Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Schlangen

6. April 2020. Montag. Jede Stunde wach, weil ich den Wecker auf sechs gestellt hatte und nun immer wach werde, um zu schauen, wie lange ich noch schlafen kann. Idiotischer geht es ja kaum. Schließlich die Nase voll um 5:50 Uhr („wenn ich jetzt nochmal eindöse und dann vom Wecker geweckt werde, ist es garantiert der völlig falsche Zeitpunkt“), Wecker ausgemacht und aufgestanden.
Es dämmert gerade, die Amsel singt. Schön.

Die erste Woche April ist schon wieder rum, heute startet die Osterwoche, und „normalerweise“ heißt das: arbeitsmäßig etwas zurückfahren, dafür Endspurt im Haushalt und Geschenke. Am Osterwochenende hatte sich eigentlich  Verwandtschaft angesagt, andere Verwandtschaft für das Wochenende nach Ostern, das ist jetzt natürlich alles abgesagt, und darüber bin ich auch nicht ganz unglücklich, es wäre nämlich ein stressiger April geworden: Zu Ostern je ein Tag mit Papa, Mama und Verwandten (Stadtbesichtigung!), dann drei Tage arbeiten, dann ab Freitag ein Wochenende die nächsten Verwandten, und zwar täglich, dann fünf Tage arbeiten, dann Fahrt nach K.
Nee, so ist es schon besser: Ein endlos langes Oster-Wochenende mit viel Telefonaten aber ansonsten Zeit für mich, und danach ein April ohne große Vorhaben, einfach nur Alltagsroutine, und dann schauen wir mal. Vielleicht können wir ja Pfingsten wieder ins Häuschen fahren, vielleicht (wahrscheinlich) nicht, das findet sich alles.

Heute viel Organisatorisches: Eine Checkliste für die Lieblingskundin und mich gebastelt, Essens- und Einkaufsplanung für eine Woche, Kurztelefonate mit M. und der Lieblingskundin, kleine Website-Korrekturen.

Mittags dann große Einkaufsrunde (Post, Bank, Supermarkt, Discounter) und bis auf Hefe alles bekommen, was auf dem Zettel stand. Wird es dieses Jahr wohl keinen Hefezopf geben, zumindest keinen selbstgebackenen.

Lustige Szene vor der Post, wo sich heute zwei Warteschlangen begegnen: Die zur in einem Schreibwarenladen untergebrachten Poststelle und die zu zwei Arztpraxen im benachbarten Haus. Jeder Neuankömmling wurde korrekt einsortiert in die „Postschlange“ und die „Arztschlange“, die Wartenden in der Arztschlange waren ein schöner Querschnitt durchs frühere Neukölln (vor der Hipsterisierung) und wurden von einer resoluten jüngeren Sprechstundenhilfe immer wieder dazu angehalten, Abstand zu halten. Während in der Postschlange diszipliniert ein Abstand von 1,50 bis 2 Metern eingehalten wurde, ballten sich in der Arztschlange immer wieder Gruppen von Bekannten zusammen, die sich dieses oder jenes zu erzählen hatten – bis sie einen Anpfiff bekamen und sich brummelnd – „Ja, ja, Abstand halten…“ – wieder 50 Zentimeter voneinander entfernten.

Vor der Bank eine elend lange Schlange, an die ich mich zuerst anstellte, und erst als ich beschlossen hatte, doch weiterzugehen und das Geldholen auf ein andermal zu verschieben, sah ich, dass hier eigentlich Platz für zwei Schlangen vorgesehen war: in die eine Richting die Schlange für die Geldautomaten, in die andere Richtung die Schlange für den Besuch beim Bankpersonal. In die eine Richtung stand niemand, und auf Nachfrage bei den beiden Security-Männern im Eingang wurde ich reingewunken. Von den acht Geldautomaten waren gerade mal drei besetzt. Ob die Leute in der anderen Schlange das wussten und wirklich alle zu einem Berater wollten? Hier war man übrigens mit dem Abstand nicht zickig und stand sich genauso nahe wie sonst™ auch.

