Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der vierzehnte Tag in der Hölle: Hoffnungsvolles

25. Januar 2021. Montag. Einschlafen vor dem Fernseher hat ganz gut geklappt. Zwar wache ich auch diese Nacht regelmäßig auf und liege dann zum Teil eine Weile wach, aber ich bekomme schon vor zwei Uhr einiges an Schlaf. Heute insgesamt sicher sechs, sieben Stunden. Die Schlafqualität ist nicht so toll, aber immerhin lag ich nicht mit Angstphantasien wach.

Morgens am Schreibtisch krallt sich die Angst wieder um Magen und Herz. Ich erinnere mich: Das ist kein neues Phänomen, das habe ich in den letzten Monaten (Jahren?) öfter gespürt, meist, wenn es finanziell nicht gut lief oder ich mich überfordert fühlte oder ich mir Sorgen um H. machte, weil er mir niedergedrückt schien.
Wie lange hält mein Herz solchen Dauerstress aus?

Zwei Wochen ohne ihn. Was fehlt mir am meisten?

Der Gedankenaustausch. Sei es über alltägliche Ereignisse und Erlebnisse, über aktuelle Nachrichten, über Ideen oder Pläne, über Bekannte oder Unbekannte. Ich rede gerne und viel, und er ist immer ein guter Zuhörer. Einer, der mir nicht „die Welt erklären“ will, sondern einer, der mich ernst nimmt, versucht, mich zu verstehen und empathisch teilhat an meinen Gedanken. Aber auch einer, der zu vielen Dingen eine eigene Meinung hat, oft eine ähnliche wie ich, oft aber auch im Detail abweichend, manchmal auch schlicht mit fundierterem Wissen als ich unterfüttert. Ich kann wunderbar mit ihm diskutieren, er denkt kreativ und unkonventionell und überrascht mich immer wieder mit neuen Sichtweisen oder von mir unbedachten Aspekten.

Gemeinsames Erleben. Spazierengehen/ wandern, Orte anschauen, Gegenden erkunden, Pilze sammeln, Menschen treffen, Musik hören, fernsehen, Zug fahren, Gartenarbeit machen, etwas im Haus bauen oder gemeinsam an etwas arbeiten, zusammen sitzen und über das Leben philosophieren, uns gemeinsam betrinken.

Hilfe und Unterstützung. Bei finanziellen Problemen oder wenn ich mit einem Kunden nicht klarkomme. Meine Gedanken und Theorien überprüfen. Strategien entwickeln. Unangenehme Anrufe erledigen. Mir etwas anschrauben. Den Wasserhahn reparieren und den Abfluss reinigen. Da sein.

Dinge gemeinsam tun. Reden und zuhören. Sich gegenseitig unterstützen. Eben: Zusammen sein.
Das ist die Essenz unserer Beziehung, und das ist auch nicht mal eben zu ersetzen, denn gerade durch die alltägliche Vertrautheit entstand hier über mehr als 16 Jahre eine ganz besondere Qualität des gegenseitigen Verstehens und Umgangs miteinander.

Der Tag:

Ich versuche jetzt, mir meine Tage so zu strukturieren, dass ich vormittags Telefonate und Orga-Kram erledige und nachmittags Projektarbeit für Kunden. Die meisten Ämter erreicht man ohnehin eher vormittags (wenn überhaupt).

Heute also:
Vergeblicher Anruf beim Amtsgericht wegen der „nicht ersichtlichen“ Dringlichkeit meines Betreuungsgesuchens. Am Ende ein Fax geschickt. Ob das angekommen ist? Man bekommt keinerlei Rückmeldung.
Diverse Unterlagen einscannen, einen Auskunftsbogen für die Betreuungsbehörde ausfüllen, scannen und verschicken.
Beim Finanzamt Fristverlängerung für H.s Umsatzsteuer-Voranmeldung beantragen (geht zum Glück telefonisch).
Mails von H.s Kund:innen beantworten und eigene an Leute schreiben, bei denen demnächst eine Software-Lizenz verlängert werden muss.
Geld zwischen Konten hin- und herschaufeln.
Mails an eigene Kund:innen schreiben.
Längeres Telefonat mit der Lieblingskundin.
Ebenfalls längeres Telefonat mit einem sehr kompetenten Menschen beim Sozialdienst der Klinik zum Thema Rückkehr in die Krankenversicherung. Dabei Hoffungsvolles gehört.
Zwei Abschlagsrechnungen an die Lieblingskundin gestellt für Projekte, an denen wir in naher Zukunft arbeiten werden.

M. war vormittags in eigenen Angelegenheiten unterwegs, das war mir mal ganz recht. Ich war auch gut abgelenkt und durch die positiven Nachrichten in Bezug auf die Krankenversicherung geflasht.

Mittags kurz raus, dabei die Inhaber vom Kiosk getroffen und ihnen von H. erzählt. Er ist dort Stammkunde, holt praktisch jeden Tag sein Feierabendbier und Kippen dort. Sie waren nicht übermäßig betroffen, vermutlich hören sie solche Geschichten häufiger.
Dann zur Post.

Nachmittags dann Projektarbeit für meine Kunden (aktuelles Projekt der Lieblingskundin) und noch ein paar Mails an H.s Kund:innen, die auf meine vormittägliche Anfrage geantwortet hatten.

Im Krankenhaus erreiche ich keinen Arzt – „er ruft zurück“. Das ist immer saublöd, denn dann weiß ich nicht, wie lange ich warten soll und wann ich es nochmal versuchen kann, ohne zu aufdringlich und nervig zu werden. Denn so ein Rückrufversprechen geht im Stationsstress schnell mal unter, kann ich mir vorstellen.

Anderthalb Stunden später rufe ich dann doch an; der Arzt sei immer noch beschäftigt, kommt aber ganz kurz ans Telefon.
Die Nachrichten seien leider nicht gut, H. gehe es eher etwas schlechter, er habe erhöhte Temperatur, sie seien „am Austarieren“, wo sie jetzt am ehesten gegensteuern müssen.
Tja, so ist das. You win some, you lose some.
Dass der Arzt irgendwie besorgt zu klingen scheint, versuche ich auszublenden und mich an den guten Nachrichten des Tages (Krankenversicherung) festzuhalten.

Kurzer Anruf bei H.s Schwester; heute übernimmt der Schwager, er ist eher Pragmatiker und vermittelt mir nicht das Gefühl, ich frage bei den Ärzten nicht genügend nach. Die Schwester hätte gerne etwas zum festhalten, klare Gewissheiten. Dass die momentan keiner liefern kann, fällt ihr schwer zu akzeptieren und auszuhalten.
Mir ja auch, aber ich steuere mit dem Kopf gegen und habe durch den direkten Kontakt mit den Ärzten vielleicht mehr Vertrauen in deren Tätigkeit und Bemühen als jemand, der Informationen nur aus zweiter Hand erhält.

M. geht mir langsam ein ganz klein wenig auf den Wecker – ein weiteres Zeichen dafür, dass so etwas wie Alltag eintritt, man schleicht nicht mehr vorsichtig, behutsam und betont rücksichtsvoll umeinander herum.
Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie so schnell und unkompliziert bereit war, bei mir zu sein, aber nun habe ich den Eindruck, sie möchte gar nicht mehr gehen. Vermutlich war ihr Hilfsangebot auch ein Großteil Selbstzweck, eine Chance, der eigenen Einsamkeit für eine Weile zu entkommen.

Zum Abendbrot die zweite Hälfte Kartoffel-Fenchel-Auflauf; im Fernsehen nichts Wahres, Barnaby würde M. nerven, also irgendeine Doku über irgendwas Antikes.

Woran ich mich erinnern will:
Und wieder fällt mir ein Mount Everest vom Herzen.

What I did today that could matter a year from now:
Mich mit dem Thema Krankenversicherung beschäftigen.

Was wichtig war:
Reden.
Zuhören.
Widersprechen.
Aktiv sein.
Hoffen.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Kiosk-Inhaber (Vater und Sohn; alle ohne Maske, aber draußen und mit Abstand)
Personal und Kund:innen in der McPaper-Post (alle mit Maske und leidlich Abstand, Personal ohne Maske mit Spuckschutz)

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Der dreizehnte Tag in der Hölle: Rückschläge

24. Januar 2021. Sonntag. Eine ganz andere Nacht als sonst. Nachdem M. um zehn ins Bett gegangen war und noch las und ich den Fernseher ausgeschaltet hatte, lag ich noch eine Weile wach, schlief dann aber ein, bevor die Angst wieder zukrallen konnte. Ich schlief stundenweise, immer wieder unterbrochen durch minutenlanges Halbwachsein. Gegen eins schlugen wieder wahnhafte Angstphantasien zu, die ich durch gezieltes Aufwecken und kurzes Analysieren bannen konnte. Dann weiter stundenweises Schlafen bis kurz nach sechs. Im Endeffekt waren das insgesamt neun Stunden On-Off-Schlaf ohne ein stundenlanges Wachliegen mitten in der Nacht. Auch hier bewegt sich also etwas.

M. steht kurz nach mir auf, wir reden ein wenig, ich zeige ihr etwas in meiner Bilder-Rategruppe bei Flickr und entdecke wieder ein Foto, wo H drauf ist, von hinten und ohne Kopf. Der Schmerz der Trauer durchzuckt mich sofort, auch bei anderen Bildern, die mich an gemeinsame Ausflüge oder Aktivitäten erinnern.
Ich grause mich davor, in naher Zukunft vielleicht mit seinem Tod konfrontiert zu sein.

M. fragt mich, warum ich „immer so negativ“ denke und „davon ausgehe“, dass er stirbt. Ich antworte, dass für mich die Fakten sagen, dass es immer noch auf Messers Schneide steht, ob er leben oder sterben wird. Und dass diese Gedanken Ausdruck meiner übergroßen Angst sind, dass er sterben könnte. Sobald sich sein Zustand stabilisiert oder positiver entwickelt, kann ich diese Angst vielleicht ein wenig loslassen, das hoffe ich sehr. Andererseits schwebt dann wahrscheinlich immer das Damoklesschwert eines erneuten schweren Infarkts über uns.

Und wer weiß denn, ob er auch bei einer teilweisen oder ganzen Genesung noch „derselbe“ ist.
Mein Leben, wie ich es kannte, ist definitiv vorbei, und ich werde und muss um dieses Leben trauern können. Noch ist nicht klar, wie sehr sich mein neues Leben von meinem alten unterscheiden wird, noch weiß ich nicht, worum genau ich trauern werde, deshalb ist dieses Gefühl momentan so wenig hilfreich.
Aber es markiert einen Übergang in meinem Leben, mit dem sich meine Psyche momentan beschäftigt und den sie zu bewältigen sucht.
Und dieser Übergang macht Angst, vor allem, weil er ins Ungewisse führt.

Der Tag:

Die Angst hat mich heute lange im Griff.

Und wieder habe ich einen Fehler gemacht: Der Gang zur Bank ist notwendig, um Geld einzuzahlen. Weil es gestern geregnet hatte, habe ich mir das für heute vorgenommen.
Bis mir plötzlich bewusst wird, dass ich mit H. denselben Gang vor exakt zwei Wochen gemacht habe. An diesem Tag ging es ihm nicht gut, aber es musste Geld aufs Konto, und er meinte, ein Spaziergang würde ihm „vielleicht ganz gut tun“.

