Anna denkt nach, Anna schreibt

Disclaimer & Triggerwarnung

Hier ist aktuell viel von meiner Trauer(arbeit) zu lesen. Es ist also viel von Tod die Rede und von meinen widersprüchlichen Trauergefühlen bzw. meinen Versuchen, sie zu verstehen und damit umzugehen. Eigentlich fast ausschließlich.

Hintergrund:
Mitte Januar 2021 erlitt mein langjähriger Lebensgefährte H. einen schweren Herzinfarkt. Danach lag er zwei Wochen im künstlichen Koma und starb Ende Januar, ohne nochmal das Bewusstsein zu erlangen.
Mitte Februar war seine Kremierung, Mitte März wird seine Beisetzung stattfinden (ja, das kann aktuell in Berlin so lange dauern).

Ich hoffe, zunehmend auch wieder über andere Themen schreiben zu können. Wenn es soweit ist, werde ich diesen Beitrag hier entfernen. Bis dahin: Seien Sie gewarnt.

(20.2.2021)

Grabsteine auf einem Friedhof im Schnee
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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertvierundachtzigste Tag im Danach: Vertrauen wagen

14. Februar 2022. Montag. Und noch ein herrlicher Sonnentag bei milden 12 Grad.
Das Team-Treffen der Galerie vor Ort ist abgesagt, weil die K. in Quarantäne musste. Da am Wochenende eine andere Kollegin für ihre Ausstellung aufgeräumt hatte, stand auch das Räum-Treffen mit TSO auf der Kippe. So ist mir den ganzen Morgen bang: Wenn das jetzt alles abgesagt wird, gibt es die nächsten zwei Wochen keine Gelegenheit für eine Begegnung und dann fangen wir wieder mühsam von vorne an, Regeln und Grenzen und Vorgehensweisen festzulegen.

Kurz ist die Stimmung auf der Kippe und droht, in Hadern, Wehklagen, Trauern und exzessives Schreiben zu münden. Doch dann führe ich ein imaginäres Telefonat mit TSO, in dem er mir die Absage mitteilt, und ich reagiere „normal“ und cool: ‚Ja klar, wenn es nichts zu tun gibt, macht das ja keinen Sinn. Wobei, schade ist es ja schon irgendwie, denn ich hatte mich sogar darauf gefreut – es tut mir unheimlich gut, wenn wir da zusammen wirbeln! Na ja, wir werden ja bald wieder die Gelegenheit haben.‘
Und plötzlich fühle ich das auch: Es ist ok. Es wird andere Gelegenheiten geben.
Und ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass es dann nicht blöd werden wird.

Dann öffne ich einen Brief vom Finanzamt mit den Steuerbescheiden für 2020. Sie wollen irrwitzige Summen von mir haben. Zuerst will ich zusammenklappen und heulen, aber dann siegt der Kampfeswillen und die Bockigkeit: So nicht. Das wollen wir doch mal sehen.
Das Pendel schlägt also gerade wieder zur „positiven“ Seite aus, zur kraftvollen, handlungsfähigen, das ist gut, denn ich brauche jetzt Kraft und Energie.

Und die beiden von der Galerie überraschen mich: Er ruft mich vormittags an und besteht sofort darauf, dass wir die Team-Besprechung ganz bald machen, zur Not per Videokonferenz.
Dann besprechen wir noch kurz, dass einer von uns beiden zur Sicherheit mal nachschauen sollte, ob in den Räumen wirklich alles in Ordnung ist. Aus irgendeinem Grund einigen wir uns darauf, dass ich das mache, obwohl er später sowieso dort sein wird, weil er woanders noch etwas abholt, das dann dorthin kommt. Aber er ist angeschlagen, schon wieder kränklich, gestresst. Und ich möchte bei dem schönen Wetter raus, und das ist die ideale Gelegenheit: Schnell ein bisschen aufräumen, die Heizung einstellen und dann mit der Kamera auf den alten Friedhof, wo jetzt Millionen wilde Krokusse blühen.

Eine Stunde später ruft sie an und bestätigt ebenfalls: Nein, die Besprechung machen wir auf jeden Fall diese Woche, keine Frage, so schlecht geht es ihr nicht, und per Videokonferenz sei das alles ja kein Ding. Und nein, sie und TSO hätten noch nicht miteinander gesprochen.

Ich bin erstaunt, wie ernst sie beide unabhängig voneinander meinen kleinen Aufschrei von letzter Woche nehmen. Fühle mich gesehen und gewertschätzt, das tut unglaublich gut.

Ich fahre dann mittags mit dem Rad hin, und auf den ersten Blick sieht es ganz ok aus, aber auf den zweiten ist dann doch einiges zu tun: Die Geschirrspülmaschine steht seit Donnerstag Nachmittag, wo TSO sie gestartet hatte, angeschaltet herum. Dass man sie nicht ausräumt, ok. Aber ausschalten wäre doch schon gegangen… Ich räume sie aus und wieder ein, denn auf der Abtropffläche am Spülbecken stehen schmutziges und sauber aussehendes Geschirr nebeneinander, das packe ich zur Sicherheit lieber alles in die Maschine. Bringe den Müll raus. Sehe nach der Post. Fege den Küchenboden. Schleppe sechs fehlende Stühle nach vorne. Wische die Tische ab. Breite die schmutzig zusammengeknüllte abwaschbare Buffet-Tischdecke auf dem Tisch aus und beginne, sie sauberzumachen.

Hinter den Kulissen herrscht Chaos – Tische und Stühle wurden überall verteilt irgendwo hingestellt, blockieren die Durchgänge. Hier aufzuräumen wäre für mich eine unnötige Plackerei, deshalb mache ich ein paar Fotos und schicke TSO eine Nachricht, dass wir „die Tage“ doch nochmal hier aufräumen müssten.
Er schreibt zurück, dass er sowieso in einer halben Stunde dort sein wird, um noch was vorbeizubringen, und so komme ich sogar doch noch zu meiner gemeinsamen Räumaktion.

Nach einer halben Stunde verabschieden wir uns und ich wandere selig nach Hause. Im Hausflur stelle ich fest, dass mein Rad nicht dort steht – natürlich, das steht vor der Galerie. Kurz denke ich darüber nach, es einfach bis morgen stehen zu lassen, aber es ist nirgendwo festgemacht und damit leichte Beute. Nein. Also drehe ich um, wandere die 20 Minuten zurück und hole mein Rad.

Mittlerweile haben sich Wolken vor die Sonne geschoben und es ist eine komplett andere Stimmung dort vor der Galerie, wo wir vor einer Dreiviertelstunde noch in der Sonne standen und plauderten und scherzten. Jetzt ist es grau und windig, einsam und ungemütlich.

Gefühl: Es war eine wunderbare Party mit Freundschaft und Lachen und Glück, und am Ende des Abends gehe ich alleine nach Hause. Ein tiefes Gefühl von Einsamkeit droht mich zu überfluten, also steige ich schnell aufs Rad und trete in die Pedale. Heute nur positive Gedanken!