Die Einkaufsrunde dauerte dank sehr langer Wartezeit in der Postschlange (ich hatte meine beiden Osterpäckchen zu verschicken) wieder fast zwei Stunden und ich schleppte in meinem Rucksack und vier Beuteln an die 20 Kilo Zeug nach Hause, darunter 4,5 Kilo Kartoffeln und Zwiebeln und drei Wein- und eine dicke Sektflasche. Beim Discounter gab es Klopapier, beim Supermarkt Küchenrolle. H-Vollmilch gab es immer noch nicht (nur fettarme), und jetzt sind gerade anscheinend Hülsenfrüchte sehr begehrt, nur mit Mühe bekam ich mein Tütchen Linsen und nicht mal die Berglinsen, die ich gerne gehabt hätte.

Nachmittags nochmal MIni-Korrekturen an zwei Websites, kurzes Gespräch mit der Lieblingskundin, der die Decke auf den Kopf fällt und die gerade an ihren eigenen Ansprüchen und der Gründlichkeit des Prüfverfahrens für Rettungsschirm-Geld in ihrem Bundesland verzweifelt.

Die Checkliste fertig gemacht, dann P. angerufen und kurz mit ihm geplaudert. Alles in Ordnung.

Abends den Film Habemus Papam, dessen Ende mich erst irritiert, das dann aber ganz logisch erscheint und von großem Mut zeugt, sich gegen die Gepflogenheiten dieser Institution zu stellen. Sehenswert. Piccoli ist wunderbar gealtert.

Woran ich mich erinnern will:
Die Menschen sind nicht verbissen, sie schauen momentan nur so. Im Grunde sind sie angespannt, unsicher, ängstlich. Ein Lächeln, ein nettes Wort, ein kleiner Scherz – als wäre alles „normal“ – taut die Gesichter in Sekundenschnelle auf.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Abstand halten.
Ordnung in ein Projekt bringen.

Was wichtig war:
Rausgehen.
Sonne.
Menschen.
Sprechen.
Ein Blick, ein Wort, ein Lächeln.
Oder zwei.
Mich nicht unter Druck setzen.

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Kleiner Ausraster

5. April 2020. Sonntag. Aufgestanden um sieben, wobei ich dachte, es wäre sechs, weil ich eine Uhr am Bett hatte, die noch nicht umgestellt war. Als ich den Irrtum erkenne, knallt mir gleich der ganze Rhythmus und meine Morgenplanung durcheinander. Scheiß-Start.
H. hatte die Nacht durchgemacht, ich war jede Stunde wach und bin nun entsprechend unausgeruht. Gleich nach dem Aufwachen Gespräche mit dem trunkenen Mann und seinen assoziativen / wirren Gedanken (je nach Betrachtungsweise) zu führen, macht es auch nicht besser.

H. begleitet mich auf dem geplanten Sonntagsspaziergang, was dessen Zweck konterkariert: Zu mir kommen, die Welt wirken lassen, nachdenken, runterkommen. Stattdessen: Zuhören, reden, andere Route nehmen, vielen joggenden Menschen begegnen, die ich noch anstrengender finde als Spaziergänger, weil sie sich so unberechenbar bewegen und einen beim Vorüberrennen ankeuchen.
Am Ende zum etwas weiter entfernten aber besseren Bäcker, um Brötchen fürs Frühstück und Kuchen zum Kaffee zu holen.

Zu Hause ein klitzekleiner Zusammenbruch meinerseits mit Tränen und heftigen Vorwürfen. Es ist eine ungünstige Gemengelage aus Frustration, Überforderung und Müdigkeit, und die musste jetzt einfach mal raus.

Nach dem Frühstück führt H. ein längeres Kundentelefonat, bei dem sich herausstellt, dass die Arbeit an dem verkorksten Update abgebrochen wird und er heute also nicht daran weiterarbeiten wird. Ich mache währenddessen etwas Seelen-Wellness: duschen, was Kuscheliges anziehen, spielen.

H. legt sich dann – endlich! – mal hin, ich mache Kleinkram: eine Layout-Korrektur hier, eine Inhaltskorrektur da, dann ncoh eine Runde spielen, dann Osterpäckchen für die Eltern packen. Weil in meinem Kaufhaus die Oster-Süßigkeiten schon um 50% reduziert waren, hatte ich jede Menge „besondere“ Eier mit spannenden Füllungen gekauft, die normalerweise 0,75 – 1,20 pro Stück kosten (Heilemann, Niederegger, Reber & Konsorten). Die gibt es bei uns traditionell zu Ostern und als Kugeln zu Weihnachten, und man bekommt sie halt nicht an jeder Ecke, eigentlich nur im Kaufhaus. An ein Kaufhaus kommen die Eltern nun aber nicht ran, also bin ich für die Versorgung zuständig.