Damals schien die Sonne, es war ein klarer, schöner Wintertag, gar nicht mal so kalt, aber H. fror, fror, fror. Auch da schon hatte er einen schlappen Kreislauf – ein Vorbote der jetzigen Probleme, mit denen das Krankenhaus kämpft?

Jetzt denselben Weg aus demselben Grund zu machen ist natürlich Wasser auf die Mühlen meiner Trauer.
Super gemacht!

Und dann ist in der Bank der Geldautomat kaputt, nein „vorübergehend außer Betrieb“, und nun muss ich denselben Weg morgen oder übermorgen nochmal machen.

Im Briefkasten liegt eine Mitteilung vom Amtsgericht, man könne keine Dringlichkeit erkennen, und außerdem seien die Unterlagen von der Klinik noch nicht da. Das Schreiben ist datiert vom 19. (da hatte ich das Fax geschickt), es kam gestern (23.1.).

Der Arzt sagt mir beim täglichen Anruf, es gebe Rückschritte: Die Rhythmusstörung am Freitag habe eine erneute Reanimation nötig gemacht, man gebe nun höchstdosierte Kreislaufmedikamente, aber „Ihr Mann ist schwerst herzkrank, alle drei Gefäße sind betroffen, das wissen Sie ja“. Nun, das wusste ich so bisher nicht, es war immer die Rede vom „am meisten betroffenen Gefäß“, ich hätte also durchaus mal nachfragen können. Aber was nutzt mir dieses Wissen? Ich habe nach wie vor Vertrauen, dass sie dort tun, was sie können.

Ich versuche zu arbeiten, aber die Konzentration fällt mir schwer. Babyschritte. Zehn Minuten um zehn Minuten zwinge ich mich, mich auf aktuelle Projekte zu konzentrieren.

Dazwischen starre ich aus dem Fenster oder in die Luft. Räume die gewaschene Wäsche weg. Koche Pellkartoffeln für das Abendessen. Denke an ihn. Schreibe eine SMS an die Nachbarin, die in schöner Regelmäßigkeit nach unserem Befinden fragt.

Rufe H.s Schwester an, die nur gute Nachrichten hören will und mich mit Fragen und Vermutungen löchert; sie scheint das Vertrauen in die Ärzte zu verlieren, weil sie mit deren Unsicherheiten nicht umgehen kann, und ich frage mich, ob ich nicht zu sehr vertraue? Mehr nachhaken sollte? Aber was würde das nützen?

Schreibe eine Mail an die Nachbarn im Dorf, schreibe von meiner Unsicherheit und Angst, wie zermürbend die Ungewissheit sei, dass es weiterhin um Leben und Tod ginge, dass ich mir aber – noch – nicht erlaube, um jemanden zu trauern, der ja irgendwie noch da ist.
Die Antwort kommt prompt: Trauern ist nicht, Kopf hoch und Daumen drücken, wir werden uns im Sommer alle im Dorf sehen. Ob sie das selbst glauben, oder es rheinischer Zweckoptimismus ist, der da spricht?
Genauso wenig, wie ich mir zu trauern erlaube, erlaube ich mir allzu große Hoffnung. Sollen andere das für mich übernehmen.

Zum Abendbrot koche ich alleine, zum ersten Mal seit wie lange? Zwei Wochen?
Es gibt unseren bewährten Auflauf aus Fenchel, Kartoffeln und Apfel, diesmal mit Schinkenwürfeln, weil M. Speck nicht mag. Den Fenchel habe ich wohl an diesem 2. Januar gekauft, als ich Schonkost für H. besorgt habe; der Auflauf war für den Dienstag bestimmt gewesen, als er umkippte.
Ich esse trotzdem mit Appetit und Genuss.

Im Fernsehen Katzen-Dokus, über denen ich einschlafe.

Woran ich mich erinnern will:
An den gemeinsamen Alltag. Seine Stimme. Seine Art zu denken.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Rausgehen.
Darüber nachdenken, ihm Briefe zu schreiben.
Mich den Dämonen stellen.
Die Dämonen wieder in die Kiste sperren.
Arbeiten.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Menschen auf der Straße und vor der Bank (meist mit Maske, immer mit Abstand)

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Der zwölfte Tag in der Hölle: Vorgezogene Trauer

23. Januar 2021. Samstag. So saß ich nun die halbe Nacht am Rechner, so wie H. es oft tut, sortierte, las, schrieb. Therapie. Ob es ihm wohl ebenso geht in diesen ruhigen Nachtstunden, in denen ein Bier nach dem anderen in ihm verschwindet und er endlich Ruhe und Muße hat, Dinge zu ordnen, zu sortieren, über Dinge nachzudenken, Musik zu hören?
Und tut er sich ebenso schwer, ins Bett zu gehen, einfach nur, weil es vernünftig ist, denn morgen muss man ja wieder fit sein für die neuen und alten Anforderungen und Zumutungen, die auf einen warten?
Oder tut irgendwann das Bier seine Wirkung und macht Augen und Geist angenehm träge und schwer?

Letzteres will ich nicht ausprobieren; einen Rausch will ich nicht, und einen Kater kann ich nicht gebrauchen.
Aber sitzen und lesen und schreiben und denken, das geht, das tut gut.

Kurz nach zwei gehe ich ins Bett, liege noch eine halbe Stunde wach, dann unruhiger, von Angstträumen geplagter Schlaf bis sechs, aufstehen, aufs Klo, nochmal hinlegen, halb dösen, halb schlafen bis sieben. Schluss, mehr geht nicht. Wieder nur gute vier Stunden.

In diesen frühen Morgenstunden, wenn ich im Bett liege und versuche zu schlafen, bin ich mir ganz sicher, dass er nicht zurückkommt. Dass unser gemeinsames Leben vorbei ist.
Dann erfasst mich eine unermesslich tiefe Schwärze und Leere in der Seele, die alles, was ich je an Schmerz und Trauer empfunden habe (und das war nicht wenig), in den Schatten stellt. Eine Angst krallt sich um mein Herz, die mir die Luft nimmt. Der Kopf ist hellwach, kann aber keine schützenden, einordnenden Gedanken mehr denken, da ist nur noch AngstSchmerzVerlustAngst.

Und dann stehe ich auf, und setze mich wieder an den Computer, und die Angst bleibt noch ein wenig da, ein, zwei Stunden, aber nach und nach gelingt es wieder, sie durch Gedankenkraft und Ablenkung und Tun in ein stilles, dunkles Kämmerchen irgendwo weit hinten zu schubsen.
Und wieder einen Tag zu leben.

Ich lade weiter die Fotos von unserem letzten Sonntagsspaziergang hoch. Ich hätte sie mir besser nicht angesehen. Die Eindrücke und Gefühle, die ich an diesem Tag hatte, werden plötzlich wieder lebendig und springen mich mit voller Macht an. Schmerz und Trauer überwältigen mich, und endlich!, endlich kann ich ein paar Tränen weinen. Tränen um H. um uns, um unser Leben, um alles, was wir hatten. Und wieder wird mir bewusst, wie wenig Hoffnung ich habe, dieses Leben – oder irgendeins mit ihm – zurückzubekommen. Und wie große Hoffnung trotzdem, dass er nicht stirbt.

Und nun, einmal losgelassen, strömen die Erinnerungen mit Macht auf mich ein:
Eine bestimmte Sorte Fleisch im Supermarktprospekt (wie gern hat er das gegessen, und wir haben auch noch ein Riesenstück davon im Tiefkühler, das wollten wir jetzt irgendwann machen).
Ein Wischmop-Set in einem anderen Prospekt (gerade jetzt kurz vor Weihnachten hat er endlich sein eigenes aus meiner Küche entfernt und zu sich genommen – vor Jahren hat er damit ein- oder zweimal meinen Küchenboden gewischt; er schwor auf dieses Ding, mit dem ich mich nie anfreunden konnte. Nun steht es, immer noch im Reisekoffer verpackt, in dem er es mit rüber nahm, in seinem Flur).
Eine Nachricht auf tagesschau.de (das hätte er heute morgen im Bett mit Interesse gelesen, samt dümmlichen und hetzerischen Nutzerkommentaren, und später hätten wir darüber gesprochen, während er am Fenster steht und seine Morgenzigarette raucht).

Die Alltagsdinge verschwören sich gegen mich, und jedes Ding schreit: Erinnere Dich!
Und nirgends bin ich sicher.

M. hat den richtigen Tipp, den ich natürlich auch kenne: Machen. Lenk Dich ab, konzentrier Dich auf was anderes.
Ich widerspreche: Es tut mir auch ein bisschen gut, mich jetzt mal gehen zu lassen, die Anspannung muss raus, ich möchte meine Gedanken und Gefühle nicht mehr wegsperren.

Ich merke selbst, dass sich das nur halb richtig anhört, denn meine Seele möchte in ein tiefes Loch fallen, möchte nichts mehr sehen und hören von dieser Welt. Und eine Depression ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann und würde mir ja auch nicht helfen.

Unter der Dusche halte ich Zwiesprache mit dem H. in meinem Kopf. Und auch er ist natürlich fürs Nicht-Nachgeben: Wenn Dein Kopf Amok läuft und die Gedanken Karussell fahren, ist Dir damit auch nicht gedient. Du brauchst Ruhe, kein obsessives Gedankendrehen.

Also machen. Ich tobe mich im Haushalt aus: Betten beziehen, saugen, Geschirr spülen, Wäsche waschen.
Dann kurz an den Rechner, zwei Rechnungen für H. schreiben, sein Mailprogramm aufräumen.

Dann ist es halb zwei und Zeit für einen Mittagsimbiss (2 Knäckebrote). Im Fernsehen kommen Zoo-Sendungen, die schaue ich mir zusammen mit M. an, schlafe wohl auch eine halbe Stunde ein.
Dann Kaffee trinken und ein paar Kekse essen.

Um vier ein hoffnungsvoller Anruf im Krankenhaus. Auch hier geht es wieder einen halben Schritt voran und einen viertel Schritt zurück: Die Lunge macht gut mit, heute morgen hat H. sogar kurz die Augen aufgemacht – natürlich ohne was richtig mitzubekommen. Aber: Der Kreislauf ist miserabel, der Blutdruck viel zu niedrig, irgendein Infekt tobt wohl im Körper und schwächt ihn, er bekommt starke kreislaufunterstützende Mittel. Niedriger Blutdruck nach einem Infarkt erhöht das Sterberisiko massiv, lese ich im Internet; es ist wohl also vielleicht eher ein halber Schritt nach vorne und ein ganzer zurück, wer weiß.

Trauigkeit und Hoffnungslosigkeit senken sich wieder über mich.

Mit Mühe konzentriere ich mich eine Stunde lang auf Projektarbeit, die Welt bleibt ja nicht stehen.

Dann vertiefe ich mich nochmal in H.s Geschäftsprozesse, denn es gibt da einen Part, den könnte ich schon selbst übernehmen, zumindest teilweise. Also schaue ich und rechne und kaufe Lizenzcodes und hoffe, dass das alles so aufgeht, wenn ich es genauso mache wie er. Es würde dann wenigstens ein bisschen Geld reinkommen.

Dann noch etwas Buchhaltung fürs Häuschen. Gas wird nur geringfügig teurer werden, und für letztes Jahr bekommen wir eine Rückerstattung, das sind gute Nachrichten.