Zu Hause denke ich, wie sehr es sich gelohnt hat, nicht zu verzweifeln, sondern Vertrauen zu wagen: Es wird Begegnungen geben, und sie werden schön sein. Andere Menschen nehmen es ernst, wenn ich Bedürfnisse äußere und bemühen sich, mir gerecht zu werden. Weil sie mich mögen und wertschätzen. Und ich möchte mich so gerne von einigen der alten Glaubenssätze trennen…

Die heutigen Glücksperlen:

  • Zuversicht spüren: Ich schaffe das.
  • Sicherheit und Geborgenheit spüren
  • mir eine Umarmung erschleichen
  • Sonne und blauer Himmel und Vögel und Kinderlachen und die Geräusche der Stadt
  • Freundschaft
  • Rechnungen schreiben

Außerdem:

  • Gesehen: Verratene Freunde (One), Le Chalet (One)
  • Gehört: Vogelgesang; seine Stimme (die mir ein Gefühl von Zuhause gibt – er könnte mir das Telefonbuch vorlesen, und ich würde mich wohl und geborgen fühlen – kann man sich in eine Stimme verlieben, selbst wenn der Mensch dazu – schwierig – ist?)
  • Gelesen: das Material zu einer lokalhistorischen Recherche, die ich vor mehr als acht Jahren durchgeführt hatte und zu der nun eine Nachfrage kommt
  • Geräumt: In der Galerie: Tische und Stühle und Geschirr und Müll; aufräumen und putzen.
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Der dreihundertdreiundachtzigste Tag im Danach: Sinnloser Aktionismus

13. Februar 2022. Sonntag. Wieder herrlichstes Sonnenwetter mit blauem Himmel, heute sogar ein paar Grad wärmer. Schal und Handschuhe stören nicht, aber man friert nicht mehr trotz Eingemummeltsein.

Ich denke an TSO und seine Frau, die jetzt irgendwo sitzen und frühstücken und planen, wie sie den schönen Tag verbringen, und spüre große Sehnsucht nach dieser Art von Zweisamkeit und Verbundenheit.
Ob mir so etwas noch einmal vergönnt sein wird?
Und werde ich glücklich sein, wenn ich es bekomme?
Oder wird es dann schal sein, weil es nicht H. ist, also nicht dasselbe, nur ein müder Abklatsch?
Wie furchtbar anstrengend das alles ist.
Und ich wünschte mir sehr, ich könnte das Grübeln mal eine Weile einstellen.

Ich mache widerwillig ein paar Sachen für Kunden und räume nebenbei weitere Kartons aus, die schon seit Jahren im kleinen Zimmer stehen. Ich brauche ja schließlich Platz für die Sachen aus K.
So im Wechsel mit einer sinnvollen körperlichen Tätigkeit schaffe ich sogar etwas Arbeit.

Mittags treffe ich Freundin K., um mit ihr gemeinsam ein Päckchen aus der Packstation zu befreien, was ihr am Vortag nicht gelungen war. Es klappt.
Zusammen spazieren wir dann zur M., ich esse ein paar Nudeln, dann laufen wir los Richtung Friedhof. M.s Tochter H. ist zu Besuch, ist aber etwas unleidlich heute, M. soll nicht den Rollstuhl schieben, sondern die K.

Im Park ist es lebensgefährlich, weil alles, was sich auf einem Fahrrad halten kann, unterwegs ist. Die M. schiebt den Rollstuhl wie einen Schneepflug (sie und die K. haben inzwischen wieder gewechselt), was zu mehreren Vollbremsungen bei Radfahrern führt. Meckern tut keiner – ein Rollstuhl ist ein gutes moralisches Korrektiv.

Dann sitzen wir lange auf der Bank zwischen den beiden Gräbern von H. und F.; die K. und die M. haben Bier dabei, aber ich mag keins. H. sitzt in ihrem Rollstuhl, knirscht mit den Zähnen, summt und träumt sich irgendwo hin, ich sitze da, und tue dasselbe ohne Summen und Knirschen, die K. und die M. unterhalten sich über irgendwelche Leute, die ich nur vom Hörensagen kenne.

Es könnte gemütlich sein, aber es ist in erster Linie traurig.

Irgendwann kommt ein Anruf von der S. aus der Galerie, die nun wohl ihre Ausstellung aufmachen will und irgendein Problem hat. Ich fühle mich heute nicht zuständig. Wer mit den Kollegen nicht vorher spricht, kann am Sonntag keine Hilfe erwarten. Später höre ich auf dem AB, dass es um die Heizung ging. Das hätte ich ihr am Telefon sowieso nur mühsam erklären können, also rufe ich nicht zurück.

Irgendwann wird uns kalt und wir wandern zurück, begleiten M. und H. noch ein Stück ihres Wegs, dann biegen K. und ich ab und gehen heim.
Ich bin traurig und froh und resigniert zugleich. Traurig, weil ich nun wieder allein sein werde, froh aus demselben Grund und resigniert, weil es mir so sinnlos erscheint, mich Tag um Tag diesem Leben zu stellen, dass mich nicht zu haben wollen scheint.

Abends schreibt die K. aus der Galerie eine Mail, sie ist nun auch positiv getestet, zumindest im Schnelltest, geht morgen zum PCR-Test und sagt nun prophylaktisch unser Team-Treffen morgen ab, wir könnten sie ja anrufen und uns dann telefonisch besprechen.
Und ich denke, nun wird TSO das auch absagen, denn bestimmt hat die S. schon dafür gesorgt, dass alles aufgeräumt ist, und er wird mich entlasten wollen – brauchst Du nicht extra herkommen – und das wäre ein großer Verlust, denn auf diese halbe Stunde gemeinsames Räumen habe ich mich die ganze letzte Woche gefreut, und nun auch die K. nicht zu sehen und wieder zu Hause zu hocken und im eigenen Saft zu schmoren, ist so frustrierend.

Und wieder wurde mir eine kleine (große) Freude weggenommen, und ich frage mich mal wieder, wofür ich eigentlich da bin, wenn nur das Nervige und Anstrengende übrig bleibt und die wenigen Sachen, die mich glücklich machen, rationiert oder gestrichen werden.

Und so sitze ich zu Hause mit einer Mischung aus Enttäuschung, Erschöpfung, Selbstmitleid, Verlustschmerz und Sehnsucht, und die Liste der zu erledigenden Arbeiten für Kunden ist endlos, und ich kann mich kaum aufraffen, die einfachsten Dinge zu erledigen, und das Konto ist leer, und H.s Verwandte machen Druck und alles erscheint sinnlos und schrecklich, und was interessiert mich, ob die Sonne scheint, wenn ich sie nicht zusammen mit dem geliebten Menschen spüren kann.

Und da ich weiß, dass diese Stimmung mir weder gut tut noch irgendwie weiterhilft, mache ich, was immer funktioniert: Körperliche Arbeit. Und so räume ich Kartons hin und her, verschiebe Tische, räume den großen eckigen Tisch aus dem Wohn- ins kleine Zimmer und H.s runden Tisch in die Mitte des Wohnzimmers und den kleinen eckigen Tisch in die Ecke vor dem Ofen, und ich stapele Kartons unter den Tischen und obenauf ist nun Platz für die Sachen aus dem kleineren Regal, das ich abbauen werde, um Platz für den Schrank zu schaffen, den ich aus K. holen werde.

Und die ganze Zeit frage ich mich, ob ich wirklich schon so weit bin, die Wohnung derart zu verändern, und eigentlich bin ich es nicht, aber der Druck von außen zwingt mich dazu. Und erst hinterher fällt mir mit Schrecken ein, dass ich den vorherigen Zustand nicht fotografiert, nicht dokumentiert habe. Krise.

Nebenbei erledige ich noch Sachen für Kunden, da müssen viele Daten hin und her kopiert werden, da muss ich nicht davor sitzen.

Dann irgendwann ist es spät, ich bin müde und hungrig und der Rücken tut mir weh, aber so kann es erstmal bleiben. Und ich schaue nochmal in die Mail, ob die erwartete Absage von TSO schon da ist, aber er hat noch nicht geschrieben; vielleicht will er morgen erstmal mit mir telefonieren.

