenn ich weniger mache.

15. April 2021. Donnerstag. Wecker um fünf. Mittlerweile sind die wochenlang maximal möglichen sechs Stunden Schlaf nicht mehr ausreichend. Ein gutes Zeichen.
Es bleibt das altbekannte Gefühl der totalen Übermüdung.

Um halb sieben zu M. in die Wohnung gefahren. Ab halb acht hatten sich Rauchmelder-Monteure angemeldet, vorher wollte ich noch etwas Ordnung schaffen, dass die überhaupt Platz finden, ihre Leiter aufzustellen.
Wie man in einem solchen Chaos (und Dreck) leben kann, ist mir unbegreiflich.
Ich sammle das schmutzige Geschirr in der ganzen Wohnung ein und spüle alles weg, putze die Arbeitsfläche in der Küche und den Herd, schmeiße verdorbene Lebensmittel weg und schleppe drei schwere Tüten Müll runter. Den Kühlschrank putze ich jetzt nicht, obwohl er es nötig hätte, genauso wie der Boden, die Fronten der Schränke und überhaupt alles in der Wohnung. Aber meine Belastbarkeit und Leidensfähigkeit sind begrenzt.

Der Laptop tut sich schwer mit dem Synchronisieren – ich bin doch erst gute zwei Wochen aus K. zurück, wie kann das so viel sein?

Die Monteure kommen gegen zehn, bis dahin habe ich gerade mal eine Mail beantwortet und ein bisschen Kram recherchiert. Nicht sehr effektiv.

Der Monteur legt den Finger auf die Wunde: „Die Rauchmelder müssen eigentlich frei von Staub und Spinnenweben gehalten werden, aber wenn ich mich hier so umsehe…“ – „…wird das wohl nicht stattfinden“ ergänze ich. Ich hatte von Anfang an klar gemacht, dass das nicht meine Wohnung ist.

Ich schreibe unter H.s Account eine weitere Bewertung für den Bestatter – er braucht dringend ein wenig Marketing. Und schließlich war H. ja auch beteiligt…
Eine Stunde später kommt das Dankeschön: Ein Küsschen-Smiley. Wieder wird mir die Absurdität der ganzen Situation bewusst und reizt mich zum Lachen.

Gegen elf komme ich endlich los und steige beim Friedhof aus, schaue kurz nach dem Baum vor der Kapelle, aber er blüht noch nicht. Lange kann es aber nicht mehr dauern. Der Bestatter, der Filmemacher, Freund B. und ich schicken uns ja nun schon seit zwei Wochen abwechselnd Fotos hin und her und spekulieren, wann es soweit ist – wir könnten einen Fanclub gründen.
Mir gefällt das gut, ich fühle mich in diesem Kreis netter Männer unterschiedlichsten Alters sehr geborgen.

Kurz nach zwölf zu Hause, umziehen, ein Brot essen, M. anrufen und berichten.
Mir reißt ein wenig der Geduldsfaden, weil sie schon wieder über die vorgeschlagenen Behandlungsmaßnahmen diskutiert und nichts machen will.

Sie hat gar keinen konkreten Grund, einfach nur grundsätzlichen Widerspruch gegen Dinge, von denen andere wollen, dass sie sie tut. Dass es bei diesen Maßnahmen um ihr Wohl und ihre Gesundheit geht, „glaubt“ sie nicht. Um was sonst, kann sie aber auch nicht sagen. Außerdem hat sie auf bestimmte Dinge „keine Lust“. Ich wünschte, sie würden mal drei Tage die Schmerzmittel weglassen, vielleicht würde sie dann wieder „Lust“ auf ihren Heilungsprozess bekommen…

Von eins bis sechs im Prinzip durchgearbeitet, damit eine Website morgen online gehen kann. Was für eine Tortur!
Ich merke aber, dass es mir gut geht, solange ich zu tun habe, beschäftigt bin, Druck habe.
Sobald das nachlässt, kommt die Trauer hoch.

Geschirr spülen und aufräumen, nebenbei Nachrichten vom Filmemacher, Freund B. und der Lieblingskundin lesen bzw. anhören und beantworten.