Abends fühle ich mich fast wieder etwas hoffnungsfroh – wenn das doch nur mal ein wenig anhalten könnte, zumindest über Nacht!

Zum Abendbrot die zweite Hälfte Gemüsesuppe von gestern. ich esse eine Portion, die für mich fast normal groß ist. Vielleicht wird das mit dem Essen auch langsam wieder besser.

Auf ARTE eine Doku über Ozeanriesen, Luxusliner im Transatlantikverkehr zwischen Europa und Amerika. Ich denke an den jüdischen Schwager meines Großvaters, der auf diesem Weg aus Europa entkommen ist, und normalerweise hätte ich mir diese Sendung gern in Ruhe und konzentriert angesehen. Nun aber nutze ich sie hauptsächlich als Einschlafhilfe: ich lege mich ins Bett, schließe die Augen, lausche der Stimme des Erzählers und döse darüber immer wieder ein.

Woran ich mich erinnern will:
Die Dinge langsam wieder soweit in den Griff bekommen, dass ich ein Gefühl von „das muss jetzt alles mal etwas langsamer gehen, ich brauche mal eine Auszeit“ bekommen kann. Das war bisher im existenziellen Überlebensmodus undenkbar.

What I did today that could matter a year from now:
Rechnungen schreiben.
Verhalten üben.

Was wichtig war:
Weinen.
Nicht in der Trauer versinken.
Reden.
Hausarbeit, Bewegung.
Weitermachen.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).

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Der elfte Tag in der Hölle: Es räumt sich auf

22. Januar 2021. Freitag. Gestern Abend noch bis halb eins ferngesehen, während M. neben mir schon schnurchelte.

Ich stelle mir vor, wie dieser Abend mit H. und mir gelaufen wäre: Wir hätten natürlich „vernünftig“ gegessen, nicht nur ein Brot; H. hätte sich entweder in den Sessel gesetzt, um mit mir fernzusehen, oder sich mit dem Laptop an den Tisch gesetzt. Er hätte vielleicht Projektnotizen zu Kundenanfragen gemacht oder etwas für Kunden recherchiert, sich mit den Grundrissen des Häuschens beschäftigt, um die nächste(n) Baumaßnahme(n) zu planen, Materiallisten aufgestellt. Oder er hätte sich die Knopfhörer ins Ohr gesteckt und auf YouTube Musik gehört, Bands, Songs, Aufnahmen gesucht. Vielleicht hätte er e-Mails geschrieben an Leute, zu denen er/ wir eine Weile keinen Kontakt hatten oder aus einer Quatschlaune heraus eine Scherzmail an diverse Leute geschickt.

Es war seltsam wohltuend, sich diese Normalität auszumalen, die ja noch gar nicht so weit weg ist, gerade mal vier Wochen, dann kam Weihnachten, die Zeit zwischen den Jahren mit ihren eigenen Routinen, dann Silvester, dann die Erkrankung (Rücken, vielleicht schon das Herz, wer weiß), dann die vorsichtige Erholung, die aber noch nicht zu einem normalen Alltag gereicht hatte, dann der Big Bang.

Ich merke, wie sehr die Psyche hinterherhinkt, um mit all diesen Veränderungen und den damit einhergehenden Anstrengungen und Herausforderungen klar zu kommen. Der Kopf funktioniert so gut es geht, der Körper tut, was er kann, aber die Psyche läuft noch wie ein aufgescheuchtes Huhn herum und weiß nicht, wohin mit sich.
Sie produziert Gefühle, Gedankenfetzen, Bilder in rasender Abfolge. Als Gefühle bevorzugt sie Angst und Überforderung, teilweise gewürzt mit Traurigkeit. Die Gedankenfetzen drehen sich gerne darum, wie es war und ganz sicher (weiß die Angst) nie wieder wird, und vor allem um: WieSollIchDasAllesSchaffen, DasKlapptDochNie, IchWeißNichtWieIchDasMachenSoll.

Aktuell größte Brocken und meine Beruhigungsstrategie:

H.s Firma. Angst davor, dass Kund:innen anrufen und ein Problem haben und ich kann ihnen nicht helfen, weiß nicht, was ich ihnen raten soll, will sie aber auch nicht wegschicken und für H. verlieren.
Strategie: Heute Kontakt zu diesem Bekannten aufnehmen. Wenn er auch nur annähernd geeignet und bereit ist, das zu übernehmen, die Kunden an ihn weiterreichen. Ob sie dann bei ihm bleiben, wird sich zeigen. Wenn ich sie jetzt schlecht betreue oder zu lange vertröste, sind sie ohnehin weg.

H.s laufende Kosten. Angst, nicht rechtzeitig oder ausreichend finanzielle Unterstützung zu bekommen. Ich kann seine Ausgaben nicht mitfinanzieren, seine Familie wird es nur bedingt wollen. Wenn dann aber mit der Miete oder anderen Dingen etwas anbrennt, haben wir noch mehr Probleme. Nicht wir, ich.
Strategie: Am Montag beim Sozialamt anrufen und mich informieren, ob ich schon etwas tun kann, solange die Betreuung nicht durch ist. Auch beim Sozialdienst nachfragen, ob es Möglichkeiten gibt. Noch mehr Rechnungen schreiben, um die Zeit zu überbrücken, bis Hilfen fließen können.

H.s Krankenhauskosten und die Krankenversicherung. Für mich momentan der unlösbarste Brocken. Die Angst: Aus Unwissenheit nichts erreichen, Kosten ansteigen lassen, H. in einer verzweifelten Situation zurücklassen.
Strategie: Einen Beratungstermin habe ich am 1. Februar. Momentan setze ich hauptsächlich auf den Sozialdienst, dass die irgendetwas bewegen können.

Das Haus. Wenn wir es verlieren oder er aus Gesundheitsgründen dort nicht mehr sein kann, wird ihn das umbringen sehr schwer treffen und vermutlich den Lebensmut rauben. Und: Wie sollen wir uns künftig die Raten leisten, falls er nicht mehr arbeiten kann?
Strategie: Es ist viel zu früh, sich darüber Gedanken zu machen. Aus finanziellen Gründen sollte das Haus aber erstmal erhalten bleiben., das muss ich im Hinterkopf behalten.

Was, wenn er stirbt? Wie komme ich mit noch einem schweren Schlag klar? Ich habe das Gefühl, dass nicht mehr viel Kraft vorhanden ist.
Strategie: Das Mantra. Im Moment lebt er, also kümmern wir uns um die Dinge, die aktuell wichtig sind. Alles andere kommt, wenn es kommt und wird dann gelöst werden.

Was, wenn er nicht mehr er selbst ist? Eine große Unbekannte. Ist das Hirn geschädigt? Gibt es durch die schwere Erkrankung eine Persönlichkeitsveränderung? Gedächtnisverlust? Wird er, falls er sein Leben nicht mehr weiterführen kann wie bisher, schwer depressiv werden? Was kommt noch alles auf mich zu?
Strategie: Auch hier gilt: Wir haben aktuell zu wenig Daten, das kann alles nur Spekulation sein, und ich kann mich nicht vorher auf jeden möglichen Ausgang vorbereiten. Aktuell zählt nur die Alternative: Wird er leben oder sterben? Dann geht es weiter.

Daneben laufen dann natürlich noch die Standards ab: Wie soll ich meine Rechnungen bezahlen? Wie soll ich meine anstehenden Arbeiten für meine Kunden schaffen? Woher nehme ich die Zeit, um mich um all diese Dinge zu kümmern? Woher die Kraft?

Der Tag.

Nachdem der braune Paketdienst gestern um elf schrieb, die Sendung an H. würde heute zwischen 12:30 und 15:30 Uhr zugestellt werden, sehe ich heute, dass sie gestern um 14:57 bei einem Nachbarn abgegeben worden ist. Wissen die nicht, welche Pakete sie im Auto haben?
Immerhin muss ich nun heute nicht den halben Tag in H.s Wohnung sitzen und auf den Paketdienst warten.
Aber die Stunde, die ich gestern mit deren Interface verbracht habe, um einen Serviceaccount einzurichten, hätte ich mir sparen können. Nun, es wird nicht die letzte vergeudete Stunde in Sachen H. sein.

Ich begleite H. zum Haus der Ärztin und gehe dann zu H.s Wohnung: Briefkasten leeren, das Paket bei den Nachbarn abholen und hoch in die Wohnung bringen, lüften, noch ein paar Papiere raussuchen, gewaschene Wäsche zusammenfalten.

Der Aufenthalt dort ist nicht schlimm; mit der Wohnung verbinde ich nur wenige Erinnerungen, und in seinem Arbeitszimmer habe ich schon einmal Geister ausgetrieben, als vor einigen Jahren der Mitbewohner starb und eine vollgemüllte Messie-Höhle hinterließ. Damals war H. nach der groben Räumung zu seiner kranken Mutter gefahren, und ich hatte in seiner Abwesenheit als Überraschung das Zimmer von oben bis unten geschrubbt und einigermaßen nett hergerichtet.

Im strömenden Regen zum Briefkasten und zum Schreibwarenladen, um Briefmarken zu holen. OP-Masken in der Apotheke gekauft. M. ist vor mir zu Hause gewesen.

Kurzer Austausch, dann endlich den Bekannten wegen H.s Firma angerufen: Er macht es! Er übernimmt vorübergehend eine Art Krankheitsvertretung, das heißt, ich kläre anfragende Kunden über die Situation auf und biete ihnen an, den Kollegen anzurufen und mit ihm etwas zu vereinbaren. Er rechnet dann auch (zu seinen Bedingungen) mit den Kunden direkt ab. So fließt zwar kein Geld in H.s Firma, aber die Kunden werden weiter versorgt und können wieder von H. betreut werden, falls und wenn er jemals wieder arbeiten sollte.

Mir fällt ein Mount Everest vom Herzen und ich kille spontan das Piccolo-Fläschchen Sekt, das H. am Sonntag vom Kiosk für mich/uns mitgebracht hatte. Er würde das gutheißen, das jetzt zu diesem Anlass zu trinken.

Nachmittags etwas für einen Kunden zusammengedengelt, womit er erstmal arbeiten kann; den Rest muss ich dann im Laufe des Wochenendes fertig machen.

Der Anruf im Krankenhaus am Spätnachmittag bringt schlechte Nachrichten: Das Herz hat wieder Rhythmusstörungen/ Kammerflimmern, und sie wissen nicht, warum. Es hat wohl doch mehr abbekommen als gedacht.
Die Lunge hält sich wacker und ist etwas kräftiger geworden, ich hoffe, sie bekommen das mit dem Herzen in den Griff.
Und wieder Bangen.

Wider besseres Wissen schaue ich nochmal in H.s Mails und finde neben sehr netten Nachrichten auch die Mail einer Kundin, für die H. noch kurz vor seinem Zusammenbruch tätig gewesen war.
Sie empfindet die von mir gestellte Rechnung als unangemessen hoch, würde das jetzt in der besonderen Situation zwar zahlen, aber quasi unter Protest.