Ich mache endlich meine Monatsplanung für April, zumindest mal grob. Ich bin ein wenig ziellos im Moment, weil mir meine Planungen sowieso ständig über den Haufen geworfen werden, und ich fühle mich müde und überfordert. Wäre ich eine verantwortungsvolle Chefin, würde ich mir jetzt mal ein paar Tage frei geben. Stattdessen: Kaffee und Kuchen (je ein halbes Stück Bienenstich und Käse-Mohn), danach etwas Haushalt (Blumen gießen, Geschirr spülen) und noch ein Stündchen arbeiten: eine Checkliste basteln, das macht mir wenigstens Spaß.

Leider gibt zwischendurch das Internet auf, der Router startet nicht vernünftig neu, erst nach zwei, drei Versuchen läuft alles wieder, wie es soll, aber nun ist es Zeit Essen zu machen, also aus die Kiste und ab in die Küche.
Es gibt Merguez mit Salat und Pide.

Die Tagesschau dauert heute 30 Minuten und steht wie immer ganz im Zeichen von Corona. Das sind immerhin 15 Minuten Fakten mehr, und das ist mir in dieser Form viel lieber als ein „Brennpunkt“, wo doch immer nur erzählt wird, dass alles ganz schlimm ist, aber nichts Genaues weiß man nicht.

Woran ich mich erinnern will:
Die ersten Meter des Spaziergangs durch eine menschenleere Hauptstraße, die Sonne scheint, eine Amsel singt.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Menschen begegnen.
Nach Möglichkeit Abstand halten.
Checkliste bauen.

Was wichtig war:
Ruhig bleiben.
Rausgehen.
Brötchen holen.
Mich kurz aufregen aber mich auch schnell wieder beruhigen.
Gut essen.
Ruhe reinbringen.
Nachdenken.
Planen.
Kontrolle zurückerlangen.

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Tage wie diese

4. April 2020. Samstag. Besser geschlafen und kurz vor acht (!) aufgestanden.

Die Sonne scheint, es wird ein warmes Wochenende mit bestem Wetter. Stress für die Berliner Polizei, die nach den Lockerungen des Berliner Senats nun nicht mehr einfach ausnahmslos alle Picknicker von den Wiesen in den Parks werfen darf, sondern über Abstände und Aufenthaltszeiten belehren muss. Sehr frustrierend, das verstehe ich schon. Für den Frieden in der Stadt mit ihrer traditionellen Rebellion gegen zuviel Polizeipräsenz und -aktivitäten ist es dennoch ein gutes Signal: Die Leute bekommen eine kleine Freiheit zurück, die Polizeigewalt wird ein kleines bisschen eingeschränkt, das ist viel wert momentan.
Mittags kreisen Polizeihubschrauber über der Innenstadt, um die Einhaltung des Kontaktverbots zu ürberprüfen. Es hat was von 1. Mai.

H. ist den ganzen Tag hier und macht Fernwartung bei zwei Kundinnen. Ich habe ein „kurzes 40-Minuten-Telefonat mit M., dann gehen wir zusammen einkaufen, allerdings bleibe ich vor dem laden, weil mir der zu klein und eng ist. Es bleibt aber leer, ich hätte ruhig mit reingehen können. So aber laufe ich in der Sonne hin und her, beobachte ein Taubenpärchen, das sich gefunden hat (wobei es eher so ausseht, als würde sie ihn mit seiner zudringlichen Zärtlichkeit zähneknirschend ertragen, weil man die Brut halt alleine nicht groß bekommt), eine Frau läuft im Eiltempo laut weinend und klagend vorbei, ihr ist wohl gerade ihre Welt in Scherben gegangen und nun rennt sie, nur fort, und irgendwohin, wo sie hoffentlich jemanden hat zum Ausweinen.