Die Glücksperlen:

  • Sonne, blauer Himmel, blühende Blumen
  • sitzen und schauen und träumen
  • Traurigkeit spüren
  • Dinge finden ein neues Zuhause
  • ein blühender Zweig in der Vase auf meinem Fensterbrett
  • etwas mehr Platz

Außerdem:

  • Gesehen:
  • Gehört: beim Räumen nochmal die ersten drei Folgen der ersten Staffel von The Split – Beziehungsstatus ungeklärt (arte.tv)
  • Gelesen: Nelson DeMille: Das Spiel des Löwen
  • Geräumt: Verpackungsmaterial ordentlich weg, im Kleinen Zimmer nur noch die nötigsten Kartons gestapelt, den Wohnzimmertisch ins kleine Zimmer gestellt, darunter Kartons mit Sachen, die weg können. Den runden Tisch in die Mitte des Wohnzimmers, den kleinen Tisch stattdessen in die Ecke gestellt, darunter Kartons mit Elektronik und Camping-Sachen von H., wo ich noch entscheiden muss, was ich behalte und was nicht.
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Der dreihundertzweiundachtzigste Tag im Danach: Licht und Schatten

12. Februar 2022. Samstag. Schon morgens Sonnenschein und blauer Himmel, dazu ist es knackig kalt. Endlich wird es mal etwas heller! Raus! Raus!

Aber vorher nachdenken, schreiben, mit M. telefonieren, mit den Freundinnen B. und K. verabreden, frühstücken.
Eine Mail lesen, die unsere Zeitplanung in der Galerie möglicherweise komplett durcheinanderwirft. Eine Nachricht an TSO schreiben, ob er mehr weiß. Er weiß nicht mehr und hat auch keine Lust, sich damit zu beschäftigen, denn er macht einen Wochenendausflug ans Wasser. „Schwimm nicht so weit raus!“ scherze ich – ein alter Witz von H. „Keine Angst“ schreibt er „…und was machst Du heute?“ Eine kleine, harmlose Frage, eigentlich eine Floskel – aber meiner Erinnerung nach das erste Mal überhaupt, dass er sich erkundigt, was ich vorhabe.

Eigentlich gruselig, dass er mich so selten Dinge fragt, er ist eigentlich aufmerksam und fürsorglich und wir sprechen viel über private Dinge, aber die Fragen, die er mir bisher gestellt hat, kann ich an einer Hand abzählen – na gut an zwei Händen: ‚Woher kommst Du?‘, ‚Könntest Du Dir vorstellen, mich arbeitsmäßig zu unterstützen?‘, ‚Brauchst Du etwas? Kann ich was für Dich tun?‘, ‚Was für ein Handbuch?‘ (als ich erzähle, ich arbeite gerade an einem),’Leben Deine Eltern noch?‘ und ‚Wann bist Du geboren?‘ Und nun noch ‚Was machst Du heute?‘. Ich glaube, er mag mich wirklich… 😉

Mittags treffe ich die B. und die K., wir gehen zusammen spazieren und zum Friedhof, denn H.s Grabstein ist gestern gekommen. Er sieht auf dem winzigen Grab riesig aus, aber so ist es nun, und er gefällt mir. Vielleicht grabe ich ihn noch etwas ein, lasse ihn von irgendwas teilweise überwachsen, dann sieht das ganz anders aus.
B. macht auf meinen Wunsch ein Selfie von uns, es ist ein schönes Bild. Irgendwann werden wir uns an diese Zeit unseres Zusammenseins erinnern, an all den Wahnsinn, mit dem wir uns beschäftigen mussten, an all die skurrilen Dinge, über die wir zusammen lachten.

Die B. geht nach Hause, und K. und ich spazieren noch etwas weiter und treffen die M. mit Mann und Tochter. Wir sitzen zusammen in der schwächer werdenden Sonne, ich denke an TSO und seine Frau, die jetzt sicher irgendwo eingekehrt sind, um Kaffee zu trinken und sich aufzuwärmen.
Wehmut.

Und eigentlich blöd, wie wenig ich es genießen kann, hier mit guten Freunden in der untergehenden Sonne zu sitzen und mich stattdessen danach sehne, mit H. oder einem anderen Partner einen Ausflug zu machen. Aber die Sehnsucht nach dem einen Menschen, nach einem Partner, einem Gefährten ist übergroß und ich bekomme nicht auseinander, ob das eine allgemeine Sehnsucht nach Partnerschaft ist oder die Sehnsucht nach H. – oder einem Menschen wie ihm.

Und dann wird es kalt, und die anderen gehen noch „auf ein Bier“, und ich gehe nach Hause, entschuldige mich damit, dass ich noch arbeiten müsse -„Konto ist leer, muss ein paar Sachen fertig machen, damit ich Rechnungen schreiben kann und nächste Woche Geld reinkommt.“ Stimmt ja auch.

Aber zum Arbeiten bin ich viel zu erschöpft – vom Kontakt, von Sonne und frischer Luft und Bewegung, von der Kälte. Also mache ich nur noch ein bisschen Orga-Kram und bügele und esse.

Und denke mir: Wenn ich das hinbekommen könnte mit den Gefühlen – Nicht zu pendeln, sondern die Gegensätze zu integrieren und zwar das Traurige im Schönen zu sehen, aber ebenso das Schöne, das trotz des Traurigen existiert oder aus ihm erwächst. Denn beides hat seine Existenzberechtigung und beides bestimmt mein Denken und Fühlen gleichermaßen.
Aber ich schwinge nach wie vor wie ein Pendel oder habe diese Folie von Verlustschmerz und Sehnsucht über allem liegen.

Die Glücksperlen:

  • Sonne, blauer Himmel
  • nicht allein sein an einem solchen Tag
  • Freundschaft
  • blühende Krokusse
  • jemand, der sich freut, dass ich zu einem anderen Treffen kommen werde
  • eine winzige Frage, die ein Mü Interesse signalisiert

Außerdem:

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Der dreihundertachtzigste Tag im Danach: Glaubenssätze

10. Februar 2022. Donnerstag. Der erste Termin bei der Trauerbegleiterin seit Anfang Januar.
Ausgerechnet in diesem für mich kritischen Monat, in dem sich H.s Zusammenbruch und sein Tod das erste Mal jährten, war sie krank geworden und ausgefallen. Richtig dramatisch mit Krankenhaus, Not-OP und Komplikationen.

Für mich hieß das: Alleine klarkommen. Es irgendwie von Tag zu Tag schaffen. Wieder mit der Arbeit durchstarten. Die Gedenktage für mich gestalten. Eine Balance finden zwischen äußeren Anforderungen (arbeiten, Geld verdienen, einkaufen, kochen, Termine wahrnehmen, mich um Dinge und Menschen kümmern) und inneren Bedürfnissen (nachdenken, Antworten finden, reden, gehört werden, Zuwendung, Zuspruch, Trost, Rat, Schutz).

Wie immer versuche ich, den Termin vorzubereiten, indem ich aufschreibe, was seit dem letzten Mal passiert ist. Dieser kleine Rückblick leitet unsere Treffen in der Regel ein, bevor wir zu meinem „Thema der Woche kommen, über das ich reden will, an dem ich knabbere, zu dem ich ihre Meinung hören will.

Als ich das Geschriebene ausdrucke, sind es vier Seiten. So viel ist passiert. Und das sind greifbare Ereignisse, nicht Gedanken, die ich mir gemacht habe. Kein Wunder, dass ich erschöpft bin.

Und ich denke: Wenn ich ihr das alles erzähle, ist die Stunde rum – und was habe ich davon? Ich bin Geld los, das ich im Moment eigentlich nicht habe, nur um ihr zu erzählen, was sie „versäumt“ hat.