Es geht um eine Rechnung von 280 Euro.
Ich hatte mitbekommen, wie aufwändig das war; er hat sicher 20 Stunden Zeit investiert, am Ende sogar eine stundenlange Installation am Sonntag (!) gemacht und nur die Hälfte der Zeit überhaupt aufgeschrieben bzw. berechnen wollen.
Nun kommt sie um die Ecke, 280 Euro seien aber ganz schön viel, die meiste Recherchearbeit habe sie doch selber gemacht, und überhaupt.
Gut, sie kann das nicht absetzen, und für eine Privatperson, die „eigentlich“ nur einen neuen Drucker haben wollte, klingt das viel. Vor allem wenn der Drucker selber nur 230 Euro gekostet hat.
Aber sie sieht eben nicht, dass H. mehrere Male lange mit ihr telefoniert hat, dann 2-3 Stunden nach Druckern recherchiert hat, Verfügbarkeiten geprüft hat usw., dann von ihr hört, dass sie sich irgendwo einen bestimmten ausgeguckt hat, dann wieder geprüft hat, ob der passt, ob er überhaupt lieferbar ist usw.
Dann für die Installation der Druckersoftware erstmal Platz auf ihrem rappelvollen Rechner schaffen musste, also nachforschen, welche Daten verzichtbar wären, die Daten auf einem anderen Gerät sichern und dann löschen.
Dann einen All-In-One (Drucker/Fax/Kopierer/Scanner) per Fernwartung einrichten, weil man wegen Corona keinen Hausbesuch riskieren will; auch dazu musste etliches recherchiert und vorbereitet werden, und natürlich gab es bei der Installation Fehlermeldungen am Gerät, zu denen er schnell eine Lösung finden musste, ohne das Gerät zu sehen und ohne zu wissen, welche Knöpfe die Kundin gerade gedrückt hatte.
Und dann kommt diese Schnepfe und mault rum, weil sie einem professionellen Dienstleister letztendlich einen Stundenlohn von 14 Euro zahlen soll.

Ich glaube, ich werde ihr etwas in diesem Stil schreiben, vielleicht hilft das beim Einordnen.

Zum Abendbrot kochen M. und ich uns Gemüsesuppe aus diversen Resten (Zwiebel, Lauch, Frühlingszwiebel, Kohlrabi samt Blättern, Möhren, 1/2 Zucchini, Stangensellerie, Rettich, Kartoffeln, dazu Wiener).

Auf ARTE „Laura wirbelt Staub auf„, wobei ich schon wieder einnicke. M. geht noch vor Ende des Films (21:45) ins Bett und schläft, ich schaue ihn noch und schlafe dann eine halbe Stunde.

Dann wecken mich schon wieder blöde Gedanken und verhindern jeden Schlaf.
H. taucht in meinem Kopf auf und macht mir Vorwürfe, ich würde ohne Not sein ganzes Geschäft in fremde Hände geben, dabei könnte ich einige Sachen doch locker selber machen und mit geringem Aufwand noch etwas Geld dazuverdienen, um z.B. seine Miete usw. zu decken.

Ich erkenne in ihm mein schlechtes Gewissen und gewisse Selbstzweifel, ob ich es mir nicht zu einfach mache. Diese Schuldgefühle würde ich am liebsten in einen Sack stecken und mit dem Knüppel draufschlagen, aber sie entwinden sich geschickt dem Zugriff.

So stehe ich also auf und diskutiere eine Stunde mit H. bzw. meinem schlechten Gewissen und lege ihnen und mir dar, warum ich das mache und warum ich nicht anders kann.
Dann geht es wieder.

Dabei glaube ich, er würde mir nie im Leben einen Vorwurf machen, sondern darauf vertrauen, dass ich tue, was ich kann, und anerkennen, dass ich versuche, den für alle Seiten besten Weg zu finden.

Da ich nun mal wach bin, räume ich mein Mail-Postfach auf, beantworte Mails der Lieblingskundin und schreibe Zustandsberichte an seine und meine Familie und enge Freunde.
Gegen halb zwei stellt sich wieder eine leichte Müdigkeit ein und ich versuche es nochmal mit dem Bett.

Woran ich mich erinnern will:
H.s Sekt auf sein Wohl getrunken.

What I did today that could matter a year from now:
Ein wichtiges Gespräch geführt.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Anrufen.
Position beziehen.
Jemandem nicht in den Rücken fallen.
Arbeiten.
Pause machen.
Reden.
Schreiben.
Aufräumen.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Zwei Frauen im Hausflur bei der Ärztin (alle Maske, Abstand schwierig).
Verkäufer und Kunden im Zeitungsladen (alle Maske und Abstand).
H.s Nachbar an dessen Wohnungstür (Abstand, ich Maske).
Verkäuferin im Schreibwarenladen (ich Maske, sie Spuckschutz).
Apotheker und Apothekerin (dito)

Standard
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Der zehnte Tag in der Hölle: Angst

21. Januar 2021. Donnerstag. Geschlafen! Ich habe geschlafen! Zwar schlecht und mit Angst-Alpträumen, aber ich habe zum ersten Mal seit über einer Woche nachts nicht stundenlang wach gelegen. Stattdessen: Einschlafen, aufwachen, auf die Uhr sehen, umdrehen, wieder einschlafen. Wiederholen Sie dies in neun Stunden zehnmal. Aber immerhin. Es bewegt sich etwas.

Mein ständiger Begleiter Angst drängt sich heute wieder massiv in den Vordergrund. Mir wird bewusst, dass die Angst eigentlich seit Jahren mein ständiger Begleiter ist. Den Großteil der Zeit kann ich sie zurückdrängen und in Schach halten, nur wenn die Abwehr schwach ist, bricht sie sich Bahn in vielerlei Form: Angst vor einem Telefonat. Angst vor einem Termin, einer Begegnung. Angst, in meiner Arbeit zu versagen. Angst, den Anforderungen (der Welt, des Lebens, desTages, einer Aufagbe) nicht gewachsen zu sein und zusammenzubrechen. Angst, auf mich allein gestellt zu sein.

H. hat mir immer Kraft gegeben, die Gewissheit: Wir schaffen das. Seine Ruhe, seine Zuversicht, seine Klarheit, seine teils sehr kreativen Lösungsideen, sein strategisches Denken haben mich geerdet und verankert.
Das fehlt mir nun. Zwar höre ich noch im Kopf seine Stimme, aber es wird sich zeigen, ob ich seine Sicherheit wirklich verinnerlicht habe und ohne seinen Zuspruch klar kommen werde, wenn die erste Überlebens-Energie abebbt, wenn Dinge schwierig werden, das Geld wirklich knapp, wenn es kein Sicherheitsnetz mehr gibt.

Heute nun hat sich die Angst ein paar schöne Themen ausgesucht:
Angst vor dem Anruf beim Sozialdienst. Werden mich dort schlechte Nachrichten in Bezug auf H.s Nicht-krankenversichert-Sein erwarten? Oder neue Aufgaben, die ich erfüllen muss, ganz dringend, und ganz unangenehm?
Angst vor dem Gespräch mit dem IT-Menschen, den ich mir zur Unterstützung erhoffe. Wird er esmachen wollen und können? Wird seine Arbeit preislich im Rahmen sein? Wie soll ich das alles H.s Kunden kommunizieren?
Angst vor dem Termindruck bei meiner eigenen Arbeit: Werde ich das Mini-Projekt bis morgen fertig bekommen?
Angst davor, für H.s Firma Rechnungen zu schreiben: Werde ich die notwendigen Informationen finden? Werden die Kunden die Rechnungen akzeptieren? Und zeitnah bezahlen?
Angst, dass ich H.s repariertes Keyboard nicht bekomme, das heute zurückkommen soll, weil: keine Postvollmacht.

Ich habe Angst vor der kleinsten Kleinigkeit. Aber das ist vielleicht auch keine Überraschung bei dem Chaos, das gerade in mir und um mich herum herrscht. Ich sollte mir das verzeihen können und auf meine Kraft vertrauen.
Aber gerade dieses Vertrauen fällt mir gerade unglaublich schwer.

Der Tag:

Einen Beratungstermin zum Thema Krankenkasse am 1.2. bekommen. Ich hoffe ja, dass bis dahin schon etwas mit dem Sozialdienst klappt, aber mal sehen. Jede Informationsquelle zählt.

Vormittags der Versuch, ein Kundenkonto bei einem Paketdienstleister einzurichten, um eine Sendung an H. an meine Adresse umzuleiten. Am Ende soll er per Post eine PIN zur Bestätigung bekommen. In „fünf bis sieben Tagen“. Das Paket soll morgen oder übermorgen ausgeliefert werden. Werde ich also in seiner Wochnung sitzen, um es anzunehmen. Mal sehen, wie gut mir das bekommt…

Vergebliche Anrufe beim Sozialdienst der Klinik. Morgen nochmal versuchen.

Mit M. einkaufen gehen und ein paar Minuten in der Sonne auf dem platz sitzen. So schön…
Einkaufen ist nach wie vor emotional schwierig für mich, ich verbinde das zu sehr mit meinem Alltag mit H.

P. ruft an und will mich für Sonntag zum Essen einladen. Ich kann das jetzt nicht. Vielleicht nächste Woche.

Ich teste einige Einstellungen in H.s Fernwartungstool. Versuche, mir etwas Sicherheit zu erwerben. Schließlich klappt es leidlich, aber das ist nichts, worauf ich mich verlassen kann.

Mittagsimbiss: Salat mit Blattsalat, Kohlrabi, Möhre, Zitronensaft. Vitamine!

An H. gerichtete Job-Mails beantworten. Fassungslosigkeit und Genesungswünsche von allen Seiten.
Ich kann ja vergessen, die Firma weiterzuführen, um Einkommen zu generieren: Jeder Dienstleister wird dasselbe oder mehr als H. verlangen, da wird überhaupt nichts dran verdient. Ich kann das nur machen, um die Kunden zu (er)halten, sonst nichts. Ich setze mir eine erste Deadline bis Ende Februar: Wenn bis dahin nicht klar ist, ob und wie H. jemals wieder arbeiten kann bzw. er bis dahin nicht ansprechbar ist, werde ich die Kunden woanders hinschicken. Ich kann sein Business nicht neben meinem managen.

Erste Rechnungen in seinem Namen verschickt; ich bin gespannt, wie schnell seine Leute zahlen. Da ich das nicht einschätzen kann, versende ich in den nächsten Tagen noch weitere Rechnungen; vielleicht reicht es ja, um die Miete zu bezahlen.

Am Spätnachmittag ein Wartungstermin bei einer Kundin von H.; alles geht glatt. Trotzdem macht mir das ganze Procedere mit all seinen Unsicheheiten Angst. Sicher könnte ich mich da reinfummeln, eine ähnliche Souveränität gewinnen wie H., aber warum sollte ich mir das neben meinem Job antun?

Abends Kleinkram für meine Kunden: Fragen beantworten, Inhaltsänderungen machen. Peanuts.

Ich bin müde, traurig, überfordert.
Ist das jetzt mein neues Leben?
Dann hätte ich bitte lieber mein altes wieder…

Das warme Abendbrot lassen wir ausfallen, stattdessen gibt es frisches Brot (selbst gekauft).