Um sieben das abendliche Telefonat mit M.: sie ruft an, hat aber nichts zu sagen, ist etwas down. Vermutlich auch, weil ich ihr mittags den Kopf gewaschen habe.
Sie ist etwas maulig, weil sie nächste Woche in ein anderes Krankenhaus verlegt wird und dort auf die geriatrische Station soll. Sie sieht sich schon ins Pflegeheim eingewiesen, und ich habe große Mühe, ihr den Unterschied klar zu machen.
Wo sie denn hinwolle? Na, in eine normale Reha! Sie, die nie, nie, nie in eine Reha wollte – und das mit keinem einzigen trainierten Muskel (nach monatelanger Untätigkeit) in einem 76 Jahre alten Körper. Erst gestern bockte sie noch rum, sie habe keine Sportklamotten und werde sich auch keine kaufen! Wenn nun aber entschieden wird, dass Sport für sie ohnehin nicht in Frage kommt, ist es auch nicht recht.
Ich sage nichts dazu, was sollte das auch bringen?

Zum Abendbrot eine Merguez, dazu Kartoffelpüree und Salat. Frischzeug! Es tut sehr gut.

Von H.s Wohnung habe ich mir nach der gestrigen Schleppaktion heute frei genommen. Ich habe zwar keine großen Beschwerden, aber beim Treppensteigen sind die Beine schon arg schwer. Außerdem könnte es sein, dass das linke Knie ein wenig ziept, und da will ich jetzt nichts riskieren.

Aufräumen, planen, Orga-Kram.
Morgen wird nochmal ein arbeitsreicher Tag, aber dann ist Wochenende!
Samstag ist mit Freund B. nochmal eine Schleppaktion geplant, und ich möchte mit ein paar Projekten mal weiterkommen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Kaum Schmerzen oder Muskelkater von gestern. Fühle mich fit und stark.

What I did today that could matter a year from now:
Ein paar Wahrheiten aussprechen.

Was wichtig war:
Bei M. ein wenig Ordnung schaffen.
Das Gewissen beruhigen.
Dem Frust Luft machen.
Die Hände ausstrecken.
Ein virtuelles Küsschen bekommen.
Etwas Schönes in einen arbeitsreichen Tag aufnehmen, das ursprünglich nicht geplant war.
Leben spüren.
Und Freundschaft.

Begegnungsnotizen:
Menschen in der U-Bahn.
Zwei Monteure in M.s Wohnung, eine Putzi in M.s Treppenhaus.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreiundsiebzigste Tag im Danach: Umsonst unterwegs und kleine Zeichen

Als ich die heiß ersehnte Zuwendung endlich bekomme, brauche ich sie nicht mehr, jedenfalls nicht in dieser Form. Lange vermisstes Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung.

9. April 2021. Freitag. Sensationelle neun Stunden geschlafen und erstmals seit Monaten ansatzweise ausgeruht gefühlt.

Ich will M. die versprochenen Sachen ins Krankenhaus bringen und bei der gelegenheit gleich den Rollator in ihre Wohnung transportieren. Breche um acht Uhr auf, um möglichst früh zurück zu sein – nur um kurz vor ihrer Wohnung festzustellen, dass ich ihren Schlüssel vergessen habe. Wie blöd kann man sein?!

Kurzes Telefonat mit ihr, dann drehe ich ab und fahre zurück; die Sachen werde ich am Sonntag im Krankenhaus vorbeibringen.
Hole noch Geld und erledige ein paar Einkäufe.

Es steht nun fest, dass sie am Montag operiert wird. Mir ist das alles zuviel, ich weiß nicht, wie ich mich auch ncoh angemessen um sie kümmern soll, es geht nicht.

So denke ich, und dabei habe ich heute einen wirklich guten Tag: Die Arbeit geht mir einigermaßen gut von der Hand, nichts drängt heute,, und ich habe endlich wieder Appetit auf tausend Sachen und bin den ganzen Tag am Essen, und spiele auch mal wieder mit einer gewissen Entspanntheit.

Ich verschaffe mir einen Überblick über die Telefon- und Internet-Verträge, die H. für sich, die Firma und das Haus laufen hat, und entscheide, was davon gekündigt und was auf mich umgeschrieben werden soll.

Ich schreibe nachmittags eine Frust-Nachricht an TSO und entschuldige mich kurz daraf wieder, weil ich ihn mit meinem Kram belästige. Er reagiert lieb, aber wohl eher wegen der Entschuldigung; auf mein Gejammer geht er gar nicht ein.