Also denke ich nach, was mein Thema in diesen vergangenen fünfeinhalb Wochen war.
Die Antwort fällt nicht schwer: Überforderung und das Gefühl, allein gelassen worden zu sein. Nicht allein zu sein, sondern allein gelassen. Verlassen. Im Stich gelassen. Ein wichtiger Unterschied.

Und ich sitze im Sessel und lasse nochmal Revue passieren, wie diese beiden Gefühle meine letzten Wochen bestimmt haben, und wie sie letztendlich dazu geführt haben, dass ich nun – endlich! – beginne, aktiv um Unterstützung zu bitten.

Und mein Blick fällt auf meinen „Altar der Liebe und der Kraft“, den ich an H.s Todestag auf meinem Wohnzimmertisch errichtet habe: Eine Ansammlung von Gegenständen, die für Gesten von lieben Menschen stehen, die mir Kraft gegeben und mir gezeigt haben, dass ich gemocht und geschätzt und angenommen werde.
Und genau diese Menschen sind es, die mir jetzt völlig selbstverständlich und unaufgeregt die Unterstützung geben, um die zu bitten ich mich endlich durchgerungen habe.
Obwohl alle selbst furchtbar angestrengt in ihren eigenen Leben und mit ihren eigenen Dingen, Nöten und Sorgen sind.
Und ich spüre, dass die stützenden Säulen, die ich im Januar eine nach der anderen einknicken sah, immer noch da sind und vielleicht stärker dastehen als zuvor.

Und plötzlich weiß ich, wie ich diesen Termin heute nutzen will, und ich packe alles ein, H.s Foto und den Fahrradschlüssel von Freundin B. und den Glücksengel der Lieblingskundin und TSOs Foto und sein „Heul doch!“-Taschentuch und die Steine und den Samen von Freundin K., und ein Taschentuch mit bunten Herzen. Und ich packe das alles in die Dose, in der die Kekse waren, die ich voller Vorfreude auf die Adventszeit in der Galerie gekauft und dorthin mitgenommen hatte (ein erster Ansatz von „Weihnachten macht wieder Sinn, wenn ich es mit diesen Menschen teilen kann“). Und ich packe die Fotoalben ein, das eine, das ich für H.s Geburtstagsfeier gemacht hatte, und das andere, das ich für die Galerie angelegt habe. Und ich denke: Etwas fehlt noch, nämlich ich – und ich nehme ein Kinderfoto, das mich zeigt als ich vielleicht drei Jahre alt bin und strahlend in Gummistiefeln und vom Spielen dreckigen Hosen auf einem Baumstamm sitze und selbstbewusst und offen in die Kamera schaue.

Und ich habe keinen Plan, aber ich will diese Dinge mitnehmen und erzählen: Was gerade wichtig für mich ist und warum. Menschen. Beziehungen. Säulen. Ein Netz. Trost, Rat, Schutz. Unterstützung. Halt.
Und warum es für mich eine große Sache ist, mir diese Dinge zu erlauben. Sie zu suchen. Sie anzunehmen.

Und auf dem Weg zum Termin denke ich nach über diese Dreijährige und wie sie die Welt sah. Und wie sie lernte, mit dem, was sie sah und erlebte, klarzukommen. Wie sie lernte, mit den Gefühlen von Zurückweisung und Enttäuschung zu leben. Und welche Glaubenssätze sie dabei aufstellte, die sie lange begleiteten, teilweise bis heute.

Einige dieser Glaubenssätze sind:
Letztendlich bist Du auf Dich gestellt.
Nur auf Dich selbst kannst Du Dich wirklich verlassen – Verlass Dich auf andere und Du bist verlassen.
Du kannst nicht darauf vertrauen, dass jemand bei Dir bleibt. Du wirst verlassen werden.
Du zählst nicht als Person, Du erfüllst im Leben des anderen eine Funktion.
Du wirst nur so lange geliebt, wie Du dem anderen nützlich bist und die Dir zugedachte Funktion erfüllst.
Deine Bedürfnisse zählen nicht.
Jede Beziehung zu einem anderen Menschen endet früher oder später in einer Enttäuschung für Dich.

Und ich denke an diese Zeit mit Anfang Dreißig, als ich entschied, dass ich ein anderes Leben als bisher führen möchte, dass ich die Welt sehen und die Menschen kennenlernen möchte, als ich ganz plötzlich voller Lebenshunger war, meine Beziehung beendete, meinen Job hinschmiss, reiste, Menschen kennenlernte, viel zuviel trank, in Konzerte ging und lebte, lebte, lebte. Wie ich mehrmals die Woche in meiner Stammkneipe war, unserem „Wohnzimmer“, wo ich andere Leute traf, redete, weinte, lachte, feierte, trauerte. Wo ich meine erste „richtige“ Familie fand – Menschen, die mich mochten und nahmen, wie ich bin. Menschen, die mit mir zusammen sein wollten. Natürlich auch Menschen, die versuchten, mich auszunutzen, für ihre Zwecke einzuspannen. Aber diese Menschen erkannte ich gut und ließ sie nicht zu nahe an mich heran.

Und in diesem Wohnzimmer lernte ich H. kennen, und wir waren mehrere Jahre wirklich gute Freunde, wir lachten zusammen, sponnen herum, diskutierten. Er bot mir Rat und Unterstützung an als ich mich selbstständig machte und voller Fragen und Unsicherheiten war. Im Gegenzug unterstützte ich ihn bei seinem Marketing. Ein Jahr lang stützten wir uns gegenseitig in unserem jeweiligen Liebeskummer mit anderen Partnern, bevor wir dann endlich zusammenfanden, für alle überraschend, denn da deutete sich vorher keine schwärmerische Verliebtheit an, da wurde nicht geflirtet und geworben.
Wir bauten uns über Jahre und Gespräch für Gespräch unsere eigene feste Beziehung und Liebe. Herzklopfende Verliebtheit war nicht unser Ding, wir wollten „the real thing“, wir wollten „Glück“. Und fanden es. Schufen es uns.

Und wir bildeten eine eigene Einheit, die Stammkneipe schloss, das Publikum zog weiter, zerstreute sich, ein Teil fand Herberge in anderen „Wohnzimmern“, ein Teil verschwand, alles löste sich so ein bisschen auf. Natürlich, der harte Kern bewahrte ein Zusammengehörigkeitsgefühl, man knüpfte sofort an, wenn man sich nach Monaten zufällig irgendwo traf, man hatte ja eine gemeinsame Geschichte. Aber man verabredete sich nicht, wir beide zogen uns zurück, trafen die anderen immer seltener, andere neue und alte Paare machten es ähnlich.
Und H. wurde für mich der Mensch, der mich wirklich um meiner selbst willen liebte. Für den ich keine Funktion erfüllte, um sein Ego zu stärken. Dem es um mich ging, um uns. In seinen Armen konnte ich die alten Glaubenssätze ergänzen um: „…außer mit H.“

Dann sein plötzlicher Tod. Der Zusammenbruch meines Lebens.
Und die Seele erinnerte sich: Das letzte Mal, als Dein ganzes Leben umgekrempelt wurde, warst Du Anfang Dreißig und begannst, in die Welt hinauszugehen, Dich den Menschen zu öffnen, zu viel zu trinken und eine neue „Familie“ zu finden.