Woran ich mich erinnern will:
Wie schön es ist, in der Sonne zu sitzen und für einen Moment nichts zu denken.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Weitermachen.
Rohkost essen.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Kund:innen und Personal im kleinen Supermarkt (alle Maske und leidlich Abstand)



Standard
Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der neunte Tag in der Hölle: Emotionale Achterbahn

20. Januar 2021. Mittwoch. Obwohl ich gestern ein wenig Hoffnung geschöpft hatte und der Tag fast „normal“ war, war die Nacht wieder schlimm: Frühes Einschlafen vor dem Fernseher, dann hochschrecken, dann wieder einschlafen und erneut von Todesängsten geweckt werden, dann stundenlang wachliegen, lesen, sinnieren, dösen, dann gegen vier nochmal einschlafen. Insgesamt viereinhalb oder fünf Stunden ohne wirklichen Erholungswert.

Morgens das übliche Gefühl der Verzweiflung: Es ist alles viel und komplex und miteinander vernetzt. Wo anfangen? Wie entscheiden, was jetzt akut am wichtigsten ist?
Atmen. Vertrauen. In meine Fähigkeit zum Organisieren, zum Planen, zum Entscheiden und zum Machen.

Die vielen Ängste: Was, wenn nun ein Kunde mit einem unlösbaren Problem anruft? Was, wenn ich H.s Firma an die Wand fahre? Was, wenn das Geld nicht reicht? Was, wenn es M. schlechter geht und ich mich um sie kümmern muss? Was, wenn etwas mit P. ist? Was, wenn ich selbst krank werde???

Diese „What if’s sind aber vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass mein Kopf langsam aus dem Panik-Überlebens-Funktionier-Modus herauskommt und sich an seine üblichen Mechanismen erinnert, alles zigfach in Frage zu stellen und bis zum bitteren Ende durchdenken zu wollen.

Ich bemühe mich um Entspannung. (Merkste selber, ne?)
Atmen. Aus dem Fenster schauen. Atmen. Regelmäßig essen und trinken. Atmen.

Vormittags Telefonate: Die Betreuungsbehörde ruft an, erklärt, wie es jetzt weitergeht, auf welcher Basis das Gericht über eine Betreuung entscheidet. Eine nette, hilfsbereite Mitarbeiterin, die mich mit Telefonnummern versorgt für weitere Nachfragen zu verschiedenen Themen.
Ein Gespräch mit der Lieblingskundin. Viel Privates, etwas Projektarbeit.
Anruf bei einer kirchlichen Beratungsstelle zum Thema Betreuung. Die Dame ist mir sehr sympathisch: ruhig, organisiert, strukturiert, mit einer angenehmen Stimme.

Zwischendrin kleine Arbeiten für meine Kunden, die mich ob ihrer Alltäglichkeit sehr erden: Eine kleine Codekorrektur, ein Bild austauschen usw.
Mit M. besprechen, wann sie wohin zum Röntgen gehen soll.
Meine Notizen ordnen.
Eine Mailanfrage an die Clearingstelle mit Bitte um einen Beratungstermin (Thema Krankenversicherung).
Wäsche waschen.
Mittagsimbiss (Müsli).

Kurz vor zwei breche ich auf Richtung Krankenhaus, dort bin ich kurz vor drei. Wer zum Arztgespräch geladen ist, muss sich anscheinend nicht umständlich anmelden und registrieren. Auch interessant.

Vor der Station warte ich erstmal, es könne dauern, bis der Arzt Zeit habe, ich solle draußen warten. Auf der langen Holzbank sitzt ein älterer Mann im Pseudo-Army-Outfit und döst. Ich setze mich ans andere Ende. Wie sich herausstellt, wartet er darauf, die betreuende Ärztin seines Vaters zu sprechen.

Nach einer Viertelstunde kommt der Arzt heraus: Er hole jetzt gleich H. aus dem OP ab (die ECMO sollte entfernt werden), danach müsse er ihn „kurz“ versorgen, dann könnten wir sprechen. Ich rechne also mal mit noch einer Stunde und bedanke mich.
Kurz darauf kommt nochmal die Schwester: H. sei im OP, das könne dauern, ich solle nach Hause fahren, wenn ich in der Nähe wohne, und später wiederkommen. Oder im Park spazieren gehen. Oder mich in die Caféteria setzen. Ich vertraue auf die Aussage des Arztes und bleibe sitzen.

Dann pingt der Fahrstuhl, und H. wird an mir vorbeigefahren. Ich erhasche einen Blick auf ihn, er sieht unverändert aus – aber wie soll er auch aussehen?

Dann kommt die Ärztin für den Mann auf der Bank und geht mit ihm fort; ich wechsle auf sein Ende der Bank, dort hat man den besseren Überblick. Krame den Notizblock heraus, mache Listen, plane die nächsten Tage und Schritte. Nirgends bin ich so sehr im Hier und Jetzt wie in diesen Warteräumen. Lesen, Musik hören, das wäre mir alles nicht möglich. Hier kann ich die Gedanken laufen lassen bis sie müde sind.

Etwas später, ich sitze inzwischen anderthalb Stunden hier, kommt der Arzt, berichtet, erklärt, erläutert Optionen. Ich hatte ihn am Telefon als angenehm sortiert und ruhig erlebt, jetzt merke ich: Auch er hat Schwierigkeiten, seine medizinischen Informationen in Aussagen zu verpacken, die Angehörige und Laien nicht beunruhigen, aber das ist auch schwer. So spricht er vor allem von den Dingen, die nicht gehen, Werten, die nicht gut sind, Verzögerungen. Als ich nachfrage, beschwichtigt er sofort, das sei eigentlich alles normal und zu erwarten.
Das verunsichert natürlich. Was denn nun: Alles ganz schlimm, oder alles ganz normal? Alles normal schlimm? Und was heißt das?

Ich wage es nicht, die Frage zu stellen, wegen der ich – auch – hergekommen war: Wird er leben?
Vermutlich hätte die Antwort eh nur gelautet: Das kann man wirklich nicht sagen.
Niemand will, niemand kann sich auf irgendwas festlegen. Das verstehe ich, aber genau danach verlangt die Seele: Nach einem Anker, einer Gewissheit.

Ich erbitte zum Abschied noch eine aktuelle Liegebescheinigung, e verspricht, sich darum zu kümmern. Während ich mich anziehe und auf ihn warte, treffen drei Frauen in meinem Alter ein, eine vielleicht ein wenig jünger, eine ein wenig älter. Auch sie klingeln, warten. Es sind die Angehörigen eines heute dort verstorbenen Mannes. Auch sie werden erstmal vor der Tür stehen gelassen und erst kurz darauf hineingebeten und in einen Besprechungsraum geleitet.
Ihre Anwesenheit versetzt mir einen physischen Schmerz in der Magengrube, und ich frage mich, wie ich mich jetzt an ihrer Stelle fühlen würde: Erleichtert? Zerschmettert? Taub?
Ich verdränge den Gedanken schnell, konzentriere mich auf mein Mantra: Im Moment lebt er, und es gibt aktuell keinen Grund, daran zu zweifeln, dass er auch weiterleben wird. Er ist in guten Händen. Sie hätten doch nicht die ECMO entfernt, wenn sie nicht Anlass hätten zu glauben, dass es gut geht.

Der Arzt kommt, gibt mir die Bescheinigung und verabschiedet sich: Machen Sie es gut.
Sie auch, antworte ich.

Ich gehe die Treppen hinunter und raus, im Westen ist der Himmel hell mit streifigen Wolken. zum ersten Mal seit Wochen sehe ich wieder etwas wie einen Sonnenuntergang. Der Himmel hätte H. auch gut gefallen, denke ich, und mir kommen ein paar Tränen der nachlassenden Anspannung.

Ich rufe Freund B. an: Soll ich jetzt zu Dir kommen?Na klar, ick warte hier auf Dir, macht er sich über den Berliner Dialekt lustig.
Eine Viertelstunde später bin ich bei ihm, in der riesigen Wohnung, in der einst eine Familie mit fünf Kindern und einem Dutzend Katzen und anderem Getier lebte, und wo er nun nach dem Tod der Frau im Oktober alleine wohnt.
Die Wohnung ist vollgestopft wie eh und je, die Frau hatte seit Jahren die Wohnung kaum, in den letzten zwei Jahren gar nicht mehr verlassen, und ihre Zeit mit Käufen und Verkäufen auf eBay verbracht. Es stapeln sich gebrauchte und neue Dinge, Dinge, die sie einfach schön fand und haben wollte, Dinge, die „man immer gebrauchen kann“, Dinge, die sie wieder verkaufen wollte.
Nun hat der Mann die Mammutaufgabe übernommen, die Sachen durchzusehen, zu sortieren und zu verkaufen.

Sie war klein und dick gewesen wie ich, also eigentlich kleiner und dicker, aber Freund B. meinte, vielleicht wolle ich etwas von ihren Kleidungsstücken haben, die würden vermutlich ohnehin im Reißwolf landen.
Ich vermutete hinter dem Angebot eher das Bedürfnis nach Besuch und Kontakt und hatte zugesagt. Nachdem wir eine Weile gesessen und geplaudert hatten, wühlen wir uns also durch drei Umzugskartons und zwei Müllsäcke voll Klamotten, und ich nehme ein paar T-Shirts, eine Hose und eine Tasche mit, aber eher, damit er sich die Mühe nicht umsonst gemacht hat.

Eine Stunde bin ich da, dann fahre ich heim. Der Aufenthalt in der Wohnung mit diesem Menschen und dieser Wohnung hat mich nochmal ein wenig heruntergezogen.
Die Rückfahrt über bin ich wie in Trance, aber vermutlich einfach nur höllenmäßig erschöpft.

M. begrüßt mich betont fröhlich, sie will aufheitern. Sie hat Geschirr gespült und Bidens Amtseinführung angeschaut. Vielleicht hat es ihr auch ganz gut getan, mal fünf Stunden allein zu sein.

Ich erzähle, rufe H.s Schwester an, wir essen. Ragout Fin aus der Dose, dazu eine Scheibe Brot. Kein Festmahl, aber warm, nährend und lecker. Comfort Food.

Woran ich mich erinnern will:
Zuspruch. Eine schöne, bunte Tasche.

What I did today that could matter a year from now:
Viel getan, aber wer weiß, was davon in einem Jahr eine Rolle spielen wird?

Was wichtig war:
Sprechen.
Zuhören.
Fragen stellen.
Geduld haben.
Freundlich bleiben.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Fahrgäste in U- und S-Bahn und Bussen.
Krankenhauspersonal: Der Mann am Empfang, die Schwester, der Arzt. Der Mann auf der Bank. (Alle mit Maske und reichlich Abstand)
Freund B. in seiner Wohnung (ohne Maske, aber mit Abstand und Belüftung)


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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der achte Tag in der Hölle: Ausgepowert

19. Januar 2021. Dienstag. Heute vor einer Woche ist es passiert. Aber ich habe keine Zeit, das nochmal alles zu durchleben, mich an Einzelheiten zu erinnern. Vermutlich tut es auch nicht gut.

Etwas mehr geschlafen: Von 21:00 bis 22:50 Uhr, von 23:00 bis 00:50 Uhr. Dann wachgelegen bis nach vier. Mehrmals auf Klo gewesen, Dämonen bekämpft, geatmet, gedöst, gelesen, am Fenster gestanden. Dann nochmal von 04:20 bis 05:55 und von 06:10 bis 07:00 Uhr im Halbschlaf gelegen. Insgesamt sechs Stunden, aber die nächtlichen Pnaikattacken haben einen Großteil der gewonnenen Energie wieder aufgezehrt, ich fühle mich müder als in der ganzen letzten Woche.

