Anna denkt nach, Anna schreibt, Miniaturen

Der hundertvierundachzigste Tag im Danach: Ausflug

29. Juli 2021. Donnerstag. Ab halb fünf stündlich aufgewacht und um halb acht leicht verkatert aufgestanden.
Nicht wirklich zu irgendwas motiviert; am liebsten würde ich den Tag lesend und essend im Sessel oder im Bett verbringen.

Ich denke darüber nach, wie es sein wird, wenn ich Freund B. am Samstag in den Zug gesetzt habe; was ich danach tun werde, wie es mir gehen wird. Werde ich mich einsam fühlen? Werde ich trotz allem Generve traurig sein, dass er weg ist? Werde ich einen Erinnerungsflash haben, wie es war, wenn ich H. zum Zug brachte (was zwar selten vorkam, aber immer schlimm war)?
Fast habe ich ein wenig Angst vor dem Moment und fühle mich B. gegenüber versöhnlicher: Er ist doch eigentlich gar nicht so schlimm, ich bin ja selber auch verschroben, teile ihm nicht viel aus meinem Innenleben mit, ziehe mich von ihm zurück, frage ihn auch kaum mal etwas.

Frühstück. Einsilbige Antworten auf meine Fragen. Gerunzelte Auenbrauen. Genervter Tonfall, wenn ich zu unentschlossen bin oder nach seinem Geschmack zuviel rede.
Nach einer Stunde Interaktion reicht es mir schon wieder.
Doch, es ist gut, wenn ich wieder alleine bin. Zwar nicht schön, aber besser als das.

Ich brauche Gesellschaft, aber andere, wertschätzende, liebevolle. Jemand, der mir Kraft gibt und mich nicht aussperrt und verhungern lässt oder mir permanent spiegelt, dass ich mich „falsch“ verhalte oder ihm auf den Wecker gehe.

* * * * *

Ich bekomme nichts Rechtes zustande, arbeite ein wenig, räume ein wenig auf, sitze und denke. Der Kopf mag nicht.

Mittags gehen wir los und fahren mit dem Bus runter zum Fluss, setzen mit der Fähre über, gehen Eis essen, spazieren am Fluss, fahren hoch zur Burg. Schauen uns dort die Ausstellungen an, wandern auf dem Gelände herum, holen uns Kaffee und Kuchen. Ich stehe lange am Geländer, lasse mich vom Wind durchpusten und schaue herunter auf die Stadt.

Ein Insekt wird an meinen Hals geweht und sticht in Panik zu, das tut richtig weh. Es wird sehr rot, aber nicht dick, und brennt höllisch. Was das wohl war? Ob das Tier es überlebt hat?

Wir fahren wieder herunter und spazieren zu einem nahegelegenen Winzer, wo wir Abendbrot essen.
Auch das ist nicht wie früher mit H. Wir werden allein in einen Nebenraum verfrachtet; mit H. hätte ich das genossen, mit B. fühle ich mich unwohl. Ihm gefällt das, so kann er „in Ruhe“ essen. Ja, danke, das kann ich auch zu Hause.

Ich will Wein mitnehmen, der Juniorchef behandelt mich auch etwas genervt; für ihn bin ich nur irgendeine Touristin. H. hätte da besser den Ton getroffen, ihn hätte der Junior vielleicht sogar von früheren Besuchen erkannt, oder H. hätte irgendwas gesagt, was ihn als „Einheimischen“ identifiziert. Ich weiß nichts, komme blöd rüber, und spüre wieder, wie sehr mir H. fehlt.

Wir spazieren nach Hause, es ist ein schöner Weg und ein wunderbarer Abend. B. ist gelöster, wir plaudern und setzen uns sogar noch eine Stunde in den Garten und reden – zum ersten Mal in dieser Woche sprechen wir offen und persönlich. Es scheint erst jetzt zu gehen, wo klar ist, unsere gemeinsame Zeit ist begrenzt.

Ich denke, ich habe in dieser Woche viel über B. gelernt. Ich habe ihn nicht unbedingt liebgewonnen, eher im Gegenteil, aber ich verstehe besser, wie er tickt. Vermutlich geht es ihm mit mir ähnlich.
Hoffentlich.

Er hat ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken, er hat Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, er braucht klare Ansagen. Planänderungen gehen nur mit gutem Grund. Er hat kein gutes Gespür für Menschen und deren Befindlichkeiten. Er hat große Schwierigkeiten mit dem Älterwerden und den damit verbundenen Veränderungen und Einschränkungen. Er hat eine ausgeprägte Tendenz, Dinge negativ zu sehen. Er wird schnell ungeduldig, hört nicht gerne zu, hat kein Interesse an den Alltäglichkeiten, die man gerne erzählt und die ja auch ein Bild von einer Person zeichnen.

* * * * *

Woran ich mich erinnern will:
Wolkenhimmel. Wind im Haar. Der Blick über die Stadt. Boot fahren.

What I did today that could matter a year from now:
?

Was wichtig war:
Eindrücke.
Langsam machen.
Raum geben.
Raum nehmen.
Gemeinsame Erlebnisse.

Begegnungsnotizen:
Freund B.
Menschen im Eisladen, im Bus, auf der Fähre usw.
Personal und Gäste beim Winzer.

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