Nachmittags wieder ein Spaziergang mit Freundin B.; ich erlaube mir, heute nicht zu H. in die Wohnung zu gehen, sondern mir mal einen Tag „frei“ zu nehmen, das tut so unglaublich gut.
Zum ersten Mal seit Monaten fühle ich mich ansatzweise entspannt und „normal“…

Wir spazieren zum Friedhof, sitzen eine Weile auf der Bank an senem Grab. Vorher gab es eine unangenehme Begegnung mit einer seltsamen Frau, die wegen einer Kleinigkeit sofort fürchterlich aggressiv und beleidigend wurde. Das wirft mich mehr aus der Bahn als ich eingestehen möchte. Ich fühle mich wehrlos.

Zum Abendbrot den Rest Selleriesuppe.

Abends eine lustige Kommunikation per Messenger mit TSO – er schickt was (von sich aus!), ich antworte, es geht eine Weile hin und her, dann endet er sehr abrupt.
Ich werde nicht schlau aus ihm, tendiere aber dazu, das alles nicht zu ernst zu nehmen und nicht mit Bedeutung aufzuladen.
Spüre erstmals eine gewisse Distanz und Genervtheit ihm gegenüber.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Lange schlafen, viel essen, mich „normal“ fühlen – zum ersten Mal seit drei Monaten

What I did today that could matter a year from now:
.

Was wichtig war:
Entspannen.
Druck rausnehmen.
Auf mich hören.
Mir „frei“ nehmen.
Spaß haben.

Begegnungsnotizen:
Menschen in der U-Bahn und im Supermarkt.
Freundin B.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der zweiundsiebzigste Tag im Danach: Treffen mit dem Trödler

Ich überwinde mich, einen Anruf zu tätigen, und alles wird gut. Die Angst und Verunsicherung ist immer noch groß.

8. April 2021. Donnerstag. Besser geschlafen, aber die Nacht war kurz: Eingeschlafen gegen 22:00 Uhr, wach um 4:00 Uhr. Und zwar so wach, dass der Kopf sofort zu rattern beginnt und sich nicht mehr beruhigen lässt. Um halb fünf aufgestanden.

Die wichtigsten Arbeiten gemacht, die eigentlich gestern anstanden, aber zu denen ich abends keine Lust mehr hatte.
Eine erste Packliste für den Trödler geschrieben.
Einen Nachsendeauftrag für H.s Post beauftragt.

Um sieben da so aufgedreht, dass keine Kopfarbeit mehr möglich ist, also gehe ich um acht rüber in H.s Wohnung und räume dort vier Stunden. Wieder habe ich das Gefühl, kaum voran zu kommen.

Als ich zurückkomme, warten schon wieder zig Anrufe auf mich. Ich höre ABs ab, sortiere, rufe zurück.

Endlich raffe ich mich auf, den Trödler anzurufen, der auch gleich seine Hilfe zusagt. Mir fällt ein Stein vom Herzen, ich rechne jetzt immer schon mit Schwierigkeiten à la „Ach, so etwas mache ich gar nicht mehr“. Ich weiß gar nicht, wo meine Bedenken herkommen, eigentlich läuft ja alles gut. Es ist eine Grund-Verunsicherung, ich rechne immer mit dem Schlimmsten.

Freund B. will wissen, ob ich ihn heute oder morgen für was eingeplant habe, aber ich will erstmal fertig durchsehen, bevor ich mich jetzt weiter an Details aufhalte, und B. ist mir zu uneffektiv. Wir beschließen, erstmal mein Treffen mit dem Trödler heute Abend abzuwarten.

Noch etwas am Projekt der Lieblingskundin gearbeitet und die mitgebrachten Sachen weggeräumt.
Spätes Frühstück um halb zwei.

Durch das frühe Aufstehen bin ich danach zu müde für sinnvolle Arbeit, außerdem bin ich kurz nach vier schon wieder mit Freundin B zum Spazierengehen verabredet. Also stattdessen Kleinkram, aufräumen, Orga-Kram. Muss auch sen.