Aber vielleicht ist das auch ein gutes Zeichen: Der Körper fährt aus dem Dauer-Panikzustand etwas herunter. Ich hoffe es.

M. ist vor ihrem Arztbesuch sehr unruhig und nervös und versucht, es nicht zu zeigen. Ich bin keine große Hilfe. Sie hat seit Monaten Atembeschwerden und wurde nun aufgeschreckt und will das abklären lassen. Das finde ich prinzipiell gut, andererseits kann ich gerade keine weitere Baustelle gebrauchen. Aber das Gekeuche den ganzen Tag zu hören und Fantasien zu entwickeln, dass sie die nächste ist, die ich auf meinem Küchenfußboden reanimiere, sind auch nicht hilfreich.
Also fahren wir heute zu einer Ärztin in der Nähe von M.s Wohnung.

Vorher aber noch zum Copy Shop, weil eines der gestern angefaxten Ämter zurückmeldet (immerhin!), mein Fax sei unvollständig gewesen, sie wüssten nicht, was ich will. Es dauert fünf, sechs Anläufe, bis es durchgeht, und zur Sicherheit lasse ich das andere auch nochmal schicken – vielleicht stimmt ja mit meiner Infrastruktur was nicht.

Die Ärztin ist rigoros und hat wenig Verständnis dafür, dass M. ihre Gesundheit so schleifen lässt. Mir gefällt sie, bei M. sehe ich schwarz: Sie lässt sich nicht gerne was sagen und schon gar nicht kritisieren.

Anschließend etwas zu essen einkaufen. Lebensmittelläden, insbesondere die der gehobenen Klasse, sind schwierig für mich, denn bei all den Leckereien denke ich unwillkürlich an H.: Was ihm ins Auge springen würde, womit ich ihn überraschen würde, wie er es genießen würde. ich atme mich duch meine Panikattacke und schaffe es, im Laden zu bleiben. ich weiß nicht, ob das eine Leistung war oder Selbst-Quälerei, aber ich bin ein bisschen stolz auf mich, also war es wohl richtig.

Es regnet dicke Tropfen, dei später in dicke Schneeflocken übergehen. Schön, wenn man es aus der warmen Wohnung betrachtet; ekelhaft, darin unterwegs zu sein. Aber wir packen es und kommen gut zu Hause an.

Kleiner Imbiss, dann suchen wir eine Radiologie-Praxis bei mir in der Nähe, um die von der Ärztin gewünschten Röntgenaufnahmen anfertigen zu lassen.

Anruf einer Kundin von H. Sie braucht Hilfe bei einem kleineren Update; ich hoffe, ich schaffe das. Termin Donnerstag Nachmittag.

Den Nachmittag verbringe ich dann zum ersten Mal seit anderthalb Wochen mit Arbeit für meine Kunden. Bis Freitag sollen zwei Sachen fertig werden, das drängt nun schon. Ich komme gut voran und arbeite bis halb sechs, obwohl ich eigentlich knochenmüde bin.

Dann Anruf im Krankenhaus, Anruf bei H.s Schwester, SMS an Freund B.
Der Arzt meint am Telefon, H.s Zustand sei nicht mehr so kritisch, dass sie meinen Besuch rechtfertigen würde. Vorsichtige Hoffnung.
Versuch, den morgigen Tag zu planen.

MüdeMüdeMüde.

Zum Abendbrot Kartoffelklöße, Broccoli, Geflügel-Curry-Salat. Etwas seltsame Mischung, schmeckt aber lustigerweise ganz gut.

Im Fernsehen eine Doku über McCarthy, anschließend Pressekonferenz zur Lockdown-Verlängerung. Mit M. in der Wohnung höre ich den ganzen Tag Fernsehsendungen, die ich mir niemals anschauen würde. Kein Wunder, dass sie soviel Kram im Kopf hat.

Woran ich mich erinnern will:
Bester Satz ever: „Der Zustand Ihres Mannes ist nicht mehr so schlecht, dass ein Besuch nach der Corona-Verordnung erlaubt wäre.“

What I did today that could matter a year from now:
Faxe schicken.
Weitermachen.
Eine ärztliche Behandlung unterstützen.

Was wichtig war:
Aktiv sein.
Mit anderem beschäftigen.
Kurz mal alles laufen lassen.
Vorübergehend den Panik-ÜBerlebens-Modus verlassen können.
Einfach mal sagen: Darum kümmere ich mich heute nicht.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Mitarbeiter im Copy Shop (Maske, Abstand).
Fahrgäste in der U-Bahn und auf U-Bahnhöfen.
Sprechstundenhilfe, Patient:innen im Wartezimmer, Ärztin (alle Maske, Abstand).
Kundinnen udn Personal im Lebensmittelladen (alle Maske und Abstand; mir persönlich ist es etwas zu voll).


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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der siebente Tag in der Hölle: Betreuerin werden?

18. Januar 2021. Montag. Neuer Tag, neue Woche, neues Glück. Ich habe Angst vor dieser Woche, denn mir stehen viele Kontakte, viele Unwägbarkeiten, viel Anstrengung bevor. Die Krankenkassenfrage muss vorangetrieben und die Betreuungsfrage angegangen werden, es muss eventuell auch schon finanzielle Hilfe beantragt werden, so das möglich ist, Kundenanfragen müssen organisiert und beantwortet werden, und ich muss mich auch mal wieder um meine eigene Firma kümmern.

Das alles mit nach wie vor viel zu wenig Schlaf: Nachdem ich gestern vor dem Fernseher wieder kurz eingenickt war, lag ich nach dem Lichtausmachen zweieinhalb Stunden wach. Ich vertrieb mir die Zeit mit Atmen, Ausruhen und Lesen, aber das reicht ja nicht. Ich schlief dann zweieinhalb Stunden, lag wieder wach, dann nochmal anderthalb Stunden. Vier Stunden Schlaf bei dem aktuellen Arbeitspensum – wie lange soll ich das durchhalten? Immerhin blieb ich heute Morgen von 4:20 bis 5:10 noch im Bett liegen, um wenigstens langsam in den Tag zu kommen.

Angst und Adrenalin haben mich und meinen Körper immer noch fest im Griff: Ich spüre sie in der Magengrube, mir ist übel, ich zittere. Das gibt sich irgendwann im Laufe des Vormittags, wenn ich den Kopf genügend beschäftigen kann, dass er davon ablenkt.
Mal sehen, ob das etwas besser wird, wenn ich die aktuell wichtigen Dinge erledigt habe (Krankenversicherung, finanzielle Unterstützung für H., Betreuung).

M. hat nun Muffensausen, weil sie seit etwa einem Jahr bei der kleinsten Anstrengung schnauft und ich gesagt habe, dass das ebenfalls vom Herzen kommen kann. Sie bringt Atmung nur mit Lunge in Verbindung und glaubte, wenn sie das Rauchen reduziert, hört irgendwann auch das Schnaufen auf. Nun möchte sie zu einem Internisten und wir machen ein paar Anrufe. Morgen fahren wir zusammen in die Nähe ihrer Wohnung zu einer Ärztin.
Das wird für mich zwar eine unglaubliche Belastung (Zeit, Energie), aber ich will sie da jetzt nicht hängen lassen.

Nebenbei tatsächlich auch ein wenig gearbeitet: Informationen zum GroßenGrausigenProjekt an die Agentur, die nun erstmal die komplette Kommunikation übernehmen. Informationen einer anderen Kundin an die Lieblingskundin, die hoffentlich übernimmt. Ein paar Updates.

Einen Fernwartungstermin mit einem von H.s Kunden durchgeführt. Natürlich hatte morgens das Fernwartungsprogramm gehakt, denn wenn es schon dick kommt, geht immer noch was obendrauf.
Vor dem Termin hatte ich große Angst, weil ich total unsicher bin, ob ich das alles schaffe, aber es ging leidlich gut. Wir werden noch einen Termin haben, aber wir haben eine Idee, wie es gehen könnte.

Anruf einer Kundin von H., die einen neuen Telefon- und Internetanschluss bekommen hat. Kurze Überprüfung, ob alles läuft, wie es soll. Nicht wie es soll, aber es läuft. Für mich reicht das im Moment.

Abends ruft eine weitere Kundin von H. an. Sie ist Ärztin, ihr kann ich mal wieder die ganze Geschichte erzählen. Sie macht mir Mut. Im Moment begegne ich nur netten und hilfsbereiten Menschen.

Aber aus der Erfahrung weiß ich, dass die Nettigkeit nachlässt, wenn alles zu lange dauert, es keine dramatischen Entwicklungen mehr gibt, die erste Neugierde und Schauderlust befriedigt ist. Dann wird sich ausfiltern, wer wirklich bereit ist zu helfen: Mit Zeit, mit Energie, mit Geld.

Die Nachrichten aus dem Krankenhaus bleiben derweil vorsichtig positiv: Das Herz wird stärker, der Kreislauf ist stabil. Die Lunge ist noch ein Sorgenkind. „Wir sind mit allen Parametern im unteren Bereich, wir können also noch nachlegen“ sagt der Arzt, und daran halte ich mich fest.

Nachmittags lasse ich mich in Sachen ehrenamtliche rechtliche Betreuung beraten. Die Beraterin hat wenig Ahnung von unserer aktuellen Konstellation (Selbstständige, unverheiratet, keine vorhandenen Vollmachten, Verfügungen etc., der eine nicht krankenversichert) und machte mir an manchen Punkten dann doch recht große Angst. Andererseits hatte sie aber auch gute Tipps, wie ich schnellstmöglich die Betreuung übernehmen kann, um handlungsfähig zu sein.
Ich hoffe nur, das fällt mir nicht auf die Füße, weil das Krankenhaus dann sagt, dann müsse ich mich um die Krankenversicherung kümmern. Bisher habe ich mich darauf verlassen, dass das der Sozialdienst macht.

Und noch mehr Angst kann ich nun wirklich nicht brauchen.

Trotzdem das Fax ans Gericht geschickt mit der Bitte, mich als Betreuerin einzusetzen. Mit der Klinik gesprochen; die Ärzte wollen das unterstützen. H.s Schwester will morgen im Krankenhaus anrufen, sie drückt jetzt das schlechte Gewissen, als nächste Angehörige sich noch nicht gerührt zu haben. Auch sie will mich empfehlen.

Abends noch eine Stunde Arbeit für eine wichtige Kundin, dann langsam runterfahren.
M. macht zum Abendbrot Broccoli mit Kartoffeln und Käsesoße. Ich esse erstmals wieder eine fast „richtige“ Portion.

Woran ich mich erinnern will:
Gute Nachrichten aus dem Krankenhaus.

What I did today that could matter a year from now:
Antrag auf Bestellung als Betreuerin stellen.

Was wichtig war:
Etwas tun können.
Den Tag überstehen.
Lösungen finden.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).