Und unbewusst tat ich dasselbe, was schon einmal funktioniert hatte: Ich öffnete mich weit wie ein Scheunentor, entwickelte geradezu eine Gier nach Menschen, nach Eindrücken, nach Ideen, nach Kontakt, nach Leben. Suchte händeringend nach einer neuen Familie, nach einem Ort, wo ich mich zu Hause fühle, wo ich Trost, Rat, Schutz und Geborgenheit finde, wo ich angenommen und gemocht werde, wie ich bin.

Ich fand zurück zu Freundin B. aus dem alten „Wohnzimmer“. Und zu anderen Menschen aus dieser Zeit. Ich fand neue Menschen. Und sehr schnell fand ich TSO, klammerte mich mit aller Macht an ihn, verliebte mich umstandslos: Er würde mir geben können, was mir durch H.s Tod entrissen worden war. Und ich fixierte mich auf die Galerie: Hier würde ich die Menschen und das Umfeld finden, wo ich angenommen bin, aufgehoben, gewertschätzt, geborgen. Hier würde ich andocken können.

Ich fand einen Platz in der Galerie. TSO ließ mich bis zu einem gewissen Grad in sein Leben, verhält sich bei aller emotionaler Distanz sehr fürsorglich und beginnt gerade, so etwas wie ein Freund zu werden. Die Freundinnen B. und K. sind meine fast alltäglichen Wegbegleiterinnen geworden. Die Trauerbegleiterin unterstützt und stärkt mich. Andere Bekannte lassen mich spüren, dass sie da sind, dass sie an mich denken, dass ich nicht allein bin. Dass ich geschätzt und gemocht werde.

Aber die alten Glaubenssätze erwachen auch wieder zum Leben:
Liebe und Zuwendung gibt es nur mit Gegenleistung.
Du wist verlassen werden. Hat Dich nicht sogar H. verlassen? Der einzige Mensch, dem Du wirklich vertraut hast?
Du verdienst es nicht.
Der/ die macht sich nicht wirklich was aus Dir, Du bist ihm/ ihr nur nützlich. Sie werden Dich fallenlassen.
Klammer Dich besser nicht zu sehr an diese Menschen, Du wirst nur wieder verlassen und enttäuscht werden.

Und dieser Januar schien alle schwarzen Gedanken zu bestätigen: Freundin B. zog sich aus eigener Überforderung (beruflich, privat) mehr und mehr zurück – nicht meinetwegen natürlich, aber dennoch fühlte ich mich verlassen. Die Trauerbegleiterin wurde krank, ausgerechnet in dieser für mich so schweren Zeit. Auch ihr machte ich natürlich keinen Vorwurf, sorgte mich stattdessen sehr um ihr Wohlergehen (nicht aus Eigennutz, sondern weil ich sie wirklich mag). Aber auch hier fühlte ich mich allein gelassen. Freundin K. war in ihrer eigenen Trauer gefangen, sie war zwar körperlich anwesend (immerhin dringend benötigte Gesellschaft und Ansprache), aber sie brauchte dringend Zuhörer, konnte selbst nicht zuhören. Auch hier: Kein Vorwurf, allergrößtes Verständnis – aber ich blieb mit meinen Sorgen allein. In der Galerie gab es zwar ein paar schöne Begegnungen, aber letztendlich waren alle mit ihren Dingen beschäftigt und drehten am Rad.

So taumelte ich durch den Januar, war komplett überfordert von den ganzen Anforderungen (Arbeit, Eltern, Hausräumung, Geldstress) und fühlte mich gleichzeitig von aller Welt allein gelassen.

Und ich begann nachzudenken. Wurde mir dieser Glaubenssätze bewusst, die mal ein Kind retten sollten, aber nun eine Erwachsene daran hindern, anderen Menschen zu vertrauen, sie in ihr Leben zu lassen, sich dringend benötigte Hilfe zu holen.
Und ich bemerkte Muster. Wurde mir bewusst, welche übergroßen emotionalen Bedürfnisse TSO und die Galerie für mich befriedigen sollten. Was ich mir von den Menschen ersehnte und mir andererseits selbst den Zugang dazu versperrte.

Und ich begann, besser auf meine Bedürfnisse zu hören. Machte den Mund auf, wenn ich mich überfordert fühlte. Bat um konkrete Hilfe und Unterstützung, obwohl ich eine Riesenangst davor hatte – getreu dem Glaubenssatz: Du wirst verlassen, wenn Du nicht mehr nützlich bist. Meine Hilfe eingestehen und damit „nicht mehr nützlich“ sein? Viel zu riskant!
Aber ich wagte es. Bat um Unterstützung.
Und bekam sie umstandslos.
Ich bin ins Nichts gesprungen und wurde aufgefangen. Von Freundin K. Von TSO. Von einer Bekannten, die ich um eine konkrete Hilfestellung bat.

Ich hatte es gewagt, hatte den Mund aufgemacht, meine Schwäche und Hilfsbedürftigkeit eingestanden, und wurde umarmt und gehalten.
TSO fasste es in dem Satz zusammen „Ich bin ja für Dich da, aber ich muss auch wissen, was los ist.“

Und da muss ich mir selbst an die Nase fassen, denn ein alter Glaubenssatz lautet auch:
Zeige nicht, dass Du einen Menschen brauchst. Stell ihn auf die Probe: Wenn er sich wirklich für Dich interessiert, wird er sich um Dich bemühen, wird selbst herausfinden, was Du brauchst und wird es Dir geben. Tut er dies nicht, ist die Beziehung zu ihm nichts wert.

Nun lerne ich, was das für ein toxischer Quatsch ist.
Denn TSO bemüht sich nicht um mich, versucht nicht, herauszufinden, was ich vielleicht brauchen könnte – Trotzdem hat er mich gern und hilft mir bereitwillig, wenn er weiß, was er tun soll.
Anstatt nun herumzusitzen und damit zu hadern, dass er mich nicht „liebt“, sich nicht um mich „bemüht“, sich nicht für mich „interessiert“, setze ich mich hin, überlege, was ich brauche und bitte ihn darum. Und bekomme es umstandslos.

Und selbst Freundin K. stand mir mit Rat und Tat zur Seite, als ich ihr mein Herz ausschüttete – obwohl sie mit ihrer eigenen Trauer kämpft und damit genug zu tun hat. Und die Bekannte hat ebenfalls mehr als genug um die Ohren – und trotzdem tut sie mir den Gefallen, um den ich sie bat.

Und ich merke, wie die alten Glaubenssätze immer noch aktiv sind, denn schon beginne ich, all die Unterstützung, die ich bekomme, wieder zu entwerten:
Ich bin halt doch ganz schön nützlich, da gibt man dann halt ein wenig nach, um mich zu halten.
Es geht im Grunde nicht um mich, sondern um sein Helfersyndrom.
Sie hat ein schlechtes Gewissen und will sich nur revanchieren.

Einfach mal annehmen, dass es Menschen gibt, die mich mögen und mir Gutes wollen?
Fast unmöglich.

Aber bei H. konnte ich das, warum also nicht auch bei anderen?

Und ich beschließe, dass das im Moment mein Thema ist und breite mein kleines „Psychodrama“ vor der Trauerbegleiterin aus.

Und sie ist sehr beeindruckt: Wieviel Mut und Kraft ich beweisen würde, mich diesen alten „Wahrheiten“ entgegenzustellen, sie auf den Prüfstand zu stellen und mich zu trauen, etwas Neues zu versuchen. Etwas für mich zu tun. Für die Kleine, die einmal aus Selbstschutz diese Glaubenssätze aufgestellt hat.
Vertrauen zu wagen und Liebe und Schwäche – auch auf die Gefahr hin, verletzt und verlassen zu werden.