Geschirr gespült, Nachrichten (nach)gelesen, gespielt. Nachmittags dann noch ein gutes Stündchen Arbeit am zweiten aktuellen mittelgroßen Projekt. Es läuft ganz ok, ich hoffe, ich komme morgen da wesentlich weiter, damit die Kundin am Montag loslegen kann, Inhalte reinzubasteln.

Spielen, Festplatte aufräumen, RSS-Feeder leeren, Browsertabs aufräumen. Keine Lust auf Wochen- oder Monatsplanung, es scheint nach wie vor alles so unberechenbar, in den letzten Wochen haben meine Pläne nie hingehauen. Dennoch vermisse ich dei Ordnung im Kopf, die sie mir bringen. Morgen.

Essen machen, dann die Willy-Brandt-Doku im Fernsehen. Wieder entzückt von Egon Bahr.

Woran ich mich erinnern will:
In der Sonne stehen und Leben schauen.

What I did today that could matter a year from now:
Rausgehen.
Mich von Menschen fernhalten.
Da sein.

Was wichtig war:
Ausruhen.
Rausgehen.
In der Sonne sein.
Der inneren Stimme folgen.
Ans Telefon gehen.

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Ausruhen im Flow

3. April 2020. Freitag. Und wieder eine Woche um, die zweite des „Lockdowns“ oder „Shutdowns“, je nach Geschmack.

Aufgestanden um zehn vor sieben. Besser geschlafen als auch schon, aber immer noch ein wenig übermüdet. Gestern war auf einer psychischen Ebene recht anstrengend und es nagt noch an mir. Ich versuche zu antizipieren, mit welchen Befindlichkeiten ich in den nächsten Tagen und Wochen konfrontiert sein werde, um mich vorzubereiten und adäquat reagieren zu können. Vielleicht das hier mal lesen: Psychologie der Veränderung.

Ich nutze den Wochen-Schlusstag, um meiner recht großen Arbeits-Unlust hemmungslos nachzugeben: Morgens ausgiebig Internet gelesen, Wäsche gewaschen und Küche aufgeräumt.

Der DHL-Bote macht sich nicht mehr die Mühe, auch nur in die Nähe des dritten Stocks zu kommen, wo ich wohne – er klingelt an der Haustür, wenn der Summer gedrückt wird, ist klar, er wird das Paket los, dann kommt er ins Haus, geht langsam eine Etage hoch, wartet, ob von oben jemand runterkommt, stellt das Paket auf die Treppe und dreht um. Ich hüpfe die Treppen hinab, rufe ein „Danke!“ hinunter, sobald ich mein Paket erspähe, bekomme ein „Schönen Tag noch!“ zurück, und alle sind zufrieden. Vermutlich schaffen die Fahrer zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Touren in der vorgeschriebenen Zeit.

Mittags etwas Kleinkram, vor allem, damit H. weiterarbeiten kann (Bildbearbeitung für seine Website, Datenexport für die jährliche Auswertung bei einem Kunden), etwas Finanzplanung (Überblick über die Ausgaben fürs Häuschen), Mittagsimbiss, lesen, Mittagsschläfchen.

Danach noch ein bisschen mehr Finanzplanung und ein bisschen weiter Internet lesen, dann ab in die Küche, Geschirr spülen und kochen. Es gibt gebratenen Chicoree mit Linsengemüse, so ungefähr nach diesem Rezept, aber mit der Abwandlung, dass ich uns noch ein paar schöne Speckwürfel auslasse und kross brate, die hinterher über die Linsen gestreut werden.

Im Fernsehen Frank von Lenny Abrahamson, der eine ziemliche Enttäuschung ist: nicht wirklich schräg und nicht wirklich komisch, der Protagonist Jon seltsam unsympathisch, der titelgebende Frank wird mir nicht lebendig. Der Film lässt mich etwas ratlos und seltsam unbefriedigt zurück.

Woran ich mich erinnern will:
Flow: Einfach mal nicht auf die Uhr schauen, sondern machen bis ich keine Lust mehr habe oder müde werde oder es fertig ist.

What I did today that could matter a year from now:
Drinnen bleiben.
Finanzplanung.

Was wichtig war:
Ausruhen.
Der inneren Stimme folgen.
Hausarbeit.