* * * * *

Der Spaziergang tut gut, und als wir zurück sind, sehe ich den Anruf vom Trödler, er habe jetzt Zeit.
Wir verabreden uns vor H.s Haus, 5 Minuten später ist er da, wir gehen zusammen hoch, er schaut sich alles an, hört sich meine Wünsche an, und findet alles easy: „Kein Problem. Ist ja noch reichlich Zeit.“

Es ist derselbe Effekt wie mit dem Bestatter: ich mache mich verrückt, mir verrinnt die Zeit unter den Fingern, ich denke, ‚Oh Gott, nur noch zwei Wochen, wie soll das alles gehen?!‘, und die Profis kommen an, schauen, gähnen und winken ab: ‚Ist doch noch massig Zeit, das schaffen wir locker, kein Problem.‘

Nun, wir werden sehen, ob das so locker ist, der Trödler kann tatsächlich erst in der letzten April-Woche kommen, da darf also nichts passieren oder schief gehen, sonst haben wir ein Problem.
Immerhin sollte ich bis dahin meinen Kram draußen haben, das wäre schön.

Mir fällt ein gigantischer Fels vom Herzen. Warum nur habe ich mit diesem Anruf so lange gezögert? Was sollte diese bescheuerte Angst davor?

Zum Abendbrot nochmal Selleriesuppe mit frischem Bärlauch, den ich auf unserem Spaziergang gesammelt habe; auf ARTE eine Doku über Auguste Viktoria.

Woran ich mich erinnern will:
Die große Erleichetrung als der Profi sagt: Alles kein Problem, das schaffen wir.

What I did today that could matter a year from now:
Nächster Schritt in Sachen Wohnungsauflösung

Was wichtig war:
Mich überwinden.
Nägel mit Köpfen machen.
Rausgehen.
Mit Menschen reden.

Begegnungsnotizen:
Freundin B.
Trödler J.
Restaurantbesitzer J.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der einundsiebzigste Tag im Danach: Nur weiter, immer weiter!

Überall weitermachen. Mich geerdet fühlen. Sehnsucht spüren.

7. April 2021. Mittwoch. Fürchterliche Nacht, ich war mega-gestresst, weil ich nun akut Angst habe, das mit der Wohnungsauflösung zu versauen. Bis heute weiß noch nicht mal der Trödler Bescheid – was, wenn er nicht kann oder will? Oder wenn die Hausverwaltung Stress macht?

Ich habe Angst, dass der Stress mich krank macht – die Dauerbelastung der letzten drei Monate hinterlässt ja bereits Spuren.

Versuche, mich zu beruhigen, indem ich mir einen klaren Tagesablauf baue. Dem muss ich nur folgen, das reduziert schon mal die ständigen Entscheidungen, was aus der Überfülle an Aufgaben als nächstes gemacht werden muss. Er arbeitet mit Zeitblöcken und ist flexibel genug, auf Anforderungen und Änderungen von außen zu reagieren.

Dann schreibe ich einen wichtigen Brief in einer dringenden Finanzangelegenheit. Auch das schafft etwas Luft und damit Seelenfrieden.

Ich rufe H.s Schwester endlich zurück. habe zwar keine Lust, mit ihr zu sprechen, aber durch ein Telefonat jetzt habe ich mindestens eine Woche Ruhe. Außerdem ist es gut, wenn sie mitbekommen, was hier los ist.

Ich arbeite ein Stündchen, dann bin ich schon wieder müde und leicht durchgedreht. Eine Meditations-Session mit Adriene (deren Yoga-Übungen ich sonst mache), bringt mich wieder runter.

Noch etwas arbeiten, Steuer fürs erste Quartal machen, Fotos bearbeiten.

Um halb drei breche ich auf Richtung Friedhof. Es dauert eine Weile bis ich am Grab soweit runerkomme, dass ich wirklich da bin und weinen kann, aber dann fließen die Tränen und es ist eine ungheure Befreiung. Aktuell ist das der einzige Ort, wo ich wirklich trauern kann, überall sonst bin ich im Alltagsstress gefangen und schiebe alles weg.

Ich drehe noch eine kleine Runde über den Friedhof und komme immer mehr zurück zu mir, fühle mich mehr und mehr geerdet und innerlich ruhig. Auch so etwas wie Zuversicht kehrt zurück.

Ich kaufe ein paar Kleinigkeiten ein und gehe dann zu H.s Wohnung, wo ich noch zweieinhalb Stunden räume und sortiere. Das dauert alles so elend lang! Mittlerweile bin ich schon so drauf, dass ich Zeug einfach kartonweise mitnehme, um es irgendwann in Ruhe durchzusehen.