TSO nicht zu zürnen, wenn er das festgesetzte Treffen absagt, weil er einen „besseren“ Weg gefunden hat, die Aufgabe zu erledigen, für die wir uns treffen wollten. Nicht zu hadern, weil mir dadurch eine Begegnung mit ihm entgeht und die Aussicht auf ein gemeinsames Kaffeetrinken und Gespräch, sondern wertschätzen, dass er sich Gedanken macht, wie er mich entlasten kann, indem er mir einen Weg und Zeitaufwand erspart. Sicher zu sein: Wenn das Treffen und das gemeinsame Kaffeetrinken wirklich, wirklich wichtig für mich sind, kann ich ihn darum bitten, es ihm erklären, und er wird kommen, ohne zu maulen.

Alte Glaubenssätze werden gerade erschüttert, und es fühlt sich an wie ein inneres Erdbeben.


Die heutigen Glücksperlen:

  • weinen können
  • Klarheit gewinnen
  • mich sicher und aufgehoben fühlen
  • Erinnerungen
  • Kraftquellen
  • Amselgesang am Morgen
  • unser gemeinsam so wunderschön hergerichtete Raum
  • seine Wertschätzung
  • ein Telefonat – normal, warm, freundschaftlich, respektvoll, unaufgeregt
  • eine freudige Begrüßung
  • eine Verabredung für morgen

Außerdem:

  • Gesehen: Die Eröffnung der 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) – stinklangweilig ohne Anke Engelke. Systemsprenger
  • Gehört: Seine Stimme
  • Gelesen: Nelson DeMille: Das Spiel des Löwen; immer wieder seine Nachricht
  • Geräumt: Im Kopf aufgeräumt und durchgefegt



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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertsiebenundfünfzigste Tag im Danach: Festgefahren

18. Januar 2022. Dienstag. Immer noch Halsschmerzen, immer noch leicht erkältet. Ich überlege: Ob mein Uralt-Schnelltest vom letzten März auf die neuen Varianten überhaupt anspringen würde? Haltbar ist er noch, aber was sagt das schon?

Die Gleichförmigkeit der Tage momentan: Fluch und Segen zugleich. Ich genieße es, nicht schon wieder irgendwohin fahren zu müssen, mal keine Hiobsbotschaften zu bekommen, körperlich und seelisch zur Ruhe zu kommen. Aber es macht mich auch unruhig und hibbelig: Tag um Tag verstreicht „ohne besondere Vorkommnisse“, das Leben verrinnt, ohne dass ich Bemerkenswertes erlebe oder leiste. Sinnsuche.

Auch im Zusammenleben mit H. waren meine Tage gleichförmig, und manchmal hat mich das auch da gestört, und dann begann ich ein neues Projekt, spielte mit einem neuen Tool, begann die Wohnung auszumisten oder Foto-Spaziergänge zu unternehmen, wurde unternehmungslustiger, wollte öfter raus und unter Menschen. Aber das waren Ablenkungsmanöver, keine wirklichen Veränderungen.

Jetzt habe ich die Chance, grundsätzlich etwas zu verändern, meinem Leben insgesamt eine andere Richtung zu geben, aber ich habe noch keinen Plan, welche Richtung das sein könnte. Habe ich denn keine (Lebens-)Träume, die ich nun „endlich“ verwirklichen kann?
Sind meine „Projekte“, auf denen ich gerade herumdenke, auch nur Ablenkungsmanöver? Beschäftigung, um nichts grundsätzlich in Frage stellen zu müssen?

Es ist definitiv mein Thema gerade: Wer bin ich? Wer will ich sein? Warum? Und für wen?

* * * * *

So passiert das: ich habe mich in einer Arbeit festgefressen, finde auf Anhieb keine Lösung, scheine aber immer kurz davor zu sein. Die Zeit vergeht, die Lösung kommt nicht, schließlich baue ich eine Alternative, aber dann sind schon 2 Stunden rum, die Konzentration ist flöten, und die Tagesplanung haut hinten und vorne nicht mehr hin.
Passiert mir sowas öfter oder in verschiedenen Projekten, gerät der ganze Zeitplan durcheinander, außerdem bleibe ich stecken, muss mir Alternativen ausdenken, das ist noch mehr Arbeit und zusätzlicher Stress.

Wie kann ich dem entgegenwirken?
Zum Beispiel, indem ich wirklich straff auf die Zeit schaue und sage: ich gebe dem jetzt xx Minuten, dann mache ich eine Einschätzung, wie es weitergeht – ob das erstmal beiseite gepackt wird, eine eigene neue Aufgabe wird oder ich nochmal xx Minuten investiere und dann erneut schaue. Control.
Vielleicht in der Zwischenzeit erstmal was anderes machen, wieder Erfolgserlebnisse haben, nicht nur: ‚Heute habe ich gerackert wie eine Blöde, ich bin völlig erledigt, aber fertig bekommen habe ich nichts.‘

Ich schwanke zwischen ‚jetzt mal zwei Wochen richtig durchrackern, jeden Tag bis abends spät‘ und ‚das muss jetzt halt eins nach dem anderen gemacht werden, ich kann mich leider nicht klonen‘. Ersteres würde dazu führen, dass ich wirklich eine Menge schaffe, aber danach vermutlich wieder durch bin. Letzteres würde den einzelnen Tag entzerren, aber den Stress verlängern.
Beides nix. Am liebsten würde ich einfach jeden Morgen voller Energie und Tatendrang aufwachen, dann geht mir die Arbeit wie geschmiert von der Hand, am späten Nachmittag lasse ich die Maus fallen und freue mich über mein Tagwerk und habe dann noch Muße für was Schönes.

Man wird doch träumen dürfen…

* * * * *

Einfach auch mal anerkennen, dass es immer noch viel ist und schwer, und jetzt nicht einfach alles aufhört, weil „neues Jahr“ und „Trauerjahr zu Ende“. Dass ich mit meinem Prozess gerade erst begonnen habe, auch wenn schon viel geschafft scheint. Dass ich mir ruhig ein bisschen Zeit lassen kann und mich nicht permanent unter Druck setzen muss.
Jetzt mal lockerlassen. Was anderes machen. Was mir gut tut. Mir Spaß macht. Oder einfach ausruhen.

Eine gute Stunde eins meiner Regale ausgemistet. Alten Projekten und Interessen begegnet. Viel zum Durchsehen und Assortieren.
Schwerster Fund: 4 originalverpackte DVDs, die ich mal H. schenken wollte, bevor sie irgendwie in meinem Chaos untergegangen sind. Schuldgefühle. Versäumnisse.
Scheiße.

Aber die gab’s auch: Die heutigen Glücksperlen:

  • ab und an denkt jemand an mich und schickt mir eine kleine Botschaft aus seiner Welt
  • am Ende doch eine Lösung gefunden
  • eine Essenseinladung fürs Wochenende bekommen
  • ein paar leere Regalfächer – Platz für H.s Sachen und damit Platz für Sachen aus dem Haus
  • von zwei Seiten Geld zugesagt bekommen, das nimmt den Druck aus dem Monatsende

Außerdem:

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertsechsundfünfzigste Tag im Danach: Wer bin ich und wenn ja wieviele?

17. Januar 2022. Montag. Wie gut, dass ich mich nicht minutiös an diese Zeit vor einem Jahr erinnere, sondern nur als anstrengende, aufreibende Reihe von Tagen voller Angst, Selbst-Beruhigung, wenig Schlaf, kaum Essen, ständigen Fahrten ins Krankenhaus, tausend Telefonaten.
Wieviel besser ist mein Leben jetzt, trotz aller Sorgen und Ängste, die sich aber eher abstrakt auf ein mögliches Geschehen in – hoffentlich – ferner Zukunft richten, trotz Arbeitsdruck, trotz unerfüllter Sehnsüchte und Bedürfnisse. Alles nichts im Vergleich zu den Gefühlen vor einem Jahr.
Dafür auch mal dankbar sein…

Leicht erkältet, Schluckschmerz. Aushaltbar, wenn es nicht schlimmer wird.