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Lagerkoller bei anderen

2. April 2020. Donnerstag. Mitten in der Nacht etwa eine Stunde wachgelegen und hin und her gewälzt. Warum? Keine schlechten Gedanken, keine Hitze, ich war auch nicht wach – ich konnte einfach nicht einschlafen, oder immer nur für Sekunden, dann drückte oder juckte wieder irgendwo was, und ich war wach. Erste Anfänge der präsenilen Bettflucht? Oder doch eher tief liegende Sorgen, die mich umtreiben? Es wird sich herausstellen oder von selbst wieder aufhören.

Aufgewacht und -gestanden dann um sieben, ich hatte nach dieser Unruhestunde wieder ganz gut geschlafen.

An einem der beiden aktuellen größeren Projekte weitergearbeitet, es geht sehr zäh voran. Es langweilt mich und es ist kein Druck da, und jetzt, wo ein bisschen Geld auf dem Konto ist, fehlt auch der akute Rechnung-schreiben-können-Anreiz.

Nach dem Frühstück aus einer Eingebung heraus M. angerufen, und der Anruf kam genau richtig, sie fängt nämlich an, am Rad zu drehen. Schon? seufze ich innerlich, denn ich hatte den Stimmungsumschwung für später erwartet, so am Wochenende zum Beispiel.
Sie hängt mit einer Lebensmittelbestellung fest (der Anbieter akzeptiert abwechselnd den gewählten Liefertermin oder die Zahlungsmethode nicht, das System ist einfach überlastet) und als wir das erledigt haben, reden wir ein bisschen. Sie gesteht mir, dass sie einkaufen gegangen ist und ich maule ein bisschen, kann sie ja aber letztendlich nicht daran hindern, besser sie erzählt es mir wenigstens, dann weiß ich Bescheid.

Sie ist seit ein paar Tagen zunehmend gefrustet, die Decke fällt ihr auf den Kopf. „Warum gehst Du denn nicht jeden Tag en bisschen spazieren, wie ich es Dir vorgeschlagen habe?“ frage ich. „Ach, spazieren!!“ antwortet sie abfällig. Das kann sie halt nicht, so ohne Ziel draußen herumlaufen, das ist ihr langweilig. Sie will irgendwo sitzen, von Leuten angequatscht werden oder selber anquatschen und sich dann darstellen. Sie braucht Bühne, Rampenlicht, Drama. Alleine draußen herumlaufen, was soll das bringen? Insofern ist ihr Seufzen „Mir fällt die Decke auf den Kopf, ich muss mal raus!“ auch eher zu interpretieren als „Mir fehlt die Bestätigung von außen, hier habe ich nur mich und meine Angst, der ich mich nicht stellen will, ich brauche Lärm und Action, um die innere Leere zu füllen und die inneren Stimmen zu übertönen.“ Und dabei kann ich ihr nun momentan am wenigsten helfen.

Sie erzählt mir, sie habe einen gemeinsamen Bekannten angerufen, der sich letztens schon ein wenig um sie gekümmert hat, als sie meine halbe Nachbarschaft wegen nichts rebellisch gemacht hat.  Ich bin ein wneig alarmiert, denn ich weiß, wie sie sich und ihre Situation darstellt, wnen ihr danach ist, und dieser mensch ist sehr sensibel und anfällig für bestimmte Meinungen und Sichtweisen und hinterfragt Aussagen nicht unbedingt.

Deshalb rufe ich ihn auch am Abend an, da hat er allerdings schon mit M. gesprochen, aber ich glaube, mir gelingt es, ganz beiläufig meine Sicht der Dinge anzubringen, und an seiner Reaktion merke ich, das ist so ziemlich das Gegenteil von dem Bild, das sie ihm vermittelt hat. Nun denn, hat er Stoff zum Nachdenken.

Nachmittags Wäsche gewaschen, einen Telefontermin für nächste Woche vereinbart, Mails beantwortet, Yoga with Adriene, Mini-Arbeit am größeren Projekt, früher Feierabend. Es reicht dann auch für heute.

Woran ich mich erinnern will:
Auch wenn es mir in der individuellen Situation schwer fällt: Es ist fast immer besser, frühzeitig zu agieren als sich hinterher mit irgendeinem Schlamassel beschäftigen zu müssen.