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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der sechste Tag in der Hölle: Emotionale Abspaltung

17. Januar 2021. Sonntag. Die Schlafqualität ist einigermaßen ok, die Schlafdauer ist es nicht: Gestern Abend ab etwa 21:00 immer wieder vor dem Fernseher eingedöst, aber mich krampfhaft wachgehalten in der Hoffnung, dann später besser (durch)schlafen zu können. Das Ergebnis war so lala. Um elf kommt M. ins Bett, und ich bin hellwach, liege sicher noch eine halbe Stunde da und versuche, mich wieder in den Schlaf fallen zu lassen. Dann tief geschlafen bis kurz nach eins. Bestimmt fast eine Stunde wachgelegen. Nochmal anderthalb Stunden geschlafen. M. ist unruhig, steht auf, stöhnt. Hat sie Schmerzen? Oder ist sie nur genervt, weil sie aufs Klo muss? Sie kommt zurück, schläft wieder ein. Auch ich döse wieder weg. Nochmal eine Stunde. Nun muss ich aufs Klo. Stelle mich kurz ans offene Fenster in die Frostluft, um noch ein bisschen Bedürfnis nach dem warmen Bett zu entwickeln. Schlüpfe wieder rein, liege wach, döse kurz weg, muss wieder aufs Klo. Es ist halb sechs. Dann kann ich auch aufstehen.
Schlafbilanz: Vielleicht viereinhalb Stunden plus insgesamt vielleicht eine halbe Stunde vor dem Fernseher.

Beim letzten morgendlichen Wachliegen der Gedanke, dass das, was ich da gerade tue, dieser Versuch eines „Business as usual“, vielleicht gar nicht so gut für mich ist, denn letztendlich versuche ich ja, so zu tun als wäre alles noch „normal“, als wäre er jetzt eben einfach nur mal weg, woanders, und ich könnte so weitermachen wie bisher, nur eben momentan ohne ihn und ohne Kontakt zu ihm.
Sollte ich mich nicht besser der „Realität“ stellen: Dass er höchstwahrscheinlich nicht zurückkommen wird? Dass mein Leben, wie ich es kenne, vorbei ist?
Oder ist es dazu zu früh? Soll ich doch besser warten, bis es tatsächlich „soweit“ ist? Weitermachen, um für ihn da zu sein, falls wenn er zurückkommt?

Aber tue ich tatsächlich nur so, als wäre alles noch irgendwie „normal“, oder ist es nicht auch wirklich so? Niemand sagt mir, ‚Ihr Mann liegt im Sterben‘. Er lebt. Er ist da. Nur eben nicht bei mir. Und nicht ansprechbar für mich.

Dieses Hin und Her im Kopf macht mich ganz verrückt, und ich entscheide mich letztendlich für: Im Moment muss ich funktionieren. Wenn ich dafür die Angst und Traurigkeit irgendwo einsperren muss, ist das sinnvoll und hilfreich. Sie werden wieder frei gelassen, wenn es „sicher“ ist.

Tagsüber kann ich nun fast leben wie „vorher“: ich erledige meine Aufgaben, lese, was ich sonst lese, plaudere mit M., gehe einkaufen, putze die Wohnung.
So als wäre H. nur mal eben verreist, aber heute Abend würden wir telefonieren und uns nah sein.
Im Alltag vermisse ich ihn nicht so arg, weil ich ja sowieso viel Alltag ohne ihn lebe, wenn er drüben in seiner Wohnung/ seinem Büro ist. Die letzten drei Wochen waren da eher ungewöhnlich, weil er die ganze Zeit hier und mit mir zusammen war, ähnlich wie in K. Und selbst in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester, an denen er drüben bei sich war, hatte ich etwas Trennungsschmerz, das ist also ganz normal.

Abends und nachts und morgens fühle ich, wie abstrakt mir sein Krankenhausaufenthalt wird, wenn ich mich tagsüber nicht permanent daran erinnere, dass ich eigentlich gerade in einer schrecklichen Situation lebe. Wenn ich „einfach“ so weitermache.
Als wäre das etwas, worüber ich gelesen habe und nun als theoretische Möglichkeit nachdenke, aber nicht als würde mir das tatsächlich gerade passieren.

Und dann kommt es mit Macht: dieses große Gefühl der Angst.

Angst davor, dass das Alleinsein nicht enden wird.

Angst, dass ich die wichtigsten Dinge verliere, die mein Leben mit H. ausgemacht haben:
Vollständiges Vertrauen zu einem Menschen haben können.
Den Gedankenaustausch mit einem sehr vertrauten Menschen.
Jemanden zu haben, an den ich mich immer wenden kann: Wenn mir etwas im Kopf herumgeht, wenn mich etwas bedrückt, wenn ich etwas teilen oder fragen oder besprechen möchte. Zu jedem Thema. Zu praktisch jeder Zeit.
Das Gefühl von Sicherheit.
Das Gefühl, behütet zu sein.
Das Gefühl, niemals allein zu sein, no matter what.

Angst wieder zurückzufallen in eine Zeit, in der ich nicht so im Reinen mit mir war, in der ich Angst vor jedem Telefonat, jeder möglichen Konfrontation (zum Beispiel mit Amtspersonen oder Entscheidungsträgern) hatte. Angst, die Stärke, den inneren Kompass und das Selbstbewusstsein wieder zu verlieren, die ich mir mit seiner Hilfe erarbeitet habe.

Angst, dass ich nicht weinen können werde, dass ich vor lauter Angst all die Gefühle irgendwo einkapsele und sie sich irgendwann auf ungesunde Art Bahn brechen.

Angst vor dem totalen, umfassenden Verlust.

Und der Verlustschmerz setzt bereits ein.
Er sitzt exakt neben meiner Angst, da im Raum zwischen Magen und Zwerchfell.
Noch ist er etwa so groß wie in den Zeiten, wo ich länger von H. getrennt bin. Ekelhaft, aber aushaltbar.
Und ich kann nur hoffen, dass ich, wenn es darauf ankommt, genug Kraft haben werde.

* * * * *

Ich verbringe den Tag damit, mich auf den Kundentermin morgen vorzubereiten und weiter durch H.s Arbeitsdaten zu wühlen und mir einen Überblick zu verschaffen. Ich brauche dringend Unterstützung in der Betreuung seiner Kunden, und dazu muss ich wissen, was da ist, wie er Dinge organisiert, wo bestimmte Informationen zu finden sind.

Es kommen Mails mit sehr hilfreichen Tipps – danke dafür, Iris!

Das mittägliche Telefonat mit dem Arzt schürt erneut ein Mü Hoffnung, denn das Herz ist wieder ein kleines bisschen stärker geworden. Nun macht ihnen die Lunge etwas Schwierigkeiten, es macht sich bemerkbar, dass H. lebenslang starker Raucher war. Aber alles bewegt sich, und zwar im Großen und Ganzen in die richtige Richtung.

Um zwei Uhr essen wir den Rest Gemüsesuppe von gestern, dann wappne ich mich innerlich und gehe rüber in H.s Wohnung. Dort war ja seit dem 30.12. niemand mehr, und ich will nicht nur nach Unterlagen zur früheren Krankenversicherung suchen, sondern auch nach aktuellen Notizen, bestimmter Post, will in den Kühlschrank schauen, Blumen gießen und eventuellen Müll mitnehmen.

H. hat die Wohnung vorbildlich hinterlassen, das wenige Geschirr ist bis auf eine Tupperdose gespült, Wäsche und Handtücher gewaschen, der Müll weggebracht. Im Kühlschrank stehen eine angebrochene Packung H-Milch, ein fast leeres Glas Bauernfrühstück und die Äpfel aus dem Garten. Ich nehme die verderblichen Sachen raus, schütte die Milch weg, nehme ein paar Äpfel und lassen den Rest dort. Auf dem Schränkchen stehen zwei fast leere Packungen Knäckebrot, die nehme ich auch mit.

Mir fallen wieder zweierlei Dinge auf: Zum einen, wie absolute bescheiden, ja spartanisch er lebt: Geschirr aus zweiter Hand, ein uralter Wasserkocher, preiswerte Haushaltsgeräte, nur das Nötigste. Er gönnt sich keinen materiellen Luxus, obwohl er ihn durchaus genießen kann. Er braucht ihn nur nicht.
Zum anderen, wie sorgsam er mit Dingen umgeht, ohne ein penibler Ordnungs- und Sauberkeitsfanatiker zu sein. Er sorgt dafür, dass Dinge gepflegt werden und lange halten, beseitigt aber nicht jeden Krümel.

Im Arbeitszimmer herrscht die übliche Unordnung, aber nicht das Chaos wie schon früher mal. Er hatte Weihnachten ein wenig gejammert, er müsse unbedingt aufräumen, und ich verstehe, was er meint: Es stapeln sich Briefe, die abgeheftet, Unterlagen die durchgesehen werden müssen. Man merkt, dass er sich lange nicht mehr mit diesem Teil seiner Büroorganisation beschäftigt hat. Aber solange alles andere auf einem aktuellen Stand ist, finde ich das zu verschmerzen.

Ich halte mich gut zusammen bis ich auf seinem Schreibtisch den Gutschein für den Rundflug über seine Heimatstadt finde, den M. und ich ihm zum 60. Geburtstag geschenkt hatten, und den er wegen Corona nicht hatte einlösen können.
Da kommen mir zum ersten Mal kurz die Tränen angesichts dessen, was er und wir an Erlebnissen und Gemeinsamkeit verpassen werden, wenn er sich nicht wieder erholt.

Es tut gut, kurz zu weinen; beim Erzählen bei M. kommen die Tränen auch nochmal kurz hoch, dann ist es gut.

P. ruft an, er hat eine beginnende Lungenentzündung wie jeden Winter (das ist seine COPD). Er versucht aber sofort, jegliche Sorge meinerseits m Keim zu ersticken: Er sei gut versorgt, ruhe sich aus, habe genug zu essen und es gehe ihm besser als wenn er im Krankenhaus liegen würde.
Ich mache mir dennoch eine mentale Notiz, ihn ein wenig im Auge zu behalten und anzurufen.

Freund WM stellt den Kontakt zu einem Bekannten her, der evtl. H.s Kunden mit versorgen kann. Ich kann ihn morgen anrufen. Außerdem telefoniere ich mit Cousin T., der ebenfalls in der Branche ist, aber absolut keine Kapazitäten frei hat und auch niemanden kennt, der sich mit solchen Popel-Kunden befassen würde (das sind alles hochspezialisierte Informatiker oder Betreuer großer Netzwerke, die interessieren sich nicht dafür, einer Rentnerin einen neuen Laptop zu verschaffen oder ein fehlgeschlagenes Windows-Update zurückzusetzen). Er verspricht aber, mal einen Hilferuf in seinem Netzwerk abzusetzen, vielleicht ergibt sich ja etwas.

Kennen Sie einen IT-Betreuer für Privatpersonen und kleine Betriebe im Raum Berlin, der geduldig ist, gut erklären kann und darüber hinaus noch ein paar Kapazitäten frei hat? Details gerne auf Anfrage: annamathilde@gmx.de.

Das tägliche Telefonat mit H.s Schwester verläuft friedlich; sie erzählt, sie habe lange mit der Nachbarin in K. gesprochen, die sich gerade um unser Haus kümmert. Ich sollte sie die Tage auch mal anrufen; eine Mail mit den wichtigsten Infos hatte ich schon geschickt.

Bei M. bemerke ich heute eine gewisse Zickigkeit: Sie ist ungeduldig, besserwisserisch und wieder schnell bei der Hand mit (Vor-)Urteilen, ohne überhaupt die Fakten zu kennen. Ermüdungserscheinungen?
Ich denke auch darüber nach, ob es nicht gut für mich wäre, jetzt mal auszuprobieren, wie ich alleine zurechtkomme. Ein Teil von mir wünscht sich das, ein anderer hat Angst davor, vor allem vor den langen dunklen Nachmittagen und Abenden. Ich warte mal noch ein paar Tage ab, bis der wünschende Teil eindeutig die Oberhand hat. M. bietet an, mindestens bis Ende der Woche zu bleiben, wenn ich das möchte
Wir werden sehen.