Das Wetter übt schon mal für den April: Morgens kräftiger Wind, dann Regengüsse, fast Hagel, nachmittags Sonnenschein und blauer Himmel. Nach getaner Arbeit mache ich einen Spaziergang und setze mich eine halbe Stunde in die Sonne. Schaue. Denke nach. Schreibe. Aber der Sonne gelingt es nicht, die trüben Gedanken zu verscheuchen, die mich seit dem mittäglichen Telefonat mit TSO befallen haben.
Dabei war es ein gutes Gespräch, für seine Vehältnisse mit fast 20 Minuten sehr lang, er war in Plaudrlaune heute, fröhlich, aufgekratzt. Und ich möchte nur heulen, weil er alles verkörpert, was mir fehlt, wonach ich mich sehne, aber nicht bekommen soll.

IMmer wieder diese Fragen: Wer bin ich, und wer will ich sein? Wie will ich leben, was will ich tun, wofür will ich stehen?
Mein Leben ist kein Scherbenhaufen mehr, aber das mühsam Zusammengeklebte gefällt mir nicht so recht, auch wenn es für den Moment seinen Zweck erfüllt und notdürftig funktioniert.

Die Trauerbegleiterin muss sich überraschend operieren lassen und fällt eine Weile aus. Das macht mir Angst. Freund B. ist schon fast aus meinem Leben verschwunden mit seiner neuen Liebe, Freundin B. ist in ihrer Arbeit extrem eingespannt, Freundin K. ist mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt, Freund G. kann man nur mit langer Vorplanung abends in Raucherkneipen treffen, TSO ist emotional in unerreichbare Ferne gerückt – es wird gerade etwas eng. Nicht genug Stützpfeiler und Rettungsnetze… Noch halte ich durch, aber es wird eng.

Die heutigen Glücksperlen:

  • Sonne
  • Wind, der die Haare zaust
  • draußen sitzen und schreiben
  • eine kleine neue Erkenntnis (vielleicht)
  • keiner meiner Kunden hat mir (bis jetzt) den Kopf abgerissen

Außerdem:

  • Gesehen: Mulholland Drive (ARTE)
  • Gehört: Defonic.com
  • Gelesen: Elizabeth George: Wer Strafe verdient
  • Geräumt: Im kleinen Zimmer die Kartons vor dem mittleren Regal weggeräumt, um dort ausmisten zu können und Platz für H.s Kram zu schaffen.
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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertfünfundfünfzigste Tag im Danach: Planen statt tun

16. Januar 2022. Sonntag. Nach unruhiger Nacht um 5:00 Uhr aufgestanden. Bin ruhig und klar. Entspannt. Ein bisschen kommen schon wieder Gedanken wie: Das ist jetzt mein Leben? Welchen Sinn soll das haben? Aber ich schiebe sie weg.

Der halbe Januar ist um, das ist doch verrückt.

Gestern habe ich mir Fotos abziehen lassen, jetzt steht auf meinem Wohnzimmertisch eine seltsame Gruppe: Im Rahmen H.s Bild, davor F.s Trauerkarte, T.s letztes Facebook-Profilbild und TSOs Foto, das er mir mal geschickt hat. TSO fällt aus dem Rahmen, er ist der einzige, der nicht tot ist, und ich frage mich, ob das ein schlechtes Omen ist, sein Bild zu denen all dieser Toten zu stellen. Aber auf meinem Schreibtisch will ich es nicht haben, also wohin damit? An den Wänden ist gar kein Platz für eine kleine Bildgalerie oder so etwas.
Wieder der Gedanke, dass ich mit der Einrichtung meiner Wohnung nicht wirklich zufrieden bin. Aber erstmal ausmisten, dann umräumen. So viel Zeug…

Ich wurschtele vor mich hin, plane Arbeiten und Aufgaben und Projekte und denke nicht weiter nach. Dann halte ich inne, verspüre Hunger und eine gewisse Müdigkeit – und prompt kommt mir wieder die Sinnlosigkeit des Ganzen zu Bewusstsein: Für wen mache ich das alles? Wen interessiert es? Und warum brauche ich so lange? Muss das alles so aufwändig sein? Wozu überhaupt? Wäre mir nicht mehr gedient gewesen, ich hätte einfach eine Stunde irgendwas gearbeitet, statt nur Arbeiten zu planen?
Erschöpfung ist schlecht für die Stimmung.

Hinlegen bringt keine Entspannung, zum Schlafen habe ich keine Ruhe: so viel zu tun – und ich will ja im Prinzip auch! Bin nur so komisch matt…
Und traurig… Und allein…

Die heutigen Glücksperlen:

  • wieder eine kleine Ecke der Wohnung ein klein wenig ordentlicher gemacht
  • leckeres Essen kochen
  • jemand möchte mit mir demnächst spazieren gehen
  • ich habe das Gefühl, ich kann die Arbeit schaffen, auch wenn es irrsinnig viel aussieht

Außerdem:

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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertvierundfünfzigste Tag im Danach: Den Kopf klar bekommen

15. Januar 2022. Samstag. Um halb sieben mit einem Gefühl tiefer Resignation und Sinnlosigkeit aufgewacht. Das Trauerjahr geht jetzt vorbei – und nun? Das Konzept „Trauerjahr“ hat mir einen Rahmen gegeben, Erlaubnis, bestimmte Dinge zu tun und andere einfach sein zu lassen.

Was für ein Blödsinn: Es gibt ja überhaupt keinen Grund, das zu ändern – ich muss mich schließlich niemandem gegenüber rechtfertigen. Ich trauere, so lange, wie ich das brauche und auf die Art, wie es mir gut tut, Trauer“jahr“ hin odre her.

Setze mich dann hin und beginne, alle Aufgaben, die nun in nächster Zeit anstehen, zu planen und zu organisieren. Wichtig ist, eine Balance zu finden zwischen bezahlter Arbeit und privaten Projekten, der Arbeit in der Galerie, Freizeit, sozialen Begegnungen, Trauerarbeit und dem Ausmisten der Wohnung. Ziemlich viele Bälle, die ich da gleichzeitig in der Luft habe, aber das ist eben jetzt so.

Das tut so gut, ich fühle mich wieder sortiert und „in control“, ich nehme die Dinge in die Hand, steuere. Bin plötzlich wieder voller Tatendrang und Vorfreude.

Gut gelaunt meine Einkaufsrunde absolviert, dann noch ein bisschen Orga-Kram, nebenbei Wäsche gewaschen und Blumen gegossen.

Freundin K. fragt an, ob ich mir ihr spazieren gehe, und wir drehen die übliche Runde zum Friedhof, dann noch ein bisschen kreuz und quer durch die Straßen, trinken unterwegs einen Cappuccino, schauen Schaufenster und Auslagen an, wundern uns über die Menge an Menschen, die da unterwegs ist, denn es ist mit 3 Grad doch recht frisch.

Ich esse einen Falafel, dann gehen wir noch in die N.-Bar, leider eine Raucherkneipe. Ich bleibe immerhin beim alkoholfreien Bier, werde aber von der Wärme und K.s Monologen, die sich zunehmend wiederholen, angenehm schläfrig und breche nach anderthalb Stunden auf, während K. sich noch zu Bekannten setzt.