What I did today that could matter a year from now:
Zwei Telefonate führen.
Drinnen bleiben.
Optimismus bzw. Realismus verbreiten.

Was wichtig war:
Meine Grenzen achten.
Reden.
Zuhören.
Witze machen.
Zeit nehmen.
Psychohygiene.
Yoga.

Standard
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Geld beruhigt die Nerven

1. April 2020. Mittwoch. Keine Aprilscherze, nirgends. Wegen der allgegenwärtigen Angst vor Fake News fällt der 1. April in diesem Jahr aus. Sei’s drum, 99 Prozent der „Scherze“ waren eh dumm, und meine Begeisterung dafür hat irgendwann mit zehn abgenommen.

Tief und schlecht geschlafen, wilde Träume, aufgewacht mit Kopf- und Nackenschmerzen um zehn nach sieben. Also zu meiner gewohnten Zeit (zehn nach sechs). Ist egal jetzt, ich quäle mich nicht auch noch mit Zeitumstellungen, arbeite ich halt statt von 9:00 bis 17:00 von 10:00 bis 18:00. Egal.

Heute dank keiner Anrufe und kaum Mails sogar relativ ungestört gearbeitet, aber nach wie vor ist unglaublich viel Kleinkram zu erledigen, und das ständige Springen zwischen Projekten ist extrem anstrengend. Immerhin steigt mein Energielevel gerade massiv an (Frühling?), und so komme ich ganz gut klar, auch wenn ich noch massiv hinterherhänge.

Eine sehr große Beruhigung tritt ein, als vormittags das Geld vom Corona-Zuschuss für Selbstständige auf dem Konto ist. Erst jetzt merke ich, wie angespannt ich deswegen war.

In der Arbeit dann wie egsagt viel KLeinkram: Eine Kundeninfo zu Updates verschicken, eine Website aktualisieren (und prompt wieder an ein Modul geraten, das quertreibt), Steuer, kurze Planungssession mit H., Überweisungen, eine Kundin beruhigen, die sich noch schwertut mit Online-Banking („das Geld ist da“), zwei Rechnung schreiben und verschicken, einen neuen Benutzerzugang bei einem Kunden einrichten, die verkorkste Installation aufräumen und wichtige Fragen an den Kunden schicken, aus denen sich die nächsten Schritte ergeben (er neigt dazu, mir die ganze Verantwortung aufzuhalsen – „mach mal, wie Du denkst, ich habe sowieso keine Ahnung“ – aber damit kommen wir dieses Mal nicht weiter, denn ihm müssen die Konsequenzen bestimmter Entscheidungen klar werden).

Nach einem Spätnachmittags-Imbiss dann noch Browsertabs aufräumen, Nachrichten und RSS-Feeds lesen, Mail-Postfach aufräumen und Spargel fürs Abendbrot schälen, nebenbei drei Folgen ZEIT-Verbrechen hören. Geschirr spülen, kochen und dann ein wunderbarer Fernsehabend mit Das Mädchen Wadjda und der Doku Der Islam der Frauen von Nadja Frenz

Woran ich mich erinnern will:
Dieses Gefühl der Erleichterung, wenn eine wochenlange Anspannung und zeitweise auch pure Angst plötzlich nachlässt.

What I did today that could matter a year from now:
Drinnen bleiben.
Grenzen setzen.
Eine Richtung vorgeben.

Was wichtig war:
Geld bekommen.
Steuern.
Kommunizieren.
Abgrenzen.
Kontrolle.
Energie.
Sekt trinken.

Standard
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Verschiebungen oder Verwerfungen

31. März 2020. Dienstag. Monatsende. Wo ist dieser Monat hin, will ich reflexhaft fragen, um dann sofort zu sagen: Gott, das alles war nur ein Monat?! So ein Monat war das nämlich. Voll mit Reisen, Handwerkern, die uns das halbe Haus abrissen und zumindest teilweise wieder aufbauten, einer Geburtstagsfeier, dem Wiedersehen mit den Freunden, Gartenarbeit, Projektarbeit, Hausarbeit, Baustellenputzen, Einkaufsfahrten, einem Ausflug, zwei langen Spaziergängen, Kontaktsperre, der Rückfahrt nach Berlin in menschenleeren Zügen durch ein scheinbar leergefegtes Deutschland, dem Einrichten in einer neuen Realität, Einkaufen auf Abstand und nur einzeln, und vielen, vielen Gesprächen und Mails, das Leben auf den Kopf gestellt.