Abends wieder Nasenbluten.

Immerhin habe ich nun meine beiden Rechner wieder synchron, wenn der Hauptrechner also ausfallen sollte, kann ich nahtlos auf dem Laptop weiterarbeiten. Sehr wichtig.

Zum Abendbrot Müsli mit Obst. Ich glaube, das letzte Müsli habe ich in K. gegessen und davor lange keins. Warum eigentlich nicht? Ich mag es doch. Es schmeckt ein bisschen muffig, steht wohl schon eine Weile.
Im Fernsehen irgendwelche Dokus über die Entstehungsgeschichte irgendwelcher griechischen Mythen. Während ich zuhöre, denke ich an H. und mir kriecht wieder die Angst in Körper und Seele.

Woran ich mich erinnern will:
Unterstützung mit Rat und Tat. Neben dem „Ich denke an Dich“ sooo wichtig. Danke an alle dafür.

What I did today that could matter a year from now:
Die Fühler ausstrecken.
Den Dämonen entgegentreten.

Was wichtig war:
Planen.
Sortieren.
Reden.
Fragen.
Zuhören.
Hilfsangebote.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).


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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der fünfte Tag in der Hölle: Vom Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen

16. Januar 2021. Samstag. Unruhige Nacht. ich war um neun eingeschlafen, schlief bis 22:45 Uhr. Wachte auf, bekam Nasenbluten. Gegen elf kam M. ins Bett, das Nasenbluten ließ nach, ich lag wach. Musste aufs Klo, bekam wieder Nasenbluten, setzte mich mit dem Kindle in den Sessel, mit einem kalten nassen Lappen die Nase zudrückend, das ist meine bewährte Methode. Das Nasenbluten hört auf, ich bin wach. Tigere durch die Wohnung, stelle mich ans offene Fenster, setze mich an meinen Schreibtisch. M. schläft.

Ich nehme einen Zettel und beginne eine Übersicht: Welche Optionen gibt es? H. könnte sterben. H. könnte vollständig genesen. Oder eben irgendwas dazwischen: mehr oder weniger schwer herzkrank überleben, mit mehr oder weniger starken neurologischen Schäden.
Ich gehe Option für Option durch und schreibe auf, was das jeweils bedeutet. Für ihn, für mich, für das Haus, für seine Firma. Das sieht alles gar nicht rosig aus, also außer die Variante mit dem Wunder „vollständige Genesung“, aber dafür bin ich nicht katholisch genug, um daran ernsthaft zu glauben oder meine Hoffnungen darauf zu setzen (obwohl das natürlich exakt meine Träume sind).
Trotzdem fühle ich mich danach seltsam ruhig und klar: Nun weiß ich, was mir vielleicht bevorsteht – bestenfalls, schlimmstenfalls und irgendwo dazwischen.

Und ich schreibe auf:
„Noch lebt er, dementsprechend handeln wir.
Sein Tod ist kurzfristig eine wahrscheinliche Option, darauf müssen wir uns nach Möglichkeit mental und psychisch vorbereiten, soweit das möglich ist.
Um ihn und unser gemeinsames Leben trauern werde ich erst, wenn er tot ist.
Ich führe kein „Platzhalterleben“, bei dem ich mir vorstelle, er wäre da.
Ich führe kein „Schattenleben“, bei dem ich so tue, als ob die Tage, an denen er nicht bei mir ist, keine Bedeutung haben.
Ich lebe weiter und bereite alles auf seine Rückkehr vor. Und wenn er stirbt, werde ich angemessen um ihn und uns trauern.“

Um eins krabbele ich wieder ins Bett, teils innerlich sehr ruhig, teils regelrecht high von Adrenalin und Endorphinen. Ich lese noch eine Weile bis mir die Augen zufallen und schlafe bis halb fünf. Liege eine halbe Stunde wach, schlafe nochmal bis halb sieben. Das macht dann knapp sechs Stunden Schlaf heute Nacht, das ist nicht allzu schlecht. Ich bin zwar beim Aufstehen hundemüde, aber es geht.

Am Vormittag beschäftige ich mich, um die morgendliche Angst zu vertreiben, die wie ein Eiszapfen in meiner Magengrube sitzt: Hier schreiben, Nachrichten und Feedreader lesen, mit M. frühstücken (ich setze mich mit Hunger an den Tisch, sehe die Sachen an, habe auf nichts Appetit und würge dann mit Mühe eine Scheibe Brot hinein, gegen die mein Magen sofort rebelliert). Duschen. Wieder Nasenbluten bekommen und bekämpfen. Wäsche wegräumen, staubsaugen. Währenddessen spült M. unseren Geschirrberg. Sie verbraucht viel mehr als ich und H., es ist beinahe doppelt so viel wie wir in derselben Zeit produziert hätten.

Ich suche eine Karte für J. von oben heraus, die mir vorgestern die Muffins vor die Tür gestellt hat, schreibe ihr ein Dankeschön, lege ein wenig Schokolade dazu und stelle den Teller oben vor die Wohnungstür. Ich möchte nicht klingeln.
Dann bringe ich den Müll weg, gehe zur Apotheke, um für M. Tabletten zu bestellen, dann zu H.s Haus, um nach der Post zu sehen (nichts) und zum Supermarkt.

So nach und nach bringe ich jetzt seine Bier-Pfandflaschen weg. Auch andere Dinge würde ich gerne beseitigen bzw. wegräumen: Seine Zigaretten, den vollen Aschenbecher, seine Schmutzwäsche. Ich könnte seine Sachen zusammenpacken und in seine Wohnung bringen, denn egal wie es ausgeht, er wird sie hier auf absehbare Zeit nicht brauchen.

Aber das tue ich nicht, ich tilge nicht seine Spuren in meinem Leben, das käme mir wie Verrat vor. So als würde ich ihn schon aus meinem Leben streichen, obwohl er lebt. Er lebt ja noch!
Also wasche ich seine Klamotten, lege sie auf seinen Haufen, leere den Aschenbecher aber lasse die Zigaretten liegen, stapele seine Sachen auf seinem Ablagetisch, um Platz auf dem Wohnzimmertisch zu schaffen. Mehr ist nicht drin. Und mehr muss auch gar nicht sein.

Beim mittäglichen Anruf versucht der Arzt, mir Mut zu machen: Das Herz sei heute minimal besser, dafür die Lunge minimal schlechter, es bilde sich Sekret, aber das bekomme man in den Griff. Das Blutgerinnsel am Herz von der Pumpe behalten sie im Auge, geben Blutverdünner.
Der Arzt zu mir: „Sie sollten mitnehmen: Es ist zu früh für Optimismus, aber machen Sie sich auch nicht allzu große Sorgen.“
Nun hat er damit natürlich etwas angerichtet, denn nun schlägt die Hoffnung Kapriolen – und wird sich beim nächsten Rückschlag in abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit verwandeln.
Ich muss ein Gleichgewicht behalten; Ausschläge in die eine Richtung werden durch ebenso starke Ausschläge in die andere quittiert.

Nachmittags kommt zum ersten Mal seit letztem Sonntag die Sonne heraus: Wie wunderschön!
Ich schreibe das Arzt-Zitat an Freund B.

Nachmittags schreibe ich Mails an Familie und nahe Freunde, die noch nichts wissen oder um Direkt-Informationen gebeten haben.
Eventuell kann T. mir behilflich sein, jemanden zu finden, der mich bei der Weiterführung von H.s Firma unterstützt.
Auch WM bietet Hilfe an, nennt einen Namen, der mir vage bekannt vorkommt, jemand, den H. auch kannte und mochte und der sich auskennen soll.

M. kocht uns Gemüsesuppe, die essen wir gegen drei.
Nach außen wirke ich wahrscheinlich völlig normal und entspannt. Das innere Chaos habe ich für den Moment nach hinten gedrückt.

Und wieder: Planen, umplanen, Listen schreiben, Daten hin und her schaufeln, schreiben, schreiben, schreiben. Das hält mich aufrecht momentan.

Beim abendlichen Telefonat mit dem Schwager wird gelacht, das kommt völlig überraschend, spricht aber dafür, dass sich alle langsam mit der Situation arrangieren. Man lebt – und hofft – eben von Tag zu Tag: Dass das Telefon nicht klingelt, dass keine Hiobs-Botschaft kommt, dass wieder 24 Stunden überstanden sind, in denen es nicht schlimmer wird.
Es braucht Zeit, das sagte man mir in einem der ersten Arzt-Gespräche. Und zwar eher Wochen als Tage.

Im Fernsehen Straße der Achttausender von Hajo Bergmann. Einen Teil dieser Straße bzw. ihres Vorgängers sind M. und ich Mitte der 1990er in Tibet entlanggereist. Wir tauschen Erinnerungen aus. Wie unterschiedlich wir bestimmte Dinge erinnern! Dabei waren wir uns damals noch näher als später.

Ich bin müde, versuche mich so lange wach zu halten wie möglich, hoffe, dadurch nachts besser schlafen zu können.

Abends fühle ich mich fast „normal“: H. ist für eine Weile weg, ich habe Besuch von M., wir machen es uns nett. Wir sind ja gewohnt, miteinander zu leben, haben das oft genug gemacht, auf gemeinsamen Reisen, in K. Wir haben unsere eigene gemeinsame Realität, in die wir beinahe mühelos hineinfinden, und in der ich mich eine Zeitlang auch zu Hause fühlen kann.
Nur dass ich eben normalerweise nach einer gewissen Zeit in mein „eigentliches“ Leben zurückkehre, und dieses Leben führe ich mit H.
Und die Hoffnung bleibt, dass ich auch diesmal in dieses Leben zurückkehren kann, dass es einfach nur etwas länger dauert als sonst.
Und ich verdränge den Gedanken daran, was werden soll, wenn es dieses Mal keine Rückkehr gibt. Wenn er stirbt. Wenn mein „eigentliches“ Leben vorbei ist. Oder sich verändert. Und ich zweifle nicht daran, dass es eine Veränderung zum Schlechteren sein wird, denn alles, was mir momentan wirklich, wirklich etwas bedeutet in meinem Leben, hat mit H. zu tun. Alles andere ist nur Beiwerk. Und ich habe Angst, dass die Essenz meines Lebens mit ihm stirbt.

Woran ich mich erinnern will:
SONNE und vorsichtiger Optimismus. Zweimal lachen können. H.s Stimme in meinem Kopf hören.

What I did today that could matter a year from now:
Um Hilfe und Unterstützung bitten.
Meine Gedanken aufschreiben.
Rausgehen.

Was wichtig war:
Trauer und Angst in Schach halten.
Rausgehen.
Lachen.
Die Sonne sehen.
Ihn in guten Händen wissen.
Vertrauen zu den Ärzten haben.
Das Gefühl haben, die Dinge regeln zu können.

Begegnungsnotizen:
M (aktuelles Haushaltsmitglied).
Apotheker (Maske, Abstand). Kund:innen und Personal im kleinen Supermarkt (dito; es war auch leer).


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