Ich drehe nochmal eine Runde und gehe bei der Bank vorbei (statt 10 Minuten nach hause ist das nochmal ein 35-Minuten-Spaziergang). Damit bin ich heute insgesamt fast 9,5 Kilometer durch die Gegend spaziert und fühle mich angenehm durch- und ausgelüftet.

Als wir auf dem Friedhof auf ener bank sitzen, ziehen Vögel in einem großen „V“ von West nach Ost über uns hinweg. Gänse? Kraniche? Ich kann die Rufe nicht ganz deuten, tippe auf Kraniche. So viele – und so früh…

Die heutigen Glücksperlen:

  • viel frische Luft
  • Bewegung (fast) ohne Schmerzen
  • einen Laden entdeckt, wo es ganz wunderbare Dinge und Postkarten gibt
  • den Kopf wieder klar bekommen und neue Zuversicht gewonnen

Außerdem:

  • Gesehen:
  • Gehört:
  • Gelesen: Nachrichten
  • Geräumt:
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Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der dreihundertdreiundfünfzigste Tag im Danach: Wieder runterkommen

14. Januar 2022. Freitag. Heute nicht besonders frisch gewesen – die beiden Schnäpse zum Abschluss gestern hätte es nicht gebraucht…
Und wieder einmal nehme ich mir vor, es mit Freundin K. langsamer angehen zu lassen, das geht mir sonst auf die Gesundheit. Die Kneipenbesuche sind jetzt ohnehin nicht so angezeigt, Booster-Impfung hin oder her.

Heute dann etwas Orga-Kram gemacht, ein längeres Telefonat mit M. geführt, ein wenig auf dem PC aufgeräumt und viel nachgedacht – über diese ersten beiden Wochen, über die Tage voller Erinnerungen, über Neues, auf das ich mich freue.

Es war nochmal ein entspannter Tag, ein Urlaubstag, auch wenn es emotional wieder eine ziemlche Achterbahnfahrt war zwischen morgendlicher Panik (Einsamkeit, Überforderung Angst – was alles ansteht, und das soll ich alles alleine schaffen?! Und wenn etwas passiert?!), mittäglicher Ruhe und abendlichem Optimismus.

Die Trauerbegleiterin ist noch krank und wird es wohl auch nächste Woche noch sein. Das ist schade, ich hätte jetzt schon gerne einen Termin bei ihr gehabt. Möchte auch mit ihr über die Trauergruppe reden. Aber es ist, wie es ist, ich bin nicht in Not, ich kann durchaus warten – und schließlich ist ja wichtiger, dass es ihr erstmal wieder gut geht.

Der aufregende Mittwoch und der anstrengende Donnerstag haben ihre Spuren bei mir hinterlassen, aber langsam, ganz langsam komme ich wieder zu mir.

Das Piepen des Rauchmelders aus der Nachbarwohnung, das jetzt wochenlang meine Tage und Nächte in 30-Sekunden-Intervalle aufgeteilt hat, ist verstummt. Ob die Batterie aufgegeben hat oder rechtzeitig zum Einzug des neue Mieters gewechselt wurde?

Die heutigen Glücksperlen:

  • das schöne Gefühl, wenn vorübergehend der Kopfschmerz nachlässt
  • selbstgebackene Kekse
  • Vanillesoße
  • eine anteilnehmende Nachricht aus einer Ecke, wo sich jemand die Daten gemerkt hat
  • Ruhe an einigen anderen Fronten
  • Kein Gepiepe von rechts und kein Getrampel von oben. Das Telefonat von unten erinnert an die Zeit als die alten türkischen Nachbarn noch dort lebten. Vertraut.

Außerdem:

  • Gesehen:
  • Gehört:
  • Gelesen: Nachrichten und Blogs
  • Geräumt: Den letzten Bierkarton von der Beisetzung weggeräumt und die letzten 6 Flaschen in den Kühlschrank gelegt. Vorräte vom Küchenboden ins Regal geräumt. Gleich ist wieder ein halber Quadratmeter mehr Platz.
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Der dreihundertzweiundfünfzigste Tag im Danach: Ein Fenster schließt sich, ein anderes öffnet sich

13. Januar 2022. Donnerstag. Wie kann denn der Monat schon wieder fast halb rum sein? Der ist doch höchstens fünf Tage alt? Wo ist meine letzte Woche hin? Die gehörte gefühlt noch irgendwie zur Zeit „zwischen den Jahren“…

Sehr unruhig geschlafen, und ich darf mir aussuchen, ob es am gestrigen Telefonat mit TSO lag oder am heutigen Morgen-Termin, einer Online-Fortbildung bei einer Kundin (die ich glücklicherweise nur besuche, nicht halte), oder an beidem oder an etwas ganz anderem (schließlich haben wir noch Gedenktag, Flurbereinigung in der Wohnung mit Wegwerfen von H.s Sachen/ Unterlagen, bevorstehender Todestag und bevorstehende Räumung des Häuschens im Angebot).

Für die Fortbildung, die als Videokonferenz stattfindet, fahre ich in die Galerie, weil es in meiner Wohnung nur Chaos und Kartonstapel gibt und weil ich ein bisschen Distanz zum heimischen Umfeld brauche. Es ist ein Anlass für Bewegung.

Die Fortbildung wird dann zwar lang, aber auf mehreren Ebenen interessant, aber hinterher, zweieinhalb Stunden später bin ich regelrecht gerädert – es war zu viel, zu intensiv, das Thema gerade für mich persönlich zu schwierig.

Zwischendrin waren Telefonate zu führen, die Dame von der Trauergruppe meldete sich, um mir mitzuteilen, dass es leider keine Plätze mehr gibt, aber sie empfahl mir eine andere Gruppe und dort erhielt ich nachmittags Bescheid, dass es mit einem Platz klappt. Hurra! Die Gruppe startet Ende Januar und findet einmal monatlich statt.

Freundin B. schaut auf dem Heimweg von der Arbeit kurz vorbei, eine Passantin möchte etwas über die Ausstellungsöglichkeiten der Galerie wissen, dann kommt Freundin K., die Zeit totzuschlagen hat und mich nach ihrem Kurzurlaub wieder auf den aktuellen Stand bringen möchte.
Es fällt mir schwer, ihr konzentriert zuzuhören, mein Limit für Input ist lange erreicht.

Dann schaut auch nochmal Freundin B. rein, die versehentlich eine Stunde zu früh zu einem Termin in der Nähe aufgebrochn war und sich nun aufwärmen will. Ist das schön!

Kurz nach drei brechen wir dann alle zusammen auf, Freundin B. entschwindet in die eine, K und ich in die andere Richtung. Uns führt der Weg wie immer zu den Gräbern unserer Männer, dann wandern wir durch den Park zu einem Postamt in der Nähe, wo K. ein Päckchen abholen will. Unterwegs bekomme ich den Anruf mit der Zusage für den Platz in der Trauergruppe, und K. lädt mich „zur Feier des Tages“ auf ein Bier ein.

Daraus werden dann ein paar mehr, aber wir haben einen schönen Abend mit den alten Bekannten G., den wir zufällig treffen, und marschieren gegen zehn zusammen nach Hause.

Die heutigen Glücksperlen:

  • Die Begeisterung, mit der ich Wildfremden gegenüber von der Galerie spreche und die sich wohl auch überträgt. Es ist ein magischer Ort.
  • Eine Zusage.
  • Ein angenehmer neuer Kontakt.
  • Möglichkeiten; Fenster, die sich öffnen
  • eine Hand auf meinem Rücken

Außerdem:

  • Gesehen:
  • Gehört:
  • Gelesen:
  • Geräumt:
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