„No idea or behavior shift has ever spread more quickly or completely in the history of the planet. In seven weeks, the life of every single person on Earth changed, and the unfolding tragedy and the long slog forward will drive expectations for years. Expectations about being part of a physical community, about the role of government and about what we hope for our future.
(Seth Godin: GenC)“

Dabei fühlen sich die einzelnen Tage fast normal an, nur in der Summe sorgen all die Kleinigkeiten, die anders sind, vor allem all die Dinge, die man von anderen hört, für ein Gefühl, dass sich gerade alles verschiebt.

Auch heute war solch ein „normaler“ Tag:

Nachts um drei aufgewacht, aufs Klo gegangen, etwas getrunken und kurz aus dem Fenster geschaut, gezählt, in welchen Wohnungen noch Licht bernnt. Es werden weniger.
Normalerweise kann ich dann gut wieder einschlafen, aber nicht heute. Der Körper war müde, aber der Kopf war wach. Und wollte denken. Und dachte los und im Kreis und durcheinander, der Körper wurde zunehmend genervter denn er wollte noch schlafen. Also schaltete emin Geist sich ein und versuchte, den Kopf zur Ruhe zu bringen, und das gelang auch, dauerte aber sehr, sehr lange, der Kopf war wie ein Kleinkind, das zwar fast zusammenbricht, aber dennoch – ich will nicht schlafen, ich bin ü-ber-haupt nicht müde! – immer weiter rotierte.

Irgendwann schlief ich, und als ich aufwachte, war es hell und fast sieben Uhr. Also sechs. Nicht perfekt, aber ok.
Nur schade, dass ich überhaup nicht ausgeschlafen bin, sondern mich völlig übernächtigt fühle. Auch der renitente Kopf fühlt sich nicht gut, er schmerzt nun ein wenig und will seine Ruhe haben.

Ich becshließe also für heute gedrosseltes Arbeitspensum und Erholung. Konkret sieht das dann so aus: Internet lesen, Browsertabs aufräumen, Küche aufräumen.
Eine Stunde technische Bestandsaufnahme einer reichlich verkorksten Installation, die mir zum „Reparieren“ angetragen wurde. Eine Dreiviertelstunde Telefonat mit der Lieblingskundin. Etwa zehn Minuten davon geht es um Projekte, den Rest um Förderanträge, wirtschaftliche Auswirkungen von Corona und wie es für uns persönlich weitergehen könnte.  Dann weitere zwei Stunden für die Bestandsaufnahme und die Stellungnahme. Es ist wohl das erste Mal, dass ich einen Auftrag klar und eindeutig ablehne: So mache ich das nicht. Wenn ich, dann anders. Der Kunde steht nach eigener Aussage „mit de Rücken zur Wand“. Von mir aus kann er gerne noch andere Dienstleister anfragen, außerdem hat er sich durch Gier und Bequemlichkeit selbst in diese Situation manövriert, nun soll er auch die Konsequenzen tragen. Warum sollte ich dafür den Buckel herhalten?

Betten beziehen, saugen, duschen, Mittagsimbiss.
Ich habe den Auftrag und freie Hand. Arbeite zwei Stunden, dann ist Phase 1 (Bereinigung der gröbsten Schnitzer, ein Teil ist wieder online) beinahe abgeschlossen. Morgen noch etwas Feinschliff.
Dann zum Feierabend noch ein Notfruf einer Kundin: „Ich habe einen neuen PC und komme mit meinem Passwort nicht in den Webmailer“. Ich bin ratlos.

Ich hätte jetzt gerne mal eine Woche von all der Zeit und Entschleunigung, die uns HomeOffice-Arbeiterinnen überall nachgesagt wird.

Woran ich mich erinnern will:
Triumphgefühl gepaart mit Selbstgerechtigkeit. Moralisch verwerflich, fühlt sich aber verdammt gut an.

What I did today that could matter a year from now:
Drinnen bleiben.
Einen Kurs festlegen.

Was wichtig war:
Der inneren Stimme folgen.
Nichts zwingen.
Hausarbeit.

Standard