Das abendliche Telefonat mit M. ist kurz, ihr geht es besonders schlecht heute. Mal sehen, was morgen der Arzt dazu sagt.

Ich koche mir eine Selleriesuppe, spüle nebenbei Geschirr, räume die mitgebrachten Sachen von H. weg und überweise die Steuer.

Sehne mich sehr nach einem liebevollen, zugewandten Menschen in meinem Leben. Ich mag das nicht alles allein durchkämpfen…

Gehe früh ins Bett (21:30).

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Am Grab sitzen, weinen und mich danach geerdet und in mir ruhend fühlen

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Meditieren.
Mich immer wieder bewusst entspannen.
Versuchen, mich zu beruhigen.
Am Grab sitzen.
Weinen.
Nachdenken.
Räumen.

Begegnungsnotizen:
Menschen auf der Straße und im Supermarkt.
H.s Nachbar im Hof.

Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der siebzigste Tag im Danach: Weitere Hiobs-Botschaften kündigen sich an

Es geht immer noch mehr Stress.

6. April 2021. Dienstag. Geschlafen bis halb sieben, morgens ein paar Mal aufgewacht, aber keine doofen Gedanken gehabt, nur allgemein Stress.

Dieser Stress setzte sich dann den Tag über fort und steigerte sich, da waren die bereits am Morgen vorhandenen Kopfschmerzen natürlich nicht besonders hilfreich.

Der Tag in Kurzform:

Morgens eine Dreiviertelstunde am aktuellen (ganz furchtbar dringenden) Projekt der Lieblingskundin arbeiten, kurz mit M. sprechen (natürlich seit gestern Abend nichts Neues), frühstücken, 20 Minuten mit der Lieblingskundin telefonieren.

Schneller kleiner Einkauf, nur das Nötigste, zum ersten Mal komplett ohne Beklemmungen im Supermarkt – wahrscheinlich war ich einfach zu sehr in Eile.

In H.s Wohnung, die Musik-Instrumente und -Gerätschaften auflisten und fotografieren, denn sie sollten heute abgeholt werden, und nachher weiß wieder niemand genau, was da alles war…
Einmachgläser aus dem Flur ins Wohnzimmer räumen, 2 Flurregale durchsehen und aussortieren, Klamotten durchsehen und aussortieren. Vor zwei Montane konnte ich mir nicht vorstellen, auch nur eine Unterhose wegzugeben, jetzt schaue ich selbst Sachen, die er oft getragen hat, fast emotionslos an. Interessant.

Zusammen mit Freund B. die Musiksachen runtertragen und gleich etwas Müll mitnehmen; B.s Sohn D. verschwindet gleich wieder, er ist auch ein wenig angespannt und durcheinander (Drogen-Problematik).

Dann noch eine Weile mit B. in der Wohnung, er erzählt mir von einem unheimlichen Blackout, den er morgens hatte, wir werden wohl beide an beginnenden Alzheimer erinnert, sprechen das Wort aber nicht aus. Es klingt auf jeden Fall besorgniserregend, auch wenn B. das auf hohen emotionalen Stress gestern Abend zurückführt (Brief der Tochter L.).
Auch heute erscheint er mir wuschig, unkonzentriert, planlos. Es macht mir ein wenig Angst, weil ich niemanden habe, mit dem ich das teilen kann und der ihn auch (gut) kennt.

Nach der Räumerei haben wir Hunger, ich hole zwei Pizzen, während B. einen Parkplatz sucht, dann gehen wir zu mir, um zu essen.
Nach dem Essen, kippt B. kurz halb vorneüber, es sieht aus wie ein Sekundenschlaf, das ängstigt mich etwas. Er ist aber sofort wieder da, meint auch, er sei müde, und er gehe jetzt erstmal einen Freund besuchen, der in der Nähe wohnt. So würde ich ihn jetzt auch nicht Auto fahren lassen wollen, aber was könnte ich im Zweifelsfall ausrichten?

Als er gegangen ist, starte ich mit Rückrufen bei den Leuten die tagsüber angerufen hatten. Zuerst die Lieblingskundin, wir sprechen eine Dreiviertelstunde, das Projekt dreht sich aktuell zweimal am Tag.

Dann Anruf des IT-Betreuers eines anderen Kunden, aber ich kann nur bedingt helfen. Immerhin erfahre ich, dass die neue Geschäftsführerin des Kunden mich dringend sprechen muss, das hatte ich auch schon ihrer Mail entnommen; zum Abhören des Anrufbeantworters war ich noch nicht gekommen. Also rufe ich als nächstes sie an und kläre die aktuelle Situation: Sie sollte eigentlich diesen Monat eingearbeitet werden, nun ist die bisherige Geschäftsführerin krank und für Fragen nicht ansprechbar. Ich verspreche zu helfen, so gut ich kann.

Das erinnert mich, dass die bisherige Geschäftsführerin letzte Woche auf meinen AB gesprochen, ich das aber noch nicht abgehört hatte, weil ich dachte, sie wolle Druck machen, weil wir verabredet hatten, dass bis Ostern ein paar Sachen erledigt werden, zu denen ich beim besten Willen noch nicht gekommen war.
Nun höre ich ihre Nachricht ab, sie rief aus dem Krankenhaus an, sagte, ihr gehe es gar nicht gut. Shit! Ich rufe sofort zurück, sie hat aber gerade keine Zeit zu sprechen, verspricht zurückzurufen.
Wohl noch eine Hiobsbotschaft.

Inzwischen ist es vier Uhr, ich erledige noch etwas Kleinkram für eine andere Kundin, beantworte Mails und SMS und sehne mich zunehmend nach einer vertrauten Person, der ich das alles erzählen und bei der ich wieder runter und zur Ruhe kommen kann.

Der Kopf rattert am Anschlag, Kopf und Zähne schmerzen, auch ein leichter Schluckschmerz macht sich bemerkbar, von starkem Herzklopfen ganz zu schweigen.
Ich muss runterkommen!

Mache mir einen Kaffee mit viel Milch und ein Stück Kuchen von Ostern von P. und bearbeite ein paar Fotos, atme, entspanne mich bewusst, leere den Kopf.
Es funktioniert leidlich, zumindest ist mal die Panik und Hysterie etwas gedämpft.

Ich plane, schreibe, mache die Steuer für H. Es ist wenig, ich mache das gleich mit ELSTER fertig und überweise auch sofort. Wieder was erledigt und vom Zettel.
Eine Mail ist gekommen mit der Höhe des Lottogewinns: H.s Zahlen haben 288 Euro eingebracht, so viel hat er in seiner gesamten Lotto-Zeit seit 2015 insgesamt nicht gewonnen. Das Geld werde ich zu „seinem“ Geld packen, davon wird dann irgendwann mal was in seinem Sinne finanziert, wahrscheinlich im Haus.

Es ist sieben, ich rufe M. an, die wieder begeistert von sich erzählt und das Gespräch schnell beendet als ich beginne, von meinem Tag und anderen Menschen zu sprechen. Den Trick muss ich mir merken.

Während die Spargelschalen von gestern für die Suppe auskochen, sehe ich H.s Ordner durch auf der Suche nach dem Mietvertrag. Dabei finde ich auch einen GEMA-Ordner, den merke ich mir für später vor. Ich checke das Fernsehprogramm und plane die Räumaktionen in seiner Wohnung für die nächsten Tage. Ich muss dringend den Trödler anrufen!

Die Spargelsuppe schmeckt nicht berühmt, ich habe wohl zuviel Mehl genommen, außerdem ist der griechische Spargel nicht so geschmacksintensiv wie der Brandenburger.
Aber es ist warm, weich und sättigt, und das frische Weißbrot dazu ist ausgesprochen lecker.

Auf ARTE eine Doku über Trumps Amtszeit und seine Außenpolitik, ich höre nur mit einem halben Ohr hin, obwohl es interessant ist, ein paar Hintergründe und Begleitumstände zu manchen Entscheidungen zu erfahren.
Nebenbei räume ich die Taschen mit Sachen aus H.s Wohnung aus und spiele noch ein bisschen zum Runterkommen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Ein antizipierter Stressanruf hat sich als etwas ganz aneres herausgestellt, so dass erstmal etwas akuter Druck raus ist.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Räumen.
Planen.
Zuhören.
Anrufen.
Hilfe anbieten.
Atmen.

Begegnungsnotizen:
Menschen auf der Straße und im kleinen Supermarkt.
Freund B. und Sohn D. in H.s Wohnung (ohne Maske, Abstand).
Verkäufer Pizzeria (Maske, Abstand)

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